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Marburg, Sonnabend, 20. Juni 1885.

XX. Jahrgang.

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Die Expedition der Gberhesfischen Zeitung.

Deutsches öieich,

Berlin, 18. Juni. Der Chef der Admiralität, General von Caprivi, bringt zur Kenntnis der Marine folgende allerhöchste KabinettSordre: „Ich bestimme anläßlich des HinscheidenS des Prinzen Friedrich Karl, daß das Panzer- schiff »Friedrich Karl" während der Dauer der BelsetzungS- seterliqkeit die Raaeu über Kreuz zu toppen, die Flaggen, das Kommanvozeichen, sowie den Gösch Halbstocks zu hissen, sowie ein Trauersalut von 21 Schuß zu feuern hat.* — Der Kaiser empfing heute abend um 71/2 Uhr sämtliche hier zur Leichenseter eingetroffenen Fürstlichkeiten und son­stige Abgesandten. —Die „Nordd.Allg.Ztg.* schreibt: Ms der Kronprinz gestern abend mit dem Könige von Sachsen von dem Bahnhofe nach dem Schlöffe fuhr, wurden am Brandenburger Thore die Pferde der kronprinzlichen Equi. Page unruhig und konnten erst an der Ecke der Wllhetm- stratze zum Stehen gebracht werden, wo ein Pferd stürzte. Die hohen Herrschaften setzten die Fahrt in dem ihnm fol­genden Wagen des Prinzen Wilhelm, ohne irgendwie Schaden genommen zu haben, fort. —In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde auf Antrag Sachsens der kleine Be­lagerungszustand in Leipzig auf ein Jahr verlängert. — Die Nachricht, daß der Justizausschuß des Bundesrats gestern den Antrag wegen der braunschweigischen Erbfolge beraten habe, bestätigt sich nicht. An Stelle deS Rejerenten Krüger ist der neuernannte Referent Neidthardt noch mit Prüfung des Materials beschäftigt. — Dem Vernehmen nach wird gegenwärtig die Frage der Entsendung von Sach­verständigen nach Spanien zur Beobachtung der Cholera- Epidemie und der Jmpsfrage erwogen.

— Durch den Deutschen JnnungStag, welcher am Montag und Dienstag in Berlin tagte, und über deffen Verhandlungen, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.*, wir unS bemüht haben, durch ausführlichere Berichte zu informieren, dürfte die Handwerkerbewegung in ein neues EntwickelungS« stadium getreten fein. Zunächst bedeutet eS eine That, daß cs, dank jahrelanger Arbeit aller derer, welche die Bildung und Pflege korporativer Organisationen für einen Beitrag zur Lösung sozialer Fragen halten, möglich geworden ist, in der Hauptstadt deS Deutschen Reichs einen JnnungStag abzuhalten. Man darf fich nur jenes energischen Wider­standes deS manchesterlichen Liberalismus gegen die JnnungS- bestrebungen im besonderen und gegen korporative Zusammen- faffung im allgemeinen erinnern, um die Bedeutsamkeit der That zu begreifen, daß heute auf diesem Gebiete die kor­porative Tendenz soweit siegreich gewesen ist, daß überhaupt der Gedanke eines JovungStageS gefaßt und verwirklicht werden konnte. Bezeichnete daher der JnnungStag für das allgemeine einen Erfolg der anti-manchesi erlichen Elemente, so bedeutete er auf dem speziellen Gebiete der Handwerker­bewegung einen bemerkenswerten Fortschritt. Vielfach wurde gelegentlich der früheren Tagfahrten dieser Bewegung vor- geworfen, die an der Bewegung tellnehmenden Handwerker feien selbst nicht einig unter sich, und dieser Vorwurf hatte eine gewisse Berechtigung. Trat nun an Stelle der früheren Handwerkertage jetzt ein JnnungStag, so bedeutet das doch, daß die auf dem Boden der Innung überhaupt Stehenden sich kraftvoll genug fühlen, die Führung der wetteren Be­wegung an sich zu nehmen, überzeugt, im Handwerkerstande eine genügend starke Schar hinter sich zu haben, um fortan vom Boden der Innung aus das Wort für den deutschen Handwerkerstand führen zu können. Daß diese Meinung eine berechtigte sei, dürfte aus der dem JnnungStage unter­breiteten Thatsache hervorgehen, daß zu dem Handwerkerlichen Reformprozramme der Berliner Jonungsvorstände in kaum 2*/2 Monaten so viele Innungen, Korporationen und Ver­bände ihre Zustimmung erklärt haben, daß die Zahl der dieselben blldenden selbständigen Handwerker bereits auf rund 150000 sich beläuft. Die Meinungsverschiedenheit, welche sich gelegentlich der früheren Handwerkertage doku­mentierte, beruhte im wesentlichen darauf, daß ein Teil meinte, deshalb nicht auf den Boden des JnnungSgesetzeS treten zu sollen, weil nur aus obligatortschm Innungen dem Handwerkerstande Nutzen erwachsen und nur durch diese seine berechttgten Forderungen befriedigt werden könnten. Diese Meinungsverschiedenheit blldete, wie jetzt auf dem JnnungStage selbst ausgesprochen wurde, den „Zankapfel*, welcher verhinderte, daß die Bewegung klare Ziele sich steckte und die Handweikcrtage denjenigen Einfluß im öffent­lichen Lebe» gewannen, den sie hätten gewinnen können, falls Einmütigkeit In den Zielen auf ihnen geherrscht hätte. — Der Umstand nun, daß das den JnnungStag berufende

Komitee erklärte, der JnnungStag stelle sich auf den ©oben deS JnnungSgesetzeS von 1881; daß diese programmatische Erklärung vom JnnungStage ohne irgend erheblichen Wider­spruch entgegengenommen, ja sogar beifällig begrüßt wurde, bedeutet einen weiteren, bedeutsamen und erfreulichen Fort­schritt in der Handwerkerbewegnng; denn dieselbe erscheint damit um ein Erhebliches in ihren Zielen geklärt und da­mit der Erreichung derselben näher gekommm. Indem die den JnnungStag bildenden Delegierten als Vertreter von 150000 selbständigen Handwerkern kundgabev, einmütig auf den Boden der heutigen Gesetzgebung sich zu stellen, von diesem aus ihre Wünsche und Forderungen zur wei­teren Ausgestaltung des JnaungSlebenS zu stellen, bezeugten sie, daß die bestehende Gesetzgebung von ihnen Überhaupt für verbefferungSfähig und ihren Bedürfniffeu entsprechend umformbar gehalten werde; eine Ansicht, die in weiten Kreisen deS Handwerks leider bisher nicht geteilt wurde, in denjenigen nämlich, die nur von der obligatorischen Innung allein wiffen wollten. Wenn auch jetzt noch der Vorbehalt gemacht wurde, die Forderung der obliagatorischm Innung dann wieder aufzunehmen, wenn sich Herausstellen sollte, daß sich die heutige Gesetzgebung nicht als ein „wohn­liches Haus* für das deutsche Handwerk auSbaum taffe, fo bedeutet dieser Vorbehalt bei dem ernsten Willen der maßgebenden Faktoren, durch Erhaltung und Pflege des Handwerks mittelst korporativer Organisation dem Staate diesen Teil der seine Kraft ausmachenden Mittelstände zu erhalten, nur wenig. Die einzelnen Puntte der umfang­reichen Verhandlung und die gefaßten Beschlüffe zu er­örtern und Stellung zu denselben zu nehmen, kann nicht Aufgabe dieser Betrachtung sein; die symptomatische Be­deutung deS abgehaltenen und gelungenen JnnungStageS dürste überhaupt wichtiger sein, als jene Beschlüffe, da der prinzipielle Widerstand der manchesterlichen Parteien gegen berechtigte und ausführbare Forderungen der Handweäer gerade deshalb wird geringer werden müffev, wett dieselben nunmehr in voller Einigkeit vom Boden deS Bestehenden aus dieselben erheben. Daß unserer Meinung nach jede korporative Bestrebung alle Förderung verdient, ist bekannt genug, und so braucht auch kaum gesagt zu werden, daß, soweit die Forderungen des JnnungStageS nicht allgemeine Jntereflen oder solche Dritter schädigen, wir hoffen, e« rocrbe denselben Rechnung getragen »erben können. Der Umstand, daß sowohl die Reichsregierung und die preußische StaatSregieruug, als auch die lokalen Instanzen sich offiziell auf dem JnnungStage vertreten ließen, und das, wie all­gemein bekannt, in diesen Instanzen für das Jnnungswesen vorhandene Wohlwollen läßt annehmen, daß diese Hoffnung nicht ohne Erfüllung bleiben werde. So dürfte denn dieser Deutsche JnnungStag den Eintritt in ein neue« Entwicke- lnngSstadium der korporativen Handwerkerbestrebnugin dar­stellen, und es erscheint berechtigt, zu erwarten, daß von

Im Bauu des Schicksals. Roman von Moritz Sitte.

(Fortsetzung.)

„Besuch bekommen wir?* fragte AgneS gedehnt und wit ungläubigem Lächeln, Du scherzest wohl, Vater?*

„keineswegs, wir werden in der That noch heute abeud einen Gast bei uns sehen,* erwiderte der Registrator in seiner gewohnten Weise.

„Dann werde ich mich in meine Kammer zurückziehen, ich bin nicht in der Stimmung, mich an einer heiteren Unterhaltung, wie sie zu einem Glase Punsch gehört, be- teüigen zu können,' erklärte Jene, während sie ihre Arbeit iusammenpackte und zur Seite legte.

„Daran will ich Dich nicht hindern; Du bedarfst der Ruh«,' erwiderte der alte Mann; nur bitte ich Dich, unfern Besuch wenigstens zu begrüßm, ihm guten Abend zu wün­schen, bann wagst Du Dich getrost zu Ruhe begeben, wäh- ttnb wir ein Stündchen verplaudern.'

„Aber wer ist beim biefer geheimnisvolle neue Freund, der uns diese Ehre erweist?' forschte da« Mädchm; „ich hörte doch nie von ihm und begreife nicht, wie Du bei Deinem eingezogenm Leben diese Bekanntschaft gemacht hast.'

Hertling neigte lauschend das Ohr der Thür zu und Ab den Zeigefinger der rechtm Hand empor, feiner Tochter Schweigen gebietend.

.Ich höre Tritte auf der Treppe, er kommt,' sagte er >udem er rasch ein Licht entzündete und nach der Thür ging, um dem Erwarteten zu leuchten.

Er hatte fich nicht getäuscht, und Agne« hörte, wie ihr Baier draußen einen Henn begrüßte. Gleich darauf be- wtat fie da« Zimmer.

Der Fremd« klappte dm Rockkragen, dm er zmn Schutze

gegen die Kälte heraufgeschlagen hatte, zurück und verbmgte sich vor dem jungen Mädchen.

In diesem Augenblicke fiel da« volle Licht der Lampe auf sein Gesicht und ließ die Züge denllich erkennen.

Einen Avgevblick lang blickte da« Mädchen starr und reguvgSlo« auf den Ankömmling, dann sank sie mit einem leisen Schrei in den Stuhl zurück. Der Fremde war Herbert Wallburg, der Maler.

Die beiden Männer eilten herbei, um dem Mädchen Hilfe zu leisten, das mit stieren Blicken und weit von sich gestreckten armen da saß, al« wolle ste ein trügerische« Phantom verscheuchen.

Herbert hatte ihre Hand ergriffen und unter seinem warmen Druck kehrte ihr allmälig daS Bewußtsein zurück.

„Nun, AgneS, ist eS Dir recht, daß ich diesen Gast eingeladen habe, dm Weihnachtsabend bei uns zu verbringm?' fragte der alte Herr in einer Anwandlung guter Saune, welche die gelungene Ueberraschung an ihm hervorrief.

AgneS schaute bald auf ihrm Vater, bald auf dm Ge­liebten; sie schien alles noch immer für einen schönen Traum zu halten.

„Du begreifst nicht, wie unser junger Nachbar in unser HauS kommt? Natürlich wie könntest Du daS auch wiffen?' fuhr der ehemalige Beamte fort, indem er für sich und feinen Gast Stühle heranrückte und in einem derselben Platz nahm. „Das kam fo: ich vermochte «s nicht mehr mit anznfehen, wie Du langsam hinwecktest, wie Du für alle», waS Dich umgab, immer gleichgiltiger und teilnahmsloser wurdest. Ich hatte geglaubt, eS handle sich um eine flüchtige, vorüber­gehende Neigung, die sehr bald vergeffm sein würde, mußte mich ab« bald überzmgen, daß ich die AngelegenheÜ falsch beurteilt«. WaS sollt« ich thun? Wmn ich auf meiner

Weigerung, daS Verhältnis gut zu heißen, beharrte, opferte ich mein Kind, dessen Zustand, wie ich mit Entsetzen wahr­nahm, sich täglich verschlimmerte, aber ich vermochte eS doch nicht über mich zu gewinnen, einen armen, gänzlich mittel­losen Künstler zum Schwiegersohn anznnehmen, Deine Zu- tunft zu gefährden. Und doch schien die« der einzige Aus­weg zu fein, um Dir Gesundheit und Lebenslust wieder zu geben, und ich beschloß daher, mich zunächst nach Herrn Walldurg zu erkundigen. DaS dürfen Sie mir nicht Übel deuten,' schaltete der Registrator, zu dem Maler gewendet rin, „e« war die Vorsicht eines besorgten Vater«, dem da« Wohl seine« einzigm Kinde« über alle« geht. Die Auskunft, die Ich erlangte, befriedigte und beruhigte mich; Ihr Haus­wirt schilderte Sie als einen fleißigen gewissenhaften fttngm Mann, und von anderer Seite erfuhr ich, daß Sie ein sehr beachtenswertes Talent besitzen, da« zu ben schönsten Hoff­nungen berechtigt. Mein Entschluß war gefaßt, aber ich verschwieg ihn Dir, »eil ich Dir eine Weihnachtsfreude machen wollte. Ich ging zu unferm Nachbar, erzählte ihm kurz die Veranlaffung meine« Kommen« und bat ihn uns zu besuche». Wie ich ermattet hatte, wurde diese Einladung freublg angenommen, und» — nun, wie Du siehst, sind wir beisammen.*

Stumm sank Agne« an die Brust de« Geliebten und Thränen der Freude und Wonne perlten in ihren schönen blauen Augen. Dann riß ste fich lo« und stürmisch um­schlang ste bett Hal« ihres Vaters, der ste gerührt an fich preßte. Niemand sprach ein Wort, aber es war, als fei in diesem Augenblicke da« Mädchen de« Registrator« znm Allerhelligsten der Liebe geweiht, al« schlinge sich unsichtbar da« Baud unauflöslicher Zusammengehörigkeit um diese Drei.

(Fortsetzung folgt)