Nr MO.
fliarßurg, Donnerstag, 18. Juni 1885.
XX. Jahrgang.
dks geliebten ritterlichen Führers, der ihnen stets ein leuchtendes Vorbild aller echt soldatischen Tugenden gewesen ist. — Ueber die beabsichtigte Trauerfeier für den verstorbenen Prinzen Friedrich Karl wird folgende« berichtet: Auf Allerhöchsten Befehl wird die Leichenfeier für den verstorbnen Prinzen Friedrich Karl von Preußen am Donnerstag dea 18. d. M. mittags in der Garnisonkirche zu Potsdam statt- finden. Der Hof und Garnifovpre iger Rogge, der dem Dahingeschiederen ga-z besonders nahe gestanden, soll dazu ausersehen sein, die Leichenrede zu halten. In dec Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag wird der Sarg unter militärischer Eskorte von dem Schlöffe Klein-Gliesicke nach der Garnisonkirche überführt und dort aufgebahrt und in der nächstfolgenden Nacht zum Freitag nach NikolSkoe, der Begräbnisstätte der Eltern des verewigten Prinzen, hinauS- geleitet werden, um neben denselben beigesetzt zu werden, wie eö der letzte Wunsch des Prinzen gewesen. Die Trauerparade wird die Garnison von Potsdam und die dazu beorderten Batterien der Garde-Artillerie bilden, die von hier aus dorthin rücken werden. Gestern abend 7 Uhr fand im Jagdschlösse zu Glienicke bereits eine Trauerandacht im engeren Kreise statt, an welcher die kronprinzlichen Herrschaften, Prinz und Prinzessin Wilhelm, die Witwe des verstorbenen Prinzen mit dem Prinzen Friedrich Leopold, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen, sowie die Hofstaaten und die nächste Umgebung der Familie teilnahmen. DaS Zeremoniell für die Trauerfeier wird der Ober»Zeremonien« meister Graf zu Eulenburg am Dienstag Mittag Seiner Majestät dem Kaiser zur Genehmigung vorlcgen. Ob die Herzogin von Connaught, die jüngste Tochter des Dahin- geschiedenen, welche am Sonnabend Abend mit ihrem Gemahl von Indien in London wieder eingetroffen ist, an der Trauerscier teilnehmen wird, ist noch unbestimmt. Außer Deputationen derjenigen preußischen Regimenter, von denen Prinz Friedrich Karl Chef gewesen, werden auch Offiziere des kaiserlich - russischen Achtyrschen Husarcnregi- ments Nr. 12 und des österreichischen HusarenregimentS Nr. 7 hier erwartet, um ihrem Oberinhaber die letzte Ehre zu erweisen. Mit dem Tode deS Prinzen ist die Zahl der General - Feldmarschälle, von denen er der älteste war, wieder um einen vermindert worden, nachdem ihm im Laufe eines Jahre« bereits zwei derselben im Tode vor- auSgegangen sind: Prinz August von Württemberg und Herwarth von Bittenfeld. Die preußische Armee hat demnach nur noch 3 Feldmarschälle: den Kronprinzen, den Grafen Moltke und den Freiherrn v. Manteuffel aufzu- weisen. Auch ist durch den Tod deS Prinzen die 3. Armee- Inspektion erledigt, zu welcher das 7., 8., 10. und 12. (kgl. sächsische) Armeekorps gehören, die ebenfalls durch Deputationen bei der Leichenfeier vertreten sein werden. — Die liberalen Blätter jubeln über die Zurückweisung der Petitionen um Einführung der internationalen
Doppelwährung durch den Bundesrat. Allein sie gestehen sich selbst, daß die Sache so lange nicht zur Ruhe kommen wird, als Deutschland nicht die 400 Mill. Thaler verkauft und Gold dafür angeschafft hat. Das ist aber jcht gar nicht möglich und wird in Zukunft noch weniger möglich werden; denn je länger die Goldwährung besteht, desto teurer wird daS Gold und desto billiger das Silber. Die Herren täuschen sich: der Beschluß des Bundesrats ist lediglich eine Vertagung der Frage. Die Wiederherstellung des Silbers als Währungsmetall wird sich dem Staate mit Naturgewalt aufdrängen, gerade so, wie sich ihm die Schutzzollpolitik aufgedrängt hat. Wir sehen den Beschluß deS Bundesrats sehr ruhig an, bedauern aber, daß dadurch ein störendes, schädigendes Moment noch länger in unserem wirtschaftlich-sozialen Leben bleibt, daS wie eine innerliche Krankheit im Volkskörper wirkt. — Die Auswechslung der Ratifikationen des am 10. Mai d. Js. zwischen dem Deutschen Reich und Spanten abgeschloffenen Vertrages, betreffend einige Abänderungen des Tarifs A. des deutschspanischen Handelsvertrages hat heute hier stattgefunden. — Nach dem soeben publizierten Erkenntnis in dem Prozeß gegen den Redakteur Bäcker wegen Beleidigung des Hof- predigerS Stöcker wurde Bäcker unter Annahme von mildernden Umständen zu drei Wochen Gefängnis verurteilt und ihm die Gerichtskosten auferlegt.
— Der Antrag des Herrn Reichskanzlers, betreffend die Vermehrung der Scheidemünzen, datiert aus Ktssingm, 8 Juni 1885, und geht dahin: Der Bundesrat wolle sich damit einverstanden erklären, daß 1. etwa 10275000 Mk. in Einmarkstücken und etwa 400 000 Mk. in Einpfennigstücken ausgeprägt werden; und 2. bei Verteilung dieser Prägung auf die einzelnen Münzstätten die in dem BunteSratsbefchlusse vom 19. Februar 1877 Punkt 3 bestimmten Prozentsätze zu Grunde gelegt werden. Der Antrag ist eingehend begründet. Wir heben aus der Begründung folgendes hervor: ES ist bereits in meinem Zirkularschreiben an die hohen Bundesregierungen vom 31. v. Mts. darauf hivgewiefen, wie mir wiederholt und aus verschiedenen Lmdesteilm Klagen zugegangrn und als begrünret nachgewiesen worden sind, daß das kursierende Kleingeld für die Bedürfnisse des Verkehrs nicht genügt, und daß namentlich auf dem Lande die Beschaffung von Kleingeld auf Schwierigkeiten stößt, so daß dort zum Teil für die kleineren Münzsorten Aufgeld bezahlt und der Bedarf durch Abkommen mit kaufmännischen Unternehmern wochenweiS sichergestellt werden muß. Infolge der zur Beseitigung dieses Mißstandes angeregten Maßregeln, daß die an den Zentralstellen befindlichen Vorräte an Scheidemünzen den Lokalbehörden mit der Veipflichtung überwiesen werden, sie bis in die unmittelbare Berührung mit dem Publikum zu verausgaben, wird sich ein größerer Bedarf an solchen Münzen bei den öffentlichen Kaffen herauS-
DentscheS Reich.
Berlin, 16 Juni. Nachstehende Allerhöchste Kabinetts- ordre ist gestern zur Kenntnis der Armee gebracht worden: Mein Haus, Meine Armee und unser ganzes Vaterland haben durch rcn beute erfolgten, Mich tief erfchütternden Tod Meines Neffen, des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, Königliche Hoheit, General-Feldmarschall, einen sehr schweren Verlust erlitten. ES werden viele Herzen mit Mir trauern, die eine warme Empfindung für unsere Waffenehre haben und die deflen eingedenk sind, daß der verstorbene Prinz, von frühester Jugend an, der Armee mit allem seinem Denken und Streben angehörte, daß ganz jung schon sein Blnt für die Waffenehrr floß und daß er dann in drei Kriegen Armeen fortgesetzt zum Ruhme und zum Siege geführt hat. Hohe Ehre sei seinem Andenken, welches für alle Zeiten in der Geschichte die eines preußischen Prinzen würdige Stelle finden wird. Der Armee aber wird eS ein tief empfundenes Bedürfnis sein, auch die äußeren Trauerzrichen >ür den in derselben so hochverehrten Prinzen anlegen zu dürfen, und bestimme Ich hierzu nachstehendes: 1. Sämtliche Offiziere der Armee und Marine legen, vom Tage des Eingangs dieser Ordre ab, drei Wochen hindurch den Traueiflor um den linken Unterarm an. 2. Bei dem 8. Braudenvurgischen Infanterie Regiment Nr. 64 (Prinz Friedlich Karl von Preußen), sowie bei dem 1. Leib-Husaren- Regiment Nr. 1 und dem Brandenburgischen Husarcn-Regi- meut (Zteteusche Husaren) Nr. 3 währt diese Trauer vier Wochen. Wilhelm. — Der „Reichs- und Staatsanz." begleitet die Meldung von dem unerwarteten Ableben Sr. König!. Hoheit de« Prinzen Friedrich Karl mit folgenden Worten: Im Alter von 57 Jahren, in vollster MmneS- kraft jählings dem Leben entrissen, hinterläßt der Hohe Verewigte ein gesegnetes Andenken in allen Schichten der Nation, in denen das Gefühl für des deutschen Vaterlandes Macht und Größe lebendig ist. Ebenso wie der Ruhm, den er als siegreicher Feleherr mit unvergänglichen Zügen in die Tafel der vaterländischen Geschichte eingetragen, seinen Namen in glanzvoller Weise dem Gedächtnis späterer Geschlechter ein- prägrn wird, so wird weit über die Kre se hinaus, die dem erlauchten Heimgegangenen persönlich nahe gestanden oder nur flüchtig mit ihm in Berührung gekommen sind, der Tod ceS verewigten Prinzen die lebhafteste Teilnahme und daS schmerzliche Empfinden aller derer Hervorrufen, die Preußens erhabenem Herrscherhause in altangestammter Treue ergeben sind. Ganz besonders unvergcffen aber wird in der Armee die Erinnerung an den Verblichenen fortleben, zumal in der Waffe, weiche ihm die liebste war und deren Entwicklung und Ausbildung er mit nie nachlaffenoer Spannkraft und Sorgfalt und mit der regsten Anteilnahme verfolgte. Mit stiller Wehmut blicken die Reiterschareu, die der verewigte Prinz so häufig zum Siege geführt, auf die Bahre des Toten unv betrauern den zu frühen Heimgang
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Im Baun des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
„Ich habe mit dem jungen Manue noch kein Wort gesprochen, Pater l" erwiderte des Mädchen verlegen, aber in der unverkennbaren Absicht, tem Argwohn deS alten Mannes, al« bestehe zwischen dem Maler und ihr bereit» ein vollständiges Einverständnis, entgegenzutreten.
„Thut nichts, Agnes, aber die Art, wie Du für ihn eintratest, als ich die Sachen hier zurücksenden wollte, sagte mir mehr alS Worte," meinte Jener. „Genug, ich werde von nun an eine noch schärfere Aufsicht führen müffen, Dich nicht mehr aus den Augen lasten dürfen; wenn der Jäger erst ein Wild aufgespürt Hai, ruht er nicht eher, als bis es in seine Gewalt gekommen ist, und wenn ein leichtsinniger junger Monn einem unerfahrenen Mädchen den Kopf verdreht hat, so hält er daS für ein großes Bravourstück und rühmt sich besten seinen Freunden gegenüber wie einer Thai, die besondere Anerkennung verdient. Also noch einmal, Agnes, den Farbenkleckser da drüben schlägst Du Dir aus dem Sinn; verliebte Tändeleien haben keinen Zweck und zum Heiraten bist Du noch zu jung."
Er trat in daS Nebengemach, welches ihm als Schlaf- zimmer diente, mürrisch und verdrießlich, wie immer. Agnes, aber seufzte tief und schwer; die lachenden Bilder vom künftigen Glück waren verschwunden und der duftende Strauß in ihrer Hand kam ihr vor wie ein Totenkranz, den sie auf das Grab ihrer Liebe legen müsse. Willenlos sank sie in einen Stuhl nieder, und einen Thränenstrom entquoll ihren schönen blaue» Augen, der erste schwere Tribut, den ste ihrer langen knospenden Liebe brachte.
IV.
Dem Herbste war im ewigen Kreislauf der Natur der Winter gefolgt und hatte die Bäume und Dächer mit feiner diamantschimmernden Decke überzogen. Seine kalte Hand hatte die Fenster mit phantastischen Eisblumen bemalt und von den Dächern hingen die krystallenen Zapfen herab, Damoklesschwertern gleich, die über den Häuptern der unter ihnen Dahinwandelnden schwebten. Raschen Schrittes eilten die Menschen in den Straßen der Residenz dahin, hier in kostbare Pelze gehüllte Gestalten, dort mit L.mlichen Sommerkleidern angethan, Reichtum und LnxuS neben armseligster Dürftigkeit, Ueberfluß und Elend, wie es in großen Städten so oft nebeneinander zu finden ist. Die Dämmerung war hereingebrvchen und allmällg entzündeten sich die Gaslaternen, und die glänzenden Beleuchtungsapparate in den prächtigen Verkaufsgewölben mit ihren gewaltigen Spiegelscheiben.
Ein außergewöhnliches Leben herrschte trotz der Kälte in den Straßen, denn es war Weihnachtshiiligerabeud und der weit und breit bekannte sogen. „Striezelmarkt", die Chrlstmiste Dresdens, in vollem Gange. Der Altmarkt, das Herz der Hauptstadt, war mit Budenreihen dicht besetzt; Stand an Stand saßen die Pflaumenmänner-Verkäufer und ihre Waren; kleine, oft kaum schulpflichtige Kinder, zitternd vor Frost »nd doch ausharrend und strahlenden Auge« die wenigen Pfennige in Empfang nehmend, die ihnen ein mit« leidiger Vorübergehender für den aus Bockpflaumen und Rosinen zusammengestellten Effenkehrer gab.
Und zwischen den Budenreihen drängten und schoben sich Kauflustige jeden Alters, fast alle mit größeren oder kleineren Packeten oft von den abenteuerlichsten Formen, mit Spielgerätschaften, Kleidern und allen möglichen sonfti- geu Dinge« belastet, und auf allen Gesichtern strahlte Freude
und Glück, — der Abglanz des herrlichsten Festes der Christenheit.
Aber so fröhliche» Leben auch in den Straßen henschte, so still und einsam war eö oben In der Wohnung de» Registrators.
Die Petroleumlampe, welche auf dem großen, viereckigen Tische stand, verbreitete, ihr mattes, gelbe« Licht im Zimmer und ließ die entfernteren Gegenstände nur unklar hervortreten.
Eine kühle, wenig behagliche Temperatur herrschte im Zimmer, so daß die dicke Eiskruste an den Fenstern nur an atm oberen Rande einen schmalen, abgethauten Streifen zeigte.
In einen alten Schlafrock gehüllt, saß Hertling am Ofen, während Agne« dicht an der Lampe Platz genommen hatte und eifrig stickte.
Tiefe Stille, nur von dem einförmigen Ticken der Schwarzwälder Wanduhr unterbrochen, herrschte In der Stube, keines von Beiden schien Lust zu haben, ein Gespräch zu beginnen.
Eine auffallende Veränderung war mit dem jungen Mädchen vorgegangen.
Das noch vor wenigen Monaten so frische und blühende Aussehen war verschwunden und an d-ffm Stelle eine blaffe, krarkhafte Gesichtsfarbe getreten; die sonst so hell und schalkhaft blickenden Augen geigten trüben, matten Glanz, und auf den bleichen, eingefallenen Zügen lag unverkennbar ein tiefer, nagender Seelenschrnerz ausgeprägt.
Zuweilen fuhr sie mit dem Taschentuchs über die brennenden Augen, welche unverwandt auf die feine Stickerei blickten, bi« die Anstrengung ste zwang, auf einige Augenblicke die Lieder zu schließen, um sich eine kurze, vorübergehende Erholung zu gönnen. (Fortsetzung folgt.)