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Ur 138.

JTlacÖUCg, Dienstag, 16. Juni 1885.

XX. Jahrgaag.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal« «bonnements-Preisbei der «rvedition 21/. Mk., bei ben Postämter 2 Mk. 50 «sg. (excl. Bestellgeld). Fniertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vf,. Reklamen für die Zeile " 25 vsg.

ObcrlskUllic Mliilll.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen« Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kaffel, Magdeburg und Wien; RudolfMosie in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: ®. L. Daube und 6o. in Frankfurt a- Berlin,Hannover u. Pari-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

SaliSlmry Minister.

Rascher, als nach den bunten Nachrichten auS London erwartet werden konnte, hat sich die Lage geklärt. Herr Gladstone ist im Unterhause erschienen und hat offiziell verkündet, die Königin habe die Demission des Mini­steriums angenommen und derStandard" erklärt sich in seiner Abendausgabe zu der Mitteilung ermächtigt, daß Salisbury die Bildung des Kabinetts zu übernehmen ber.rt sei.

Damit ist denn entschieden, daß die Konservativen die mißliche Erbschaft der liberalen Vorgänger unverdrosien autreten werden, und unter diesen Umständen ist es von hohem Jutereste, das Programm kennen zu. lernen, welches derStandard" als dasjenige des neuen Kabinetts aufstellt.

DaS Blatt schreibt:Ob das liberale Kabinett be­rechtigt ist, seinen Schwierigkeiten zu entweichen, ist eine Sache, die mit der Pflicht Lord Salisburys, Stafford NorthcoteS un: deren Freunde durchaus nichts zu thun hat. Sie mögen nicht ohne Grund über die ihnen auf­gebürdete Last murren. Sie können nicht leichten Herzens auf den Ruin und die Bcrwiriung blicken, die ihnen ihre Vorgänger als Erbteil hinterlasien haben, aber sie werden mannhait kämpfen, um krumme Dinge grade zu machen. Wenigstens in einem Departement dürften str die Arbeit nicht ohne die Hoffnung und Uebcrzeugung eines Er olges beginnen. Unsere auswärtigen Beziehungen befinden sich in einem schlechten Zustande, aber sie sind noch nicht außer dem Bereich einer Remeour, und diese liegt in einem Wechsel der Regierung. Die Natur deS UebelS, au dem unsere Politik so lange gelitten hat, ist leicht aus den Blaubüchern zu erkennen. Ob sich dieselben auf Transvaal oder auf Zululand, auf Egypten oder den Sudan, auf Neu Guinea oder die afghanische Grenze beziehen, sie enthüllen alle dieselben krankhaften Symptome. ES ist weder die Ungunst der Umstände, noch der Groll europäischer Staatsmänner, was uns bei jeder Gelegenheit in den Weg gekommen ist. Wir wurden verspottet, weil wir uns nicht darum be­mühten, uns geachtet zu machen. Mit der Uebernahme der Kontrolle der äußeren Politik durch Lord Salisbury wird die Atmosphäre der Diplomatie umgestaltet werden. Wir werden gehört we den, wenn wir sprechen, und unseren Versicherungen wird man Glauben schenken. Fürst Bismarck hätte bewundernswert mit Lord Granville verkehren können, wenn letzterer das regelmäßige, oder bester gesagt, ein ver­ständliches Spiel gespielt hätte. Aber seine Ucbergänge von Gletchgiitigkeit zur Lebendigkeit, seine Excentrizitäten und seine launischen Ausbrüche waren hinreichend, um die Laune des Veteranen zu verderben. Die Uebertragung der Siegel in Downing-Street wird eine willkommene Nach­richt in Varzin sein. Endlich wird der Kanzler einen englischen Minister haben, den er verstehen kann, mit dem geschäftliche Beziehungen möglich sein werden; keine irri­tierende, liebenSwürctge Persönlichkeit, die von Zeit zu Zeit

Im Bau« des Schicksals.

Roman von Moritz LUie.

(Fortsetzung.)

Mit zitternder Hand, denn der Ungehorsam fiel ihr schwer aufö H-rz, öffnete sie die Thür, indem sie den Riegel zurückschob und den Schlüffe! drehte. Die «ufwärterin trat ein, in der Hand einen schönen Blumenstrauß.

Hier, das ist für Sie, mein liebes Fräulein", sagte sie, ihr das Boukett überreichend,ein gewisser Jemand sendet eS Ihnen und läßt Sie bitten, diese kleine Aufmerk­samkeit nicht Übel zu nehmen."

Für mich?" rief Agne« freudig überrascht aus, den Strauß in Empfang nehmend;das ist der erste, den ich erhalte, und der Geber kann kein anderer fein, als der junge Maler dort drüben!"

Ei der Taufend, mein liebes Fräulein, woher wissen Sie denn das?" fragte die Frau lachend und, wie es ihre Art war, die Hände in einander schlagend.Haben wohl auch, wie der junge Herr, stundenlang am Fünfter gestanden und aufgepaßt, ob er sich nicht zeigen würde? Nun, nun, Sie brauchen nicht zu erröten, es ist ein feiner, liebens­würdiger Herr, tiefer Herr Wallburg, und gut ist er, wie keiner. Und was malt der für schöne Bilder l Denken Sie sich, hat er jetzt einen herrlichen Park gemalt mit einem schönen Schlosse, und von der großen Freitreppe kommen eine Menge Herren und Damen herab in den Garten, alle vornehm und geputzt, müsteu lauter Edelleute sein. Das erste Paar aber, ein Herr und eine Dame, ist daS schönste von der ganzen Gesellschaft, und der Herr ist Herr Wall­borg selbst und die Dame an seinem Arme sind Sie, zu«

in Weißbüchern lächerlich zu machen notwendig war." In der Berliner Konferenz hatte Fürst Bismarck Gelegen­heit, Lord Salisbury kennen und achten zu lernen. Der Kanzler wird die Befriedigung haben, daß er, wenn irgend etwas auftaucht, was den Schiedsrichter der europäischen Politik interessiert, endgiltig eine Aussicht hat zu erfahren, was England wünscht und worauf es bestehen wird. Sollte Deutschland eine wüste Jnfel an bet westafrikanischen Küste verlangen falls es von feinem Traum kolonialer Aus­dehnung noch nicht erwacht ist dann darf der Kanzler versichert fein, daß daS englische Auswärtige Amt verständ­liche Gründe angeben wird, weshalb es feine Forderung entweder ablehnt oder zugiebt. Da wird, erstlich, nicht Schweigen fein, dann schroffe Ablehnung, und schließlich, wenn daS deutsche Kriegsschiff seine Mannschaft gelandet hat, eine erschreckte Versicherung, daß keine Beleidigung be­absichtigt war.

WaS Egypten betrifft, so wird ein gewisser Trost in dem Gefühl liegen, daß die Zeit der List und Notlüge vorüber ist. England ist in Egypten; es hat sich für tie Aufrcchthaltung der Ordnung daselbst verantwortlich ge­macht. DieS ist die jetzige Lage. ES liegt ohne Zweifel Verdruß in dem Umstande, daß andere Mächte sich so gut sie konnten, den Weg Vorbehalten haben, in Egypten hinein- zuschlüpien. Es war aber allein unsere Schwäche, waS ihnen die Idee eingab, uns zu ersetzen oder unsere Nach­folger zu fein. Sie dürften anders denken, wenn sie finden, daß wir eine Regierung haben, die nicht länger hier und dort nach Auswegen sucht, um den Verpflichtungen zur Kontrolle am Nil zu entgehen. Wenn diese Thatsache wohl verstanden ist, dann wird daS Himgespinnst der inter­nationalen Kontrolle verschwinden. ES besteht deshalb keine Gefahr einer Verminderung der franMschen Freund­schaft."

Italien hat von einer konfervativeu Regierung nichts zu fürchten; und es darf angenommen werden, daß der Sultan der Türkei sehr bald die Vorteile wahrnehmen wird, die ihm aus der Pflege von Staatsmännern erwachsen dürften, die ihm vor nicht gar zu langer Zeit die klarsten Beweise von ihrer Fürsorge für die Integrität seines Reiches gegeben haben."

Anlangend Rußland, so wiffen moskowitische Staats­männer zu gut, wie gerecht Lord Salisbury die richtige Haltung Englands gegenüber dem russischen Vorrücken defi­nierte, um sich von der Biederkeit seiner Darlegung be­leidigt zu fühlen. Gegenüber Männern, welche wiffen, was sie wollen, werden sie der gefährlichen Versuchung widerstehen, mit britischer Nachgiebigkeit zu experimentieren, und toirben sich beeilen, die Unterhandlungen zum Abschluß zu bringen, die aus leicht verständlichen Giüuoen so lange offen gehalten worden finV

Sollte Ihre Majestät belieben, Sir Stafford Northcote mit der Aufgabe der Bildung eines neuen Kabinetts zu

Sprechen ähnlich, aber in einem prächtigen, hellblauen Atlas« kleid, man kann sich an dem Bilde gar nicht satt sehen."

Gemalt hat et mich?" tief AgneS freudestrahlend aus.

Wie ich Ihnen sage, mein liebes Fräulein, Sie beide Atm in Arm, und wahrhaftig, ein schöneres Paar kann eS nicht geben," beteuerte die geschwätzige grau.Herr Wall­burg hat eS mir auch zugestanden, daß Sie es find, und et fragte mich sogar, ob Sie getroffen wären. Das Ge­mälde müssen Sie sich ansehen, eS ist zu herrlich."

Wie kann ich denn"

Agnes unterbrach sich selbst, sie scheute sich, den Satz zu vollenden.

Natürlich können Sie nicht allein hinüber gehen, daS versteht sich von selbst", fiel Frau Sträubet ein.

Aber wie wäre es, wenn Sie mich begleiten, in meiner Gesellschaft kämm und gingen ? Ich habe Sie aufwachsen sehen, bin so zu sagen Ihre zweite Matter, die ganze Nach­barschaft weiß daö und kein Mensch wird etwas darin finden, wenn Sie mit mir gehen."

Agnes schwieg verlegen, und ihre Hände bogen mechanisch die Blüten auseinander, um ihnen mehr Raum zur Ent­faltung zu verfchaffen.

Ein Papier I" rief ste plötzlich aufl, ein zusammenge- faltetcS Blatt zwischen den Blumen hervorziehend.

Hastig schlug ste eS auseinander und ihr Blick fiel auf ein Paar gemalte Genien, die eine Rolle Papier hielten, auf welcher der Anfang des alten akademischen LiedcS zu lesen war:

Auf der Welt ist mit nichts lieber, Als mein Stübchen, wo ich bin; Denn da wohnt mir gegenüber Eine schöne Nachbarin.

betraum, dann darf er auf die herzliche Unterstützung aller seiner Parteigenosten zähl«'. Aber wer auch der Premier­minister sein mag Lord Salisbury wird in den Augen Englands und Europas der bewegende Geiste bet konser­vativen Politik verbleiben."

Man kann nicht umhin, dies Programm vom britischen San: puukt aus sehr verständig zu finden. Dagegen nehmen sich die Prahlereien derDaily News" ziemlich kümmerlich ans. Mr. Gladstone heißt es daist überarbeitet und bedarf ein wenig Ruhe. Wenn er gründlich erfrischt ist, wird et finden, daß sich seine Anhänger enthusiastischer um ihn schaaten als ste dies jemals gethan haben, Die Behandlung, die er jüngst im Hause der Gemeinen empfangen, hat ihn populärer gemacht als er in 1868 oder selbst in 1880 gewesen. Mr. Gladstone wird von jedem Feinde Englands im In- und Auslande boshaft gehaßt. Alle die Mißtrauen in seine Landsleute setzen, alle die vor Fürst Bismarck kriechen, alle die für den Verlust ungerechter Pri­vilegien zittern, verabscheuen ihn ebenso sehr als ste ihn Haffen", Von Hatz gegen Mr. Gladstone ist kaum irgendwo die Rede. AnSgelacht dagegen hat man ihn von Zeit zu Zeit in der ganzen Welt.

Deutscher Reich.

Berlin» 13. Juni. Der Kaiser besuchte gestern wiederum die Oper, unternahm heute Nachmittag eine Spazierfahrt uns beabsichtigt, soweit bisher bestimmt ist, am Donnerstag, abends 8 Uhr, nach EmS abzureisen. Morgen soll der russische Botschafter Graf Schuwalvff, am Montag bet bisherige amerikanische Gesandte Mr. Kaffou und deffen Nachfolger Mc. Pendleton empfangen werden. Der Kultusminister v. Goßler begiebt sich in eer nächsten Woche nach Aurich zur Einweihung deS Hospizes cuf Langeoog. Der hanseatische Ministerrcstdent und Be- vollmächlkte zum BundeStat, Dr. Krüger, ist nicht un­erheblich erkrankt und wird im Bundesrat durch den emeritierten Senator Dr. Mcyet vertreten. Aufgrund des Artikels 6 der Berfaffung ist, wie jetzt auch Im Deutschen Reichs Anz." amtlich mitgetdlt wird, von dem RegentschastSrat für daS Herzogtum Braunschweig der alS Gefchäststrüger am Königlichen Hof zu Berlin beglaubigte Freiherr v. Gramm Burgdorf zum Bevollmächtigten zum Bundesrat ernannt worden. DieNordd. Allg. Zt." teilte vor einiger Zeit mit, daß ein deutscher Reichs- angehörlger, bet Landwirt Erwin Aries, in Barna in einem öffentlichen Kaffeehause von Polizeibeamten verhaftet worden sei, und daß die bulgarischen Behörden nicht im Stande gewesen wären, einen triftigen Grund für diese Gewalimaßtegel anzugebev. In Folge ter Beschwerde deS AiieS hatte der Verweser des kaiserlichen Generalkonsulats in Sofia die Sache bei dem dortigen Minister der aus­wärtigen Angelegenheiten zur Sprache gebracht und ver­langt, daß daö ungesetzliche und kapitulationswldrige Ber-

AgneS hatte diesen VetS halblaut gelesen, dann blickte sie sinnend auf die beiden Engelsgestalten, von denen die eine unverkennbar ebenfalls ihre Züge trug. ES war eine zarte Huldigung, die bet Maler ihr in dieser Form darbrachte.

Na, daS muß ich sagen, Hebt6 Fräulein, bet Herr Wallbmg ist Ihnen gewiß recht gut," tief die grau, indem sie neugierig auf das Blatt schaute;schickt Ihnen da ein niedliches Bildchen, das er ganz gewiß selbst gemalt hat. WaS soll ick dem Herrn für eine Antwort bringen?"

Das chen blickte Jene verwundert an; daran hatte sie noch gar nicht gedacht.

Sagen Sie ihm, daß ich mich sehr gefreut habe nein, sagen Sie das nicht, aber Ich lasse danken, recht viele male bauten nein, nein, diese Antwort dürfen Sie ihm nicht bringen, was müßte Herr Wallburg von wir benteti ?---Sagen Sie ihm, was Sie wollen!"

Verwirrt und unschlüssig zupfte Agnes an der eleganten Manchette, welche rag Boukett umgab, ste wußte in der That nicht, was ste thun sollte.

Da wurden aus dem Korridore Schrttte hörbar, und noch ehe das Mädchen einen Entschluß zu soffen vermochte trat ihr Vater ein. Erstaunt und mit vorwurfsvollen Blicken musterte er die Gruppe, bald seine Tochter bald die Fran, U'-d B lumenstrauß fixierend.

Du hast also doch geöffnet, Agnes, und eine fremde Person ins Zimmer cintreten lasten", sagte er unmutig; dann zwingst Du mich, das Hans gar nicht mehr zu ver­lassen und auch die Kirchgänge aufzugeben, wenn Du mich nicht bereiten kannst. Und was soll das bedeuten?"

Er griff hastig nach dem Papier in der Hand seiner Tvchkr unb laS dessen Inhalt. (Fortsetzung folgt)