Ur 187.
Marburg, Sonntag, 14. Juni 1885.
XX. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
ExpeditionMarkt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Politische Wocheuscha«.
In der letzten Woche hatte sich die Gesundheit Kaiser Wilhelms soweit gekräftigt, daß er sich wieder ganz den gewohnten Beschäftigungen widmen konnte. Mr die Truppeninspizierungen unterließ der Kaiser auf Anraten der Aerzte und betraute damit den Kronprinzen, vor dem am vorletzten Mittwoch ein glänzendes Paradeixerzieren der Garde Artillerie Brigade bei Berlin stattfand. ES besteht nun auch kein Zweifel mehr darüber, daß Kaiser Wilhelm in der Zett vom 15. bis 18. Juni in Em« ein- treffeir wird.
Der Charakter der letzten Woche war auf dem Gebiete der inneren Politik schon beinahe derjenige der hochsommerlichen Ruhe. Nur kleine Begebenh-iteu ereigneten sich und ältere, noch schwebende Fragen traten in neue Verzögerungen ein. Zu den letzteren gehörte zumal die braunschweigische Erbsolgesrage, welche man mit Ruhe und Gründlichkeit offenbar im Bundesräte zu erledigen gedenkt. ES verlautet, daß Preußen mit Sicherheit die schließliche Annahme seines Antrages, betreffend die Ausschließung des Herzogs von Cumberland von der Thronfolge in Braunschweig erwarte. Es sind daher alle gegentelligen Aeuße- rungen mit Vorsicht ouszunehmen, zumal auch an der Annahme deS Antrages Preußen schwerlich etwa« geändert würde, wenn einige BundeSbcvollmächtigte im BunoeScate dagegen stimmen würden. Im übrigen erfährt man aus auswärtigen Blättem, daß ein deutscher Bundesstaat den Antrag im Bundesrat gestellt habe, mau solle den Sohn deS ehemaligen Königs von Hannover nicht auf Grund der ReichLversaffung, sondern, weil er sich noch im ideellen Kriegszustände mit Preußen befinde, von der Thronfolge in Braunschweig auSschlteßen, ein Nebenantrag, der die Wirkung des preußischen Antrages durchaus nicht beeinträchtigt.
Für oie diplomatische Welt Deutschlands hat kett der Abwesenheit des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck von Berlin die tote Saison begonnen und die Urlaubsreisen der Missionschef« dürften nun bald ihren Anfang nehmen. Die Beurlaubungen der Chefs der RetchS- Lmter und der Staatsminister werden dagegen erst im Monat Juli ihren Anfang nehmen. Zuerst wird voraussichtlich Staalsminister Graf HgtzfeUt Berlin verlaffen uib die Leitung der Geschäfte des Auswärtigen Amtes an den neuen Unterstaatssekretär Grasen Herbert BiSmarck übergehen. Der Bundesrat wird seine Arbeiten wie alljährlich bis in dm Anfang des Monats Juli ausdehnen. Zunächst ist nur beim LundeSrate etngegangen der Antrag Sachsen« auf Verlängerung deS kleinen Belagerungszustandes Über Leipzig und Umgegend vom 28. Juni d. I. bis zu demselben Tage 1886.
In der öfterreichtschenMonarchte ist in letzter Woche die große Wahlschlacht für den ReichSrot geschlagen worden. Für dir Deurschltberalen find die dabet erhaltenen
Verluste nicht so bedeutend als man ursprünglich fürchtete, dieselben werden noch mit 132 Abgeordneten im Reichsrate erscheinen. Da außerdem die deutschliberale Gruppe sich den Deutschliberalen anschließen will, so ist das Deutschtum in der parlamentarischen Vertretung Oesterreichs immer noch ein mächtiger Faktor, zumal die sogenannten National konservativen Oesterreichs durchaus keine einheitliche Partei darstellen, sondern von Czechen, Polen, Slowenen, Ruthen«, Feudalen und Klerikalen gebildet wird.
Die in letzter Woche in der Schweiz laut Bundes- ratsbefchluß erfolgte Ausweisung von 21 Anarchisten russischer, deutscher, österreichischer, englischer, französischer und amerikanischer Nationalität ist in fast allen Ländern mit Genugthuung begrüßt worden, denn den Helden deS Dynamit uns Revolvers kann auch in der freien Schweiz kein Asyl gewährt werden.
Die Kolonialpolitik Italiens ist durch den Sturz des Kabinetts Gladstone auf eine noch schiefere Ebene gebracht worden, als sie sich bereits befand, denn die Festsetzung Italiens am afrikanischen Küstenlande de« Rothen Meeres wird jetzt ganz davon abhängen, wie sich das neue Kabinett in England zu der egyptischen Frage stellt. Die Expeditton nach dem Roten Meere kann ein teurer Schwabenstreich für das ehrgeizige Italien werden.
Man kann sagen, daß nach dem anarchistischen Spettakel der vorigen Woche die französische Republik eine recht gute Woche hinter sich hat. Zunächst setzte sie in der Deputiertenkammer das alte Projekt der Listenwahlen und damit eine größere Befestigung deS republikanischen Staatswesens durch. Dann konnte der Minister des Aenßeren, Feriy, den Kammern auch die Mitteilung machen, daß der -FrtedenSvertrag zwischen Frankreich und China nunmehr endgültig in Tientsin unterzeichnet worden ist, ferner kann sich die französische Republik auch darüber freuen, daß sich in dieser Woche deutlich herausgestellt hat, daß die Bonapartifl«, die schlimmsten Gegner der Republik, sich In zwei feindliche Lager, daS deS Prinzen Järome und das des Prinzen Viktor N -poleon geteilt haben.
Für England hat sich in letzter Woche eine zwar oftmals vermutete, aber schließlich doch ganz überraschend gekommene Wendung der politischen Lage vollzogen. Der Premierminister Gladstone, welcher ttotz mancher Mißerfolge auf dem auswärtigen Gebiete lange Zeit als parlamentarisch stich- und Hiebhaft gatt, hat bet der Budgetdebatte, anläßlich der Erhöhung der Schanksteuer, eine solche empfindliche Niederlage erlitten, daß er die Kabtnettfrage stellte, und als diese auch gegen ihn entschieden wurde, reichte Gladstone daS EntlaffungSzesuch des Kabinetts bet der Königin ein. Wie es h ißt, ist die Königin infolge dieses ErelgniffcS von Balmoral nach Schloß Windsor zu- zückgekehrt und wird die Entscheidung inzwischen getroffen haben. Wahrscheinlich wird der Führer der bisherigen
OppofltionSpartei, Lord Salisbury nebst den Lords North- cote und Gurchill, die Regierung übernehmen müssen. Doch wird das neue Toiykabinett auch nicht auf Rosen gebettet sein, da die Differenzen der egyptischen und afghanischen Frage noch auszutragen sind und bei den Neuwahlen znm Parlament man auch noch gar nicht weiß, ob das konservative Ministerium eine zuverlässige Mehrheit erhalten wird, da Gladstone ein erweitertes Wahlgesetz durchgesetzt hat.
Die Beziehungen der Pforte zu der Insel Kreta, worauf meisten« Griechen wohnen, habm sich in letzter Woche verschlechtert. Der neu ernannte Gouverneur, SavaS Pascha, ist bei den Kreteusern wenig beliebt, zwischen ihm und der kretensischen Repräsentantenversammlung sind denn auch alsbald Mißhelltgkeiten entstanden, welche der herrschenden Feindschaft gegen die türkische Oberherrschaft frische Nahrung zuführten. Angesichts dieser einigermaßm gespannten Situation haben sich denn die Konsuln der europäischen Mächte ernstliche Mühe gegeben, einen Ausgleich der widerstreiten sen Inte reffen herbeizuführen und Hoffl man einer neuen Revolution auf Kreta, zu welcher die Kretenser nur zu sehr geneigt fins, vorzubeugen.
Die bulgarische Nationalversammlung ist am Dienstag von dem Fürsten mit einer Thronrede eröffnet worden; in welcher derselbe hervorhebt, daß er auf seiner letzten Reise durch da« Fürstentum neue Beweise der Ergebenheit der bulgarischen Bevölkerung erhalten habe. In der Thronrede wirs sodann angekündigt, daß der Nationalversammlung auch der von der Regierung abgeschlossene Vertrag, betr. dm Bau einer Eisenbahn von Tsaribrod nach Vacarel zugehen werde. Am Schlüsse giebt der Fürst der Hoffnung Ausdruck, daß die Deputierten ihren Patriotismus auch dadurch beweisen würdm, daß sie die Regierung darin unterstütz-n, die internationalen Verpflichtungen zu erfüllen: Die Rebe wurde sehr beifällig ausgenommen.
Seit der teilweisen Räumung de« Sudan durch die Engländer macht das Vordringen des Mahdi immer größere Fortschritte. Offiziellen Nachrichten aus Snaktn zufolge ist Kassala Ende Mat gefallen. Kassala gilt als ein wichtiger Platz im Innern des Sudan.
Deutsche» Reich.
Berlin, 12. Juni. Der Kaiser besuchte gestern die Oper zum erstenmale wieder nach seiner Krankheit. — Den Abendblättern zufolge ist die Vermählung Sr. Kgl. Hoh. des ErbgroßherzogS von Baden mit I. Hoh. der Prinzesfta HUda von Nassau auf den 20. September festgesetzt. — Dir Kreuzerkorvette „Elisabeth- ist vor Sanztbar eingetroffen. — Der „Reichsanzeiger* veröffentlicht die Ernennung des Geschäftsträgers in Berlin von Cramm-Burg- boif zum braunschweigischen Bundesbevollwächtigten. — Der Kolonialverciu hat die unverweilte Errtatung von Stationen tat oberen Benuegebiete beschlossen. Bereit« ist
Im Ban« des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Der Registrator ging, und hinter ihm verschloß und verriegelte Agnes die Thür. Sie hörte, wie ihr Vater noch prüfte, ob sie auch wirklich von außen nicht zu öffnen sei; dann stieg er langsamen Schritte« vie Treppe hinab.
DaS junge Mädchen trällerte ein Liedchen uns begann dies und jene« im Zimmer zu ordnen, bann fütterte sie den Kanarienvogel, der heute feine sonntägliche Extrazulage, ein Stückchen Zucker enthielt, und nahm endlich an ihrem Nähtisch Platz, eine Stickerei In die Hand nehmend.
Unwillkürttch warf sie durch den dünnen rotgemustertm Vorhang einen Blick hinüber zu dem Fenster des Malers; da faß er wie immer an feinem altgewohnten Platze vor der Staffelet, und mit stillem Vergnügen bemerkte Agnes, daß feine Augen öfter, als r ötiz gewesen wäre, nach ihrem einsamen Htnterstübchen anfschauten. E« war ein Glück, daß der Vorhang sie seinen Blicken entzog, er würde sonst vielleicht, trotz der Entfernung da« zarte Erröten bemerkt haben, daß ihr reizendes «nttitz überzog, wenn sie sah, wie sich da» Interesse des schönen jungen Künstlers so nnver- kmnbar ihr zuwandte.
Gar feltfame Gedanken gingen dem Mädchen durch den Kopf, Gedanken, wie sie eben nur die unbewußt aufke wende junge Liebe zu wecken vermag. Wohl hatte sie schon oft in unbewachten Augenblicken verstohlen hinabgeblickt nach der Werkftätte deS Malers, und höher schlug ihr Herz, wenn sie die schöne JünglingSgestalt mit dem klassischen, von braurwu Locken umwallten Künstlerkopfe sah; aber noch uiemalS hatte der junge Man» die geringste Notiz von ihr genommen, ja er schien st« überhaupt noch nie bemerkt zu
haben, und in ihrer verzeihlichen mädchenhaften Eitelkeit fühlte sie sich verletzt und beschloß, auch ihrerseits den stolzen kaltherzigen Menschen nicht mehr zu beachten.
Aber dieser Vorsatz kam nur sehr teilweise zur Ausführung. Immer und immer wieder zog es ihre Blicke nach rem Atelier hinab, wo die Muse ihr bescheidenes Heim auf- geschlagen hatte. Da spielte einst der Wind geräuschvoll mit dem Fensterflügel; sie bog sich hinaus, um ihn zu befestigten, und in dc mselben Augenblicke streifte ihr Auge die Wohnung de« MaierS. Ein freudiger Schreck dnrchbebte sie, als sie sah wie der Künstler unverwandten Blickes, wie festgebannt, zu ihr aufschaute, in den dunklen Augen den Ausdruck höchsten Erstaunen», unverkennbarer Ueberraschung. Jetzt ward e» ihr klar, der Maler hatte sie überhaupt noch nie bemerkt, aber sie wußte e» von diesem Augenblicke an auch, daß sie Eindruck auf ihren schönen Nachbar gemacht hatte.
Von jetzt an beobachtete sie schärfer und hatte die Freude zu sehen, daß der Maler oft lange Zeit an seinem Fenster stand und wir einst Mter Toggenbnrg sehnsuchtsvollen BlickeS zu ihr hinauf sah. Aber sowohl der gestrenge Vater, al» auch da» eigene weibliche Zartgefühl hielten sie ab, die stillen Huldigungen ihre» Verehrer» zu erwidern ober ihn zu ermutigen; sie begnügte sich damit, hinter ihrem Vorhang zu lauschen und war glücklich, wen» sie sah, wie Jener nicht müde ward, ihr seine Zeit zu widmen.
In tiefes Sinnen und süßeS Träumen versunken, gab sich Agnes ganz den lieblich« Bildern hin, welche ihre Phantasie ihr vorzauberte.
Ein junge» Mädchen, da» zum erstenmale von Liebe träumt, ist wie ein Kind, am Weihnachtsabend; stille« Wünsch«, Hoff« und Bang« bewegt ihre Brust und rin
unnennbares Sehnen kommt über sie, wonnig und schauernd, geheimnisvoll und freudig wie Mysterien der Christnacht.
Plötzlich ward an die Thür geklopft; da« Mädchen schrak zusammen, aber, eingedenk der Mahnung ihre« Vater«, öffnete sie nicht.
Da» Köpfen wiederholte sich stärker und dringender, so daß Agne» ängstlich zu merben begann und schwankte, ob sie nicht wenigst«« fragen solle, wer da fei.
Noch ehe sie einen Entschluß zu fassen vermochte, klopfte e« zum driltrnmale und gleich rief draußen eine Stimme: „Machen Sie nur auf, liebe» Fräulein, ich weiß ja, daß Sie da sind, ich bringe Ihnen eine freudige Botschaft.*
„Eine freudige Botschaft?* fragte sich die Tochter be« Registrator», und die Neugier, diese« Erbteil aller Evastöchter, sich in ihr zu regen.
Sie trat an die Thür, ohne dieselbe jedoch zu öffnen.
„Wer ist dann da? und welcher Art ist die Botschaft, die Sie mir bringen?* rief sie so laut, daß die draußen stehende Person sie deullich vernehmen mußte.
„Du lieber Gott, meta gute« AgneSchen, kennen Sie denn die Sträub-r nicht mehr, die so manchesmal Sie in die Schule geführt und Ihnen, als Sie noch Ätab waren, Geschichten und Märchen erzählt hat?' gab die Stimme draußen zurück.
„Ach, Fran Strällber — gewiß, jetzt erkenne ich Sie an ver Sprachel* sagte daS Mädchen lachend, „daß ich da« nicht gleich bemerkte.* Dann fügte sie leise zu sich selbst hinzu: „Wenn ich der Frau öffne, so ist keine Gefahr dabei, sie ist ja eine alte Bekmute unsere« Hause».*
„Aber der Vater hat eS streng verboten l Nun, an den Besuch der Sträuber hat er sicher nicht gedacht, die hätte er von dem Verbote ausgenommen. Außerdem hat sie mir ja etwa« Wichttge« mitzuteilen —• (Fortsetzung folgt.)