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Marburg, Sonnabend, 13. Juni 1885

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während die Nachgiebigkeit Gladstones gegenüber Rußland ihm nicht so als Fehler angerechnet werden kann, denn ein Krieg Englands mit Rußland hätte auch leicht für ersteres verhängnisvoll ablaufen können. So wird Gladstone also zum vierten Male den englischen Mtnisterstuhl verlassen müssen und bei seiner Rüstigkeit und sich etwa überstür­zenden Ereignissen ist eS sogar nicht ausgeschlossen, daß Gladstone zum fünften Male Minister werden kann.

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Gladstone.

Der englische Premierminister Gladstone, der durch seine Fehler und Mißgriffe auf dem auswärtigen Gebiete seit Zähren den Unwillen Europas erregt hat und der trotzdem es immer wieder verstand, eine ihn stützende Mchrheit im Parlamente zu finden, ist so gut wie gestürzt. Die Oppo- ption der Konservativen brachte ihm in Verbindung mit einigen unzufriereueu Liberalen am 9. Juni bei der Budget- und Steuerfrage eine schwere Niederlage bei, von der sich Gladstone schwerlich erholen wird und vielleicht während diese Zellen in die O.ffentlichkeit dringen, bereits einem anderen, wahrscheinlich konservativm Kabinett unter Lord Salisbury Platz gemacht hat. Trotz der zweifellosen Miß­erfolge des Kabinetts Gladstone muß man doch anerkennen, daß oem greifen Führer der Liberalen in England, William Ewart Gladstone, glänzende staatsmännische Eigenschaften inne wohnen, welche auch zu Erfolgen geführt haben würden, wenn sich Gladstone nicht zu viel in seinem, jetzt 76 Jahre Menden Alter zugemutet hätte. Gladstones Begabung und Leistungsfähigkeit liegt nämlich vorzugsweise auf dem inneren Gebiete, zumal auf dem der Finanzen und der Verwaltung, und hat in dieser Richtung Gladstone so Vorzügliches ge­leistet, daß er während seiner langen staatsmännischen Lauf­bahn viermal Minister, darunter zweimal Ministerpräsident, «uv der langjährige anerkannte Führer der Liberalen Eng­lands war. Diese glänzende Vergangenheit Gladstones läßt eS auch als einigermaßen begreiflich erscheinen, daß man ihm in den letzten fünf Jahren, während weichen er wieder leitender englischer Minister war, manchen kleinen und großen Fehler verzieh. Aber daS Verhängnis Gladstones bestand doch darin, daß er sich überhaupt auf das auswärtige Gebiet gewagt hatte und dort bald eigensinnig seine einseitigen Doktrinen, bals stürmisch die englische Großmachtpolitik durchsetzen wollte, hätte Gladstone die auswärtige Politik einem hochbegabten Mitarbeiter überlasten, resp. hätte sich ein solcher gefunden, und so Gladstone sein Genie nur auf daS innere Gebiet gerichtet, so hätte er wahrscheinlich nur Triumphe erzielt und säße noch am Ruder. Berücksichtigt muß auch werden, daß Gladstone die Leitung der englischen Politik in einem sehr schwierigen Stadium übernahm. Die Revolution in Irland legte Englana im Innern schwere Aufgaben auf und die Umwälzungen in Egypten stellten die englische Weltherrschaft zur See in Frage, da man nicht wissen konnte, wer schließlich Herr Egyptens und des Suezkanals werden würde. Auf dem Gebiete der inneren Politik resp. in der sehr schwierigen irischen Frage hat nun Gladstone zweifellos Erfolge erztelt und überhaupt dem Prinzipe der gleichen Rechte und Freiheiten in England noch weitere Geltung verschafft, aber auf dem auswärtigen Gebiete wurde die Gladstonesche Politik von Mißerfolgen auf Mißerfolgen begleitet, was zumal ein Blick aus den bereits ins Werk gesetzten Rückgang der Engländer aus Egypten beweist,

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Im Bau« des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

III.

Die Wohnung deS pensionierten Registrators Herlling, bestand nur aus einer Siude und zwei Kammern, welche zu beiden Seiten des Zimmers lagen. Die Möbel in denselben waren dürftig, altväterisch und zeigten deutliche Spuren fangen Gebrauchs. Eine Kommode, im Grschmacke des Trigen Jahrhunderts geschweift, Säulen an den Seiten Und großen Schlössern mit Messtngblechbeschlag, stand an b« einen Seite der Wand, ihr gegenüber ein altes Kanapee, deffen Sitz mit einer buntgestreiften, wollenen Decke belegt war. Vor ihm hat ein großer viereckiger Tisch seinen Platz, Ebenfalls mit einer Decke belegt, deren Alter an verschtede- vku defekt gewesenen, aber sauber auSgebesterteu Stellen zu ^kennen war.

Ein kleiner, mit GlaSthüren versehener Schrank, in farlchem eine Anzahl bunt bemalte Tasten, und anderes Por- Mangeschirr, verschiedene Gläser, Krüge und sonstige Gesäße sehen waren, ein Nähtisch, auf welchem ein ArbeitSkörb- w*n stand und eine Anzahl Polsterstühle vervollständigten vas Moblliar, während auf der Kommode eine seltsam ge­farmte Vase mit einem Strauße frischer Astern, diesen letzten «mdern des Herbstes, stand. Die ganze Einrichtung deS Zimmers mit den unverhättniSmäßig großen, aus gelbgla- fatten Kacheln bestehenden Ofen macht einen ärmlichen, aber vrhaglichen, anheimelnden Eindruck, der durch die Blumen «w Fenster uns den munter schmetternden Kanarienvogel, ?Meu Käfig über dem Nähtische angebracht «ar, noch er* Wo wurde. ,

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d- Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franlurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt o. M., Berlin,München und

Köln; <8. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. PariS-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt _____________________________________________________Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Koch.

ist gefll» Nr. 7.

-scheint täglich außer an Wagen nach Sonn-und S^rtagen. Quartal- Nonnements-Preisbeider Kkveditton 2 /. Mk-, bei ^Postämter 2 Mk. 50

Hebung der untersten vier Klasten der Klassensteuer, ohne allerdings dieses Ziel für die dritte und vierte Stufe bis jetzt erreicht zu haben. Sie will alle Haushaltungen von 1200 Mk. Einkommen und darunter gänzlich von Staats­personalsteuer ftd machen, hat bisher aber erst die Steuer­befreiung bis zu einem Einkommen von 900 Mk. durch­setzen können, hofft aber auch die weitere Befreiung noch zu erreichen. In der Natur der an die Kommunen über­wiesenen Einnahmen liegt ohne Zweifel eine dringende Auf­forderung, dieselben nach dem Vorgänge der Staatsregierung zur Erleichterung jenen breiten minderbegüterteu Schichten der Bevölkerung zu verwenden. Am meisten daun, wenn das bestehende Kommunalsteuersystem dieselben tu einer ihren Leistungsfähigkeiten nicht entsprechenden Weise heran­zieht, sie im Vergleich mit ihren reicheren Mitbürgern über­lastet. Zu denjenigen Kommunalsteuern, welche eine solche starke Mehrbelastung der ärmeren Bevölkerung herbeiführen, gehört ohne Zweifel die Berliner Mietssteuer, welche ohne Unterschied gerade auch kleine Wohnungen mit dem Satze von 6% Prozent deS Mietswerts heranzieht. Der Arbeiter und kleine Handwerker muß aber den 4. bezw. 3. Tell seines Einkommens auf eine Familienwohnung auSgeben, während die Reichen den 8. bis 20., die ganz Reichen den 20. Tell und geringer für ihre Wohnung ausgeben. Der kleine Gewerbtreibende, welcher neben der Wohnung noch eine Werkstatt oder einen Laden führen muß, wird doppelt hart betroffen. WaS nützt diesen die Freiheit von der Staatssteuer, wenn sie das 3 bis 4fache davon an Miets­steuer für ihren Arbeitsraum zahlen muffen? Was nützt dem Arbeiter, welcher 8 bis 900 Mark im Jahr verdient, die Befreiung von 6 Mk. Staatsklaffensteuer, wenn er neben 6 Mk. städtischer Einkommensteuer allein an Mietssteuer an die Stadt 1215 Mk. und mehr zu ent­richten hat? Die Ungerechtigkeit der Berliner Mietssteuer ist so augenfällig, daß selbst der Fortschrittsring sich nicht mehr völlig ablehnend verhalten konnte, sondern in Er­örterungen über eine Reform dieser Steuer eintreten mußte. Freilich erscheint eS nicht in der ernstlichen Absicht, hier etwas Zweckmäßiges zu Stande zu dringen, denn diese Er­örterungen ziehen sich in beinahe unglaublicher Weise in die Länge. Um so gebotener war eS, die aus den Getreide­zöllen der Stadt Berlin unerwartet zufließende Einnahme zu verwenden, um schon vor und unbeschadet jener weit- auSsehenden Reformbestrebuugen die Erleichterung der ärmeren Wohnungsinhaber von jener drückenden Steuer herbeizu- führen. In der Stadtveroronetenversammlung ist ein dahinzielenoer Antrag einfach abgelehnt worden. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Die Fürsorge für den armen Manu führt der Deutschfreistnn im Munde, aber wo es gilt, Mittel, welche er überdies nicht einmal bewilligt hat, zu dessen Wohl zu verwenden, thut er nicht mit. Es hätte ja ein Elements der Unzufriedenheit beseitigt werden können und von der Unzufriedenheit lebt eben der Freisinn.

Dann zog er aus der Rocktasche ein Paar schwarze, braunwollene Handschuhe und fuhr mit den langen, dünnen Fingern hinein, nahm aus einer Schublade der Kommode ein dickes Gesangbuch, klemmte es unter den Arm und schaute dann noch einmal prüfend an seiner langen Gestalt hinab, die vom Kopf bis zu den Füßen, ein schwarzes abgetrage­nes Tuch gekleidet war, dessen Schnitt einer Mode angehörte, die Jahrzehnte hinter dem Geschmack der Gegenwart zurück­liegen mochte.

Du bist zum Kirchgang fertig!" rief Agnes, die jetzt aus einer der Kammern trat, »warte noch einen Augenblick, Dein Rock zeigt einige Fäserchen l"

Sie nahm eine Bürste von der Kommode und fuhr damit emsig über die Schultern und den Rücken des Vaters, bis sich auf dem Stoffe kein Stäubchen mehr zeigte.

«Ich gehe jetzt, Agnes," sagte Hertling, mit der Hand über cie Wange des Mädchens streichend,schließe und verriegele sofort die Thür hinter mit und öffne sie Nie- mancem, hörst Du, Niemandew, Kind, wer eS auch sein mag."

Sei ohne Sorgen, Vater, kein sterbliches Wesen soll unsere Wohnung während Deiner Abwesenheit betreten, er müßte denn durch Schlüsselloch kriechen!" erwiderte Agnes mit munterem Lachen. »Aber ich weiß, daß es zu Deiner Beruhigung dient, und darum erfülle ich gern Deinen Willen."

Der Alte reichte seiner Tochter die Hand.

Gleich nach dem Gottesdienste kehre ich zurück, bis dahin wirst Du unser bescheidenes Mittagswahl bereitet Ijaben, fuhr er fort,Nachmittag machen wir einen ae- meinschafllicheu Spaziergang, wir bedürfen Beide der frischen Lust, und daS Wetter ist schön. Adieu, mein Kindl"

(Fortsetzung folgt.)

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Deutscher Reich.

Berlin, 11. Juni. Das Börsensteuergesetz wird heute amtlich publiziert. Der Bundesrat beschloß, den Anträgen auf Einführung der Doppelmünzwährung keine Folge zu geben. Gestern mittag fand eine Sitzung des Staats­ministeriums statt. DerNeuen Stett. Ztg." geht aus guter Quelle die Nachricht zu, daß Prinz Wilhelm in der Thal demnächst nach Stettin übersiedeln soll, um, nachdem er, wahrscheinlich bei der Einweihung des Denkmals im Lustgarten, zum Obersten befördert, das Königsregiment zu übernehmen. Wie es heißt, würde der Prinz im Witzlowschen Hause auf dem Roßmarkt, dessen jetzigen Bewohnern bereits gekündigt fein soll, Wohnung nehmen. Ueber den Be­trieb deS Unterrichts in weiblichen Handarbeiten an den Landschulen der Monarchie hat der Kultusminister aus den infolge seiner Zirkularversügung vom 19. November 1883 eingegangenen statistischen Nachrichten eine Zusammenstellung fertigen und diese in dem Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung veröffentlichen lassen. Ein besonderer Abdruck dieser Zusammenstellung ist an die königlichen Re­gierungen gegangen. Eine Vergleichung mit dem stände vom Dezember 1880 zeigt in einzelnen Bezirken erfreuliche Fortschritte in Beziehung auf die Zahl der Schulen, in welchen der Handarbeits-Unterricht inzwischen eingeführt ist. In anderen Verwaltungsbezirken sind dagegen die Fort­schritte noch sehr gering, und es wird dadurch den betei­ligten Behörden und Beamten die Pflicht nahe gelegt, sich der Förderung dieser Angelegenheit mit besonderem Eifer zu widmen. Auch das Verhältnis der Zahl der Hand- aibeits Lehrerinnen, welche die Prüfung als solche abgelegt haben, zu denjenigen, welche den Unterricht ohne vorher­gegangene Prüfung erteilen, kann in den meisten Bezirken nicht als befriedigend angesehen werden. Als die preu­ßische Regierung dem Anträge zustimmte, die Mehrerträge der landwirtschasttichen Zölle den Kreisen und Gemeinden zu überweisen, ging ste von der Voraussetzung aus, daß die so dotierten Kommunalverbände innerhalb der ihnen durch die Fassung des Gesetzes selbst oder durch andere gesetzliche Bestimmungen gezogenen Schranken Bedacht darauf nehmen würden, Kommuualstkuer-Erleichtemngen nach der Richtung vorzunehmen, welche die Regierung bei ihren Vorschlägen zur Herabminderung ter direkten Staatssteuern eingeschlagen hatte. Neben der Ermäßigung der übrigen Klassensteuer­pflichtigen befolgte sie daher vor allem die gänzliche Auf-

Es war Sonntag-Morgen, ein schöner, sonniger Herbft- rnorgev, wie sie im Oktober nicht selten sind. ES ist, als wollte die Natur die Menschen noch einmal den ganzen Zauber, die vollen Reize der schönen Jahreszeit genießen lassen, bevor ste sich in ihr kalte«, starres Winterkleid hüllt. DaS SBagengeraffel, welches sonst dumpf selbst bis in dieses einsame Hinterstübchen drang, war heute verstummt, von den Thüraien der Residenz aber klang das feierliche ©joden« geläute, welches die Andächtigen zur Kirche rief, durch das offne Fenster.

Der alte Registrator stand vor dem kleinen Spiegel zwischen den beiden Fenstern und knüpfte sich die schwarze Kravatte. ES war eine lange, magere, eckige Gestalt, ein Aktemnensch, wie ihn Frau Sträuber genannt hatte, aus der alten, unterwürfigen, ihr Pensum mit peinlicher Gewissen- Hastigkeit abarbeitenden Beamtenwett. Das glattrasterte Gesicht zeigte ernste, fast strenge Züge, die Haut hatte etwas wie vergilbtes Pergament, und die matten, wasserblauen Augen schienen kaum eines lebhaften AuSrruckes fähig zu fein.

Das spärliche graue Haar vermochte die gewaltige Glatze, die sich bis zum Hinterkopf erstreckte, nicht zu bedeck m, ob­gleich es von den Schläfen in dünnen Strähnen über den Scheitel gekämmt war, aber die Augenbrauen zogen sich in einer dichten grauen Linie am untern Rande der Stirn hin und vermehrten den Eindruck des Grämlichen, Finsteren, den der alte Pensionär machte.

Jetzt zog der Registrator den langen, schwarzen faden­scheinigen Rock an, langte aus der Hutschachtel, welche oben aus dem Glasschranke stand, einen altmodischen Zylinder hervor und bedeckte, nachdem er etnigemale mit dem Rock­ärmel über dwselhm gefahren war, sein kahle« Haupt damit.

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