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Marburg, Mittwoch, IO, Juni 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- KbonnementS-PreiS bei der Expedition 2'/» Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebilhr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.

GklMlhk Jcitung.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, f owied-Annoncen-Bureaux von Haafenstein undVvgler in Frankurt a. M., Kastel, iviagdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: L. Daube und

6o. »n Frankfurt a- M Berlin,Hannover tt Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. L. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Soiintagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Ukich«

Berlin, 6. Juni. Der Kaiser hat die der Wachtmann- schaft der KreuzerkorvetteOlga" beigegebenen Obermatrosen zu BootSmannSmaaten befördert und jedem der Mannschaft ein Geldgeschenk von 200 Mark zustellen laffen. Der ReichSauz." publiziert das Gesetz, betreffend den Schutz des zur Anfertigung von Reichskaffenscheinen verwendeten Pa­piers gegen unbefugte Nachahmung. Der Reichskanzler hat sich derPost" zufolge von der Direktion der Kaiser- WilhelmSspende rin Gutachten darüber erbeten, in welcher Weise diese Anstalt das Vorgehen des deutschen Privat- Beamten - Vereins unterstützen könnte. Der bisherige Direktor im auswärtigen Amt, v. BojanowSki, geht dieser Tage auf seinen Posten als Generalkonsul nach Budapest ab. Aus Lissabon erfährt dieNordd. Allg. Zig.", daß das KanonenbootMöwe" bei seiner Ankunft daselbst als aus Guinea kommend, zunächst in Quarantäne gesetzt werden sollte, daß jedoch von diesem Beschlufle wieder Abstand genommen wurde, nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, daß dieMöwe" in St. Vlncmt und Madeira ge­landet und von den dortigen portugiesifchen Behörden zur freien Praktik verstattet worden sei. Bei der DampsschiffS- Slation TabbertS - Wildschlößchen, einem Vergnügungs­orte au der Spree, brach in der vergangenen Nacht infolge von zu starkem Meuschenandrange die Einsteigebrücke zu­sammen. Etwa 40 Personen stürzten in das vier Fuß tiefe Waffer, wobei 2 Erwachsene und 1 Kind umkameu. Gehr übertriebene Nachrichten, die heute vormittag hierüber in der Sta.t verbreitet waren, haben sich glücklicherweise nicht be­wahrheitet. Amtlich wird mitgeteilt:An dem genannten Etabliff-mevt befindet sich ein schmaler Steg, um Personen von den dort anlegcnden Dampfschiffen nach dem Lande und von da nach den Dampfern zu bringen. Gestern nachmittag waren alle Lokale an der Oberspree überfüllt und die von oben herab­kommenden letzten Dampfer immer schon besetzt, wenn sie an dem EtabliffementWaldscklößchen" ankamen. Zufolge besten fammelte sich (gegen IO1/* Uhr) auf dem schmalen Stege eine größere Menscheumafse von etwa 200 Personen au, die dort auf die nächsten Dampfer warteten; als nun zwei Dampfer zugleich anfuhren, um die Wartenden auf­zunehmen, entstand ein mächtiges Drängen der Mafien nach vorn und brach infolge defien der Steg in der Mitte zusammen, so daß etwa 3040 Personen ins Waffer fielen. Da das Waffer an j-rer Stelle nur etwa 4 Fuß tief ist, wurden alle gerettet bis auf drei, einen jungen Mann von etwa 20 Jahren, ein Mädchen in etwa gleichem Alter und ein IljährigeS Kind, welche durch die nach­stürzende Menge im Waffer erstickt worden sind. Die Besichtigung des Steges, der erst im vorigen Jahre auf Anordnung der Schiffahrtspolizei repariert und mit neuem starkem Bohlenbelag versehen worderlist, hat ergeben, daß derselbe weder durch das Anfahren eines Dampfers noch

durch feine schlechte Beschaffenheit, sondern lediglich durch die Ueberlastung von mehreren Hundert andrängenden Menschen zusammmgcbrochen ist.

Uebcr die Verhältnifie in den deutschen Schutz­gebieten von Kamerun und Togo werden derNordd. Allg. Ztq." folgende Nachrichten mitgeteilt, welche bis zum 1. Aprll d.J. reichen: Im Laufe des Monats März ist der Friede mit dem Joß-Stamm wiederhergestellt worden. Derselbe unterwarf sich den ihm vom Kontreadmiral Knorr gestellten Bedingungen und verpflichtete sich, auf den von der deutschen Regierung beanspruchten Teil des früheren Joß-DorfeS zu verzichten und die Mörder des Herrn PanläniuS auszu­liefern. Die Streitigkeiten zwischen King Bell einerseits und dem Bunjo-Bolke und dem Hickory-Stamm anderer­seits sind beigelegt worden, desgleichen die damit in Ver­bindung stehenden Zerwürfnifie zwischen den mit King Bell verbündeten Häuptlingen von Kamerun und den Ober- häuptlingen von Abo und Wahpaki in den Weg friedlicher Verhandlungen geleitet. Dem entschlossenen Auftreten von Lock Prtso in Bunjo und besonders dem verständigen Ein­fluß des von den dlutschen Behörden als Dolmetschers be­nutzten David Minton auf feine Landsleute ist es zu danken, daß die Feindseligkeiten gegen King Bell eingestellt worden sind und der Handel nach Bakundo den Mungo hinauf freigegeben. King Bell hat sofort den Verkehr mit Bakundo wieder eröffnet und will gemeinschaftlich mit Lock Priso größere Handelszüge nach Bakundo und Bunjo unternehmen. Die Abo-Häuptlinge King Leva und King Murlle hatten die deutsche Regierung ersucht, ihre Streitigkeiten mit King Bell zu einer für sie günstigen Erledigung zu führen. Darauf wurde zunächst der Handel mit Abo vorläufig wieder freigegebeu. Wenn auch die Anhänger des Kmg Aqua mit Vergnügen sahen, daß dem King Bell auf dem Mungo Schwierigkeiten von den Aboleuten bereitet werden, so sind doch sämtliche Kamcrunleute vorläufig noch einig im Widerstand gegen die Forderung der Oberhäuptlinge von Abo, in direkten Verkehr mit den Europäern zu treten uni Faktoreien zu unterhalten. Nack Meinung Sachver­ständiger ist übrigens gegründete Aussicht vorhanden sowohl auf Eröffnung eines direkten Handels der Weißen mit dem Hinterland als auf Beseitigung des nach jeder Richtung hin schädlich wirkenden Zwischenhandels. In Bimbia war die Ruhe nicht gestört. Die Streitigkeiten der dortigen Häuptlinge und der Wörwannscheu Faktorei mit dem Häupt­ling N'Dumbe King William waren beigelegt. Ein fernerer Streit zwischen den Häuptlingen von Bimbia und denen der Bakwiri wegen Tötung des alten King William von Bimbia soll unter Vermittlung der deutschen Regierung geschlichtet werden; alsdann wollen die Häuptlinge einen von der deutschen Regierung zu bestätigenden König wählen. Nachdem im gesamten Gebiet der Kolonie Kamerun wieder Friede und Ordnung geschaffen waren, hatte Kontreadmiral

Knorr den Belagerungszustand am 1. April d. I. auf­gehoben und die Leitung der Angelegenheiten der Kolonie wieder In die Hände des Kaiserlichen Kommifiars zurück­gegeben. Durch S. M. S.Olga" wurde die Ruhe im Togogebiet hergestellt und die Grenze zwischen demselben und der englischen Goldküstenkolonie bis auf eine den beider­seitigen Regierungen zur Entscheidung vorbehalteue Differenz kommissarisch bestimmt. In Bagida int Togogebiet wurde an Stelle des abgesetzten Häuptlings Garsu ein neuer Häuptling eingesetzt. Der britische Unterthan Thos. D. William, welcher Faktoreien in Bagida, Lome und Quit- tah besitzt, hatte den Teil eines öffentlichen Platzes in Bagida, auf welchem der General-Konsul Dr. Nach­tigal einen Flaggen - Mast errichtet und die deuffche Flagge gehißt hatte, ohne weiteres durch hohe Zäune ein- gefriedigt und bebaut, nachdem er den Flaggenmast nieder­gelegt hatte. Da er trotz wiederholter schriftlicher Vor­ladung nicht erschien, um sich zu rechtfertigen, so ist ihm eine Ordnungsstrafe von 15 Pfund Sterling auferlegt worden. Die Zäune wurden abgebrochen, die Beseitigung der Gebäude binnen drei Tagen angeordnet, der Flaggen­mast wieder aufgerichtet und die deutsche Flagge gehißt. Der Korvettenkapitän Bendemann hat daraus die Grenz- Regulierung mit dem vom englischen Gouverneur der Goldküste William G. A. Aoung zum Kommiffar er­nannten Kapitän Dudley unternommen. Die Grenze wurde am Strande um etwa eine halbe Seemeile nach Westen hinausgeschoben, wodurch das von Lome aus angelegte Fischerdorf Kudjobe-Kofi dem deutschen Togebiete wieder einverleibt wird. Bezüglich deS Dorfes Afagbo, in welchem sich ein englischer Polizeiposten von Haufia - Eingeborenen befindet und welches deshalb von Wichtigkeit ist, weil eine Haupthandelsstraße nach dem Innern hiudurchführt, war eine Einigung vorläufig nicht zu erzielen. Der Kapitän Bendemann konnte mit Rücksicht auf die Aussagen der vernommenen Zeugen nicht anerkennen, daß das Dorf zu dem englischen Aflowhugebiet gehört. ES ist deshalb die Entscheidung den höheren Behörden Vorbehalten worden.

Wilhelmshaven, 6. Juni. Der hier vom Aviso Pommerania" am 3.d.MtS. eingeschleppte englische Fisch­kutterScheine" aus Jarmouth ist heute wieder in Frei­heit geletzt und in See gegangen, nachdem ihm zuvor sämt­liche Fischergeräte obgenommen worden sind. Der Kapitän des Fahrzeuges befindet sich vorläufig noch in Unter­suchungshaft. Seitens der Admiralität ist von der olden- burgisch portugiesischen Dampfschiffsgesellschaft der Dampfer Portugal" gechartert worden. Derselbe verläßt schon am 10. d. Mts. Hamburg und geht nach Kamerun in See. Die Befrachtung des Schiffes besteht aus Proviant und Schiffsutensilien, die von hier per Bahn nach Hamburg transportiert worden sind. Gleichzeitig führt der genannte Dampfer auch das für den KreuzerMöve" bestimmte

Im Bau» des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

In seinen gramn Augen blitzte es zuweilen seltsam auf, wenn das Gespräch eine ihn besonders feffelnde Wen­dung nahm; dann wurden auch die Bewegungen seiner Hände rascher, und ein krampfhaftes Zucken, ein wiederholtes Otffnen und Schließen derselben schien den Grad der inneren Erregtheit anzudeuten, in welcher er sich befand. Die Klei­dung war nach modernstem Schnitte und die Wäsche von äußerster Sauberkeit.

Sein G-fährte war etwa ein Jahrzehnt jünger, größer und kräftiger ols der andere und im Gegensatz zu diesem von auffallend ruhiger Haltung. Keine MuSkel seines vollen, von Gesundheit zeugenden Antlitzes zuckte, wenn er sprach, nur in den dunklen Augen ruhte der Ausdruck von Ver­schlagenheit, der sich hin und wieder bis zur tückischen Hinterlist zu steigern schien. Aber nur ein scharfer.', auf­merksamer Beobachter vermochte dies zu bemerken, denn rasch und flüchtig wie ein Schatten schwebte diese häßliche Eharaktereigenschast über fein Gesicht, dann nahm eS sofort wieder seine frühere scheinbare Unbefangenheit und Ruhe an. Auch er war wie sein Gegenüber auf daS Eleganteste gekleidet; eine schwere, goldene Uhrkette wiegte sich auf der Weste, und an den Fingern der feinen fleischigen Hände blitzten mehrere Brillantringe.

Die Musik spielte die geräuschvolleTannhäuser- Ouvertüre" und zwang dir beiden Herren, ihr ohnehin leise geführtes Gespräch abzubrechen. Ader man merkte eS ihnen an, daß ihre Gedanken nicht dm schwellenden Tönen folgten, Indern sich offenbar mit ganz anderen Dingen beschiftigteu.

WoS gecevken Sie jetzt zu thun, Herr Graf?" fragte der jüngere der Beiden, als das Orchester endlich schwieg, indem sein Auge forschend auf dem Antlitze deS Andern ruhte.

Der Gefragte zuckte die Achseln.

Ein TembrowSki kommt nicht so leicht in Verlegenheit," versetzte er nach einigem Besinnen in fremdländischer, den Polen verratender Betonung,diesmal aber bin ich in der Thai ratlos."

In einem halben Jahre ist Ihr Neffe und Mündel majorenn und wird die Verwaltung seines Vermögens selbst übernehmen wollen," fuhr Jener fort, die blendend weißen Manchetten unter dem Rockärmel hervorzfihevd.

Sie werden Rechnung oblegen und die Jhnm anver­trauten Gelder herauSgeben müfien."

Einen Augenblick lang war in den Augen deS Mannes wieder jener tückische Ausdruck sichtbar, aber nur einen Augenblick.

Weshalb sagen Sie mir Dinge, die ich längst weiß, an die ich aber nicht erinnert fein mag?" rief der Graf in der Erregung lauter, als eS feine Absicht war.Ich rechne auf Jhrm juristischen Rat, auf Ihren Beistand, Herr Doktor Praß, verzichte aber durchaus auf verletzende Bc- metfungen, wie die eben gehörte."

Seine Hände griffen lebhaft in die Luft, das sicherste Zeichen, daß eS in feinem Innern kochte und wallte.

Machen wir uns die Situation klar, Herr Graf, das ist durchaus nötig, um ein Urteil zu gewinnen und einen Entschluß zu faffen," versetzte der Jurist mit unerschütter­licher Ruhe.

Wie der Arzt erst den Kranken untersuchen und un­erbittlich dem Uebel nachforschen muß, ehe er Diagnose stellen und Mittel zur Bekämpfung deS Leiden- anwmdeu,

kann, so auch wir. Gehen auch wir der Sache genau und schonungslos nach, dringen wir bis auf den Grund derselben, und dann laffen Sie uns sehen, auf welche Weise Abhilfe zu schaffen ist."

Ihr Rat hat sich bisher immer bewährt, Doktor, und deshalb habe ich Sie auch hier wieder ins Vertrauen ge­zogen," sagte der Pole in beruhigterem Tone;aber Sie werden Jhrm ganzen Scharfsinn aufbieten müfien, nm diese dumme Geschichte zu einem für mich glücklichen Ende zu führen. Ich lege die Angelegenheit in Ihre Hand, auf mich werden Sie dabei freilich wenig rechnen dürfen.

Dcttor Praß nickte.

ES wird seine großm, vielleicht unüberwindlichen Schwierigkettm haben, eine Wendung zn Jhrm Gunsten herbeizuführen, indessen wüffen wir e« versuchen," versetzte er nachdenklich.

Je unerschrockener wir einer drohenden Gefahr ent­gegen treten, um so mehr verliert sie ihre Schrecknifie; kaltes Blut und festes Lossteuern auf ein bestimmtes Ziel habm schon manche scheinbar nicht zu übersteigenden Hindemiffe beseitigt. An Gewlsserisskrupeln dürfen Sie freilich nicht leiden, Herr Graf," fügte er mit leiser, nut diesem vernehm­barer Stimme hinzu.

Warum nicht gat l" versicherte TembrowSki leichthin, solche Schwächen sind längst Überwunden."

Wo befindet sich Ihr Neffe jetzt?" fragte der Doktor.

Den Winter hat er in Nizza zugebracht, seit dem Früh­jahre lebt er in Paris," entgegnete der Graf.Aber da» Leben Inder französischen Hauptstadt scheint ihm zumUebrr- drufie zu sein, denn er hat dir Absicht, die Saison hier in Dresden zuzubringen.' (Fortsetzung folgt.)