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JRarÜUtg, Sonntag, 7. Juni 1885.
XX. JahkMg.
flrfdbeint täglich außer an «vrttagen nach Sonn« und Kurtagen. — Quartal« SbonnementS-Preisbei der Btion SV. Mk.. bei U Postämter 2 Mk. 50 «ffl (erd. Bestellgeld), qnsertionsgebahr für die Ltene Zelle 10 «fg. Wamen für die Zelle
25 Pf«.
(Dlicrljeffifilic jfitimii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien; RudvlfMoffe in Frankfurt a. M-, Berlin,München und KLln: B. L. Daube und tto. in Frarckfurt a. M, Berlin,Hannover u. Pari-.
Kiöchciltliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Bestellungen für den Monat Juni auf die Oberhesfifche Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegen« genommen.
Aus dem Lande nehmen die Landpoftboten Bestellungen an.
Exped. der Oberh. Ztg.
‘ Die Ratural - Berpfleguugsstatioueu
zehren stch in erfreulicher Weife. Im Februar d. I. berichtete der KreiShauptmanu v. Mastow (aus Oldenstadt, Hannover) über die Ergebnifle seiner Untersuchung, daß die Gesamtzahl in Preußen auf 721 gestiegm ist. Die Ziffern stellten stch nämlich auf 54 und 15 für beide Preußen, 59 Pommern, 119 Brandenburg, 10 Posen, 23 Schlesien, 157 Sachsen. Für die anderen Provinzen fehlen die Angaben. Wettere Stationen sind im Königreich Sachsen 26, Layrrn 46, Württemberg 285 (dieses kleine Land wett« eifert bekanntlich schon lange in rühmenswerter Weise mit Westfalen in Entwickelung des Instituts), neuerdings hat stch auch Baden mit 369 angeschloffen, H ssen mit 31, Sachsen Weimar mit 24, Sachsen - Coburg - Gotha mit 22, Anhalt und Braunschweig mit je 9, Sachsen - Altenburg mit 8, Sachsen-Meiningen mit 7, Lippe-Detmold mit 5; Schwarzburg-SonderShauseu besitzt 3, Waldeck 3, Schwarzburg-Rudolstadt 1, Bremen 1, die Reichslande nur 1, Hamburg, Lübeck, beide Mecklenburg u. a. noch gar keine. Zu wünschen wäre — was wohl bereits beabsichtigt ist und, sobald noch mehr Material eingegangen, ausgeführt wirv — ein NamenLverzeichuiS und eine kartographische Darstellung dcS ganzen Netzes, um die Dichtigkeit der Maschen und feine großen Lücken recht anschaulich zu machen.
Warum fehlen nun aber in vielen Bezirken Stationen noch ganz und warum sind sie in anderen noä> so spärlich?
An manchen Orten zögert man, weil stch keine Arbeiterkolonie in der Nähe befindet, aber mit Unrecht, denn die Stationen sollen ja keineswegs bloß dienen, jener Leute zu- zuweijen, sondern vor allem „arme Wanderer* durch Be- speisung und Nachtquartier vom Bettel abhalten. Dann heißt es in den Antworten: solche Stationen helfen wohl in Städten und in großen, an einer Chauffee liegenden Dörfern, nicht aber an kleinen, abgelegenen Orten. Dagegen streitet jedoch die Erfahrung, daß durch Gründung von Stationen auch an jenen Orten die Bettelei stark abgeuommen hat. Schwerer als diese beiden Gründe wiegt ein dritter: daß man durch Errichtung einer BerpflegungSstation, sofern in Nachbarkreisen keine ist, Vaganten maffenhaft herbeiziehe. Dagegen läßt stch nichts thun, als für Ausfüllung des Netzes von Pflegestellen unermüdlich agitieren und gemeinsames Vorgehen anzubahnen. Urberall dürfen diese nicht zu nahe an die Grenze des Nachbarbezirks gelegt werden. Vielfach fehlt eS an Geldmitteln, weil die Kretsstände nichts bewilligen. Auch hier kann nur fortwährendes Mahnen
und Drängen etwas durchsetzen. — Wie rührig die be« treffenden Vereine find, mag der Umstand beweisen, daß 159 Stationen von Vereinen, 760 von Kreisen, 272 von Kommunen unterhalt« werden.
957 Stationen melden, daß sie k-ine Arbeit verlangen, 304 fordern solche. 1038 Antworten lauteten: die Wander« bettelet hat abgenommen, 180: sie hat ganz aufgehört, 112: sie ist unverändert und 4: sie hat zugenommen. Die Zahl der eigentlichen „Stromer* wird von 908 Stationen als vermindert angegeben, gegen 219 dies verneinende.—Ueber das Verhalten der Leute heißt es: 954 mal gut, 317 mal befriedigend und nur 41 mal schlecht.
In Herrn v. MaffowS Kreise betrug die Unterhaltung der Stationen pro Jahr 5000 Mk. Rechne er bei der Wanderbettelei pro Wohnhaus und Tag 1 Pf. Almosen, so belaufe stch dies auf 16000 Mk., Ersparnis mithin 11000 Mk. Viele Gemeindevorsteher erboten stch, wenn die Kreisstände nichts bewilligten, ihrerseits das erforderliche Geld zu zahlen, um nur die Bettelei los zu werden.
Alle seitherigen Erfahrungen lasten keinen Zweifel, daß schon die bereits gegründeten Arbeiterkolonien und Pflegestellen in ihrem Bezirke die Wanderbettelei stark verringert, hier und da so gut als beseitigt, ja sogar einen günstigen Einfluß auf die gesamte deutsche Arbeiterschaft geübt haben. Noch größer und haadgreiflicher werden stch die Erfolge gestalten, sobald das Werk weiter gediehen, das Netz ver« vollständigt ist.
Je allgemeiner man begreift, wie wichtig, ja wie notwendig eS ist, Arbeitsgelegenheit zu schaffen, umsomehr wird man geneigt sein, von einer im gewöhnlichen Sinne und sofort für die Station „lukrativen* Arbeitsleistung, wenn solche nicht thuulich, abzusehcn. Kommt ein Gast im Winter abends an, so kann er nur als Entgelt für Nachtquartier am nächsten Morgen etwa 2 Stunden arbeiten, muß dann weiter ziehen, für das Mittagsbrot wieder 1 Stunde arbeiten, dazu 4—5 Meilen marschieren. Mehr ist nicht zu fordern. Bon diesem Grundsätze ausgehend, ist nach MaffowS Versicherung überall Arbeit zu beschaffen; hier giebt es Straßen zu reinigen, dort Kom- posthmfeu umzuarbeitcn, Holz oder Steine zu verkleinern, ein Gartenstück umzugraben und dergl. Ein alter Feldhüter, Nachtwächter oder halbinvalider Handwerker dient als Aufseher.
Kurz, bieten wir doch alles auf, für die als fruchtbar bewährte Idee zu werben und zum Handanlegen unablässig anzutreiben. Keineswegs blos um ein christliches Liebes« werk handelt eS stch, sondern zugleich um eine zweifellos vorteilhafte Anlage von Geld und Mühe, auch materiell vorteilhaft für Familien, Gemeinden und die Nation.
Deutsche» Reich.
Berlin, 5. Juni. D r die Wiesergenesung des Kaisers von Tag zu Tag die erfreulichsten Fortschritte macht, so
hatte er auch befohlen, daß ihm am Donnerstag Mittag die L ute der „Olga*, welche vor seinem Palais Posten gestanden, vorgestellt würden. Diese freudige Nachricht überbrachte der Chef der Admiralität, Generalleutnant von Caprivi, den Leuten, der sich in Begleitung de» Kommandanten der „Olga*, Korvettenkapitäns Bendemann, zu diesem Zweck nach der KöntgSwache begeben hatte. BerritS um 12V» Uhr war der letzte Doppelposten der Matrosen eingezogen und als bald darauf die Wache abgelöst wurde, marschierte das Detachement unter Führung des Obermaat Heldt, von dem demselben zugeteilten Schiffsjungen geschloffen, quer Über den Platz am Opernhause die Rampe zum PalaiS hinauf. Im Fahnenzimmer hatte der Kaifer inzwischen den General v. Caprivi, den Korvettenkapitän Bendemann und den Leutnant v. Etzel vom Seebataillon empfangen und ließ, als die Ankuust der Matrofen gemeldet wurde, diese sogleich in dasselbe Zimmer eintreten. Die Leute, die mit Gewehrauf in zwei Gliedern angetrrten waren, wurden durch den Korvettenkapitän Bendemann namentlich dem Kaiser vorgestellt, und von diesem sodann der Reihe nach über ihre Heimat, ihre Erlebniffe und Über ihre spezielle Beteiligung an dem Kampfe in Kamerun befragt, wobei der hohe Herr rin äußerst reges Jntcreffe für die kleinsten Details zeigte und die Erzählungen der Leute mit Spannung anhörte. Dann hielt der Monarch eine Ansprache an die Matrosen, belobte sie für ihren Mut und ihre Tapferkeit und gab jedem von ihnen die Hand. Wie eingehend sich der Kaiser Über alles Bericht erstatten ließ, geht zur Genüge daraus hervor, daß die Audienz der Offiziere und die Vorstellung der Mannschaften von 12% bis IVr Uhr, also genau % Stunden währte. Hierauf trat das Detachement auf die Rampe des Palais wieder in Reih unb Glied und marschierte nach der Füsilier« Kaserne des 2. Garderegiments in der Karlstraße zurück. — Als die Matrosen die Rampe verließen, trat Se. Majestät der Kaiser an das eine Fenster des Fahnenzimmers und wurde von dem Publikum mit stürmischen Hochrufen, die sich weiter unb weiter fortpflanzten, begrüßt. Der Kaiser, heiteren Antlitzes, verbeugte stch mehrmals gegen die Jubelnden, bevor er sich zurückzog. — Der Kronprinz ist nachmittags um 2 Uhr nach Sigmaringen abgereist. — Während der Abwesenheit de« Reichskanzler« Fürsten von Bismarck von Berlin dürfen demselben weder amtliche noch nichtamtliche Schriftstücke vorgelegt oder nachgesandt werden. ES ist deshalb auf eine Beantwortung derselben nicht zu rechnen. — Dem Herrn Reichskanzler find wiederholt und aus verschiedenen Landesteilen al« begründet nachgewiesenen Klagen zugegangen, daß das kursierende Kleingeld für die Bedürfnisie des Verkehr« nicht genügt und namentlich auf dem Lande die Beschaffung von Kleingeld auf Schwierigkeiten stößt, so daß dort zum Teil für die kleineren Münz- {orten Aufgeld bezahlt und bet Bedarf durch Abkommen mit kaufmännischen Unternehme« wochenweise stchergestell^
Im Bau« des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
(Forts -tzung.)
„Du lieber Gott*, sagte die Aufwartefrau be« Maler«, „bem armen Kiube habe ich manche« Weißbrod zugesteckt, wenn ich kam, um die Wohnung in Ordnung zu bringen; aber der Vater durste beileibe nichts davon erfahren; er wollte seine Armut nicht merken lass«.'
„Also arm ist sie — desto bester I* sagte der Maler zu sich selbst, und zu der Frau gewendet, fuhr er bann fort: „Hielt sich daS Mäbchen stets bei ihrem Vater auf? Ich sah sie noch nie, obgleich ich täglich unwillkürlich unzählige Male die Blicke nach dem Hause «ende, wenn ich an der Staffelei sitze.*
„Der alte Hertling läßt die Tochter nicht aus ben Bugen, er behütet und bewahrt sie mit fast übertriebener Bengstlichkeit*, erzählte Frau Sträuber, während sie emsig und geräufchvoll im Zimmer umherging, hier einen Stuhl an seinen Platz rückte, dort säubernd über den Tisch fuhr oder ein Kleidungsstück an den Nagel hing. „Als sie das Stricken lernte; begleitete er sie stets bis an die Thür ihrer Lehrerin und holte sie auch auf da« gewisteuhafteste ob; selbst jetzt noch, wo sie für ein Geschäft in der Innern Stadt arbeitet, geht er mit ihr, wenn sie Arbeit abliefert, damit sie ja nicht zu Schaden komme.'
„Da« ist ja ein wahres Muster von väterlicher Liebe Und Zärtlichkett', warf Herbert ein, der von dem Berichte der Frau nicht sonderlich erbaut war, denn die strenge Mstcht be« Vater« ließ ein Zusammentreffen mit Agne« W unmöglich erscheinen. Ist der Mann sonst zugänglich s»«d freundlich?*
„Zugänglich unb freundlich?" fragte die Frau verwundert zurück, als habe sie nicht recht gehört.
„Lachen sah ich ihn noch nie, um ein freundliche« Wort habe ich auch nicht von ihm gehört. Selbst mit seiner Tochter scherzt er nicht, obgleich er freilich wohl auch noch nie mit ihr gezankt hat; gegen Fremde aber ist er förmlich und zugeknöpft, mürrisch und wortkarg, — ein alter, trockener Akienmmich.'
Der Künstler wanderte unruhig im Zimmer auf und ab, die Mitteilungen lauteten für seine Absichten und Zweck- wenig ermuiigend.
„Agnes arbeitet für ein Tapifferiegeschäft?* fragte er dann, vor Sträuber stehen bleibend.
Jene nickte.
„Sie ist sehr fleißig, und daher mag es wohl auch kommen, daß Sie sie noch nicht sahen,* entgegnete sie. „Diese Arbeit wird schlecht bezahlt, und man darf nicht oft von derselben aufblicken, weuu man einen nennenswerten Verdienst erzielen will.
„Unb die Leute bort drüben können jeden Groschen brauchen, der ihre dürftigen Berhältniffe ein weni , erleichtert; da» fühlt das Mädchen und dämm sitzt sie von früh bis abend« über ihre Stickerei gebückt, unb nur bie Zeit, welche zm Bereitung ves bischen ärmlichen MittagSbrodeS erforderlich ist, darbt sie sich von der Arbett ab.'
„Das ist sehr traurig; da« Kind hat ein beffere« Los verdient I* meinte Herbert im Tone inniger Teilnahme, und wieder schweifte sein Blick hinüber nach ben Fenstern mit den bunten Vorhängen; aber bet liebliche Mädchenkopf erschien nicht, so sehnsüchtig auch der Maler nach ihm verlangte,
„Sonst noch etwas zu besorgen, Herr Wallburg?' fragte die Frau, indem sie die Arbeitsschürze losband und stch ein saubere« gleich,rttgeSKletvungSstÜck um die Hüsten legte.
„Teilen Sie mir alle« mit, was Sie über ben pensionierten Registrator und seineTochter erfahren, Frau Sträuber,' erwiderte der Gefragte.
„Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich für Agne« ein mehr als dlos flüchtiges Jntereffe hege und mich ihr gern persönlich nähern möchte. Können Sie mir dazu behülflich sein, so dürfen Sie aus meine Erkenntlichkeit rechnen, Sie wiffen, es kommt mir auf eine angemessene Belohnung Ihrer Dienste nicht au.*
Er mochte mit bem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Bewegung de« Geldzählen«.
„Ich weiß, ich weiß!' fiel Fran Sträuber rasch ein, „ganz da- Gegenteil von dem alten Hertling, der mir von ben sauer verdienten paar Groschen noch manchen Fünf- pfenniger abgezwickt hat. Aber da fällt mir ein, daß einmal des Tages Agnes doch auf einige Minuten allein zu sprech« ist, nämlich früh morgens, wenn der Vater da« Frühstück holt, wa« er stets selbst zu besorgen pflegt. Wenn Sie also ein Briefchen, Sträußchen oder etwa« Aehnliche« zu besorgen haben--"
Sie vollendete den Satz nicht, sondern schaute mit verschmitztem Lächeln auf ben jungen Mann. Der Nachsatz war freilich nicht schwer zu erraten.
„Vielleicht komme ich in diese Lage, Frau Sträuber: und daun rechne ich auf Sie,' versicherte Herbert. „Für jetzt bedarf ich Ihrer nicht mehr.' (Fortsetzung folgt.)