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Marburg, Sonnabend, 6. Juni 1885.
XX. Jahrgang.
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Berlin,Hannover u. PariS-
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______________________Exped. -er Oberh. Ztg.
Deutscher Reich.
Berlin, 4. Juni. Der Kaiser, welcher gut geschlafen hat, empfängt nachmittags um 1 Uhr den Chef der Admiralität, General v. Caprivi, welcher die Matrosen der .Olga" vorstellt, die vor dem Kaiserpalais Posten gestanden haben. — Der „Reichsanzeiger* meldet: Die Genesung des Kaisers schreitet ohne Störung in erwünschter Weise fort. — Der Kaiser richtete bet dem heute nachmittag stattgehabten Empfange des Leutnants von Etzfl und einzelner Mann- fchafteu der Kreuzerkorvette „Olga* huldvolle Worte an dieselben! Der Empfang, welchem auch die Frau Großherzogin von Baden beiwohnte, dauerte 20 Minuten. — Als der Kaiser nach der Rückkehr des Prinzen Heinrich von einer fast zweijährigen Seereife auf der Kreuzerkorvette „Olga* dessen mllitärischen Begleiter, Korvetten-Kapitän Freiherr» von Seckeudorff, zu seinem Flügeladjutanten ernannte, war dies eine Auszeichnung, wie sie bis dahin in der Marine noch nicht vorgekommea war. Wiederum ist eö die „Olga*, deren Offiziere und Mannschaften durch ihren kriegerischen Mut, den fie zur Respektierung der deutschen Flagge gegen die Wilden bewiesen, dem Allerhöchsten Kriegsherrn zu Gnadenbeweisen und Auszeichnungen Veranlassung gegeben hat. ES ist das erstemal, daß am Mittwoch Mannschaften der Marine den Ehrenposten vor Sr. Majestät Palais bezogen haben, nachdem seit dem unglücklichen Attentat am 2. Juni 1878 überhaupt nur die Infanterie hierzu kommandiert woroen ist, während vordem daselbst auch Kavallerie- und Trainposteu aufzogen. Das am Dienstag Abend 11 */2 Uhr von Kiel hier eingetrvffene Wachtkom- mando meldete sich in Gegenwart des Leutnants v. Etzel, der für seine Tapferkeit in Kamerun mit dem Roten Adlerorden vierter Klasie mit Schwertern dekoriert worden ist, unter Fühlung des Obermaat Heldt bei dem wachthabenden Osfizier auf der KönigSwache am Kastanlenwäldchen zum 24stündigen Postendienst vor dem Eingang zum Palais. Als die neu aufziehende, vom Kaiser-Al«xander-Regiment gestellte Wache, welche einen Umweg gemacht hatte, um hinter der Universität hervor mit Musik bet den Fenstern deS Kaisers zu defilieren, der sich zum allgemeinen Leidwesen deS Publikum« aber nicht zeigte, obwohl er zu dieser Zett bereits das Bett Verlusten hatte, tn da« Gitter der KönigSwache einmarschtert war und der Osfizier daS Kommando: „Gefrettm vorl* gegeben, trat der Obermaat, ein stämmiger Seemann mit wrttergcbräuntem Gesicht, das von
Im Bau« des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
ES war ihm, als wüste er dieses reizende Mädchen- aogestcht schon irgendwo ges hen haben, al« fd es ihm schon einmal in seiner ganzen wunderbaren Schönheit vor die Augen gekommen; er strengte sein Gedächtnis au, um sich der früheren Begegnung zu erinnern, aber es war vergebens und nur ein Mtniatnrbtld von Diego Velasquez, das er oft in der DreSrener Gemäldegalerie bewundert hatte, trat ihm vor die Seele und führte ihm die Züge des Mädchens da oben mit wahrhaft überraschender Naturtreue vor, obgleich das kleine, auf ein Porzellanblättchea gemalte BUd über zweihundert Jahr Stier war als da« frische rotwangige Konterfei, welches fett einigen Minuten die Sinne des Künstlers gefangen hielt.
Das Mädchen beugte sich jetzt zum Fenster hinaus, um den Flügel, welcher als Spiel des Windes timte, zu befestigen, dabei fiel chr Blick auf das Atelier de« Malers, einige Sekunden lang schaute sie auf dm jungen Mann, dann zog sie sich errötend tn den Hintergrund des Zimmers zurück, da« Fenster fchließend.
Dem Beobachter in der Küustlerwerkstätte aber fchirn t« als bewegte sich drüben der tadellos saubere aber nur aus rotbedruckttm Kattun bestehende Vorhang, als lausche Jemand der ungesehen zu bleiben wünsche, hinter demselben.
Lange stand der Maler, aber seine Hoffnung, da« bezaubernde Antlitz wieder am Fenster erscheinen zu sehen erfüllte sich nicht; gedankenvoll trat er rndltch zur Staffelei zurück, um seine Arbeit wieder aufzunehmrn.
Doch so sehr er sich auch bemühte, das Bild de« Mädchen« io« zu werdm, — c« gelang ihm nicht. Au« dem
einem blonden Vollbart umsäumt ist, die Brust mit dem Militär - Ehrenzeichen 2. Klasse geschmückt, zur Linken des aufführenden Gefreiten, und auf das Kommando: „Ablösung vor!' die betdrn Marinesoldatrn Regen und Pöhlke, letzterer ebenfalls mit dem Militär - Ehrenzeichen dekoriert, vor die beiden ersteren. Auf das Kommando: „Abmarschiert l* trat die neue Ablösung sodann den Marsch nach dem Palais an, von einer nach Hunderten zählenden Volksmenge begleitet. DaS Auslugen sind die Seeleute ja gewohnt, und deshalb ließen die beiden neuen Posten von der Rampe de« Palais aus auch gleich ihre SeemanuSaugen nach allen Sdten, Achtung gebend, ausschweifen. Das erste Honneur, welches sie nach ihrem Aufziehen zu erweisen, geschah vor dem Ftügeladjutanten Major Heinrich XVIII. Prinzen Reich, welcher sich zum Dienste bei Sr. Majestät in das Palais begab. Bald darauf erschien ein Unteroffizier der Wache auf der Rampe, um ihnen in Gegenwart de« Obermaat die Wachtinstruktion vorzulefen. Wie es heißt, werden die Mauu- fchasten der «Olga* bis zum Sonntag tn Berlin bleiben. — Der „ReichSanz * publiziert die Erhebung des ProfefforS Bolkmann (Halle) in den Adelstand.—Die braunschweigische Erbsolgefrage ist noch nicht auf die Tagesordnung der morgigen Sitzung de« Bundesrats gestellt worden, da seitens einiger Souveräne noch keine Instruktionen für ihre Bevollmächtigten etngegangen sind. Die Arbeiten de« Bundesrates dürften noch einige Wochen in Anspruch nehmrn. — Frhr. v. Sodm, bisheriger deutscher G.'neral - Konsul in St. Petersburg, nunmehriger Kaiserlicher deutscher Gouverneur von Kamerun, Regierungs-Referendar v. Puttkamer, Attache des Gouverneurs, RegierungS Affeffor v. Falkenthal, Kaiserlich deutscher Kommiffar und kommiffarischer Konsul im Togogebiete, haben sich am Montag in Hamburg an Bord der „Erna Woermann* nach ihren Bestimmungsorten eingeschiffk. — An Stelle drS nach Bukarest versetzten Unter« staatSsekretärS Busch wird wahrscheinlich der Direktor im Auswärtigen Amt, Graf Berchem, zum Bevollmächtigten im BundeSrat ernannt werden. — Die Stadtverordnetenversammlung lehnte nach lebhafter Debatte den Antrag Jrmer, die au- den landwirtschaftlichen Zöllen Berlin zufallenden Btträge bis zur definitiven Reform der städtischen Steuern zur gleichmäßigen Entlastung kleinerer Wohnungen von der Mietsteuer zu verwenden, mit 81 gegen 13 Stimmen zur Zeit ab, weil die Höhe der B-träge noch nicht feststeht. — Der Ge 'eralvikar der Kulmer Diözese, Anton Klingenberg, wurde, wie die „Pos. Ztg.* von zuverlässtger Seite erfährt, von der preußischen Regierung al« Kandidat für den erzbischöflichen Stuhl von Posen in Vorschlag gebracht. Kiingenberg sei ein Mann von großer Loyalität, Toleranz, der polnischen Sprache mächtig; er scheine geeignet, den Frieden zwischen den Nationalitäten in der Provinz anzubahnen. Die Begünstigung polnisch-nationaler Bestrebungen ist unbedingt ausgeschloffen.
L ubwerk seines Gemäldes schien eS ihn heiter lächelnd anzublicken, dir Wellen de« Baches, welcher stch zwischen den blumigen Ufern dahinschlängelte, bi« eine halbverfallene Mühle ihn zwang ihr dienstbar zu sein, trugrn daS liebliche Gesicht mit kosendem G murmel empor, daß e« verwundert auf den jungen Mann schaute und dann errötend in die Flut zurücksank; da« leicht-, weiße Gewölk, welches über bet Landschaft schwebte nahm unter dem Pinsel deS jugendlichen MusensohneS die Konturen eines schönen FraueakopfeS an und selbst daS einfache Landmädchen, welches mit der Sichel in der Hand den grünen Wiesenpfand entlang schritt, schien die Züge jener rätselhaften Erscheinung, welche plötzlich wie eine Fata Morgan« vor den Augen deS Malers «»'getaucht war, zu trage».
Zum zweitenmale legte er die Palette weg; eS war chm unmöglich, jetzt weiter zu arbesteu.
DaS gehaßte und oft verwünschte Hinterhaus erschien ihm jetzt wie ein Zaubcrpalast; barg es doch ein Juwel, wie e« die Phantasie des Künstlers nicht schöner erfinden konnte. Ob da« herrliche Mädchrn in dem unscheinbaren Gebäude wohnte und wie eS kam, daß er sie noch nie am Fenster gesehen, da« waren Rätsel, die er vergeblich zu lösen versuchte.
Et versank In ti.feS Sinnen.
Da klopfte es an die Thür und gleich darauf trat eine Frau herein, machte dem Rücken de« Malers, der ihr Kommen ganz überhörte, einen Knix und rief mit durchdringender Stimme: „Guten Tag, Herr Wallburg I*
Der Name Herbert Wallburg stand auf dem Porzellan- fchilo, welche« an der Wohnung de« Maler« führenden Thüre angebracht war.
Der junge Mau« wandte sich um «ad erwiderte den Bmß..
— Fürst Bismarck ist mit dem Grafen Wilhelm morgens um 8 Uhr 45 Mi». nach Kisflngen abgereist. — Fünfzig Jahre sind es heute, daß Otto v. Bismarck in den preußischen Staatsdienst trat. Es dürfte schwer sein, zu Ehren dieses TageS auch nur noch irgend etwas zu sagen, waS nicht zugleich ein Plagiat an den gleichviel ob klassischen oder uuklasstschen AuS-rücken de« nationalen Em- pfinderS wäre, wie sie zum 1. April in die Erscheinung traten. Aber auf eins kann und darf unsere« Erachten« doch auch heute noch einmal hingewieseu werden. Und zwar daraus, wie schwer es dem Kanzler im Laufe der 50 heute verstrichenen Jahre mitunter gemacht worden ist, ans seinem Platze auSznyarren. Hätte er nicht dm Glauben an seine Mission, feinen Patriotismus und das Vertrauen feine« Monarchen befeffen, die Dinge in Deutschland und in der Welt lägen heute ander«, al« sie erfreulicherweise liegen. Die« zu bedeukrn sei, meinen wir, heute eine der vornehmsten Pflichten jede« Deutschen. Im übrigen aber dürste e« für alle die, welche auch in trüben und schweren Tagen zu dem Kanzler und seinem Streben gestanden haben, keine größere Geouglhuung geben, al« wenn heute selbst die sogenannten Deutschfreistnnigen, gleichviel ob sie die Bekämpfung des Fürsten al« Sport- oder Uebcr« zeugungSsache getrieben haben, im Jnnerstrn ihre« Herze« ihr Wort, daS im schreiendsten Widerspruche mit dem „Niemals* unseres Kaisers stand, und da« da lautete „Fort mit Bismarck* verleugnen möchten. — Gott erhalte un« unseren leitenden Staatsmann noch viele Jahre l — An den Zentralvorstand der Bauernvereine thüringischer Staaten und angrenzender Länder, Herrn R. Zersch in Köstritz, ist folgende« Handschreiben des Reichskanzler« eingegangen: Berlin, 30. Mai 1885. DaS Telegramm vom 27. d. M. habe ich mit verbindlichem Danke erhalte» und bitte den Ausdruck desselben allen Denjenigen, welche mich durch diese sympathische Kundgebung erfreut haben, übermitteln zu wollen. Die Frage der Einführung der Doppelwährung unterliegt zur Zett der Prüfung feiten« der zuständigen Behörden. v. Bismarck.
— „Obwohl das Börsensteuergesetz erst am 1. Oktober d. IS. in Kraft treten soll, ist man in den beteiligten Ressorts angelegentlich damit beschäftigt, die für die Durchführung deSfelben wefentlichen Vorbereitungen, AuSführuugS- anweifungen u. f. w. zum Abschluß zu bringen. Denn e« liegt offenbar im Jntereffe sowohl der Beamten, welche jenes Gesetz handhaben, als de« Publikums, welches nach demselben sich richten soll, zeitig genug mit den Ausführungsanordnungen bekannt zu werden, daß sie stch völlig damit vertraut machen können, bevor daS Gesetz selbst zur Anwendung gelangt. Da daS Gesetz nicht aus der Initiative der Regierungen hervorgegangen ist, haben selbstverständlich auch diejenigen Vorbereitungen im voraus nicht getroffen werden könne», welche andernfalls e« ermöglichen,
„Sie kommen heute gerade zur rechten Zeit, Frau Sträuber, um mich mit Ihrer ausgezeichneten Lokllenntnls zu unterstützen,' sagte er, an Jene herantretend; „kenne» Sie die Bewohner diese« HauseS?*
Er faßte Frau Sträuber an der Schulter und drehte sie so weit herum, daß ihr Gesicht dem Fenster zugekehtt war, währrnd sein ausgestreckter Arm nach dem Gebäude beutete, daS jetzt sein ganze« Jntereffe tn Anspruch nahm.
Die Angeredete unterbrach die begonnene Arbeit des Aufräumens und schaute dem Maler mit dem Au-bruck der Verwunderung ins Gesicht.
ES wohnen sehr viele Leute dort,' versetzte fie, „ich glaube aber, ich kenne sie Alle. Da« Parterre ist an einen Schuhmacher vermietet —*
„Ach, was kümmert mich das Parterre und der Schuhmacher? unterbrach fie Herbert heftig, „dort, zwei Treppech wo die rotbedruckten Vorhänge stchtbar find, wohnt fie, wenigstens schaute sie dort zum Fenster heraus.*
„Ah, steht e« so, Hen Wallburg,* sagte die Aufwartefrau deS Maler«, und ein leichtes Wiegen de« Kopfe- fchim anzubeuten, baß st: völliges VerstänbniS für die Neigung de« junge« Manne« besitze. „Dann kann ich Ihm« dienen, dm» ich habe dem allen Herlling, der dort wohnt, fünf Jahre lang die Aufwartung besorgt Die Frau war längst gestorben »ns Agne«, fein einzige« Kind, «och zu klein, »« die Hauswirtschaft verrichten zu können. Aber e« ging manchmal recht knapp her dort drüben; die kleine Pension, die der alte Mann al- Registrator bezog, war immer schon in der Hälfte der Zeit, für die fie reichrn sollte, aufgezehrt und dann wurde Schmalhans Küchenmeister.
(Fortsetzung folgt.)