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JRatfiurg, Freitag, 5. Juni 1885.

Sr. 1*»

XX. Jahrgimg.

Erscheint täglich außer an ®»rltagcn nach Sonn- und «fiertagen. — Quartal- Zbonnements-PreiSbei der Expedition -8*/♦ $«., der S, Postämter 2 Mk. 50 6f» (erd- Bestellgeld). RsertionSgebühr für die Aalten- Zeile 10 Vs«. Kestamen für die Zeile 25 Vf«.

OIikrlskWik M«W.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. ÖL, Berlin,München und Köln: B. L. Daube und ®o. m Frankfurt a. M, B«rlin,Hannover u. Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

DM» Bestellungen für den Monat Juni auf die Oberhessische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl t>on der Post als der unterzeichneten Expedition entgegen« genommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboteu Bestellungen an»

______________________Exped. der Oberh. Ztg.

Deutscher Reich.

Berlin, 3. Juni. Der Kaiser hat gestern abend bis 9 Uhr gearbeitet und nachts sehr gut geschlafen. Er be­findet sich sehr wohl. — Heute ist der Tag dcS 50jährigen Dienstjubiläums des Fürsten Reichskanzlers. — Dem Bundes­rat wird in seiner nächsten Plenarsitzung der Entwurf einer Bekanntmachung, betreffend die äußersten Grenzen der im öffentlichen Verkehr noch zu duldenden Abweichungen der Maße und Meßwerkzeuge, Gewichte und Wagen an der absoluten Richtigkeit, vorgelegt werden. Der Entwurf be­handelt die Längemaße, die Flüssigkeitsmaße, Meßwerkzeuge für Flüssigkeiten und Meßflaschen, Fässer, Kohleumaße und Meßwerkzeuge für trockene Gegenstände, sowie Maßnahmen für Brennholz, Gewichte (speziell Goldmünzgewichte), Wagen, Aikoholmeter und Thermometer, endlich Gasmesser. Ferner wird folgendes festgesetzt: Bei denjenigen Gegenständen, welche auf Grund der Bekanntmachung vom 30. Oktober 1884 trotz sonstiger Abmachungen von den geltenden Vorschriften bis zum 31. Dezember 1888 bezw. bi« auf weiteres im öffentlichen Verkehr noch zulässig sein werden, sind die äußersten Grenzen der im öffentlichen Verkehr noch zu dul denden Abweichungen von der absoluten Richtigkeit die fol­genden: Bei Flüssigkeitsmaßen zu Vs, zu Vis und zu Vr Liter und bei den entsprechenden Raumgehaltsangaben der Meßwerkzeuge für Flüssigkeiten V50 des Soll-Raumgehalts; in Hohlmaßen für trockene Gegenstände zu Vs und Vis Liter V*s des Soll-Raumgehalts; bet Handelsgewichten zu 50 Pfund 8 Gramm; bei HandelSgewichten zu V2 Pfund 250 Milli­gramm ; bet PräzisionSgewichten zu 50 Pfund 4 Gramm; bet PräzisionSgewichten zu 1/2 Pfund 125 Milligramm. Der Gesetzentwurf lehnt sich an die vom Bundesrate be- fchlofsme Abänderung der Maß- und Gewichtsordnung und die im Anschluß daran erlassene Eichordnung vom 27. Dez. 1884 av. Die Kaiserliche Normal-EichungSkommisston hat den Entwurf der Bekanntmachung verfaßt un> mit einem besonderen Bericht begleitet. Der Reichskanzler hat den Entwurf und Bericht dem Bundesräte unterbreitet und thun- ltchster Beschleunigung empfohlen. An der Annahme ist wohl nicht zu zweifeln. —Dann hat der Reichskanzler dem BundeSrate vorgelegt: Die von dem Königlich preußischen bezw. von dem König!, bayerischen Kriegsmtntsterium auf gestellten Übersichten der Ergebnisse des HeereS-ErgänzungS« grfchäftS für das Jahr 1884. Bezüglich der Bezirke des 1. bis einschließlich 15. Armeekorps werden in dm alpha­betischen und Restanten'isten geführt 1210684 Mann.

Davon sind uneimittelt 33586, ohne Entschuldigung auS- gebltebm 111027, anderwärts gestellungspflichtig geworden 259524, zurückgestellt 540685, ausgeschlossen 1146, auS- gemustert 58665, der Ersatzceserve 1. Klaffe überwiesen 91344, der Ersatzreserve 2. Klaffe 46520, der Seewehr überwiesen 438, auSgehoben 124495, überzählig geblieben 15 945, freiwillig eingetreten 18309. Von den Ausgehobenen kommen auf das Heer 118575, zum Dienst ohne Waffe 3427, für die Flotte aus der Landbevölkerung 1020, aus der seemännischen Bevölkerung 1473. Wegen unerlaubter Auswanderung sind verurteilt aus der Landbevölkerung 16020, aus der seemännischen Bevölkerung 391, in Unter­suchung befanden sich noch 12265 aus der Land- und 453 auS der seemännischen Bevölkerung. In den Ecsatzbezirken des Königreichs Bayern stad in den alphabetischen und Restautmlisten geführt 114969 Mann. Wegen unerlaubter Auswanderung sind gerichtlich verurteilt 1393 und am Schluffe des vorigen Jahres befanden sich deswegen noch in Untersuchung 575 Mann. — Der LandeSeisenbahnrat trat heute vormittag 10 Uhr im großen Saale des Direktons- gebäudeS im Potsdamer Bahnhofe zu seiner 5. Sitzung zusammen. Die meisten auf Tarifermäßigungen gestellten Anträge wurden abgelehnt. Ein Punkt der Tagesordnung betraf die Anträge des Vereins für die bergbaulichen und Hütten-Jntereffen des Siegerlandes und der Handels­kammer in Siegen auf Frachtermäßigungen führ Kohlen, KokeS, Roheisen und Eisenfabrikate. Der Antrag wurde gestützt auf die ungünstige Lage des Eisenerz - Bergbaues des Siegerlandes. N ben stets wachsenden ProdukiionS- kosten sei eine allmählich zunehmende Wertvrrmtnderung der Qualitätsetsencrze eingetreten, welche zurückzuführen sei auf die Ausbreitung des sogenannten Thomas - Gilchriiischen Verfahrens, auf die Abnahme des Verbrauchs von Quält« tätS-Puddeleifen, auf die erhebliche Konkurrenz, welche durch die massenhafte Einfuhr von hochhaltigen spanischen und algierischen Eisenerzen dem Sieger Bergbau bereitet werde. Die Montan - Industrie des Siegerlandes sei vorzugsweise auf die Hochofen-Industrie des eigenen Bezirks als natür­liche Abnehmerin angewiesen und könne nur lebenskräftig durch den Hochofen- und Walzwerkbetrieb erhalten und von der großen Notlage befreit werden. Daher müßten die Produktionskosten dieser Werke herabgesetzt werden, was nur du ch den billigeren Bezug der Kohlen und KokeS und Ermäßigung der Exportfrachten zu ermöglichen sei. Dagegen wurde hervorgehoben, daß der Montanindustrie wesentlich durch billigere Eisenerzfrachten geholfen werden könne; diese werden von den Sieg-rlänrern abu zurück- gewiesen, weil hierdurch len Hüttenwerken im Ruhrgebiete eine Erleichterung verschafft werve. Andererseits ist im Interesse der letzteren eine Erschwerung der Einfuhr spa­nischer Erze ausgeschloffen. Der Ausschuß des LandeS- eisenbahnrats hatte beantragt, 1. den Antrag der Königl. Effenbahnürektion zu Elberfeld auf Gewährung

ermäßigter Exporttarife für Roheisen auS Rheinland und Westfalen mit der Maßgabe zu befürworten, daß dieselben auch auf die Jndustriebezirke der Provinz n Hessen- Nassau und Hannover ausgedehnt werden und nicht nur für den Verkehr nach den deutschen Nordseehäfen, sondern im Bedürfnisfalle auch nach anderen deutschen Exporthäsen Bedeutung erlangen sollten. Die weiteren Anträge auf Ermäßigung der Frachten für Kohlen, KokeS und Eisen­fabrikate jedoch abzulehnen. Die Anträge des Ausschusses werden vom Landeseisenbahnrate angenommen. — Vom 14. bis 16. Juni findet hier ein deutscher JnnungS- t a g statt. An dem JnuungStage können sich nicht nur Dele­gierte der Innungen unv handwerklichen Bereinigungen beteiligen, sondern auch einzelne selbständige Handwerker und Freunde deS Handwerks; ein Stimmrecht steht jedoch nur den Delegierten zu, und zwar jedem Delegierten eine, nicht übertragbare Stimme, je 1—100 Mitglieder einer Innung oder Handwerkervereinigung können sich durch je einen Delegierten vertreten lasten. In dem zum Innung«- tage einladen en Aufruf wird hervorgehoben: man stehe aus dem Standpunkte, das Gute, das das bestehende Jn- nungSgesetz von 1881 bietet, zum Wohle des Handwerks besten« auszunutzen und rein von dem Boden gemachter praktischer Erfahrunzen aus auf geeignete weitere gewerb- gesctzliche Reformen zu dringen. Auf Organisation und Zusammensetzung bestehender Handwerker Vereinigungen und -Verbände solle der JnnungStag in keiner Weise einwirken oder deren Selbständigkeit beeinflussen; sein Zweck solle eS fein, was zum Hauvwerk gehört, zur Zett aber noch ge­trennt dasteht, zu einigen.

Berti«, 3. Juni. Bezüglich deS jüngsten Artikels de» „Standarv", betreffend die deutschen Erwerbungen auf dem ostafrikantschen Festlande gegenüber von Zanzibar, bemerkt die ,Nordd. Allg. Ztg.": Der „Standard" äußerte sich dieser Tage über die deutschen Erwerbungen auf dem ost­afrikanischen Festlande gegenüber von Zanzibar und über die angeblich beabsichtigte Entsendung einiger Kriegsschiffe nach den dortigen Gewässern. An einige nicht zutreffenve und zum Teil nicht wohlwollende Ausführungen, auf die wir nicht eingehen wollen, knüpft daS Blatt die Bemerkung, daß Zanzibar ein unabhängiger Staat sei, daß aber, wenn dies nicht der Fall wäre, keine andere Macht ein größeres Anrecht auf die Herrschaft über Zavzibar besitzen würde als England, allein schon in feiner Eigenschaft als „Vor­mund" der 6000 und mehr Hindus, welche die Insel Zanzibar bewohnen, uns tu deren Händen sich der Löwen­anteil des Handels in jener Gegend konzentriert. Zu seiner eigenen Beruhigung sagt der „Standard", daß die Unab­hängigkeit Zanzibars durch internationale Abmachungen garantiert und neuerdings auch auf der Berliner Kongo- Konferenz anerkannt worden fei. Wern die deutsche Re­gierung sich durch deutsche Spekulanten nicht verleiten lasse, mehr zu thun, als der ostafrikanischen Gesellschaft so viel

jNachdruck »erboten.]

Im Bau« des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

I

An einer jener schmalen, unregelmäßigen alten Straßen der Seevorstadt zu Dresden stand ein großes, weitläufiges Gebäude, welches früher als Warenspeicher eines Handlungs­hauses gedient hatte, später aber, nachdem die Firma aufge­hört hatte zu existieren, zu Wohnungszwecken umgebaut worden war. Eine kühle, feuchte Luft wehte dem Eintreten­den aus tem dunklen Hausflur entgegen, die gewaltigen Pfeiler und Steinwände schienen Jahrtausenden trotzen zu wollen, und der ganze massige Bau, bei welchem der Raum entgegen der in großen Städten sonst üblichen Regel keines­wegs gespart worden war, machte den Eindruck eines ehe­maligen Klosters. Der runde, steinerne Thotbogen war mit ziemlich grob auSgeführten Steinmetzarbciten, Emblemen des Handels und der Industrie, geziert, während die Fenster erst später, bei Einrichtung ves Gebäudes zu einem Wohn­hause , vergrößert worden waren, immerhin noch kleine Dimensionen, aber desto größer Zwischenräume unter sich zeigten. Zwei ebenfalls bewohnte Seitenflügel flankierten einen geräumigen Hof, sich rechtwinklig an das Hauptgebäude anschließend, während die vierte Sette, dem Hauptgebäude gegenüber, von dem Hioterhause eine« Grundstückes gebildet ward, welches bereits zu der nächsten Prrallelstraße gehörte.

Im Parterre dieses alten, klvsterarligen Besitztums mit der Aussicht nach dem Hofe und dem Hintergebäude des Nachbargrundstücks befanden sich zwei geräumige Gemächer, von denen da« größere zwei, da« andere dagegen nur ein Fenster zeigte. In dem großen Zimmer herrschte eine gewisse

Unordnung, die aber keineswe, S unangenehm auffiel, im Gegenteil fesselte ste durch geniale Unabflchtlichkeit und jene« burschikose Junggesellentum, wie eS nur angehenden Ge­lehrten und Künstlern eigen ist.

An der Staffelei saß der Inhaber deS Zimmers und malte an einem Landschastsbilde, da« etwa halb vollendet war.

Er war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von schlankem Wachse und edler, ebenmäßiger Ge- statt. Da« Antlitz zeigte die Frische bet Jugend, auf dn Wangen thronte da« Rot der Gesundheit und die dunklen Augen blickten hell und lebensfroh auf die Arbeit, die sich unter seiner Künstlerhand zu einer lieblichen Naturszenerie zu entwickeln begann. Braune, glänzende Locken fielen i« reicher Fülle vom Haupte herab, und ein weicher, dunkler Bollbart gab dem Gesichte etwas männlich Festes, und doch auch wieder genial KünstlerhafteS.

Aber die Kleidung des jungen ManneS, wie auch die gange Ausstattung des Zimmers ließen erkennen, daß Fortuna diesem Sohne der Musen noch kein freundliches Gesicht ge­zeigt hatte; in jeder Ecke lauerte di« Dürftigkeit; nut über da« jugendlich heitere Antlitz deS Malers schien sie keine Macht zu besitzen.

Der Künstler lehnte jetzt dm Malstock an die Staffelei und trat einige Schritte zurück, um die Wirkung deS BildeS besser beurteilen zu können. Aber in demselben Augenblicke bewegte sich in dem gegenüberstehen'en Hinterhmse ein offener Fensterflügel im Winde, und die Nachmittagssonne spiegelte sich so grell auf den Glasscheiben, daß der Reflex mit blen­dender Schärfe auf das halbfertige Gemälde fiel und der junge Mann die schmerzenden Augen wegzuwenden gezwun­gen war.

„Dieses verwünschte Haus dort drüben bringt mich noch zur Verzweiflung l" tiefet ärgerlich aus, indem er die Hand Üb r die Augen hielt, um das Licht zu dämpfen und einen wenig freundlichen Blick auf das verhaßte Gebäude warf. „B:i Sonnenschein wirst eS mir die grellen Strahlen zurück ins Zimmer, bei düsterm Wetter raubt eS mir das BiSchen Licht, welches in dieses armselige Atelier fällt, und nun noch zum Ueberfluffe offenstehende Fenster, In denen sich die Sonnenstrahlen brechen I"

Unmutig legte er die Palette zur Seilte und warf sich in einen allen, mit Leder bezogene Lehnstuhl, um abzuwarteu bi« die Sonne soweit gesunken fdn würde, daß ste sich in dem Glase nicht mehr miet «spiegeln konnte.

Da wurde durch das heftige Anschlägen de« Fenster« sein Blick auf» neue hinüber nach dem Hause gelenkt, aber wie vom elektrischen Schlage getroffen, sprang der Maler auf und starrte unverwandten Auge« nach dem Gegenüber, da« fo-ben noch seinen Zorn erregt hatte. Im offenen Fenster erschien ein Mädchenkopf von so zauberhafter Lieb­lichkeit , daß der junge Künstlet mit seiner empfänglichen Phantasie eher an ein Wesen au« dem Feenreiche al« an ein sterbliche- Menschenkind zu glauben geneigt war.

Diese prächtigen, goldblonden Haare, die wie ein Heili­genschein das Haupt des Mä'chens umgvffm, diese blauen Vergißmeinnichtaugen, Die so schwärmerisch und doch auch wieder so schalkhaft zu blicken verstanden, diese saftigen kitsch- farbenen Lippen, die man mit dem Munde hätte küssen wögen, das alles vereinigte sich zu einem Bild, welches da« Ange de» Malers mit unwiderstehlicher Gewalt fesselte.

(Fortsetzung folgt.)