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JRarÖUrg, Dienstag, 2. Juni 1885.
XX. JahrgMU
OWHschc jfitmig
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marbnrg n. Kirchhain. - ZllnstricrteS Sonntaasblatt
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Deutsche« Reichl
Berlin, 30. Mai. Der Kaiser hatte eine sehr gute Nacht. Sein Befinden ist recht zufriedenstellend. — Der Kaiser empfing den Besuch des Kronprinzen und der Kron- Prinzessin, nahm später die Vorträge deS Hofmarschalls Grafen von Perponcher entgegen, arbeitete sodann nich- mittags längere Zeit allein und empfing um 4 Uhr den Reichskanzler. — An die neuliche Meldung des „ReichS- Anz." über das Befinden des Kaisers knüpft ein Leitartikel der „Wiener Allgem. Ztg.- folgende Betrachtungen: Kaiser Wilhelm hat sich nicht nur in dem Reiche, das unter seiner Führung daö mächtigste der Erde geworden, eine Popularität erworben, wie vor ihm kein einziger preußischer König besefien hat, er hat sich auch außerhalb desselben allerwärts eine Sympathie und Hochachtung errungen, die das Gewicht seiner außerordentlichen Macht alles Drückenden für das Bewußtsein der Menschen entledigte. Man ist in ganz Europa einig, in ihm einen Friedenökaiser zu sehen, der den aufiichtigen Wunsch hat, daß alle schwebenden Fragen, wo immer auch ihr Gebiet sei, ohne Gewalt, durch die ordnenden Hände der Weisheit entwirrt werden. ES ist geradezu allgemeiner Volksglaube geworden, daß, wenn zwischen zivtiisterten Staaten ein Waffengang droht, Kaiser Wilhelm eS sür s ine religiöse Pflicht aosieht, feinen großen Kanzler mit der Verhütung desselben zu beauftragen. Die Hegemonie, die ihm in Europa zugefallen ist, steht er für ein h iltgeö, vom Himmel verliehe ieS Amt an, das er mit gewissenhaftem und mildem Sinne auSzu- üben hat, um feinem höchsten Richter davon gute Rechenschaft geben zu können. Die hohe Achtung, die er an allen Höfen genießt, giebt der Staatskunst feiner Diplomatie, der Macht, die hinter feinem Worte steht, vermehrten Nachdruck; sie wird als eine der Bürgschaftendes Friedens von Völkern wie von Kabinetten betrachtet. All' dies tritt dem europäischen Publikum vor Augen, wenn es Nachrichten erhält, die geeignet sind, Bedenken über den Zustand deS erlauchten Greises in Berlin hervorzurufen, Aber bald wieder verscheucht man sie. Mau erinnert sich der unvergleichlichen Konstitution dieses bejahrten Mannes aus dem kräftigen Kämpfergeschlecht der Hvhenzollern und erinnert sich der vielfachen physischen Anfechtungen, denen er Widerstand geleistet, wo andere, jüngere, unterlegen wären. Im Deutschen Reiche wird man mit solchen Gedanken und solchen Wünschen die Besorgniffe, welche auf
tauchen mögen, zurückweisen; bei uns in Oesterreich schließt man sich diesen Gedanken un> Wünschen mit herzlicher Freundschaft für die verwandte, verbündete Nation und ihr Oberhaupt an und spricht die Hoff ung auö, daß der erste Kaiser deS wieder und mächtiger als je hergestellten Reiches, unser großer BundeSgenoffe, noch lange der Liebe seines Volke« erhalten bleibe. — Die Abreise deS Fürsten Bis- marck nach Kissingen dürfte im Laufe der nächsten Woche erfolgen, da sich das Befinden der Frau Fürstin erheblich gebeffert hat. — Die „Berl. Börsen Ztg." will wiffen, daß aus Anlaß des Todes des Gnrals von Gottberg folgende Perfonalveränderungen in höheren Stellen der Armee, die zum Teil bereits gerüchtweise gemeldet wurden, thatsächlich vollzogen sind: das Generalkommando des 1. Armeekorps erhält der General der Kavallerie v. Witzendorff, bisher kommandierender General des 7. Armeekorps. Letzteres wirs dem Generalleutnant v. Kleist übertragen, der im Kommando der 1. Garde-Jnfanterie-Division durch den Kommandeur der 2. Garde-Jnfanterie-Diviston v. Opprll ersetzt wird. An die Stelle des Letzteren bitt der General v. Schlichting, bisher Kommandeur der 15. Division ia Köln; diese soll dem Kommandant von Berlin, General- M'jor v. Sp ngenberg, zufallen, der seine Stellung an den Generalmajor Graf v. Alten, Kommandeur der 1. Garde- Kavalleriebrigade, abtrttt. — Der Kultusminister hat angeordnet, daß Erhebungen darüber anzestellt werden, in welchem Maße in den öffentlichen Schulen für die religiösen resp. konfessionellen Minoritäten der Religionsunterricht erteilt wird oder in Zukunft wird erteilt werden können. — Der „Reichs-Aaz." meldet: Der bisherige Sp zialgesandte in Teheran, v. Braunschweig, ist zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am persischen Hofe ernannt worden.
Berlin, 31. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg.- schreibt: Wir heben bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß der Herr R ichskanzler die a»S Anlaß seines Geurt- ta zeS gesammelten Fonds zu einer Stiftung für Kandidaten des Lehrfachs zu verwenden beabsichtigt. Der Andrang zu dem philologischen Studium ist in den letzten Jahren ein so großer geworden, daß es nicht nützlich scheint, durch Gründung von Stipendien für Studenten einen wetteren Anreiz zu demselben zu schaff n, und mit Rücksicht hierauf soll sich der Reichskanzler entschloss n haben, nur solche Kandidaten deS Lhrfchs aus der fraglichen Stiftung zu unterstützen, welche ihre Studienzeit schon absolviert, aber noch keine Stellung mit auskömmlichem Gehalt erlangt haben. Außerdem ist aber in Aussicht genommen, angestellten Lehrern Beihülfen zum Zweck der Erziehung ihrer Kinder zu gewähren. Nachdem oer Herr Reichskanzler mit Autoritäten auf dem Gebiete des preußischen Schulwesens Rücksprache gehalten, hat er neuerdings cn die Bundesregierungen vertraulich die Bitte um Auskunft darüber ge
richtet, ob nach Lage der dortigen Verhöltniffe die von ihm in Aussicht genommene Art der Verwendung zweckentsprechend erscheine. Wie wir hören, ist von den meisten Regierungen eine bejahende Antwort eingegangen. Nur von einer Seite ist der Wunsch g äußert, es möchten neben den Kandidaten des höheren Lehrfcchs auch solche Studierende der Philologie unterstützt werden, welche durch ihr Reifezeugnis eine aus gezeichnete Befähigung für das Lehrfach vachzuweisen vermögen. Die übrigen Regierungen haben sich übereinstimmend dahin ausgesprochen, daß eS, wenigstens zur Zeit, nicht zweckmäßig sei, durch weitere Stipendien zum Studium der Philologie aufzumuntern, und daß es deshalb angezeigt erscheine, nur Kandidaten, die bereits das Staatsexamen absolviert haben, zu unterstützen. Bezüglich der dabei zu berücksichtigenden Gesichtspunkte wird in mehreren Antwortschreiben ausgeführt, daß es sich empfehleu möchte, die Unterstützung nicht sowohl zum Lebensunterhalt, als vielmehr zur weiteren Ausbildung zu gewähren. Es wird vorgeschlagen, den Philologen Reisestipendien zn einem mehrmonatigen AufentSalte in England, Frankreich oder Italien zu geben, oder ihnen die Möglichkeit zu schaffen, auf ein oder zwei Semester als Volontäre an hervorragenden Leh anstalten sich mit der Methode anerkannter Meister b.kannt zu machen. — Dasselbe Blatt teilt eine Petition der oberschlesstschen Gruben- und Hüttenarbeiter an den Herrn Reichskanzler um Schutz gegen die Konkurrenz der russisch- polnischen Arbeiter mit, die in Rußland Lwohlfeiler leben als preußische Arbeiter und daher für geringeren Lohn arbeiten können. Dasselbe meint, eö sei die Konsequenz der gegenwärtigen Wirtschaft-polit k, derartigen Einbrüchen fremder Arbeiter in den Arbeitsmarkt vorzubeugen. Dagegen könne die Beschränkung der Großindustriellen im Bezüge der Arbeitskräfte nicht ins Gewicht fallen. Die Regierung wolle nicht die Wünsche einiger Jntereffenten auf Kosten zahlreicher Arbeiter befriedigen.
— Die „Nordd. Allg. Ztg.- bezeichnet die Mitteilung des Pariser „TimeS'-Korrespondenten über die Unterredung deS Reichskanzlers mit Lord Rosebery als erfunden und bemerkt, daß die Mitteilungen des Pariser „TimeS"-Korre- spondenten natürlich erfunden seien und nichts weiter be- zweckim, als die alte V-rhetzung zwischen England und Deutschland fortzusetzen, eS heißt dann weiter: Von den Unwahrheiten abgesehen, welche die „Times- über Lord Rosebe y veröffentlicht hat, ist derselbe ein Mann, der wohl verdient, daß sich die öffentliche Meinung mit ihm beschäftige. AuS vornehmer Fomilie, mit Vermögen reichlich gesegnet , von einnehmendem Aeußern und vollendeten gesellschaftlichen Formen, hat er seine glückliche geistige Veranlagung benutzt, um seinen Schatz von Wiffen auf den Gebieten der klassischen Litteratur und der StaaiSwiffenschaft eirzuheimsen. Die Universität von Aberdeen hat den noch jungen Gelehrten zu ihrem Rektor ernannt und bei der
Die vmg Hallende (Hoheultudeu) tu Oberhessea.
(Fortsetzung.)
ES mag hier nicht unerwähnt bleiben, daß zwei anerkannt gewichtige hessische Geschichtsschreiber, nämlich Wenk und Schmidt, den erwähnten Grafen Boppo von Hollende für den wahrscheinlichen Ahnherrn der Grafen von Battenberg und W Uzensteiu halt n, well ein Boppo in der Gegend der Grafschaft Wittgenstein im Jahre 1039 begütert gewesen und dessen Name ein Boppo von Hollende im Jahre 1144 fortgeführt habe, sowie weil auch die Burg Hollende tn ter Nähe von Battenberg und Wittgenstein gelegen! Rommel bestreitet in seiner hessischen Geschichte entschieden diese Annahme (Band I, Anmerkungen S. 99, 127, 151 Folge. Band II, Anmerk. S. 14) und bemerkt noch, daß die Burg Hollende nie In den Händen der ge- dachtm Grafen gewesen sei, wenn diese auch eine Gerichtsbarkeit in den Landen des mainzischen Stiftes Wetter be- festen, deren Grund und Boden jedoch von den Gifonen sich auf die Landgrafen von Thüringen vererbt habe. Ist ja doch der erwähnte Graf Boppo kinderlos gestorben und kann sonach nicht der Stammvater jener Grafen sein! Es ist hiernach die Annahme, daß die Burg Hollende das Stammhaus der Grafen von Battenberg und Wittgenstein gewesen, durchaus ungegründet. Der Name der Burg Hol- lende taucht zuletzt wieder auf, als deren Zerstörung eintrat.
Der alte Geschichtsschreiber Gerstenberger führt vom Jahre 1247 aus dem alten Geschichtswerke Riedesels an, daß die Herzogin Sophie von Brabant, als sie gesehen, daß in Hessen etliche neue Burgen dem Lande zu Schaden gebaut worden, wie Weißenstein und Houlyndeu, dieselben habe von Gründ aus abbrechen lasten, worauf sie ihre un
ruhigen Gegner zu Reichenbach und Blankenstein bezwungen und deren Burgen eingenommen. Es sei hier bemerkt, daß zuweilen die Nachrichten mancher alten Geschichtsschreiber oft unsicher, auch unrichtig sind, insbesondere, daß Begeb n- h iteu, die verschiedenen Jahren angehören, als in ein und demselben Jahre vorgekommen, angegeben werden. Dies ist hier bei Gerstenberger bcz'ehungSweise Riedesel zu« Teil der Fall. Die Herzogin Sophie ist zuerst im Jabre 1248 nach Hessen gekommen, konnte also nicht schon 1247 daselbst Burgen haben einnehmen und zerstören lasten. Die Burgen Wetßenstein und Hohenlinden sind nach Rommel im Jahre 1249, und nach Landau umS Jahr 1250 von der Herzogin Sophie zerstört worden, während Rehm in Uebereinstimmung mit dem hessischen Geschichtsschreiber S. Schmidt in seiner Geschichte beider Hessen, Band I S. 137, angibt, daß, a'S der Erzbischof Werner zu Mainz im Jahre 1261 die Herzogin Sophie und ihren Sohu Heinrich In den Bann (Ausschließung aus der kirchlichen Gemeinschaft) gethan und das Interdikt (Untersagung kirch licher Handlungen) über Hessen ausgesprochen, in dem hierauf zwisch n der Herzogin und dem Erzbischof ausgebrochenen K lege, in welchem unter andern auch der wegen des LehnS verbaudeS zum Beistände verpflichtete Graf W ttekind von Battenberg auf der Seite des Erzbischofs gewesen, wahr- scheint ich die Schösser Weißenstttn und Hohenliude zcr stört, sowie die Schlöster Blank, nstein und vielleicht auch Reichenbach erobert und besetzt worden sein. Mau könnte hiernach vermuten, daß vielleicht damals die Burg Hollende von dem gedachten Grafen von Battenberg besessen und deshalb zerstört worden sei. Daß der Besitzer der Burg Hollende bei deren Zerstörung jedenfalls kein Graf von Wittgmstein gewesen, geht darau» hervor, daß der damalige
Graf Siegfried von Wittgenstein sich in der Umgebung der Herzogin Sophie befand und diese gewiß nicht die Burg eines auf ihrer Seite stebeneen Grasen hat zerstören lasten! Auch dies bestärkt die Annahme, daß die Burg Hollende dem Grafen von Wittgenstein nicht gehört uns nicht als deren Stammhaus anzusehen ist. Wenn neuerdings in einem Werkchen über den Kreis Biedenkopf die Vermutung ausgesprochen worden, der alte Geschichtsschreiber Gerstenberger habe bei seinen Mitteilungen vom Jahre 1247 wonach die Landgräfin Scphie vor das Schloß Hollend, gezogen und es zerstört, hier Hollende wahrscheinlich mft Hohenfels verwechselt, welches auch im Jahre 1247 (?) von der Landgräfin bezwungen worden, weil das Schloß Hollende vermutlich das Stammhaus der Grafen von Wittgenstein Battenberg fei, diese aber damals mit Sophie im besten Einvernehmen gestanden, so vermögen wir dieser Ausführung nicht beizupflichten. Daß die Burg Hollende nicht das Stammhaus der gemachten Grafen gewesen, ist bereits an- gegeben worden. Aus jener Vermutung wäre zu folgern, daß die Burg Hollende damals gar nicht zerstört wordm fei. Die An-abe G rstcnbergerS beruht auf dem, was der alte Geschichtsschreiber Riedesel, der die Zeitereigniste von 1234 bis 1327 ausgezeichnet und diesen weit über 100 Jahre näher, als Gerstenberger, stand, uns dieferhalb überliefert hat und was sich wohl auf mündliche, den berührten Er- eignisten ja ganz nahe gelegene Mittellungen stützt, so daß die Tatsache der damaligen Zerstörung der Burg Hollende kaum zu bezweifeln steht, vielmehr allgemein angenommen wird. ES liegt sonach ein Grund zur Annahme der erwähnten Verwechselung der Namen der beiden Burgm nicht vor, wenn auch allerdings die vonRiedesel angegebene Jahreszahl einer Berichtigung bedarf. (Fortsetzung folgt.)