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Marburg, Sonntag, 31 Mai 1885.
XX. JahlgMg.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t 8RL, bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Reklamen für die Zeile 25 Ps,.
(Olierlirffifdic Jcitiinii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowied.Annoncen» Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMosie in Frankfurt a. M-, Berlin,München und Köln: B. L Daube und 6o. in Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonutagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
Exped. der Oberh. Ztg.
Deutsche» Reich.
Berlin, 29. Mai. In dem Befinden des Kaisers ist eine Besserung ricgetreteu und ii soweit fortgeschritten, als die Beschwemu sich seltener und in geringerem Grade fühlbar gemacht haben: Der Kaiser arbeitete gestern mehrere Stunden lang. — Auf Grund einer Ermächtigung des Bundesrats setzte der Reichskanzler die Zoll- tarasätze für Kraftmehl, Puder, Stärke, Stärkegummi, Kleber, Arrowroot, Sago, Sagosurrogate und TaziSka auf 14 Prozent in Kisten, auf 9 Prozent in Fässern, für Nudeln und Makaront auf 18 Prozent in Kisten fest. — Die Adresse, welche von der Köstritzer Generalversammlung Thüringer Bauern an den Reichskanzler Fürsten BiSmarck gerichtet worden, hat, der „N. Preuß. Ztg.* zufolge, nach- stehenden Wortlaut: „Die von vierzehnhundert Thüringer Bauern besuchte Generalversammlung in Köstritz brachte soeben Euer Durchlaucht ein donnerndes Hoch und speicht im Namen des Thüringer Bauernstandes tiefinnigen Dank für Ew. Durchlaucht Wohlwollen aus. Die Versammlung ist stch bewußt, daß ter erhöhte Getretdezoll dem Reich und den Kommunen erhöhte Einnahmen schaffen und der schwer darntederltegenden deutschen Landwirtschaft einige Hülfe bringen wird, wie fie auch überzeugt ist, daß nach allen Börsei berichten das Ausland diesen Zoll trägt. Durchgehen: e Besserung kann aber nur etntreten, wenn die Goldwährung beseitigt wird, die alle produktive Arbeit schädigt und die Zölle fast wirkungslos macht. Ew. Durchlaucht als Schirmherr der Arbeit möge recht bald das Geld des kleinen Mannes, das Silber, wieder zu Ehren bringen durch schleunige Einführung der Doppelwährung in Gemeinschaft mit den maßgebenden Kulturstaaten, und die deutsche Arbeit vor der ausländischen Konkurrenz wirk sam sichern. Vorstehende Adresse wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. Der Bauerntag In Köstritz, den 27. Mat 1885, im Auftrage: Zer sch-Köstritz.* — Hinsichtlich der Ueberstedelung deutscher Forstbeamten nach Neu-Guinea erfährt die „B. B. Ztg.*, vaß schon in den ersten Tagen des Juni eine Expedition dahin abgeht uni daß die betreffenden Forstbeamten nicht 3, sondern 4 Jahre beurlaubt werden. Ein Jahr wird auf die Hin- und Rückreise, Equipierung u. f. w. um 3 Jahre werden für den Dienst in Neu Guinea als Maximum gerechnet. Seitens des landwirtschaftlichen Ministeriums ist hierbei u. a. vom Kriegsministerium anSgewirkc worden, daß die nach Neu-Guinea beurlaubten Forstbeamte« während ihrer Ab- wefenhett weder zu militärischen Hebungen in Deutschland einberufen werden, noch stch zur Fahne einzufinden haben,
wenn Deutschland während der Zelt in einen Krieg verwickelt werden sollte. ES läuft nicht nur hier ihre An- ciennität und ihr Pensionsanspruch fort, sondern seitens der unternehmenden Gesellschaft sind den Beteiligten auch überaus günstige Zusicherungen über G-halt und besonders über eventuelle Penfionierung, namentlich wenn sie volle 3 Jahre in Neu-Guinea funktioniert haben, gemacht worden. — Bezüglich dir für Berlin geplanten nationalen Industrie- Ausstellung sind die „Bert Pol. Nachr.* in der Lage, zu konstatieren, daß aus gewerb- und industriereichen Bezirken die Anträge auf Verhinderung des Projektes immer zahlreicher eingehen: Der Verein der deutschen Popi rfabri- tanten hat bei seinen Mitgliedern Umfrage gehalten, und die überwiegende Mehrheit derselben hat erklärt, daß sie die Ausstellung nicht wünsche und stch an derselben nicht beteiligen würde. Die Handelskammern von Oppeln, Mühlheim a. d. Ruhr und Gera wollen gleichfalls von der Ausstellung nichts wissen und der Verein der Industriellen des Regierungsbezirks Köln bemerkt, es herrsche in Den dortigen Kreisen die Anschauung, daß man für eine Reihe von Jahren von einet allgemeinen Ausstellung absehen solle, da solche sonst ihren wohlthätlgen Eirfluß auf das Gewerbe ganz einbüßen würde. Der Zentalverband deutscher Industrieller hat die Originolgutachten seiner Vereine und Verbände der Reichsregierung bereits vorgelegt, und es dürfte daher, nach Meinung des genannten Korrespondenzorgans, in der nächsten Zelt eine endgültige Entscheidung über die Stellung der Reichsregierung zu dieser Frage zu erwarten sein.
— Die Jubelstler der Berliner Drechsler-Innung aus Anlaß des 200jährigen Besteh ns der Innung wurde heute festlich begangen. Den Glanzpunkt des TageS bildete der große Festzug, der stch um 1V2 Uhr in Bewegung setzte. DaS Trompeterkorps der Garde-Dragoner in altdeutschem Kostüm eröffnete den Festztrg. Unmittelbar dahinter wurde daS neue Banner getragen, welches heute seine Weihe erhalten soll. Sowohl der Bannerträger wie seine beiden Begleiter hatten ebenfalls altdeutsche Trccht- Dem eigentlichen Kostümznz, der dann folgte, gingen 8 Lehrjuvgen in totlten Wämsern voran; ihnen folgte ein Herold mit dem Reichsadler, der dem Magistrats-Kollegium, wie es sich bei Beg ündung der Innung im 17. Jahrhundert darstellte, cle Bahn frei machte. Die Zunftmeister festen in mit weiten, reich mit Pelz verbrämten Gewänder gekleidet. Von 8 Jungmetstern wuroe hierauf die älteste, aus dem Jahre 1797 stammende Gewerkslade auf goldener Bahre getragen. 8 Gesellen schritten hinter derselben einher. Der große Triumphwagen bildete den Schluß deS KostümzuzcS. Im Hintergründe des Wagens stand unter einem hohen Baldachin die Büste des großen Kurfürsten, umgeben von Pagen in roten, goldgestickten Röcken; vorn hatte eine „Wippe*, eine jener Drehbänke, wie sie 1685 bei Gründung ter hiesigen Innung in G.brauch waren, Aufstellung gefunden. Im Vordergründe des mit reicher Drechrlerarbelt geschmückten Wagens hielten drei Pag n die für daS Denkmal des
Großen Kurfürsten bestimmten Kränze. Dem Wagen folgten, von einem Mnstkkorps geführt, die JnnungS- und Zentralvorstände und die Deputationen der auswärtigen Jnnungkn. Viele derselben halten Fahnen, die meisten auch Embleme mitgebracht. Den fremden Innungen schlossen sich die 49 Berliner Innungen an. Der Zug der Lehrlinge, der alsdann folgt-, war insofern von ganz eigenartigem J iteresse, als eine große Zahl derselben Embleme trug, die von der eigenen Kunstfertigkeit beredtes Zeugnis ablegten. Sämtliche Lehrlinge, über 200 an der Zahl, waren gleichmäßig gekleidet. Die hiesigen JnnungSmilster und die mit selbstgefertizten Emblemen erschienene Gesellenschaft schloffen den von vielen Mnstkkorps begleiteten Zug. Vor dem mit Lorbeeren geschmückten Denkmal deS Großen Kurfürsten, des hohen Stifters der Innung, wurde Halt gemacht; Obermeister M.yer trat vor und legte mit poetischen Worten der Huldigung die drei Kränze nieder. Alsdann begrüßte der Zug Se. Majestät den Kaiser, Allerhöchstwelcher mit der Frau Großherzogin von Baden am zweiten Fenster deS Eckzimmers Im Palais Platz genommen halte, mit begeisterten Ovationen. Von dem kaiserlichen Palais begab sich der Festzug der Drechslerinnung n-ich bim Palais deS Reichskanzlers, wo Obermeister Meyer ein begeistert aufgenommenes Hoch „auf den Einiger Deutschlands und den Wiedererwecker des deutschen Handwerks* anSbrachte. Der Reichskanzler dankte herz'ichst mit einem Hoch auf die alte Innung, welche heilbringend wi>k n, sowie Glück und Segen in das Handwerk hioeintragen möge. Fürst Bismarck sprach den Wunsch aus, daß die Ehre des alten Stammes der Innung den Heranwachsenden stets ein Vorbild bleibe. Au; diese Rede erfolgten wieder stürmische Hochrufe; dann defilierte der Festzug vor dem Reichskanzler.
Berlin, 29. Mai. Fürst Bismarck, den einzelne Blätter gestern fälschlich hoben nach Schönhausen reifen lassen, begibt sich, stcher-m Vernehmen nach, nächsten Montag zur Kur nach Kissingen. Die Reise ist bereits mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Kaisers einige Tage verschoben worden. Für die Kur in Kissingen sind 4 Wochen in Aussicht genommen. Sie muß vor dem 29. Juul beendet sein, da an diesem Tage di Hochzeit seines Sohnes stailfindet. Die Thatsache, daß der Reichskanzler jetzt Berlin verläßt, beweist auch, daß die Angelegenheit der braunschweigischen Thronfolge im Bundesrat so glatt verlaufen wird, daß ein persönliches Eingreifen de« Fürsten Bismarck nicht für notwendig erachtet wird. — Der Fahnenweihe der Drechsler- Jannng wohnte Staatsminister von Bötticher bei, welcher den Festgruß de« Kaisers überbrachte. Den Obermeistern Meyer und Brandes wurde der Kronenorden vierter Klaffe überreicht. Mit einem Festmahl auf „Tivoli* schloß die Jubelfeier.
Darmstadt, 27. Mai. sSechSundzwanztgste Allgemeine deutsche Lehrer-Versammlung.) In der heutigen dritten und letzten Sitzung sprach Leyrer Weichsel (Würzburg) über: „Volksschule und Volksbildung* unter Zugrundelegung folgender schließlich angenommenen Thesen:
Die Burg Hollende (Hohenlinden) in Oberhesseu.
Mit dem Wegfällen dieses heiligen Haines hatte ober die mit demselben in Zusammenhang gestandene Gerichtsstätte al« solche nicht auch ihr Ende erreicht, blieb vielmehr sort- bestehen, jedoch mit der Aenderung, daß nunmehr statt deS früheren Richters ein sogenannter Gaugraf namens des Königs die Gerichtsbarkeit auSübte. Als jedoch die alte deutsche Gauverfassung allmählich ihrer Auflösung entgegenging, wußten die Gaugrafen nunmehr da« ihnen von dem Könige verliehene Gaugrafenamt In ihren Familien erblich zu machen. Der Erbauer der Burg Hollende ist, wie wir unten zeigen werden, ein solcher Saujraf gewesen und eS mag demselben angemessen erschienen sein, eine neue Burg gerade auf der Stelle zu errichten, wo früher eine Gerichtsstätte gewesen und die, als zum heiligen Haine gehörig, früher von dem Könige an sich gezogen, jetzt von ihm, ebenwohl aus angemaßter eigener Macht, als Eigentum sth angeeignet worden, um so mit der früheren HelligkeU des Ortes seiner jetzigen anderweittgen Stellung als Gebieter über Grund, Boden und Leute eine gewisse Weihe zu geben und überhaupt derselben ein größeres Gewicht und höheres Ansehen zu verleihen.
Gehen wir nun zu dem Über, was uns die Geschichte von der Burg Hollende überliefert hat. Es ist dies leider sehr wenig und beschränkt sich nur auf einige, vereinzelte Angaben. Zu welcher Zelt und von wem die Burg Hol- knbe erbaut worden Ist, kann mit Bestimmtheit nicht an- gtgeben werden, da desfallstge Urkunden nicht vorhanden
sin". Man nimmt an, daß die Errichtung der Burgen in Hessen in daS 11. und 12 Jahrhundert zu scheu fei, was zutreffend mit der Burg Hollende sein dürfte. Der alte Geschichtsschreiber Gerstenberger sagt, nach RiedeselS alten GeschichtSaufzeichnmigen, daß, als die Herzogin Srphie von Brabant im Jahre 1247 die Burgen Weiß nstein und Hollende zerstört habe, dies neue Burgen gewesen, während Rommel in seiner Geschichte Hessens, Band I S. 164, die Vermutung anS^P icht, daß der Vorfahre des oberlahn- gauischen Grafen Giso ll., nämlich dessen Vater, Graf Giso I., die Burg Hallende errichtet habe. Dieser Giso I. — der Name soll einen Tapferen, einen Krieger bedeuten —, wird in einer Schenkungsurkunde des Kaisers Heinrich II. vom Jahre 1008 in der Weise erwähnt, daß das dem Stifte Sankt Stephan zu Mainz überlassene Gut zu Amena Im Oberlahngau, in der Grafschaft GisoS liege. Hiernach wäre die Burg Hollende schon über 200 Jahre früher er richtet n orden, alS dies von Riedesel angegtben wird, denn in der Nähe dieses Dorfes Amena, jetzt Amönau genannt, lag die Burg Hollende, welche nach GisoS I. Tod von dessen Sohn, Gison II., in Besitz genommen wurde. Dieser Giso II., der in einer Vergleichsurkunde z-rischen dem Bistum Würzburg und dem Kloster Fulda vom Jahre 1049 als Zeuge vorkommt, ist nebst dem, mit ihm wahrscheinlich verwandten oder verbündeten Grafen Adalbert I. von Schauenburg am HabichtSwslde, unweit Kassel, und nebst deS letzteren vier Söhnen Im Jahre 1073 In feiner Burg Hollende, wie vermutet wird, auf Anstiften des B.yernherzogS Otto von Nordheim, überfallen und ermordet worden, weil er die
Beschuldigung: daß dieser Herzog Otto den damaligen Kaiser Heinrich IV. habe ermorden lassen wollen, veranlaßt haben solle. Der Mönch Lambert von Aschaffenburg, ein sonst sehr glaubhafter Geschichtsschreiber jener Zeit, bemerkt hierzu, daß durch diese Ermordung Gott die Unschuld deS Herzog- Otto gerächt habe! — Seit dieser Zeit ist die Burg Hollende von den N chkommen GisoS II. verlassen und nie mehr von denselben bewohnt worden. Dieselben hatten nach dem kinderlofen Tode des hessischen Grafen Werner III., mit welchem Grafengeschlechte sie verwandt waren, in Nieder- Hess n die Burg Gudensberg bereit» zu ihren, kein geschlossenes Ganze bildenden Gütern im Oberlahngau, nämlich in der Grafschaft Stift o)et Wetter, erworben, nahmen nunmehr auf dieser Burg ihren Wohnsitz und nannten sich jetzt nach derselben. Nach einem Zeiträume von 70 Jahren, von der erwähnten Ermordung an gerechnet, während welcher Z it die Burg Hollende nicht mehr genannt wirb, kommt der Name derselben zuerst wieder vor, indem ein Graf Boppo sich im Jahre 1144 Graf von Hollende nennt Dieser Gras Boppo war ein Bruder deS Ziegenhainischen Grafen Gottfried von Wegebach, ist im Jahre 1170 kinderlös gestorben und scheint von den Gisonen, welche mit den Grasen von Zi-gerhain verschwägert warm, die Burg Hollende erhalten zu haben, nach welcher er stch auch nannte; wenn nicht vielleicht schon früher diese Burg in dm Besitz der Grafen von Ziegenhain gekommen war, was wahr- fcheiulich ist. Wer nach dem Tode tiefe» Boppo von Hollende die Burg besessm hat, ist unbekannt; die Geschichte gibt hierüber keim Auskunft. (Fortsetzung felgt.)