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Marburg, Sonnabend, 30. Mai 1885.
XX. Jahrgmg
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Rutzlaud und England.
In der „Wiener politischen Korrespondenz- findet stch eine anscheinend offiziöse Auslastung aus Petersburg, welche zunächst mit großem Worlfchall die Zuversicht aus Erhaltung des Friedens, als durchaus berechtigt hinstellt. Die Ziehung einer ungefährlichen Grenze in Afghanistan werde keinerlei Schwierigkeiten machen. Eine spätere diplomatische Vertretung Rußlands in Kabul sei nicht mit England, sondern mit dem Emir von Afghanistan zu vereinbaren, da dieser ein Verbündeter, aber kein Vasall Englands sei. Dann aber kommt der hinkende Bote nach in Gestalt der fest ausgesprochenen Ueberzeugung, daß weder auf englischer, noch russischer Sette große« Vertrauen in die Dauer des Friedens fei. Namentlich weife die Angelegenheit, mit welcher England Herat zu befestigen suche, auf die gänzliche Abwesenheit alles Vertrauens bet der britischen Regierung hin. Selbstredrnd könne nun Rußland unter diesen Umständen stch an die neuesten Vereinbarungen auch nicht allzu strenge binden. Nimmt man hierzu, was jetzt noch bekannt wird, daß General Komaroff nicht nur einen Ehrensädel, sondern auch eine Dotation von hunderttausend Rubel bekommen Hot, so wird man die obigen offiziösen Auslastungen als ein treues Bild der thatfSchlichen nichts weniger als beruhigten Lage ausehev dürfen.
Die englischen Blätter fabulieren viel über die Bedeutung der Reise Lord Rosebery« nach Berlin. Gewisses weiß niemand und die Kombination blüht. Allen voran in der Erfindungsgabe steht der Pariser Korrespondent der „Times-, Herr Oppert aus Blowitz. Wenn irgendwo in ver Welt etwas vorgeht, so ist dieser findige Sohn Israels imstande, die Gespräche der Diplomaten, ja manchmal sogar ihre geheimsten Gedanken den Lesern des CtlyblatteS aufzuttfchen. Insbesondere seitdem Fürst Bismarck während des Berliner Kongresses Herrn Blowitz einmal nicht nach Wunsch behauvelt hat, liebt eS dieser, seine Rache in Gestalt von Sensationsnachrichten zu nehmen, deren Spitze stch gegen den deutschen Kanzler richtet. Heule liegt abermals einer dieser Berichte vor. Der Pariser „Time«*- Korrespondent teilt nämlich seinem Blatte die angeblichen Beringungen mit, unter welchen stch der deutsche Reichskanzler eem Lord Rosebery gegenüber bereit erklärt hätte, da« frühere freundschaftliche Verhältnis zu England wieder herzustellen. Was nun den auf Egypten bezugnehmenden TeU diese« politischen Programms betrifft, so ist derselbe nicht übel kombiniert; dagegen ist der auf die zentral- astatische Frage bezugnehmende Teil ebenso unklar wie un-
Die vmg Hallende (Hohenlinden) in Overhesse«.
(Fortsetzung.)
Die auf dem Burghügel gestandenen Linden, sowie überhaupt besten Lage und Umgehung veranlasten folgende Ausführung:
Bet den alten Deutschen war die Linde der Baum, unter welchem vorzugsweise die Gericht-Versammlungen abgehalten wurden; ste war der eigentliche ÄertchtSbaum und war heidnischen Göttinnen, namentlich der Holda, geweiht, weshalb ste auch für heilig gehalten wurde. ES liegt hiernach die Annahme nahe, daß der Burghügel mit seinen Linden als eine frühere altgermanische GerichtSstätte zu betrachten sei. Wo aber eine solche sich befand, da war auch der Ort, an welchem Opfer dargebracht wurden, nämlich der heilige Hain, den die alten Germanen während seines Laubschmuckes als den Aufenthaltsort ihrer einzelnen Gottheiten ausahen und diefe hier nach ihrer Weise verehrten. Wenn mau berücksichtigt, daß der Burghügel von den auf ihm gestandenen Linden seinen Namen erhalten, dieser Ort also in alten Zetten eine besondere Bedeutung gehabt und tu irgend einer Weise vor anderen Orten ausgezeichnet gewesen, — daß, wenn auch gerade keine sehr große Gipfelfläche auf dem Burghügel vorhanden und diese sonach für größere Versammlungen stch weniger eignete, der Burghügel doch unmittelbar nach Südwesten hin mit dem, damals gewiß schon stark bewaldeten Berge, der „Kuppe-, zusammenhängt und so der heidnischen Götterverehrung tu einem Haine nachgekommen werden konnte, während nach Osten Kn von dem hochgelegenen Hügel stch ein freier Blick in
wahrscheinlich. Ueber Egypten proklamiert Herr Oppert folgendes als Bismarcks Ansicht: Der Sudan müsse ganz von Egypten abgetrennt und der Türkei oder Italien überlasten werten. Egypten müste von aller Gefahr seitens des Sudans befreit und unter der Regierung eines starken, populären Khedive neutralisiert werden. Die Ueberwachung der Freiheit des Suezkanals müste der egyptifchen Regierung gemeinsam mit den Regierungen aller anderen Staaten auvertraut werden. England behält die Präponderanz in Egypten durch Ueberwachung und Erhaltung jener Freiheit des Kanals. Kurz, England müste Europa beweisen, daß es keine selbstsüchtigen Pläne bezüglich EgyptenS hege. „Die zweite Frage hatte bezug auf Zentralasien. Da der Emir für einen sehr zweifelhaften BundeSgenosten gehalten werde, übernahm eS der Fürst, Rußland zu bewegen, dort, wo eS steht, lange genug Halt zu machen, um England zur Befestigung der indischen Grenze Zeit zu geben, und auf die Politik zurückzufallen, Indien in Indien zu verteidigen (??), anstatt Blut und Geld zur Verteidigung Afghanistans zu opfern.- Rußland dürfe in Zentralasien nicht erdrostelt werden. Dies wäre die beste Kur gegen das byzantinische Fieber Rußlands. Endlich dürfe England nicht versuchen, dm deutschen Handel zu schädigen. Wenn England diese Bedingungen acceptiere, werde Bismarck das frühere gute Einvernehmen zwischen Deutschland und England wieder Herstellen, worauf zweifellos die Erneuerung des englisch-französischen Einvernehmen folgen werde.
„Daily Telegraph- meint: „Lord Rosebery kann nicht in wenigen Tagen die In Stücke gegangenen englisch deutschen Beziehungen zusawmenkitten, aber er kann dem Fürsten Bismarck die vollständige Bekehrung Englands von der sentimentalen Neigung, die während der Midlothian-Cam- pagne flackerte, Mitteilen. Wir stad j.tzt bereit, mit Berlin Hand in Hand zu gehen, wie wir im Jahre 1880 begierig waren, auf gutem Fuße mit Paris zu bleiben. Das Kabinett hat endlich den richtigen Pfad betreten.-
„Morning Post- vernimmt, daß der Emir eine in besorgter Sprache abgrfaßte Botschaft an Lord Dnfferin gesandt habe, da in ganz Afghanistan das Gerücht zirkuliere, das Kabinett von St. James stehe im Widerspruch mit den nur vor wenigen Wochen eingegangenen Verpflichtungen mit Rußland in Unterhandlungen auf einer Basis, dir der Integrität und Unabhändigkeit seines Staates nachteilig sind.
Deutscher Reich.
Berlin, 28. Mai. Ueber das Befinden des Kaisers waren gestern und heute sehr beunruhigende Nachrichten verbreitet. Auch der Aufschub der Abreise der Großherzogin von Baden wird damit in Verbindung gebracht. Auffallender Weise bringt der „Reichsanzeiger-, der gestem gemeldet hatte, daß die Besserung durch das Hinzutreten von Unterleibsbeschwerden verzögert wurde, heute gar keine Mitteilung über den Gesundheitszustand des Kaisers. Es verlautet, daß sich gestern ein beunruhigender Schwähe-
die ziemlich offene Gegend darbot,—so sind dies Umstände, nach welchen allein schon die hervvrgehobenen Oertlichkeiten dem Btlce entsprechen, welches uns alte Geschichtschreiber von einem altgermantschen Haine mit seiner Opfer- und Gerichtsstätte entworfen haben und welche unserer Annahme in hohem Grade das Gepräge der Wahrscheinlichkeit, wenn nicht selbst die Gewißheit, verleihen. Eine weitere Unterstützung unserer Ansicht ist sodann in folgendem zu erblicken: Zwischen den nicht unbedeutenden Gemeindewaldungen der etwa V2 Stunde von einander entfernt liegenden Dörfer Treisbach und Warzenbach liegt, gewiffermaßen wie ein eingeschobener Keil, der Burghügel mit dem dazu gehörigen Hauptberge, der „Kuppe*, welche beide Staatseigentum sind. Die gedachten Gemeinde« aldungen haben gewiß schon feit den ältesten Zeiten im Gesamteigentnm der Bewohner jener Orte, der Maekgenosien, deren Feldmarken an einander grenzen, gestanden. Ausfallen muß es daher, daß dieses Aneinandergrenzen nicht auch bei den erwähnten Waldungen der Fall ist. Die- erklärt stch durch folgenden Umstand. Die Haine der Deutschen waren deren heidnischen Gottheiten geweiht und warm deshalb der allgemeinen Benutzung ent» zogen; sie durften von niemanden, außer von dem Priester, betreten werden. Bei der im 8. Jahrhundert erfolgten Einsührnug des Christentums in Heffen verloren mit der Bekehrung der Bewohner desselben die heiligen Haine ihr Ansehen und ihre Wichtigkeit und gingen, traft angernaßter königlicher Gewalt, in da- Eigentum de- Königs als sogenannte Bannwälder (wo- unseren jetzigm StaatSwaldungm entspricht) über, dergestalt, daß eine freie Benutzung dieser Bannwälder selten- der Mar^euossen auSgeschloffen blich,
zustand bemerkbar gemacht habe. Da- Befinden soll heute etwa« befler sein, doch konnte eine von den Aerzten in Aussicht genommene Ausfahrt nicht stattfinden. Der Kaiser ist auch den Tag über nicht an seinem Fenster erschienen. Empfangen wurde nur der Hvfmarschall Graf Perponcher und der Kronprinz. — Während das Plenum des Bundesrats erst in nächster Woche wieder zusammentreten wird, stnv die Ausschüffe bereits mit der Ausarbeitung der Ausführungsbestimmungen zur Zolltarifnovelle beschäftigt. Der Justizausschuß, dem der die braunschweigische Erbfolge betreffende Antrag übertragen ist, hat noch keine Sitzung abgehalten. — Die Stadtverordnetenversammlung verhandelte heute über die Anfrage Virchow- und Genossen, betreffend die Gültigkeit de« Mandat- des ausgewiesenen (sozialdemokratischen) Stadtverordneten Ewald. Sie nahm den Antrag Singer an, zu erklären, daß da- Mandat Ewald- durch deffeu Ausweisung nicht erledigt sei.
»erlitt, 28. Mai. Das „Reichsgesetzblatt- veröffent- licht heute das Gesetz, betreffend die Abänderung de- Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1879 und betreffend die Abänderung des Zollvereinigungsvertrages vom 8. Juli 1869. — Der „Magdeb. Ztg.- wird von hier geschrieben: ES braucht nicht nochmals wiederholt zu werden, daß Preußen in der Thai nichts unter!essen hat, um den Herzog von Cumberland die Uebernahme der Regentschaft in Braunschweig zu ermöglichen; ftagllch bleibt nur, ob eS der preußischen Regierung gefallen wird, noch einmal vor dem Bundesräte alle seine Schritte in dieser Richtung klar zu legen. Die Angaben von einem Protest deS Herzog« von Cumberland beiden europäischen Mächten find hier völlig eindrucks« Io« geblieben, gleichviel, ob ste stch als zutreffend erwiesen oder nicht. — Nach den Verhandlungen de« Reichstages über die Börsensteuer beschäftigte stch die Münchener „Allgemeine Zeitung* mit dieser Materie, wobei sie ausführte: „Die Behandlung, welche Bamberger und Meyer der Börse angedeihen ließen, stellte nationalökonomische Abstraktionen dar, etwa wie Ricardo in seinen „Principles“ von allen konkreten Verhältutflen abstrahiert. Bamberger und Meyer charakterisieren die Börse, wie ste sein sollte, nicht wie ste ist. DaS geht so recht anS ihrer Definition der Arbitrage hervor, um die e« sich infolge der seitens de« Reichskanzler- darüber geäußerten Zweifel in der Diskussion des Reichstag- vorzugsweise handelte. Nach Meyer ist die Arbitrage nichts weiter al« die Verschiebung eine« gewissen Kapital« von einem Ort, wo e« überflüssig ist, an einen anderen Ort, wo es gesucht wird, indem die hohen Kurse an dem einen Ort ein Zeichen deS KapitalüberfluffeS, die niedrigen Kurse an dem anderen Ort ein Zeichen des Kapitalmangel« sind. Da- ist so eine von den konkreten Verhältniffen abstrahierende Erklärung. Denn thatsächlich werden durch die Unterschiede Im Kapitalstande zwischen den einzeln« Plätzen nur unwesentliche Kursdifferenzen veranlaßt, während größere KurSvifferenzen, die gerade die Arbitrage so recht herausfordern — ste dürfen nur nicht so groß und die
indem man unterstellte, daß das jetzt eingeführte Recht des Königs nunmehr an die Stelle des heidnischen Priestertumgetreten sei. Der Burghügel und sein Hauptberg, die „Kuppe*, welche, wie bereit- angegeben, jetzt StaatSwal- düngen sind, liegen zwischen den gedachten Gemeindewaldungm und sind ihrer Zeit sicher auf die oben angegebene Weise in da- Eigentum deS König- gelangt, so daß sie, wie schon in altgermanischen Zeiten, jetzt ebenso der allgemeinen Benutzung entzogen blieben. Wenn man alle zur Unterstützung unserer obigen Annahme hervorgehobenen Gründe in chrer Gesamtheit betrachtet, dann läßt sich wohl nicht verkennen, daß wir in unserem Burghügel und seinem Hauptberge lediglich eine frühere Stätte heidnischer Götterverehrung, also einen heftigen Hain, zu erblicken haben. Wo stch aber ein solcher befand, da wurden auch Opfer gebracht und fanden Gerichtsversammlungen statt, wie wir die- bereit« oben in umgekehrter Reihenfolge angegeben haben.
Daß die Burg Hollende gerade an der Stelle errichtet worden, wo vorher eine altgermauifche GerichtSstätte gewesen, hatte seinen guten Grund. Al« da« Christentum das Heiden- tum verdrängte, hat man meisten« gerade an der Stelle, wo stch der heilige Hain befand, eine Kirche errichtet oder man hat diese Stelle auch wohl in ter Weise beibehalten, daß man ste nunmehr zu einem christlichen Audacht-orte umwandelte, um der früheren Heftigkeit diese« Orte« Rech- nung zu tragen und dem neuen Glauben eine willfährigere Annahme zu verschaffen. Aehnlich dürfte es stch mft der BurgstLUe, die ja früher al« GerichtSftelle zu dem heftigen Haine gehörte, verhalten haben. (Fottfetzung folgt.)