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Skr. 1*8

Marburg, Freitag, 29. Mai 1885.

XX. Jahrgang.

grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- «bonnements-PreiS bei der grpedition SV. Mk., bei den Postämter L Mk. 50 «ig. (erd. Bestellgeld). Fnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 ff«. Reklamen für die Zeile 25 Pf».

(Olicrlirffifdir Jfitimii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M-, Kastel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M* Berltn,Hannover u. Pari».

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

M** Bestellungen für den Monat Juni auf die Oberhessische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegen« genommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an. __Exped. der Oberh. Ztg. ~ Die Unruhen tu Parts.

In der schönen Hauptstadt unserer unruhigen westlichen Nachvarn ist eS am helligen Pfingstfeste zum Andenken an die blutigen Pfingsten von 1871 wiederum zu Aufruhr In aller Form gekommen, zu einem blutigen Zusammen­stoß der Polizei und der Kommunarden. Wunderbar ist daran nicht». Wer e» verfolgt hat, wie die Regierung fett 1870 eigentlich kein größeres Interesse gehabt hat, als mit allen Verbrecher« und politische« Abenteurern schön zu thun, wie sie Rochefort und Genoffen amnestiert, wie sie jede Verhöhnung und Herabsetzung von Gesetz und Ord­nung in Presie und Volksversammlungen unthätig duldet; wer die Entscheidungen der Schwurgerichte sich noch inS Gedächtnis ruft, durch welche selbst Mörder als Helden freigefprochen wurden, und wie sie jetzt den verstorbenen Viktor Hugo, de« Dichter des extremsten Radikalismus feiert: wer das alles gesehen hat, der wird nichts natür­licher staden, als daß der Pöbel schließlich alle Schranken der staatlichen Ordnung übersteigt oder umstürzt, und nicht mehr die Träger der öffentlichen Gewalt, dir feinen schlechten Leidenschaften schmeicheln und nachgeben, sondern sich selbst alö den Souverän ansteht, dem alles gestattet ist.

Tritt nun gar, wie es jetzt der Fall ist, zu dem sitt­lichen Bankerott der Regierung ein wirtschaftlicher Notstand hinzu, der Tausende von Arbeitern arbeit-- und brotlos auf die Straße gefetzt hat, jo ist vollends nicht etnzujehen, warum nicht dir Leute, die nichts zu verlieren haben, nicht wenigstens versuchen sollten, wir weit sie mit der praktischen Verwirklichung ihres FeldgeschretS: „Es lebe die soziale Revolution!- vorläufig kommen können.

Veranlaffung des ersten Skandals war der vierzehnte Jahrestag der Niederwerfung der Kommune, und zwar speziell die Entfaltung von roten Fahnen bet dieser Ge­legenheit. Hebet den Hergang im einzelnen meldet ein Bries de» „B. B. C.":

Gegen halb 2 Uhr nachmittags tauchte vom Bastille a- Platz her der Vortrab der Anarchisten auf. Der Polizei- Inspektor Clsment ließ den ersten drei Banden die roten Banner, die sie, trotz der Polizei Verordnung betreffs der ausrühreriichrn Embleme, stolz entfaltet hatten, wegnehmen. Inzwischen aber sammelte sich, in Gruppen zu Zwei und Drei ankommend, der Heerbann der Revolutionäre, etwa 8000 Mann stark, auf dem Kirchhof, wo die Gräber der Rebellen von 1871 durch die Fürsorge einer allzu ver­

trauensseligen Regierung mit englischem Rasen und exo­tischen Ziersträuchern geschmückt, einen bemerkenswerten Kontrast zu den vernachlässigten, mit Steinen und Gestrüpp bedeckten Erdhügeln bilden, unter denen die armen Teufel verscharrt liegen, die nicht im Bürgerkrieg gefallen sind und keine MinisterhotdS in Brand gesteckt haben. In der Mitte des Winkels, den die Gräber der Konfödericrten einnehmen, war — man weiß nicht von wem — ein Flaggenmast errichtet worden, den bei der Gedächtnisfeier am Pfingsttage das rote Banner der Kommune zieren sollte. Dieser Flaggenmast war das weithin sichtbare Wahr­zeichen, zu welchem die verschiedenen Gruppen der Anar­chisten ihre Schritte lenkten. An der Spitze einer dieser Gruppen bemerkte man um halb 3 Uhr nachmittags Herrn Charles Louguet, Redaktionsmitglied der Clömenceauschrn „Justice" und bekannt als Schwiegersohn des verstorbenen Karl Marx. Diesem würdigen Vertreter der Revolution war es Vorbehalten, daö Zeichen zum Beginn des Krawalls zu geben. Herr Louguet zog nämlich, in der Nähe des Flaggenmastes angekommen, einen roten Lappen aus der Brusttasche, entfaltete ihn und wollte ihn eben aufhiflen laffen, als die Polizei Offiziere Clöment, Gaillot und Anger sich auf die betreffende Gruppe stürzten uns das corpus delicti zu konfiszieren versuchten. In dem nun sich ent- sptnnenden Handgemenge blieben zunächst dir Anarchisten die Sieger. Unter dem Rufe: „ES lebe die Kommune!" retteten sie die Fahne bis zu dem Flaggenstock und schickten sich an, sie zu befestigen, als die Polizei Verstärkung er­hielt. Mit 25 Mann kam der Polizeileutnant Carnat seinen oben genannten Kollegen zu Hllfe. Bereits hatte er die Fahne bei einem Zipfel gefaßt, als ein aus nächster Nähe geschleuderter Pflasterstein ihn so unglücklich an der Schläfe traf, daß er blutüberströmt und besinnungslos zu­sammenbrach. Seine Leute, ihn für tot haltend, scharten sich um ihn, während ein Hagel von Steiuwürfen dem ersten von den Anarchisten auSzegangenen Angriff folgte. Von einer koloffalen Ueberrnacht umringt, beschimpft, gestoßen, geschlagen, an dm Kleidern gezerrt, wiffen die Polizisten sich keinen andern Rat, als mit der blanken Waffe drein zu hauen. Auch so wäre bs8 kleine Häuflein rasch genug der Ueberzahl dieser Rasenden erlegen, wenn nicht rechtzeitig zwei Kompagnieen republikanischer Garde ihnen mit gefällten Bajonett zu Hilfe geeilt wären. Ja den wenigen Minuten, die dieses erbitterte Handgemenge dauerte, kämm auf feiten der bewaffneten Mrcht dreißig und in den Reihen der Anarchisten fünfzig zum Teil schwere Verwundungen vor. Erst als zwei weitere Kompagnieen der Garde republieaine ihren Kameraden zu Hilfe geführt mutten und der dieselben befehligende Offiziere das Kommando gegeben hatte: „Fertig zum Feuern! — Ang-legt!" — nahmen die Bettel:iger der „wahren Republik" Reißaus, nach allen Seite« davon­eilend und in den dem Kirchhef benachbarten Straßen den

traditionellen Schreckensruf verbreitmd: „Man schießt auf das Volk! Man mordet unsere Brüder!" Dir Zahl der bei diesem Putsch vorgenommenn Verhaftungen betrug 53; indes wurden 38 der Arrestanten sofort nach ihrer Vernrh« mung auf dem nächsten Polizeibureau wieder entlaffm.

Das sind die Vorgänge vom Montag.

Für den Dienstag nun war eine Wiederholung de» Skandals vom Pöbel in Aussicht genommen. Die beiden Anarchistenblätter „Bataille" und „Cri du Peuplr" fordern die „CltoyenS" öffentlich mr, die Ruhe durch revolutionäre Kundgebungen und im Notfälle vermittelst Dynamits immer wieder zu stören. Aber Regierung und Polizei habm dieses Vorhaben vereitelt. Frellich auf ganz ebene Weise. Nicht durch rücksichtslose Machtentfaltung den Aufrührern gegen­über, sondern allem Anschein durch einen Pakt, deffen Grund­bedingung die Gestattung der roten Fahnen war, über deren Verbot am Tage zuvor Blut geflossen wat. Ja bet Thal haben am Dienstag und Mittwoch bie Leichenbegängnisse zweier Kommunatbe« — Coutnet und Amouroux — statt­gefunden, ohne daß eS zu ernstlicherem Krawall gekommen wäre. Freilich riefen die „Leidtragenden", welche den Särgen folgten, überall, und besonders vor de« öffentlichen Gebäudm: „es lebe dir Kommune". Und auch an der Gruft CournetS trieb man, was man wollte. Es sprachen fünf Redner, darunter Rochefort, der Geweinderat Baillant und Gouille vorn „Cri du Peuple". Letzterer äußerte, „das unbewaffnete Volk habe gestern dem Angriffe der Polizei zu widerstehen gewußt; diese Volksmenge habe durch ihren Widerstand das Recht erobert, auf den Straße« von Paris ihre glorreiche Fahne zu tragen." Von CournetS Grabe zog die Volks­menge zum Champ des Feiere?, wo wieder drei Reden ge­halten wurden. Stadtsergeanten säuberten dm Kirchhof, ohne auf Widerstand zu stoßen. Ein Mann mit einer schwarzen Fahne wurde von einem Friedensoffizier aufge­fordert, feine Fahne einzuhüllen; er widersetzte sich; der Polizist Bagarre und der Friedensoffizier Gutzviller wurden verwundet. Drei Verhaftungen erfolgten.

Selbstredend hat bei de» i« Frankreich doch noch vor­handenen befferen Elementen das elnde Verhalte« bet Re­gierung größten Unwille« erregt. „Journal des Debats" spricht sich mißbilligend über die Behörden aus und findet es mit Recht kindisch, zwischen einer roten Fahne und roten, mit Inschriften verfehenen Bannern einen Unterschied zu machen. DaS Blatt verlangt, daß die Regiemug ein neues Gesetz gegen den Gebrauch aufrührerischer Abzeichen den Kammern vorlege.

Auch die Dkputtertenkammer hat sich bereits mit der Sache befaßt und eine Tagesordnung angeuommen, die die Schritte der Regierung billigt. (S. gestr. Depesche Paris.)

Deutscher Reich.

Berlin, 27. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet:

Die Burg Holleude (Hohenlinden) in Oberheffeu.

(Fortsetzung.)

Weitere, allenfalls von der früheren Burg herrührende Steine sind in der Umgebung der Burgstätte nicht wahr- zunehmen; sie sind vielleicht, als anderweit noch verwendbar, nach und nach fortgebracht worden. Auch Mauerwerk ist außer den gedachten bloßgelegten Stellen nirgends mehr sicht bar. Dem Vernehmen nach hat ein Bewohner des Dorfes Warzenbach, der mit dem Betriebe des Bergbaues zur Ge­winnung gewiffer Erze In der Gegend dcS Burghügels belikhen worden, sich vor kurzer Z it veranlaßt gesehen, von seiner Bergbaubercchtigung in der Weise Gebrauch zu machen, daß er am Fuße der Burgstätte die vorerwähnten Ein­grabungen hat vornehmen laffen, die wohl weniger zur Gewinnung von Erzen unternommen auzufehm sind, al» vielmehr darauf hiudeute« dürften, das Innere der Burg­stätte zu erforschen und hier vielleicht altertümliche Gegen­stände aufzufinden. Sollten diese nicht bergmännischen Ein­grabungen gänzlich der Aufmerksamkeit deS bdttffenben Forstschutzbeamten entgangen sein?! Die vorgedachten Velden Keffelverttesungen rühren daher, baß In den 1860er Jahren der damalige Rrviersörster Jung zu Treisbach mehrmals nach Dachsen, die sich unter den Burgtrümmern heimisch gemacht, hat graben laffen. Mau soll damals auf festes Mauerwerk gestoßen fein, welches aber nicht durchbrochm wurde. Altertümliche Gegenstände sind nicht vorgefundm worden. Ob unter ben Burgtrümmern sich noch Gewölbe befinben, ist ungewiß, wirb aber vermutet.

Es findet sich nirgends ein sicherer Anhaltspunkt vor, der auf die Befchaffenhett und die Bauart der Burg fchlleßen lasten könntt, da alles hierauf Bezügliche der Zerstörung d«r Burg, sowie bet Einwirkung bet Zelt unterlegen Ist.

Nach dem Umfange und der Größe der Gipfelfläche,deS Burghügels zu urteilen, hat hier vielleicht ein längliches Gebäude von keiner großen Ausdehnung gestanden. Ob daSfelbc von Holz oder Stein gewefcn, läßt sich ebenwohl nicht mehr bestimmen, und ebenfowenig läßt sich angeben, ob bie Burg einen Bergfriet gehabt, was jedoch anzunehmen steht, da auch selbst die kleineren Burgen, zu denen die Burg Hollende doch wohl nur zu rechnen ist, seli-st wenn st- von Holz erbaut gewesen, gewöhnlich einen Wachtturm zum Uebetblttfen der vor- oder umliegenden Gegmd gehabt haben. Während jetzt die Seitenwände der Burgstätte, welche sich dem Auge gewiffermaßen als ein großer Grab­hügel barstellt, sowie überhaupt bet ganze Burghügel mit Waldung bedeckt ist, bie sich nach Süden und auch etwas nach Westen zu mit der Waldung der hohen „Kuppe" ver­einigt, so ist doch wohl anzunehmen, daß der Burghügel und vielleicht auch deffen östliche Umgebung zu der Zeit, als die Burg auf demselben gestanden, mit Waldung nicht bedeckt, sondern frei von jedem, die Fernsicht hindernden Gegenstände gewesen ist. ES bot sich so in der Richtung nach Osten ein freier Ausblick aus die vorliegende Gegend dem Auge dar, namer-ttlch auf die Dörfer Treisbach, Warzen­bach und Oberndorf, vielleicht auch noch aus Niederasphe, während nach den andern Hlmmelögegendeu hin hohe Wal­dung dies verhinderte. ES bleibt jedoch nicht ausgeschlossen, daß man auch wohl selbst von der Burg, jedenfalls aber von dem Bergfriet, die damals vielleicht auch an der Ost- fclte des Burghügels vorhandene Waldung Überblicken und jo in die vorgelegene offene Gegend jehen konnte. Die Höhr de» Burghügels gibt Land au in feiner Abhandlung Über bie wüsten Orte im Kurfürstentum Heffen auf 1380 Fuß über dem Meere liegend au und die Höhe desselben,

von feiner Erhebung an gerechnet, au? 60 Fuß. Nach der Kurhefstsch-n Generalstabskarte hat der von der Nordwest, feite deS Burghügels hinziehende Waldwiesengrund 1084 Fuß Meereshöhe, während die Dörfer Treisbach 819, Obern­dorf 755, Warzeubach 911 und Niederasphe 815 Fuß Meereshöhe haben, so daß hiernach der Gipfel des Burghügels um 4—500 Fuß höher als die genannten Orte liegt und sonach diese von jenem überblickt werden können, waS jedoch jetzt durch die den Hügtt umgebende hohe Waldung verhindert ist.

Dcr Nam- der Burg kommt unter verschiedener Schrei­bung vor; sie wird Holynde, Hölynde, Holende, Hollende und Hollenden, jetzt gewöhnlich aber Hohenlinden genannt, welches sämtlich Dativendungen in der Ein- oder Mehrzahl sind. Auch der Name Hollenlia kommt vor, wo man wohl den lateinischen Namen der Linde: „tilia“ mit dem Worte zu verbinden gesucht hat. Irrig ist eS, wenn man annehmen wollte, daß eS sich hier um einen Ort handle, auf welchem hohe Linden gestanden. ES wird hier vielmehr ein hoch gelegener Oct angebeutet, auf welchem Linden­bäume standen. Ebenso verhiü eS sich beispielsweise mit den beiden Orten Groß- und Klelnllnden bei Gießen, welche nicht von ben daselbst gestandenen großen und kleinen Linden, sondern nur von ihrem Umfange und ihrer Ausdehnung ben Namen erhalten haben.

Auf dem Gipfel unseres Burghügels standen in allen Zeiten Lmbenbäume, von denen der Hügel den Namen rr- hatten und was darauf hindeutet, daß damals wohl an dieser Stelle Waldung nicht gewesen ist. Kommt eS doch mehrfach vor, daß Ortschaften den Namen „Linden" be- kommen haben, well früher daselbst Lindenbämne gestanden haben, »le bie« unter andern auch bei den vorgedachten beiden Orten unweit Gießen der Fall ist. (Fortsetzung folgt)