ltchen Antrag an dir Bürgerschaft gerichtet. Die Stimmung in letzterer sei dem Anträge günstig. Die auf 5 Millionen veranschlagten Kosten sollen durch eine Anleihe gedeckt werden.
Ausland.
Rom, 23. Mai. Die technischen Delegirten der internationalen SanitätS-Konferenz wählten gestern den italimischen Delegirten Senator Moleschott zu ihrem Präsidenten. Die Kommission beschloß, in der Konferenz die Aufhebung ter Quarantänen und SanitätScordouS zu beantragen, nachdem eine vollständige Abschließung als unmöglich erachtet worden ist.
Part-, 22. Mai. Ganz Paris beschäftigt sich gestern selbstverständlich ausschließlich mit dem Tode Mctor HugoS. Selbst die Schlappe welch« daS Cabtnet gestern im Senat erlitt, wird kaum besprochen. Sardou kündigte den vor dem Hause harrenden Journalisten die Trauerbotschaft an, die dann sofort nach dem Tel'phonposteu des Platzes Cylarr eilten, um sie ihren Blättern mitzuteilen. Radar kam um 3 Uhr in da- Totenhaus, um den Verstorbenen auf seinem Totenbett zu photographiren. Der Bildhauer Dalon nahm den Gipsabguß de- Toten und die Maler Booat uvd Lson Glaize nahmen Skizzen. Victor Hugos Söhne sind bekanntlich olle vor ihm gestorben. Er hinterläßt jedoch eine Tochter, Adele, von der man bisher nie sprach. Dieselbe ist ungefähr 50 Jahr alt und befindet sich in einer Irrenanstalt in der Nähe von Paris. Sie hatte sich vor etwa dreißig Jahren auf der Insel Guernsey mit einem englischen Marine-Osficier verheiratet und war mit demselben nach Ostindien gegangen. Victor Hugo war gegen die Heirat und weigerte sich, seine Tochter wieder zusehen. Nach einigen Jahren kam die arme Adele Hugo als Witwe und zerrütteten Geistes nach Europa unter dem Schutz einer Negerin zurück, die sie früher in ihren Dienst genommen hatte. Mctor Hugo ließ seine Tochter in ein Krankenhaus in der Umgegend von Paris bringen und besuchte sie daun jede Woche einmal. Victor Hugo hinterläßt angeblich vier Millionen, die fast alle in Staatspapieren angelegt sein sollen. In seinem Testament bestimmt er, daß eine Zufluchtsstätte gegründet werden soll, welche den Namen „Asyl Victor Hugo* führen soll. Mctor Hugo starb ohrc den Beistand eines Priesters. Der Erzbischof von Paris hatte gestern, jedoch vergeblich, den Versuch gemacht, an sein Krankenbett zu gelangen. — Floquett eröffnet die Sitzung mit einem warmen Nachruf auf Vic'or Hugo. Ministerpräsident Brlffon beantragt die Bewilligung eines Kredits vou 20,000 FrcS. zur Bestreitung der Kosten für die Beisetzung des Verstorbenen, der Kredit wird mit 415 gegen 3 Stimmen bewilligt. Der Deputirte Delaforge (radikal) beantragt, bei der Beisetzung der Leiche Victor Hugos im Pantheon, welches jetzt die Kirche St. Gmev v-e ist, keine kirchliche Feier stattfinven zu laffeu. Die Dringlichkeit für diesen Antrag wurde mit 229 gegen 114 Stimmen beschlossen, das Verlangen Delaforge's, über seinen Antrag sofort definitiven Beschluß zu fassen, jedoch mit 259 gegen 214 Stimmen abg'lehnt und der Antrag an die Bnreavx verwiesen. Der Minister des Innern hatte beantragt, die definitive Beschlußsaffung auf die nächste Sitzung zu verschieben. Die Kammer vertagte sich hierauf bis nächsten Dienstag. — Der Senat hat den Gesetzentwurf über daS Ltstenskcutinium mit der Abänderung genehmigt, daß bei der den Wahlen zu Grunde zu legenden B völkerungSziffer die Ausländer nicht mitgezählt werden und daß die Mitglieder der fürstlichen Familien, welche früher in Frankreich geherrscht haben, nicht wählbar sein scllen. Wie die Zeitungen mitteilen, glaubt die Familie Victor Hugo'S, eS sei dessen Wille gewesen, auf dem e la Chaise beigesetzt zu werden und der Antrag Delaforg?S demzufolge gegenstandslos. DcS Leichenbegängnis wiro wahrscheinlich zur Antwort. „WaS mit mir geschehen werde, daran habe ich nicht gedacht I*
„JudithI Judith!* rief Brune. »Er beugte sich zu der noch immer Koteenden, umschlang sie mit brtdeu Armen und zog sie zu sich empor.
„Du wendest Dich nicht von mir ab?* fragte Judith leise.
„Nein, nein l Du würdest die- alles nicht gethan haben, wenn Du mich nicht liebtest!*
«Ja, ich liebe Dich!* rief Judith und barg den Kopf an der Brust ihres Mannes.
„Ich habe Deinetwegen unsagbar gelitten, aber ich weiß, daß Dein Herz gut ist.*
„Und treu 1" fiel Brune ein, indem er sich küßte. „Ich will alles sühnen, nie — nie sollst Du wieder klagen!'
Judith richtete sich empor und blickte ihren Gatten ruhig an.
„Ich glaube Dir,* sprach sie. „Gerhard, nun steht mir ein schwerer Gang bevor; ich werde zum Richter gehen und ihm alles mitteilen.*
Brune zuckte unwillkürlich leise zusammen.
„Du willst Dich selbst verraten?' fragte er.
„Darf ich dulden, daß eine Unschuldige verhaftet ist?'
„Du willst gestehen, daß Du — Du Weiland hast erschießen wollen?'
„Ja, — Nun Du mich nicht von Dir gestoßen hast, scheue ich mich nicht, eS offen auszusprechen. Ich werde mich freier fühlen, wenn ich die volle Wahrheit sage. Ich war so nahe daran, eine Verbrecherin zu werden — mein Geständnis soll die Sühne sein.'
Bewundernd ruhte BruuenS Auge auf seiner Frau.
„Thu eS — thu eS!' rief er dann. „Ich werde mit Dir gehen, damst Jeder fleht, wie lieb ich Dich habe.'
Freitag stattstuden. — Wie die Zeitungen mitteilen, glaubt die Familie Viktor Hugos, eS sei dessen Wille gewesen; auf dem Pere-Lachaise beigesetzt zu werden. Der Antrag DelaforgeS würde demzufolge gegenstandslos. DaS Leichenbegängnis findet wahrscheinlich Freitag statt.
Lou-o«, 23. Mai. „Reuters Bureau" teilt mit, daß Admiral Hornby zum Befehlshaber der Flotte ernannt ist, welche demnächst bei Portland gebildet werden soll.
Petersburg, 24. Mai. Dem „Regierungsanzeiger* zufolge hat die Spezialkommifstou zur Ausarbeitung eine» Lokalverwaltungsentwurfs ihre Aufgabe erledigt und hat der Kaiser dem Präsidenten der Kommission, Kochanoff, sowie den zur Kommission hinzugezogen gewesenen Repräsentanten der Stände für die gehabte Mühewaltung seine Anerkennung aukgedrückt. — Von Seiten deö Hauptmartne- stabcs wird bekannt gemacht, daß auf Befehl des Königs von Schweden und Norwegen die Nordpaffage sowie die Südpaffage deö FarösundeS seit Anfang dieses Monats durch Torpedo-Anlagen gesperrt sind und demzufolge die Schiffspassige durch den nördlichen Farösund bedingungslos untersagt ist. Fahrzeuge, welche den südlichen Farösund passieren wollen, muffen die Hilfe schwedischer Krovlootsen in Anspruch nehmen. — Das „Journal de St. Peters- bourg' veröffentlicht einige Aktenstücke aus dem Blaubuch über die afghanische Frage mit einem Vorbehalt bezüglich der Unvollständigkeit und Uigenauigkeit der betreffenden Drkumrnte und bemerkt, daß unmöglich eine genaue Wiedergabe vorliegcn könne. Schon von diesem Gesicht »punkte aus glaube eS zu wissen, laß die russische Regierung demnächst eine Sammlung von diplomatischen Aktenstücken über dieselbe Frage zu veröffentlichen beabsichtige, die ja daun von beide« Seiten her beleuchtet sein werde.
Alexandrien, 23. Mai. Der Rest der englischen Garde-Infanterie ist heute früh von Suakin eirgrtroffen.
Bombay, 23. Mai. Der Herzog und die Herzogin von Connaught sind hier ringet» offin und beabsichtigen, am 26. Mat nach England abznrüsen.
Simla, 23. Mat. Oberst Stewart, Kommandant von Holdisch, und Kapitän Placocke trafen am 7. Mai in Herat ein und blieben 5 Tage dort und in den benachbarten Ortschaften. Die englische Kommission zur Feststellung der afghanischen Grenze verlegte ihr Hauptquartier in das Gebirge nördlich von Herat.
Rewyork» 23. Mai. Nach einer Dipesche aus La Libertat ist der Versuch Honduras, zwischen San Salvador und Guatemala zu vermitteln; gescheitert. Die Insurgenten unter Menendez seien zurückgtwerfen worden. 400 Mann Truppen dcö Staates Guatemala hätten heute die Grenze von San Salvador überschritten.
Hesse»-Raffa«.
Marburg, 26. Mai. Wenn auch gerade nicht vom schönsten Wetter begünstigt, hatte sich dasselbe doch noch so gestaltet, daß der Aufenthalt in der in frischem Grün prangenden Natur am gestrigen zweiten Festtag möglich war. Daß bei solchen Ausflüßen unsere Spicgelslust ein LicblingSplätzchen ist, zeigte sich auch gestern wieder, zahlreicher Besuch hatte sich eingestellt, doch wurde gar manchem die Freude der Erholung nach angestrengtem Bergsteigen verkümmert. Der eine fand keinen Sitz, der andere kein Plätzchen, wo er den mühsam errungenen Schrppen hin« stellen konnte — daS sind Anlagen, die bkj .mmernswert find und die, wenn man gar einen Fremden an diesen in allen Reisebüchern und Beschreibungen von Marburg alS daS Schönste, waS man bieten kann, gepriesenen Punkt führt, ein mitleidiges Lächeln Hervorrufen, das gar manchem Marburger schon die Schamröte ins Gesicht getrieben hat. — Ist es denn nicht möglich, wenn Geld nun einmal nicht
Judith erfaßte seine Hand und hielt sie fest in der ihrigen.
In derselben Stunde gingen beide zu dem Richter, klarer, ruhiger Weise erzählte Judiih alles, sie verschwieg nich S.
Der Richter war auf das Höchste überrasch». Er hatte an Helenens Schuld fest geglaubt und eS wurde ihm schwer, diese Ueberzeugung aufzugeben, obschon er au Judiths Worten nicht zweifeln konnte.
„Weshalb haben Ste mir dies nickt früher mitgeteilt?' fragte er.
Judith senkte unwillkürlich da« Auge.
„ES fehlte mir der Mut,* erwiderte sie. „Ich wußte nicht, wie mein Manu eS aufnehmen werde. Erst heute habe ich eS ihm gestanden, al« er mir mitteilte, daß es für Weilands Frau ftine Rettung mehr gebe. Da raffte ich mich auf, um eine Unschuldige zu retten.*
„Aus welchem Grunde sollte Krötzsch die Verhaftete beschuldigt haben, wenn sie unschuldig wäre?" fuhr der Richter fort.s
«Ich weiß eS nicht.'
„Haben Sie ihn genau erkannt, als er nach dem Schüsse forteilte?'
,3a.'
„Weshalb haben Sie die« nicht angezeigt?*
„Ich war schwer erkrankt und als ich langsam wieder genas, erschien mir alles wie ein wüster Traum.'
„Wenn Krötzsch nicht als Mörder mtdeckt wäre, würden Sie ihn angezeigt haben?'
Judith zögerte mit der Antwort.
»Ich weiß e« nicht,' entgegnete fir dann. „Ich glaube kaum.'
„Hat Krötzsch Sie an dem Abende bemerkt?'.
anders aufzutreiben wäre, von dem noch vorhandenen Turm- baukapttal ein paar hundert Mark zur Anschaffung eines einigermaßen anständigen Mobiliars zu verwenden? Vordem wurde bei Lebzeiten des Herrn von Spiegel dessen Beitrag für die Unterhaltung des Platzes hierzu verwendet, feit dessen Tod aber ist fast alle« zur Ruine geworden, wozu nun noch der Besttzstreit der WtrtSfamilie daS seine beiträgt. — Wie jetzt verlautet, soll eS in der Absicht des Stadtrats liegen, die Trümmer des Pavillons zu reparieren, und zwar mit einer Summe von 400 Mark. Nutzloser wäre wohl kaum jemals Geld verbaut worden, als zu diesem Zweck, denn gegen Unwetter schützt das Ding nicht, als Musik-Pavillon ist eS unzweckmäßig und zum Aufenthalt in demselben benutzt es niemand, weil eS die ausgeprägteste Zuganstalt ist. Mit dem verwilltgten Betrag läßt sich unter Verwendung de« vorhandenen Materials an der Nordwestseite, wie bereits schon einmal in diesem Blatte angedeutet, ein Musik - Pavillon bauen, wie er sein soll und muß; zu wünschen bleibt dann nur, daß keiner der in den hiestgm öffentlichen Gärten kopiert wird. Ein zur Nachahmung zu empfehlender befindet sich auf dem Lenz scheu Felsevkeller in Gießen. Also nochmals die dringende Bitte, für die Spiegelslust etwas zu thun und zwar etwas Richtige-!!
Marburg, 26. Mai. Wir wollen nicht versäumen, darauf aufmerk'am zu machen, daß nunmehr bestimmt am Mittwoch im „Zirkus Lorch" die pantomimischen Aufführungen stattfinden werden. Den Reigen wird das Ausstattungsstück „Ein chinesisches Fest' eröffnen. Später soll dasselbe durch „Mazeppa' abgelöst werden und dann abwechselnd mit ihm die Vorstellungen im Zirku« zu besonders genußreichen machen. In beiden Stücken wird fernerhin auch neben den verschiedensten Auszügen daS Ballet im Schimmer elektrischen Lichtes glänzen. — An den Pfingsttagen waren, wie zu erwarten, die Abend Vorstellungen recht besucht, weniger die Nachmittags!, und errang besonders wiederum tie zerbrechliche Leiter des Herrn Flumm stürmischen Applaus. Hoffentlich werden die beider zu erwartenden Ausstattungsstücke ihre Zugkraft auf die Schaulustigen nicht verfehlen.
Raffel, 23. Mai. Der Herr Ober-Präsident hat der vom Vorstande des Hessischen DlakonissenhanseS bei Kassel zu den Zwecken qu. Anstalt beabsichtigten Verlosung von zum Geschenk erhaltenen Handarbeiten, Gebrauchs- und Toilette Gegenständen rc. im Gesamtwerte von 6—800 Mk. die G nehmigung unter der Bedingung ertellt, daß nicht mehr als 4000 Lose, i 50 Pf., anSgegeben werden, und der Vertrieb derselben auf den Regierungsbezirk Kassel beschränkt bleibt.
Schlüchtern, 21. Mai. Der BahnhofSarbeiter S. von hier transportierte am Dienstag Abend einen mit der Bahn gekommenen und für die Gemeinde Breitenbach bestimmtm Bullen allein vom Bahnhof nach der Stadt, ohne sich noch Hilfe zu nehmen. Diese Unvorsichtigkeit ist ihm aber sehr schlecht bekommen, denn in der Nähe des FelsenkellerS versetzte der Bulle seinem Führer einen Stoß, der die Stirn desselben traf und Über dem linken Auge eine klaffende Wunde, sowie einen mehrfachen Bruch der Hirnschale verursachte. Sodann schleifte das Tier den Unglücklichen noch eine Strecke weit, bis es von einigen Leuten aufgehalten wurde. S. liegt jetzt schwer krank darnieder und befindet sich in ärztlicher Behandlung. Wie arg die Verletzung ist, kann man daraus ermessen, daß fast die halbe Stirnhant abgerissen und der Knochen sichtbar war. — Vom 16. bis 21. d. M. fand im hiesigen Seminar unter Leitung des Herrn RegiernngS und Schulrates Haffe dir zweite Prüfung der provisorisch angestcllten Lehrer statt, zu der 50 Examinanden erschienen waren. In der schriftliche«
Ich weiß eS nicht. Als der Schuß gefallen war, stürzte ich fort, weiter reicht meine Erinnerung nicht."
»Ist kS Ihnen bekannt, daß Weilands Frau alle« auf« geboten hat, Ihren Mann zu schädigen und zwar nur aus Haß gegen Sie?* fragte der Richter.
«Ja.
„Und doch treten Sie für dieselbe auf?"
„Well ste unschuldig ist,' gab Judith zur Antwort.
Der Richter konnte an der Wahrheit dieser Worte nicht zweifeln, es lag etwas Hochherziges in ihnen. Bewundernd blickte er Judith an, dann streckte er ihr die Hand entgegen.
„Vergessen Sie nie,' wandte er sich an Brune, „was Ihre Frau durch Sie gelitten und was ste für Sie gethan hat.'
„Ich werde e« nicht vergessen," gab Brune zur Antwort und der Blick, den er auf seine Fran warf, verriet noch deutlicher al« seine Wort« feinen festen Willen.
Helene wurde noch an demselben Tage aus der Haft entlassen.
Als Krötzsch, der durch die Hast vollständig gebrochen war, die Unwahrheit seiner Aussagen vorgehaltrn wurde, gestand er endlich, Helene falsch beschul'tgt zu haben, um sich an Ihr zu rächen, well ste ihm kein Geld gegeben habe. Er gestand nun auch, was ihn zu der That getrieben hatte. Weiland hatte seiner Frau die Fortsetzung ihrer früheren Geldgeschäfte mit aller Entschiedenheit untersagt, Krötzsch war dadurch ein sehr erheblicher Verbimst entzogen und um diesen wieder zu gewinnen, hatte er daS Verbrechen begangen. Er war der festen Ueberzeugung, daß Helme nach dem Tode ihres Manne« die früheren Geldgeschäfte wieder aufnehmen werde, um zu ersetzen, was ste durch ihre Ehe verlor« hatte.
Da» Urteil über Judiths That schwankte hi» und her