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Marburg, Mittwoch, 27. Mai 1885.
XX. JahlMg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutscher Reich.
Berlin, 23. Mai. Der Kaiser empfing heute nachmittag den Minister v. Puttkamer und den Geh. Rat v. WtlmowSki. — Mit bezug auf einen von dem Kaiser ausgesprochenen Wunsch, daß auf geeignete Weise im all- gemeinen Kirchengebtte neben dem KrtegSheere auch der Reichsseemacht gedacht werden möge, ist alsbald das Erforderliche von den zuständigen Stellen verfügt worden. — D r Kronprinz wird, wie aus einer Mitteilung der „Lern, a. d. £>." zu ersehen ist, am 27. d. MtS. auf OetS er« wartet. Der Hofmarschall Graf v. RadolinSkt hat das Schloß vor einigen Tagen tn Augenschein genommen. Am 26. d. MtS. werden der König und die Königin von Sachsen zu mehrtägigem Aufenthalt in dem benachbarten Stbyllenort eintreffen. — Der Staatssekretär des Innern, StaatSmtntster v. Bötticher, ist zur Erholung für die Festtage gestern mittag mit seiner Gemahlin nach Radies zu dem ihm befreundeten Herrn von Bodenhausen abgereist. — Der Vizepräsident des Staatsministeriums, Minister des Innern v. Puttkamer, wird sich, wie man hört, heute nach dem Westen begeben. — Der Kultusminister v. Goßler wird sich, dem Vernehmen nach, am 30. d. MtS. nach Kiel begeben, um die dortige Universität und deren neue Institute zu besichtigen. — Der UnterstaatSsek:etär im Kultusministerium, Lucanus, ist aus der Provinz Schlesien hierher zurückgekehrt. — Lord Rosebery, Loro Geheimstegelbewahrer und Mitglied deS englischen Kabinetts, ist am Freitag Abend in Berlin eingetroffen und am Bahnhofe vom Grafen Herbert Bismarck empfangen worden. Graf Herbert geleitete den Lord sogleich nach dem Palais des Reichskanzlers, wo derselbe über eine Stunde bei Fürst Bismarck blieb. Einen der „Voss. Ztg." aus London zugegangenen Privattelegramm zufolge erfährt der „Standard", Rosebery habe die vertrauliche Mission, die allgemeine Natur der Politik Bismarcks, insbesondere besten Anschauungen in der egyptischen Frage zu erforschen, da die britische Regierung üverzeugt sei, sie könne, um die egyptische Schwierigkeit zu heben, nicht auf das Wohlwollen und die Unterstützung Frankreichs rechnen uns wünsche deshalb, ein Einvernehmen tn der egyptischen Frage zu erzielen. — Der Herzog von Cumberland hat den hiesigen Blättern zufolge gestern an die europäischen Höfe ein Rundschreiben erlassen, welche« gegen den preußischen Antrag beim Bundesrat protestiert und ihn als eine Verletzung des Völkerrechts bezeichnet. — Der „Reichs Anz." veröffentlicht eine
Bekanntmachung des Retchsverstcherungsamts vom 21. d. MtS., worin eS heißt: der Bundesrat faßte heute Beschluß über die Bildung von Berufsgenostenschaften. Dieselben werden unter näherer Bezeichnung der Bezirke und Industriezweige, für welche die einzelnen Genossenschaften bestimmt sind, durch den „ReichS-Anz." und die amtlichen Nachrichten des ReichSvrrstcherungSamtö veröffentlicht werden. Um den Beteiligten schon jetzt eine allgemeine Uebersicht zu gewähren und ihnen von den für die einzelnen Ge- nostenschaften anberaumten Versammlungen zur Beratung und Feststellung der Genostenschaftsstatuten Kenntnis zu geben, enthält die Bekanntmachung eine Uebersicht der Be- rufSgenoflenschaften mit den Orten und Tagen, an welchen die Versammlungen stattfinden sollen. Jedem stimmberech- tigten Berufögenoflen wird eine besondere Einladung deö ReichSoersicherungöamteS unter genauer Bezeichnung des Ortes und der Zeit der Versammlung nebst Beifügung des Vollmachtsschemas, falls der Etngcladene sich durch einen Leiter feines Betriebes otcr durch einen Brufögenosten vertreten lasten will, zugesandt werden. — AuS der Kommission zur Bearbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches heraus verlautet nach der „Echtes. Ztg'", daß die Arbeiten jetzt—wie eS heißt, auf Betreiben des Fürsten Bismarck—mit besonderem Eifer gefördert werden sollen. — Nach einer im Reichspostamt gemachten und in der Deutschen BerkehrSzeitung veröffentlichten Zusammenstellung befanden fich im Kalenderjahre 1884 tn den einzelnen (40) Ober- postdircktionen des deutschen ReichSpostgebteteS bet einem Flächeninhalte von 445 220,64 qkm 13 404 Postanstalten, darunter 213 im Bezirk Köln. Die Gesamtzahl der Post brieskasten betrug 56 232 (varunter 1128 tu Berlin, 1047 im Bezirk Köln), die des Personals 77980 (varunter 6837 in Berlin, 2348 im Bezi-k Köln, 970 im Bezirk Aachen, 1155 im Bez. Coblenz 2847 im Bez. Düffeldorf, 1069 im Bez. Trier, 2133 im Bez. Arnsberg, 1265 im Bez. Minden, 919 im Bezirk Münster). Die Zahl der Unterbeamten allein betrug 44587, der Postillone 4301, der Postpferde 10455, der Postwagen und Schlitten 12536, darunter 812 in Berlin und 299 im Bezirk Köln.—Im „Sekretariat Berliner Kaufleute uud Industrieller" sind bis jetzt, obwohl erst mit der Versendung der darauf bezüglichen Aufforderungen begonnen worden ist, bereits etwa 1000 ZustimmungSerklärungen b-zw. Anmeldungen zur Berliner Allgemeinen Deutschen GewerbeauSstelluug 1888 eingegangen. Außer Berlin sind nachstehende Orte durch nrmhaste Firmen an dieser Erklärung beteiligt: Frankfurt a. O., Brandenburg, Kott uS, Charlvttenburg, Neu- Ruppin, Breölau, Brieg, Liegnitz, Görlitz, PeterSwaldau, WüstewaltcrSdorf, Königöhütte, Landcöhut, Freystadt, Gold berg, Köln, Koblenz, Krefeld, Düsseldorf, Elberfeld, Aachen, Barmen, Bonn, Stettin, Grabow, Bielefeld, Magdeburg, Merseburg, Dresden, Leipzig, Grimma, Chemnitz, Löbau, Crimmitschau, Mittweida, L-ngenfeld, Oschatz, Deffau, Greiz,
Gera, Jena, Blankenburg, Gotha, Saalfeld, Sonneberg, Frankfurt a. M., Darmstadt, München, Bamberg, Fürth, Erlangen, Kempten tn Bayrrn, Freyburg in Baden, Waldkirch, Karlsruhe, Stuttgart. Auch eine Anzahl gewerblicher Vereine aus der Maik, Schlesien, Provinz Sachsen, Königreich Sachsen, Thüringen und Bayern haben sich bereits für die Ausstellung ausgesprochen.
Berlin, 24. Mai. Der Kaiser hat tn der Nacht gut geschlafen und befindet sich wohl. — Fürst BiSmarck stattete heute mittag Lord Rosebery in besten Absteigequartier im Kaiserhof, sowie dem Botschafter Malet einen Besuch ab. Malet erhielt darauf auch den Besuch des Staatssekretärs Hatzfeld. Vormittags hatte der Reichskanzler den gestern eingetroffenen früheren russischen Botschafter in London, den Grafen Peter Schuwalow, empfangen. — Bei dem Kronprinzenpaar im neuen Palais in Potsdam fand zur Feier des Geburtstages der Königin von England ein größeres Diner statt. Auf dem hiesigen englischen Bot- schastspalais war aus gleichem Anlaß die englische Flagge aufgehtßt.
Königsberg, 24. Mai. Die internationale Ausstellung in der „Flora" ist heute nachmittag 1 Uhr durch den Ober- Präsidenten v. Schlieckmann feierlich eröffnet worden.
Rordhauseu, 22. Mai. Einen schwer kompromittierten Anarchisten glaubt unsere hiesige königliche Staatsanwaltschaft hinter Schloß und Riegel zu haben. Das neulich wegen Bettendtebstahls vor den Schranken der königlichen Strafkammer stehende Individuum, welches fich Leo Busch nannte, ohne sich legitimieren zu können, ein Marn von klassischer Bildung, sicherem, gewandten Benehmen, der fast ganz Europa bereist hat, scheint tn hohem Grade verdächtig. Er hat einige Betten gestohlen und sich gleich darauf, ohne daß irgend jemand Verdacht auf ihn hatte, selber der Staatsanwaltschaft gestellt, anscheinend, um als Leo Busch bestraft zu werden und dann auf diesen Namen lautende LegitimationS- papiere zu bekommen, die ihm absolut fehlen. Die Angaben, die der betreffende über sein frühere- Leben macht, find absolut falsch, so will er Kaufmann sein und bis vor kurzem als Buchhalter bet einer Firma gewesen sein, dieselbe hat aber schon vor Jahren Bankerott gemacht. Sehr genau weiß der Pseudo-Busch mit den Verhältnisteu des Naumburger DornsyrnnasiumS Bescheid, so daß er ohne Zweifel dort seine Bildung genoffen hat, auch erkannte er sofort einen Lehrer des besagten Gymnasiums, mit dem er, da derselbe zufällig hier anwesend, konfrontiert wurde. Der Lehrer jedoch kennt ihn nicht. Ein Leo Busch aber hat niemals das Domgymuasium besucht. Die Behörden sind eifrigst bemüht, den wahren Namen und die Vergangenheit deS Pseu o Busch zu erforschen.
Hamburg, 22. Mai. Der Senat hat dem Projett Grotjan und Genossen, betreffend die Erbauung deS neuen Rathauses aus dem Rathausmarkte, wie die „V.Ztg." berichtet, seine Zustimmung erteilt und einen daraus bezüg-
Siue Frauruthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Schluß)
Judith war genesen. Zwar war sie roch sehr schwach, aber der Hauch dcS Glückes lag doch auf ihrem blaffen Gesichte, denn ihr Mann war ein anderer geworden, und sie hatte die fiste Zuversicht, daß er nun seinem Entschluß getreu bleiben werde. Gestand er ihr doch täglich, daß er sich nie so zufrieden uns glücklich gefühlt habe. Die Arbeit gewährte ihm Freude und er wandte seine ganze Kraft auf, die kleine Fabrik wieder emporznbringen.
Da erfuhr Judith, daß Helene verhaftet war, weil Krötzsch sie beschuldigt hatte, ihn zu der That überredet und während der Ausführung hinter ihm gestanden zu haben. Sie erschrack auf daS Heftigste. Wohl hatte sie die Frau, die gegen ihren Vater so hart gewesen war, gehaßt, aber dieser Haß war längst verschwunden, denn die Hartherzige war durch ihre unglückliche Ehr schwer genug bestraft. Der erste Gedanke, der sie erfaßte, war der, daß sie die Verhaftete retten müsse, aber ihr bangte vor dem Schritte, durch den sie sich selbst anklagen mußte. Konnte Helene denn verurteilt werden, da sie nicht schuldig war? Mußte eS ihr nicht gelingen, dem Richter ihre Unschuld zu beweisen I Dies beruhigte sie. Als aber ihr Mann ihr erzählte, daß niemand an der Schuld der Verhafteten mehr zweifle, da nur so der Aufschrei einer Frauenstimme unmittelbar nach dem Schuffe zu erklären sei, da erzitterte sie doch.
„Sie hat einen boshaften Charakter", fuhr Brune fort. «Um sich au Dir zu rächen, well Wrlland Dich geliebt,
hat sie mir das Leben schwer gemacht. Auf ihre Veran« laffung wurde mir die Hypothek gekündigt, sie hat Stelter mit Gels unterstützt, damit er mir Konkurrenz mache. Aber ich kann ihr trotzdem nicht zürnen, denn durch Weilands Tod hat sie mich gerettet."
„Du vergiebst ihr?" fragte Judith ohne aufzublicken.
„Ja", gab Brune zur Anta-ott. „Ich fühle mich j tzt so glücklich, daß ich feinem Merschen, auch ihr nicht, grollen mag."
Judith schwieg, auf ihr lag eS unsagbar schwer. Sie hoffte, von Tag zu Tag, daß Helene wieder in Freiheit gesetzt werde, als ihr Mann ihr aber eines Tages mitteilte, der Staatsanwalt habe ihm selbst gesagt, daß an der Verurteilung der Verhafteten gar nicht zu zweifeln sei, da rief sie laut: „Sie ist uuschul ig, Krötzsch hat die Unwahrheit gesagt!"
Brune blickte sie erstaunt an, denn er begriff ihre Erregung nicht.
„Du glaubst ihr, weil st- ihre Schuld leugnet," sprach er, „Sie hat Krötzsch zu der That überredet, sie hat den Schrei unmittelbar nach dem Schuffe ausgestoßen
«Nein — nein, nicht sie, — ich habe eS gethan l" unterbrach ihn Judith.
„Du bist erregt," sprach Brune, da er seine Frau nicht verstand.
Judith warf sich vor ihm nieder auf die Knie, erfaßte seine Hand und preßte ihre heiße Stirn darauf. So erzählte ste ihm alles, wie es an jenem Abende gewesen war, wie die Verzweiflung ste zu dem Schrttte getrieben und ste kaum gewußt hatte, was sie gethan.
„Gott ist mein Zeuge, daß mich kein Gedanke der Rache
gegen Weiland getrieben hat," schloß sie. „Dich wollte ich erretten — Dich I Meine Bitten, waren vergebens gewesen, der Mann hatte eine Gewalt über Dich erlangt, der Du nicht widerstehen konntest, das Elend wurde mit jedem Tage größer. Während mancher schic flofin Nacht habe ich nachgesonnen, wie ich Dich aus dieser Macht befreien könne, da stieg der Gedanke in mir auf, Wrlland zu töten, und er wich nicht von mir, so sehr ich auch dagegen kämpfte. Nicht ohne Zittern kann ich an jene entsetzliche Zeit zurück- denken. Wie von einem Dämon geleitet folgte ich der finsteren Jvee, kein Bedinken fand in mit Raum, immer und immer wieder quälte mich derselbe Gedanke, ich glaube, ich war dem Wahnsinn nahe! ES ist nicht mein Verdienst, daß ich nicht eine Mörderin geworden bin! Schon hatte ich die Büchse erhoben, da fiel dicht neben mit der Schuß, der Weiland tötete, und mit lautern Aufschrei fuhr ich zurück. Ich erkannte die lange Gestalt des Agenten, der aus dem Garten floh, ich selbst stützte fort — wie ich heimgekommen bin, was bann mit mit geschehen ist — das alles weiß ich nicht weht!"
Erschüttert hatte Brune das Geständnis gehört.
„Judith das alles wird nur ein düsterer Traum sein der sich während Deiner Krankheit in Dir ausgebildet hat' sprach er.
„Ich habe dies anfangs selbst grlaubt, bann wieder wähnte ich, daß ich selbst Welland erschoffen habe, aber je mehr ich genas, um so klarer wurde mein Gedächtnis — eS ist alles, wie ich es gesagt habe."
„Und meinetwegen hast Du das alle» gethan?" fiel BtUttc ein»
«Zch wollte Dich und die Kinder retten," gab die Fra«