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Marburg, Freitag, 22 Mai 1885.
XX. JahkMg
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Wöchcutliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch. *
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natürlich von rein menschlichem Standpunkt aus höchst lobenswert. Rußland konnte unzweifelhaft ein großes Stück Mittelasiens an sich reißen, ohne daß England das zu hindern vermocht hätte. Und ein solche« Vorgehen Rußlands hätte die jetzige Schwäche Englands den indischen Völkern so klar gemacht, daß die Stellung der Engländer in Asien schwer erschüttert worden wäre.
Welche Gründe di« russische Regierung veranlaßt haben, den Engländern diesen schweren Schlag zu erspare», wiflen wir nicht. Aber wir können uns denken, daß sie aus der Friedenspolitik der Kaisermächte entspringen, welcher Rußland in Sktemievice beitrat.
Die Engländer werden wohl thun, die Frist, welche Ihnen die Friedensliebe Rußlands gewährt, zur Aussöhnung mit Irland und zur Stärkung von Heer und Flotte für den schließlich unvermeidlichen Konflikt in Mittel-Asien zu benutzen. Noch gefährlicher als Irland und Rußland ist für England allerdings Gladstone, welcher dem .stolzen Albion" schon eine ganze Reihe schimpflicher Demütigungen zuzezogen hat. So lange diese personifizierte Unfähigkeit an der Spitze der englischen Regierung politischen Unfug treiben darf, ist Europa keinen Tag vor einem Kriege und England keinen Tag vor einer neuen Demütigung sicher.
,WaS hast Du, Willy ?' fragte die Frau.
.Nichts — nichts T entgegnete der Agent kurz und abweisend. .Ist es so auffallend, wenn ich kein Verlangen nach Kaffee trage? Trinkt nur — trinkt."
Er erhob sich wieder und schrttt langsam im Zimmer auf und ab.
Besorgt folgte seine Frau jeder seiner Bewegungen mit den Augen.
.Du bist doch wohl?' fragte sie.
.Gewiß — sehr wohl sogar,' versicherte der Gefragte, indem er sich bemühte, unbefangen zu erscheinen.
ES wurde an die Thür gepocht.
,Wrr kann da« sein?' fragt« Krötzsch hastig, de« Kopf
.Weshalb wollen Sie hier bleiben?' nicht hier bleiben, aber Sie können trotzdem mhig schlafen.
.Herr Kommissar, Sie befürchte»; daß der Mensch mich ti*vct । sonnte i
Boll zuckte mit der Achsel.
»Er hat, wie Sir sagen, Drohungen auSgrstoßen und
Der folgende Tag «ar ein Sonntag.
Krötzsch war später aufgestaoden als gewöhnlich.
in das kleine Wohnzimmer trat, traf er seine Fra«__
bk Kinder bereits beim Kaffee. Aach er setzte sich an den Tisch, rührte aber die Taffe, welche seine Frau gefüllt hatten nicht an.
.Ich befürchte, daß er morgen wiederkommeu wird.'
»Hegen Sie keine Besorgnis, ich stehe Ihnen zur Seite/ versicherte Boll noch einmal. .Heute könnm Sie ruhig sein.'
Ueber Bolls Gesicht glitt ein schwache« Lächeln.
„Sie haben vielleicht da« Richtige vermutet." bemerkte „Fürchten Sie sich vor dem Manne nicht?"
„Doch. Er stieß sogar Drohungen au«. Seit dem Tode meine« Manne« schläft ein Wächter de« Nacht« hier im Hause, ich sann soeben nach, w-S ich thun solle, um mehr Sicherheit zu erlangen."
„Thun Eie vorläufig nichts," fuhr der Kommiflar fort. „Für die nächste Nacht h ben Sie nicht« zu befürchten."
.Ist Gefahr vorhanden?' rief Helme erschreckt.
.Für Sie nicht.'
Er entfernte sich mit diesen Wortm schnell.
X.
Anzeige» nimmt entgegen die Expedition d. Blatte«, s owied.Amioncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt ♦ o. M., Berlin.München und
Köln: @. L. Daube und Ao- ln Frankfurt a. M„ B«rlin,Hannover u. Pari«.
Mae Fraueuthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Ueber das Gesicht des Agenten glitt ein erbitterte«, ver- DrifelndeS Lächeln.
»Sie weisen mich kalt zurück!' rief er. .Wer will M hindern, wenn ich morgen laut erzähle, welche Geschäfte ®ie gemacht, wie Sie alle« aufgebotm haben, um Brune 8® .6ttn-$kn, nur weil er ein Mädchen geheiratet, welche« Weiland geliebt! Oh, ich weiß noch sehr schöne Geschichten!'
Helene hatte die scharf geschnittenen Lippen fest aufeia- «vdrr g> preßt.
»Erzählen Sie,' entgegnete sie scheinbar mhig. „Dann erde ich dem SkaatSauwalt einen Schein übergeben, der „ *c stcher in« Gefängnis bringt. Daran scheinen Sie nicht »-dacht zu habm."
Der Agent knirschte mit den Zähnen.
»Wagen Sie eS!' tief er. „Treiben Sie mich zur ^erzwejflung, aber wundem Sie sich nicht, wenn ich vor "n Schlimmsten nicht mehr zurückschrecke!'
hestigsier Erregung stürmte er fort
to, Ylene blieb regungslos stehen. Da« Geschick diese- pichen ruhte in ihrer Hand, und dennoch fürchtete sie
vor ihm. So dreiste und drohende Worte hatte er nie auszusprechen gewagt. Wohl schlief seit dem Tode
..Mannes ein Wächter jede Nacht im Hause, reichte Mauk?“8 0tßen bta ^kuschen, dem sie da« Schlimmste
Sie sann darüber noch »ach, als Boll in das Zimmer trat evat ber Agent Krötzsch vor wenigen Minuten Ihr
grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal’ Monnements-Preis bei der Expedition 31/, Mk., bei den Postämter i Mk. 50 «kg. (excl. Bestellgeld). -Nisertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Bfg. «eklamen für die Zeile 35 Pf«.
bekannte historische Eckfenster im kaiserlichen Palais eia- warf und sich bisher zur Untersuchung seines Gemütszustandes in ärztlicher Untersuchung befand, ist als irrsinnig erklärt worden und wird heute nach Neisse zu feiner Familie übergeführt. — Gelegentlich be« 150jährigen Jubiläums der Korbmacherinuung hielten die hier anwesenden Vertreter der Korbmacherinnungen zu Dresden, Magdeburg, Thorn und Zerbst mit dem Vorstande der hiesigen Innung Konferenzen ab und beschloffen, einen Jnnungöverband für ganz Deutschland zu gründen. — Ueber den bereit« telegraphisch gemeldeten Brand im Schlöffe Monbijou schreiben heute die Blätter: Die Meldung, daß das Schloß Monbijou in Flammen stehe, alarmierte in vergangener Nacht 12 Uhr 42 Minuten die Feuerwehr. Dieselbe durch Meldung „Groß Feuer' herbeigemfen, erschien sofort unter persönlicher Leitung be« Herrn Major Witte, zwei Dampsspritzen wurden unter anderen in Tätigkeit gesetzt und bewättigten da« Feuer vollständig gegm 2V2 Uhr morgens. Auch das II. Garderegiment sandte eine Abteilung Soldaten zur Brandstätte, um am LöschungS- resp. RettungSwerke kräftigst Hand anzulegen. Der Dachstuhl des Gebäudes ist zerstört, das Hoheuzollern-Mufeum, welches bekanntlich in den Parterre Räumen untergebracht ist, ist vom Feuer verschont geblieben. Such nicht ein Stück dieser so (kostbaren Sammlung ist dem Feuer zum Opfer ge allen, wohl aber sind viele Gegenstände vom Waffer be chädigt. Ein Teil der kostbaren Gegenstände; die leicht transportabel sind, wurde», während das Feuer im Dachstuhl wütete, aus dem Gebäude in den Schloß garten geschafft. Das Feuer soll in der Wohnung des Schloßdieners Vogel, welche sich im Dachgeschoß des Gebäudes befindet, zum Ausbruch gekommen fein. Den ersten Fmerlärm machte die Frau des HofgärtnerS Janke, welcher unterhalb dieser Räume wohnt. — Ein anderer Berichterstatter meldet folgende Detail«: Der liefe Flügel des Schlöffe«, in welchem das Hoheuzollern-Mufeum seine Stätte hat, stand schon beim Anrücken der Löschmannschaften in Hellen Flammen. Das Feuer wurde zuerst von dem Füsilier Groebke entdeckt, der sofort den öffenttichen Feuermelder in Thätigkeit fetzte. Eine Dampfspritze und mehrere Hand« drnck'pritzen traten sofort in Aktion, und obgleich der Angriff mit der größten Energie auSgeführt wurde, so vermochte man doch erst nach einer dreistündigen, angestrengten Thätigkeit da« Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Zur Unterstützung der Feuerwehr wurde ein Feuerpiquet, bestehend a«ö den Mannschaftin des 2. Garderegiments, beordert, welche beim Retten der kostbaren Sachen hülftetche Hand leistete». Die Aufräumun^Sarbeiten zogen sich bis gegen 8 Uhr hin. — Der Anblick, ben die vom Feuer am meisten gefährdeten Zimmer des Hohenzollern-MufeumS am heutigen Vormsttag barboten, ließ bei weitem die Größe ber G.fahr nicht mehr erkennen. Die Museumsverwaltung hatte sofort dafür Sorge getragen, daß die Räume wenigstens oberflätlich
ich traue feinem Charakter nicht, aber feien Sie ohne jede Besorgnis. Legen Sie sich zur gewohnten Zeit zur Ruhe und verraten Sie gegen niemand die geringste Furcht Ich bürge für Ihre Sicherheit.' w
Deutscher Reich.
Berlin, 20. Mai. Der Kaiser erhielt im Laufe be« Vormittags den Besuch des Kronprinzen und der Großherzogin von Baden und empfängt nachmittags um 4 Uhr den kommandierenden General des 8. Armeekorps, von 8c e. — Auf der Tagesordnung ber morgigen Sitzung beö Bundesrates steht ber Antrag Preußens, betreffend die Thronfolge in Braunschweig. Wie die „Rat-Ztg.' meldet, geht der Antrag dahin, die Uebrrzmgung der verbündeten Regierungen auszusprechen, daß die Regierung des Herzogs von Cumberland in Braunschweig sich mit dem inneren Frieden und mit der Sicherheit des Reiches nicht vertrage. — In Sachen der für 1888 projektierten Ausstellung in Berlin ist seitens des Staatsministers v. Bötticher an das Direktorium des Zentralverbandes deutscher Industrieller das nachstehende Schreiben ergangen: „Aus die dem Herrn Minister für Handel und Gewerbe an mich abgegebene Vorstellung vom 24. April, betreffend die Veranstaltung einer allgemeinen deutschen Industrie-Ausstellung in Berlin im Jahre 1888, erwi ere ich dem Direktorium ganz er- gebenst, daß ich bisher keine Veranlaffung gehabt habe, bezüglich des projektierten Unternehmens bestimmte Ent- schlüfle zu fassen. Es wird für mich von Interesse siin, von dem Ergebnis der bei den Unterverbänden des Zentral- Verb mdes deutscher Industrieller gehaltenen Umfrage über die Aufnahme, welche das Projekt in den Kreisen der Jn- dustiie zu erwarten hat, Kenntnis zu erhalten. Einer ge- fälligen Mitteilung hierüber sehe ich ergebenst entgegen. — Die Abendblätter melden: KommiS Singer, welcher das Haus verlaflen?' fragte er. „Ich kam ruhig des Weges daher, aber er stürzte in so heftiger Erregung an mir vor- über, daß er mich nicht bemerkte.'
„Er war hier,' entgegnete Helme, vergebens bemüht, ihre Aufregung zu beherrschen.
»Was wollte er hier?' fuhr der Kcmmistar fragendlfort.
Die junge Witwe erzählte da« Verlangen des früheren Schreiber-.
»Haben Sie ihm da« Geld gegeben?'
„Rein. Ich glaube ihm nicht, denn er wollte mir den Namen besten, der das Haus zu verkaufen beabsichtige, nicht nennen. Ich bin überzeugt, deß er mit dem Selbe geflohen sein würbe."
Bestellungen für ben Monat Juul auf ble Oberhessische Zeitung unb deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegen- genommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen a». ______________ Exped. der Overh. Zig.
" Rutzlauds Friedensliebe. "
Trotz der Verzögerungen, welche die Verhandlungen zwischen England und Rußland erfahren, scheint ber jüngste Streit der beiden europäisch - astatischen Großmächte doch einen friedlichen Verlauf nehmen zu wollen. Der Dank für die Erhaltung deS Friedens gebührt in diesem Falle in erster Linie Rußland. Denn obschon England sich hier (»ie auch in seinen jüngsten Verhandlungen mit Deutschland und Frankreich) schließlich Überaus friedliebend zeigte, so entsprang doch die e friedfertige Neigung zu sehr der Notwendigkeit, als daß man den „vereinigten Königreichen' diese Nachgiebigkeit als Tugend anrechnen könnte.
England ist durch die ungeschickte Politik Gladstones, in welcher sich Beschränktheit, Anmaßung und Feigheit paaren, auf politischem Gebiete vereinsamt. Den ,un- speakable Türk' hat dieser tappigste Politiker der Jetztzeit durch Rußland bis zur Ohnmacht schwächen laste», Frank- ttich und Deutschland hat er durch Schädigung ihrer Inter- essen, sowie durch anmaßendes Auftreten von England getrennt und nur die zweifelhafte Freundschaft Italiens (welches bei i-llgemeinem Wirrwarr stets nach billigen Erwerbungen sucht) ist England geblieben. Da aber Italien nicht in der Lage ist, eine von den mitteleuropäischen Mächten unabhängige und letzteren feindliche Politik verfolgen zu können, so würde England voraussichtlich in einem Kampfe mit Rußland vereinzelt gestanden haben. Dazu kamen Verlegenheiten in Egypten und in Kanada, sowie die Vernachlässigung von Heer und Flotte aus Übel angebrachter Spar- sankeit. Daß eine so reiche Macht wie Großbritannien, welche auf einen Kampf in Mittelasien seit Jahren gefaßt sein muß, nicht einmal dis Mahdis Herr werden konnte, obschon sie fast alle verfügbaren Streitkräfte einschließlich der Garde Regimenter nach dem Sudan schickte, zeugt von der kläglichen militärischen Schwäche Englands. Und dazu wmmt noch, daß Großbritannien überhaupt keinen großen Krieg führen kann, ehe es Irland zufriedengestellt hat. Die lange Knechtung und Aussaugung Irlands rächt sich W. Während in früheren Kriegen die Irländer die besten Soldaten des vereinigten Königreichs warm, darf jetzt die Mische Regierung nicht auf die Söhne der grünen Insel zählen; sich vielmehr auf bereu ernstliche Empörung gefaßt wachen, wenn sie dieselben nicht zufrieben stellt, ehe sie einen Kroßeren Kampf aufnimmt.
Unter solchen Umständen erscheint die Friedensliebe Rußlands auf den ersten Blick Überraschend; wenn schon