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Marburg, Donnerstag, 21 Mai 1885.

scheint täglich außer an Sljtagen nach Sonn- und vertagen. - Quartal- Zbonnements-Prels bei der E dition LV. Mk., bei ^"Postämter S Mk. 50 JL. (excl. Bestellgeld). ,,isertionsgebahr für die Äpaltene Zelle 10 «sg. fetiatnen für die Zeile

25 Pfg.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg ti. Kirchhain.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.

Die ReichstagSsesstvn.

Die letzte Reichstagssession war eine sehr arbeitsreiche; poq, selten ist ein Reichstag so fleißig gewesen als dieser ^gewählte. Anfangs schlugen die noch von dem Wahl- f .inpfe aufgeregten Wogen des Parteiwesens störend in die ^rtzandlungen hinein und es entstanden mancherlei Be« Achtungen für den Gang der Verhandlungen, als die ^geregten Debatten über den neuen Direktor im auswärtigen Ami und die Kolonialpolitik stattfanden. Aber gerade der 15, Dezember brachte die Wendung. Dieser Exzeß ver­blendeter oppositioneller Parteigelüste sand eine so eitet- gische und entrüstete Verurteilung durch die Nation, daß tie Opposition zurückschreckte und erkannte, daß sie auf ti.jcut Wege sich völlig um das Vertrauen der Nation bringen würde. Nach den WeihnachtSferien steuerte der SieichStag tu das ruhige Fahrwasser einer fachlichen ernst­haften Bcyündlung der vorliegenden großen Aufgaben. Vor ollem wurde die Politik des Schutzes der nationalen Arbeit nieder ausgenommen und in der Zolltarifnovelle in um« fassender Weise zur Durchführung gebracht. Die liberale frnhLodlertjche Presse ist darüber natürlich sehr ärgerlich utio da sie sachliche Gründe nicht vorzuführen vermag, so Mt sie sich in den Mantel deö Unglückspropheten. Dies Wahren mach! einen fast komischen Eindruck. Jeder­mann weiß, daß das A und O dieser freihändlertschen liberalen Wirtschaftspolitik, wie sie in der liberalen Wirt- schastögesetzgei'uag zum Ausdruck gekommen ist, die Begün­stigung der Interessen deS k.pitalistischen Handels ist; man sollte deshalb denken, sie würden a so auch die durch die Zollpolitik bedrohten Interessen dieses Jmpvrthandels ansüyreu. Aber die Herren wissen, daß das keinen Ein- druck im Volke machen und dort kein Echo finden würde. Deshalb schweigen sie davon und verlegen sich darauf, dem Volke vorzureden, die Zölle müfir eS zufolge der dadurch hetvorgerusenen Verteuerung der Lebensmittel und fonstigen Waren bet Heller und Pfennig auS seiner Tasche bezahlen und die Erhöhung der Zölle fei also nichts als eine Er­höhung der vom Volke aufzubringenden Steuern. Die Herren wiffen selbst, daß daS nicht wahr ist; denn die Zölle haben bis jetzt noch nichts teurer gemacht, das kon- lumterende Volk braucht also auch die Zölle nicht zu be­zahlen, sondern die Zölle trägt daS Ausland und der Jm- pvrthandel; aber sie wiederholen diese durch die Thatsache widerlegten Unwahrheiten immer von neuem in der Hoff­nung, raß doch immer noch Dumme genug vorhanden seien, die ihnen daS ebenso glauben, wie sie es ihnen früher glautkn, daß die Wucherfreiheit dem Bauer und Hand- verker billiges Geld ur-d die Gewerbefretheit dem Hand- werter ein goldenes Zeitalter bringen werde. Am gelungen- ften aber ifr ein besonders fein ersonnener Einwand, durch den man den Bauern und GntSbesttzeru vor den landwtrt- schaslllchen Zöllen bange machen will. Man sagt ihnen nämlich: durch die Zölle wird der Kaufwert der Güter

erhöht und der Käufer, Pächter und Erbschaftsübernehmer wird also ein höheres Kapital anwenden müssen, wodurch der Nutzen der Zölle aufgehoben und bei einer späteren Aufhebung der Zölle mit dem eintretenden Fall deS Güter­wertes großer Kapitalverlust verbunden fein wird.

Zunächst ist es schon komisch genug, den Bauem es als ein drohendes Unglück hinzustellen, daß die Landwirt­schaft wieder rentabler gemacht werden soll, als wäre es ein Glücksstand für den Bauer, wenn der Grundbesitz un­rentabel ist und deshalb niemand Grundbesitz kaufen oder pachten oder Geld auf Grundbesitz daifiihen mag. Ueber- dieS aber ist es eine bekannte Thatsache, daß die Güter­preise gerade in der liberalen freihändlerischen Aera infolge der kolossalen Entwertung des Geldes so hoch gestiegen sind, daß tausende von Grundbesitzern daran zu Grunde gegangen oder in große Not geraten sind, well dann der Ertrag der Güter infolge der freihändlerischen Einfuhr auswärtiger Produkte so herabgedrückt wurde, daß die Land­wirtschaft für daS auf ihr lastende Kapital, welches sie mit 5 Prozent verzinsen sollte, nur noch 23 Prozent ein- brachte. In diesem schreienden Mißverhältnis zwischen Kapitalverzinsung und dem Ertrage der Landwirtschaft liegt die Hauptquelle der landwirtschaftlichen Notstände und ge­rade diese will die Schutzzollpolitik beseitigen. Deshalb sucht sie die deutsche Landwirtschaft wieder einträglicher zu machen, indem sie dieselbe schützt vor der Konkurrenz der Produkte des Auslandes, welches unter viel billigeren und günstigeren Verhältuiffen produziert als die deutsche Land­wirtschaft. Durch diesen fein erdachten Einwand unserer liberalen Wirtschaftsiheoretiker wird sich der deutsche Bauer nicht bange machen lassen, sondern wird froh sein, wenn sein Geschäft wieder rentabler wird. Aber freilich wird dazu noch manches andere gehören als die Schutzzölle, und was das ist, zeigt uns der Vergleich der Preise, zu welchen der Bauer sein Getreide und Vieh verkauft, mit den Preisen, für welche das aus demselben gebackene Brot und geschlachtete Fleisch im Laden deS Bäckers und Schlächters verkauft wird. Der Zwischenhandel ist es, welcher alles, die Produkte der Landwirtschaft wie der In­dustrie unv des Handwerks den Konsumenten verteuert. Und auch die Zölle werden allein noch nicht im stände sein die Landwirtschaft vollkcäftig vor der auswärtigen Konkur­renz zu schützen, so lange wir die teuere Geldwährnug haben, welche zum Auskauf von Produkten in dem AuS- lande mit billiger Silberwährung und zur Einführung dieser Produkte in Deutschland reizt, während sie den Export deutscher Waren dorthin erschwert. Und deshalb gehört auch noch eine Reform unserer Währung durch Rehablli- tterung des Silbers als WährungSmetell zu der Politik des Schutzes und der Stärkung der nationalen Arbeit. Ein darauf gelichteter Antrag kam im Reichstage noch nicht zur Annahme. Zu dieser Politik gehört ferner dir Einrichtung selbständiger deutscher ReichSrampferlinim, welche unserer

XX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, s owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M-, Berlin,München und

Köln: S. L. Daube und So. in Frankfurt a- Berlin,Hannover u Paris.

Illustriertes Sonntagsblatt.

Industrie und unserem Handel die Verbindung mit dem Markt deS fernen Auslandes erleichtern und sie von dem Tribut, den sie bisher den Engländern zahlen mußten, be­freien sollen. Nach harten Kämpfen gegen daS freihänd­lerische Manchestertum, welches hier eine feiner fitzten Po­sitionen verfitdigte, ist die Dampfersubventionsvorlage endlich Gesetz geworden. Als weiteres Glied dieser Politik des Schutzes der nationalen Arbeit ist auch die Kelonialpolitik zu betrachten, welche cs sich zu ihrer Aufgabe gestellt hat, die deutsche Arbeit, welche In den Kolonialländern von deutschen Kaufleuten und Kolonisten gethan wird, unter den direkten Schutz des Deutschen Reiches zu stellen und der deutschen Arbeit dort wettere Gebiete erringen zu helfen, wo stch deutscher Fleiß und deutsche Bildung neue Wirkungs­kreise schaffen und zugleich befruchtend auf die heimische vaterländische Arbeit zurückwirken können. Auch dieser Teil der konservativen Resormpolitik hat stch in hartem Ringen mit dem liberalen Manchestertum durchkämpfen und die Zustimmung der Nation erringen müffen.

Zur deutschen Arbeit gehören aber nicht bloß die Arbett- unternehmer, sondern auch die Arbeiter, und eine wirkliche dauernde Stärkung der nationalen Arbeit ist nicht möglich ohne eine Verbefferung der Lage der Arbeiter. Der Zweck der Politik des Schutzes der nationalen Arbeit wäre nicht erreicht, wenn nur der Gewinn der Unternehmer vermehrt, aber der Verdienst und die ganze Lage der Arbester nicht ebenmäßig verbeffert würde. Deshalb hat die konservative Reformpolitik gleichzeitig auch die Verbefferung des Loses der Arbeiter ins Auge gefaßt und die Kranken- und Unfall­versicherung sind die ersten Erfolge auf diesem Gebiete. Weitere Ziele waren in dieser Session in Angriff genommen, um dies wertvollste Eigentum der Arbeiterihre Arbeits­kraft vor übermäßiger Ausbeutung zu schützen durch gesetzliche Regulierung der Arbeitszeit, der Sonntagsruhe, der Frauen-, Kinder- und Gefängnisarbeit. Leider konnte dieses Ziel aber in dieser Session noch nicht errungen werden und ist deshalb der nächsten Session Vorbehalten. Die häufig wiederkchrrnden Streiks haben auch in letzter Zeit wieder auf die dringende Notwendigkeit zur Schaffung von gesetzlichen Organen zur Regelung von Differenzen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber hingewiesen. Die liberale Gesetzgebung hat hier eine leere Kluft befestigt, welche durch das Koaltltonö- oder StreikSrecht überbrückt werden soll. Aber die Erfahrung hat gelehrt, daß die Arbeiter immer in diese Kluft hineinstürzen, sobald sie auf diese Brücke treten. Der Arbeitgeber stellt dann andere Arbeiter ein oder er läßt die Arbeit ruhen bis die Arbeiter mürbe ge­macht find, und wenn die Arbeiter der Einstellung anderer Arbeiter an ihre Plätze nicht ruhig zusehen, sondern dieselbe verhindern wollen, so geraten sie mit der Polizei in Kon­flikt, welche Gcwaltthätigkeiten unmöglich dulden kann. So sehr die Polizei also zur Zurückdrängung derselben berechtigt und verpflichtet ist, so müffen stch doch auch die Arbeiter

Sine Kranenthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Krktzsch war es schon in den ersten Tagen gelungen, mit ihm bekannt zu werden. Er hatte ihm seine Unter­stützung angetragcn und Boll hatte dieselbe nicht zurück« gewiesen, weil der Agent, besten Vergangenheit und Charakter er durch den Staatsanwalt genau kannte, mit den Verhält­nissen der meisten Familien vertraut war.

Es war Nachmittag, als Boll und Ktötsch stch in einem vor der Stadt gelegenen Wirtshause trafen. Sie saßen allein im Zimmer, denn Gäste rosten außer ihnen nicht da und der Wirt war Im Garten beschäftigt.

»Sind Sie noch immer nicht weiter gelangt?' fragte der Agent, indem sein Auge forschend auf dem Gesichte des Kommissars ruhte.

-Nein", gab Boll mit völlig ruhiger Miene zur Ant- ®ott.Ich habe auf einen so schnellen Erfolg nicht ge­rechnet und bin zu lange im Dienste, um die Geduld zu verlieren. Ist man jung, so glaubt man alles erzwingen i" können, ich überlasse manches der Zeit und das hat vich noch nicht getäuscht.*

«Haben Sie das, was fle entdecken wollten, auch immer ßefunben?"

«Ja, und oft noch mehr.'

«Uno welche Mittel wenden Sie an?*

Der Kommissar zuckle langsam mit der Schulter.

Eigentlich sehr einfache. Ich suche die Verhältnisse filmen zu tonen und beobachte die Menschen. Noch habe ich keinen Verbrecher kennen gelernt, der das Bewußtsein

seiner Schuld nicht in irgend einer Weise v-rraten hätte. ES giebt sehr abgekartete Charaktere, bei denen daS Ge­wissen stch nicht mehr regt, sie lachen Über ihre That, sie sind dreist und ost frech, aber die Strafe fürchten sie alle und diese Furcht macht sich bet ihnen in irgend einer Wrise geltend. Sie verraten sich oft durch ein einziges Wort, durch ein Lächeln, welch-S ihre Unbefangenheit beweisen soll. ES läßt sitz alles alles nachahmen, nur nicht die Rohe der Unschuld l*

Krötzsch führte daS Glas zum Munde und trank.

Ich glaube, Sie werden den Verbrecher hier in der Stadt vergebens suchen,* sprach er, der Unterhaltung eine andere Wendung gebend.

W Shalb?* fragte Boll.

Ich kenne alle Menschen hier und wüßte keinen einzi­gen, dem ich eine solche That zutrauen möchte.*

Man kann nicht Jeden in- Herz schäum l* warf der Kommissar ein.

Wer die That vollbracht hat, muß doch irgend ein Interesse an Weilands Tode haben I*

ES scheint eine That der Rache zu sein.* Krötzsch schüttelte langsam mit dem Kopfe, Ich kann dies nicht glauben*, entgegnete er,Weiland

war ein prächtiger Charakter. Ich will zugebcn, daß er ein etwas leichtfertiges Leben führte, aber er trat keinem Menschen zu nahe. Ich weiß in der ganzm Statt niemand, mit dem er Streit gehabt.*

Das beweist nicht, daß es nicht dennoch der Fall ge­wesen ist.*

«Ich hätte davon gehört, benn ich komme in alle Kreise und verkehre täglich mtt viel Menschen,* für Krötzsch fort.

Hätte Weiland mit irgend Jemand einen Streit gehabt, so hätte ich es auch erfahren. Ich selbst habe nie in meinem Leben ein Gewehr in der Hand gehabt und kann mir des­halb auch kein Urteil anmaßen, aber jeder, der etwas davon versteht, sagt, es müsse ein geübter Schütze gewesen sein, weil er Weiland so sicher getroffen. Vielleicht giebt dies Ihnen für die Nachforschung einen Fingerzeig. Der Mörder muß ein Mann gewesen sein, der mit der Büchse umzugehen weiß.*

Das ist nicht nötig,* bemerkte Boll mit größter Ruhe. Ich habe die Eaifernung von dem Orte, an dem der Mörder gestanden, bis zu dem Stuhle, auf dem Weiland gesessm, gemessen, sie beträgt höchstens fünf Schritt, aus dieser Ent­fernung schießt ein Knabe, der zum ersternnale eine Büchse in die Hand nimmt, einen anderen tot.*

Krötzsch zog die Schulter langsam, zweifelnd empor.

Es ist nur der Schuß gehört,* sprach er.Wer kann wissen, wo der Mörder gestanden hat, denn es ist keine Spur von ihm entdeckt.*

Doch. Der Staatsanwalt hat am folgenden Morgen bemerkt, daß der Fensterrahmen außen vom Schüsse ge­schwärzt war, der Papierpfropfen des Schusses ist mit in das Zimmer gedrungen und ist sofort gesunden, das beweist, daß der Mörder dicht vor dem Fenster gestanden hat, und ich ziehe daraus den Schluß, daß er kein geübter Schütze ist, denn ein solcher würde Welland auch aus größerer Ent­fernung getroffen haben und hätte stch jedenfalls nicht einer so großen Gefahr der Entdeckung ausgesetzt i*

Ich glaube, Sie irren,* warf Krötzsch ein, indem er stch bückte, um einen Gegenstand von der Erde ausznheben. Wer da- Ziel ganz sicher treffen will, nähert sich ihm so