Einzelbild herunterladen
 

9lt. US

Marburg, Dienstag, 19. Mai 1885.

XL Jahrgang.

grfcheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- -bonnementS-PreiS bei der Srpedition SV» Mk., bei den Postämter S »k. 50 «fa. (ercl. Bestellgeld). Jnfertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 vfg. Steklamen für die Zeil« 25 Pfg.

AerMche Mmg.

Anzeige« nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt e. M., BerlinMünchen und Köln: S. L. Daube und So. tn Frankfurt a. M Berlin,Hannover u. Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition-. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. äug. Koch.

Rückblicke. 1

Dir diesmalige Session de- Reich-tag- währte vom 20. November 1884 bi- zum 15. Mai d. I-., zusammen 177 Tage. Während dieser Zeit haben 102 Plenar­sitzungen, 268 Sitzungen der Abteilungen und 364 Sitzungen der verschiedenen Kommissionen stattgefunden. Seiten- der verbündeten Regieruugen wurden folgende Vorlagen ge­macht: 24 Gesetzentwürfe, einschließlich des ReichShauShalts- EtatS für da- EtatSjrhr 1885/86 und Ergänzung des­selben. 2 BundeSratöbeschlüffe, 7 Verträge, 3 Allgemeine Rechnungen über den Reichshaushalt für die Etatsjahre 1879/80, 1880/81 und 1881/82, 2 Uebersichten der Reichsausgaben und -Einnahmen für die Etatsjahre 1882/83 und 1883/84. Ferner gelangten an den Reichstag: eine Rechnung der Kaffe der Oberrechnungskammer für das Etatsjahr 1882/83, 1 Antrag auf Erteilung der Genehmi­gung zur Einleitung des Strafverfahrens gegen ein Reichs- tagSmitglied, 19 Denkschriften, Berichte, Uebersichten und Aktenstücke, 1 Bericht der ReichSschuldeu-Kommisfion. Von dies« Vorlagen hab«: 17 Gesetzentwürfe, die beiden BundeSratSbefchlüsfe, 6 Verträge die Zustimmung des Reichstages erhalten; die allgemeinen Rechnungen für 1879/80 und 1880/81, die Rechnung der OberrechnungS­kammer und der Bericht der Reichsschulden - Kommission find durch Erteilung der Decharge, und die Ueberstchter der ReichSanSgaben und -Einnahmen für das Etatsjahr 1882/83 und 1883/84 durch vorläufige Genehmigung den nachzewiesenen Etatsüberschreitungen erledigt worden. Die Denkschriften, Berichte, Aktenstücke u. s. w. haben durch Abdruck und Verteilung derselben an die Mitglieder bezw. durch Beschlüsse des Reichstages ihre Erledigung gefunden. Abgelehnt wurde 1 Gesetzentwurf; unerledigt blieben: 6 Gesetzentwürfe, 1 Vertrag und die Allgemeine Rechnung für da- EtatSjahr 1881/82. Von Mitgliedern des Reichs­tages wurden Angebracht: 19 Gesetzentwürfe, 21 andere Anträge, einschließlich zweier Anfragen tn betreff der Fort­dauer der ReichStagSmaudate, 1 Interpellation. Von den Angebrachten Gesetzentwürfen haben 6 die Zustimmung des Reichstages erhalten, 3 andere sind zurückgezogen, über 2 ist zur Tagesordnung übergegangen, über 3 liegen schrift­liche und mündliche Berichte der betreffenden Kommissionen vor; 4 Gesetzentwürfe befinden sich noch in den Kommis­sionen, an welche sie verwiesen wurden; 1 kann wegen Schluffe- des Reichstages nicht mehr zur Verhandlung kommen. Bon den anderen Anträgen sind: 15 durch Be­schlüsse des Reichstages erledigt worden; 1 zurückgezogen und 5 bleiben unerledigt. Die Interpellation ist im Plenum zur Verhandlung gekommen uno von selten der verbündeten Regierungen beantwortet worden. Die Zahl der Ange­gangenen Petitionen beträgt 8640. Die Kommissionen haben 74 schriftliche und 71 mündliche Berichte erstattet. BA den im Laufe der Session st-ttgehabten Wahlprüfungen

wurde die Wahl von 362 Mitgliedern für gültig erklärt, bet 15 Wahlen ist die Beschlußfaffung über die Gültig­keit auSgefitzt und 28 Wahlen liegen der Wahlprüfungs­kommission zur Prüfung noch vor. Ein Mandat ist erledigt.

Diese große Arbeitsleistung war indessen an sich von keiner so erheblichen Bedeutung, wenn die abgelaufene Tag­fahrt von unserem Standpunkte, d. h. von der positiven Leistung nicht zugleich zu den fruchtbarsten gehörte; an grundsätzlicher Bedeutung zwar mag sie hinter der von 1883/84 zurückstehen, welche das UnfallverstcherungSgesetz zu Stande gebracht und damit ein neues Prinzip, das öffent­lich rechtliche, in unsere Gesetzgebung eingeführt hat. Von unmittelbar praktischer Tragweite dagegen stehen die Errungenschaften von 1884/85 zweifellos voran. Die Revision des Zolltarifs hat tm Gegensätze zu der Zollreform von 1879 endlich auch die Interessen der Land­wirtschaft in ausgiebiger Weise berücksichtigt; ob mit vollem Erfolge, muß freilirü abgewartet werden; allein schon die Thatsache, daß die Gesetzgebung endlich angefangen hat, sich des noch immer größten und wichtigsten Zweige- der vater­ländischen Arbeit zu erinnern, daß die Landwirtschaft nicht länger als Aschenbrödel beiseite geschoben wird schon diese Thatsache an und für sich bedeutet einen bedeutsamen Sieg der von uns vertretenen Anschauun. Swetse über daS liberale Manchestertum, welche- nur Verkehrsinteressen kennt und deshalb alles zu mobilisieren trachtet, auch das seiner Natur nach Unbewegliche nicht ausgenommen.

Ob die bAchloffeuen Zollerhöhu igen selbst schon auS- reichen werden, um vrr deutschen Landwirtschaft den nötigen Schutz zu gewähren, der sich vor allem in b-sieren Preisen für ihre Erzeugnisse ausdrücken müßte, muß, wie gesagt, dahingestellt bleiben. Vielfach ist man erst der Ansicht, daß das Erreichte einem weiteren Rückgänge der Produtte und damit auch der Grundstückpreise vorbeugen bezw. denselben verlangsamen, eine positive Besserung aber noch nicht hcr- beiführen werde. Ob dies begründet ist, wird die Erfahrung lehren und zwar in ziemlich naher Zukunft schon. Daß die bereits seit dem 20. Februar d. I. vorläufig tn Kraft getretene Erhöhung der Roggen- und Weizenzölle bis jetzt keinen erheblichen Einfl auf die Preise gehabt hat, steht fest und darf nicht als gutes Omen gelten, wenn es die Mehrheit des Reichstages wie die verbündeten Regierungen Anstweilen auch gegen den Vorwurf schützen hilft, daß sie demarmen Mann* daS Brot verteuerten.

Wie dem aber auch fein mag, soviel ist jedenfalls er­reicht, daß die Scheu vor weiteren Zollmaßregeln, falls sich dieselben als unerläßlich erweisen sollten, in Zukunft viel geringer sein wird, als sie es b!S jetzt gewesen ist. Auf dem landwirtschaftlichen Gebiete ist der erste Schritt in dieser Richtung noch schwerer als auf dem der Industrie, weil die Landwirtschaft eS in höherem Maße mit unentbehrlichen L benSbedürfmssen zu thun hat als jene. Ist er aber einmal gethan, findet sich auch hier das weitere verhältnismäßig leicht.

Deutscher Reich.

Berlin, 16. Mai. Der Kaiser empfing heute nach­mittags den Fürsten Bismarck. Friedrich von Hohenzollern verabschiedete sich mittags vom Kaiser und reist zu seinem erkranken Vater.DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: SAt einigen Tagen wird der Reichskanzler wieder von neural­gischen Gesichtsschmerzen heimgesucht. Die Schmerzen sind teilweise so vehement, daß dem Fürsten da- Sprechen un­möglich ist. AuS diesem Grunde beteiligte sich der Kanzler an den Verhandlungen des Reichstages nicht. Auch die Fürstin Bismarck ist neuerdings wieder lAdend und infolge eines starken Bronchialkatarrhs genötigt, das Bett zu hüten. Dieselbe wird voraussichtlich längere Zeit absoluter Schonung bedürfen. DerReichsanzeiger" meldet amtlich die Er­nennung des Grafen Herbert Bismarck zum UnterstaatS- fekretär im Auswärtigen Amt, nichtamtlich die Ernennung des bisherigen NnterstaatssekretärS Dr. Busch zum Gesandten in Bukarest, und des bisherigen Gesandten dasAbst, Frhrn. von Saurma-Jeltsch, zum Gesandten tm Haag.In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde der Ealwurf eines Gesetze- betr. Abänderung des ReichSstempAgefetzeS vom 1. Juli 1881 dm Ausschüssen überwiesen und der Gesetzentwurf über die Aus­dehnung der Kranken- und Unfallversicherung genehmigt. Der deutsche JnnungStag in Berlin wird am 14., 15. und 16. Juni stattfinden. ES werden folgende Fragen verhandelt werden: 1. Der Befähigungsnachweis zur Ausübung eine» selbständigen Gewerbebetriebes (Referenten: Schornsteinfeger- Obermeister Faster-Berlin und Billig-München). 2. §100e ung f der lex Ackermann (Obermeister Meyer - Berlin). 3 Gewerbekammern,ReichSinnungSamt(ObermAstrr Brandes- Berlin). 4. Krankenkaffengesetz, Unfallversicherung (Bäcker­meister Bernard-Berlin).

17. Mai. Die Gesellschaften für Erdkunde und für Anthropologie hielten heute dem Andenken Dr. Nach- tigalS zu Ehren eine gemeinsame Sitzung in der Sing­akademie ab. Profeffor Dr. Virchow und Dr. GüßfAdt hielten nach einer Einleitung der Feier durch den Gesang des vom Königlichen Domchor vorgetragenen 90. Psalm», die Gedächtnisreden. Außer einer großen Anzahl hervor­ragender Gelehrter, sowie Deputationen aus Leipzig, Greift- wald, Hamburg rc. wohnten der Feier vom auSwärtigm Amte Direktor Graf Berchem und wirkt. Geh. LegationSrat Kusierow, vom Kultusministerium wirkt. Geheimrat Dr. Greiff und UuterstaatSsekretär LacmuS, ferner Geh. AdmiralitätS- rat Dr. Neumay-r, General Strubberg und andere bei.

Ausland.

Rom, 16. Mai. Dem Amtsblatt zufolge wurde nach einem Notenwechsel zwischen der österreichischen Regierung und der italienischen Botschaft die Gewährleistung deS litierarischen und artistischen Eigentums bis zum 31. Dez. 1885 verlängert.

Paris, 16. Mai. Eine Depesche BrisreS aus Hanoi

Eine Kranenthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Die PolizA hatte die Nachforschung« nach dem Mörder unablässig sortgesetzt, ohne die geringste Spur zu finden. Der Staatsanwalt hatte alle Möglichkeiten erwogen, keine brachte Aufttärung. WAlandS Frau wurde noch immer al- Mörderin bezeichnet, aber er war ein zu ruhiger Charakter, um sich dadurch irre führen zu lasten. Er hatte noch einmal eine sehr sorgfältige Haussuchung bei ihr vor­nehmen lasten, dieselbe hatte nicht da- geringste Resultat ergeben. Die Worte de- Sterbenden:Meine Frau meine Frau.. ." hatten zuerst den Verdacht gegen sie er­weckt, aber durch wiederholte- Verhör der Anwesenden war festgestellt, daß er durch den eintretenden Tod verhindert war, die Worte zu beenden. ES war durch nichts erwiesen, daß er mit ihnen eine Anschuldigung hatte au-drücken wollen.

Und ein- fiel zu Gunsten der Beschuldigten schwer in» Gewicht. ES war durch Zeug« erwiesen, daß sie von Jugend aus eine große Furcht vor Schießwaffen gehabt, ste hatte keinen Schuß hör« können und war nur selten in da- Zimmer ihres Mannes gdreten, weil besten Jagd­gewehre an der Wand aufgehängt waren. War es nun denkbar, daß sie zu einer Büchse gegriffen, um ihren Mann zu töten? War e- denkbar, daß sie, die nie ein Gewehr in der Hand gehabt, die Brust so sicher getroffen habe?

Solche Erwägungen stellt« freilich die nicht an, die sest an ihre Schuld glaubt«.

So schwand« Tage und Doch«.

Die junge Witwe lebte zmückgezygm und allein. Ste

hatte seit dem Tode ihres Mannes das Haus noch nicht wieder verkästen, denn sie scheute sich, mit Menschen in Be- rührnng zu kommen, und von ihr« früheren Freunden suchte sie Niemand auf, denn der schwere Verdacht lastete noch immer auf ihr. Sie wußte dies und war dadurch noch erbitterter geworden.

Nur Krötzsch kam Ü ter zu ihr. Nach ihrer Verhei­ratung hatte ste auf das entschiedene Verlangen ihres Mannes die Geldgeschäfte ganz aufgegeben. Der Agent suchte sie nun zu bewegen, dieselben wieder aufzuvebm«.

Wozu?' entgegnete ste ablehnend.Ich bin vermögend genug, um ohne Sorgen leben zu können."

Das konnten Sie auch früher," warf Krötzsch ein.

Er Halle recht, aber ftüher warm die Verhältnisse ganz andere gewesen. Da hatte ste mit großen Hoffnungen in die Zukunft geblickt, ste hatte Freude an dem Gelde gehabt, jetzt war ihr alles vernichtet.

Ich will mich durch nichts mehr an die Stadt binden, denn ich bin entschloss«, ste sobald wir möglich zu ver­losten," gab ste zur Antwort.

Sie wollen fortziehen?" tief Krötzsch erschreckt. Er konnte den Gedanken kaum fasten, denn er hatte auf die alleinstehende Frau große Hoffnungen gebaut.

Was könnte mich hier halten?" entgegnete Helene nicht ohne erbitterten Spott.Vielleicht die Menschen, die mich für die MördeAn meine» Mannes halten! Ich wage nicht, da» Hans zu verlasten, weil ich befürchte, daß mau mir dm NamenMörderin" nachmfm wird."

Da- alle» wird aufhörm, sobald bet Schuldige ent­deckt ist," warf Krötzsch ein.

»Und wenn er nicht entdeckt wird? Roch hat die Polizei

nicht die geringste Spur gefunden und doch sind Wochm vergangm l"

ES ruht ein undurchdringliches Geheimnis auf der That", fuhr der Agent fort.Ich kenne jeden Menschen im Orte, ich habe alle Möglichkeiten erwogen, aber ich weiß Nicmand, auf dm ich einen Verdacht werfen möchte. Ich habe mich sogar erboten, die Polizei zu unterstützen, ste hat meine Hülfe abgelehnt. Weiland muß einen Feind gehabt haben, den Niemand kennt, und ich meine, derselbe darf nicht hier im Orte gesucht werden."

Und der Aufschrei der Frauenstimme, die unmittelbar nach dem Schuste gehört sein soll?" warf Helme ein.

Ich glaube, da» Ganze bemht auf einer Täuschung," bemerkte Krötzsch.Kann der Mörder nicht selbst mit ver­stellter Stimme den Schrei auSgestoßen haben, um den Verdacht von fich abzulenkm? Des Wirtes Frau hat in dem Nebenzimmer geschlafen, kann nicht sie selbst, al- ste durch den Schuß ausgeschreckt wurde, aufgeschrleen und sich dann elngebllvkt hab«, es gehört zu haben? Ich selbst habe AehnlicheS erlebt. Vor Jahren schrie ich im Traume laut aus, ich erwachte dadurch und sprang au» dem Bette in dem festen Glauben, daß ein Fremder im Zimmer sei und den Schrei auSgestoßen habe. Ich hatte ihn ganz deutlich vernommen und würde dies mit ruhigem Gewissen beschwor« habe», wmn meine Frau, die noch nicht geschlafen, mit nicht die Versicherung gegebm hätte, daß ich selbst gemfm habe. Soweit reicht die Täuschung I"

Sollte dies der Polizei nicht bekannt sein?" warf Helme ein.

»Ich weiß e- nicht, aber bk Herr« find so klug, daß