Marburg, Sonntag, 17. Mai 1885.
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Köchcntliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. -Illustriertes Sonntagsblatt.
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Der russisch-englische «oufitkt.
Deutlicher zwar als am Mittwoch, aber immer noch nicht völlig klar sind die Nachrichten, welche heute über das russisch-englische Abkommen vorltegen. Einerseits meldet das „Reutersche Büreau" eine „dem Vernehmen nach* bereit- gezogene Grenzlinie, welche südwest - nördlich durch da- nördliche Afghanistan sich ziehen, nördlich von Zulfikar beginnen, dann in östlicher Richtung bis nach Tschamanibad am Kuschk gehend, von dort den Fluß entlang bis Haustchan, sich dann in nordöstlicher Richtung zu einem Punkte südlich von Pcnschreh wenden und sich von dort bi- nach Chodja Saleh am Amu Darja ziehen würde.
Andererseits bleibt die Erklärung Gladstone- vom 11. d. M. bestehen, daß «die zwischen den zwei Ländern entstandenen Ehrenpuukte" an den.Souverän eine- befreundeten Staate-*, wie verlautet, an den König von Dänemark, verwiesen werden sollten. Ist die neue afghanische Grenzelinie wirklich so gezogen, wie oben angegeben, so hat eben England Penschdeh einfach aufgegeben und die noch übrigen „Ehrenpunkte" werden den Etat- - Räten in Kopenhagen wenig Kopfzerbrechen machen. Herat bleibt zweifellos in neutraler Zone liegen und da man annehmeu kann, daß Rußland jede Befestigung diese- Platze- durch England vertragsmäßig ausgeschlossen haben wird, so hat eS eben erreicht, was eS zunächst erreichen wollte.
Die Stimmung der englischen Presie über den Verlauf der Verhandlungen ist denn auch eine nicht- weniger als gehobene. Die konservativen Blätter stimmen zum Teil völlig in den Ton der Rede des Lord George Hamilton vom 11. d. M. ein, worin derselbe erklärte:
.Unter allen Gefahren, von denen England bedroht werde, sei seine- Erachten- nach die größte die Unfähigkeit der gegenwärtigen Regierung", und .die Unterhandlungen der Regierung mit Rußland hätten in einer Kapitulation England- in allen Punkten geendet — da- schiedsrichterliche Verfahren sei nichts als eine Farce."
Nicht ganz so herbe, aber doch auch sehr resigniert sind die Betrachtungen, welche die .Times" an die Rede des Herzogs von Argyll am 12. d. M. im Oberhause knüpfte:
„Nichts konnte bester sein" — heißt eö da — „als der Schluß seiner Rede, in welchem er sich mit der aller- wichtigsten Frage beschäftigte — wie können wir von nun an unser indische« Reich sicher stellen? Es ist gleichgültig, was Fürst Gortschakeff sagte, oec waS Herr v. GterS sagen mag, oder was irgend jemand über den Charakter der russischen Regierung denken mag —ebenso gleichgültig, als was wir über das Steigen der Flut denken. Die Flut steigt und Rußland rückt vor, und wir haben uns mit beiden Phänomenen als natürliche Thatsachen zu befasten. Was wir nicht wünschen, daß Rußland eS sich aneigne, das wüsten wir vorbereitet sein zu halten, und über das, was wir nicht vorbereitet sind zu halten, ist eS durchaus vergeblich, Depefchen zu schreiben, oder Kommissionen auS zusendev. Wir stimmen ganz mit dem Herzog von Argyll überein, daß es ebenso möglich für uns, wie eS für andere Nationen ist, unsere Grenze gegen Rußland zu verteidigen. Aber das erste Ding, was geschehen muß, besteht darin, unseren Herrschern klar zu machen, daß wir eine Grenze haben und dieselbe verteidigen müflen, wie andere Nationen eS mit den ihrigen thun. ES wir) gemeldet, der Emir habe etngewilltgt, daß wir britische Offiziere nach Herat senden, und eS ist augenscheinlich irgend eine derartige Konsolidierung unsere- EtofiusteS daselbst, wa- der Herzog von Argyll im Auge hat. Die Frage ist eine, die nur nach sorgfältiger Erwägung einer Anzahl von Punkten geregelt werden kann, die kaum völlig verstanden werden dürften, ausgenommen von denjenigen, die amtliche Information besitzen. ES ist aber von ungeheurer Bedeutung, daß die Entscheidung als eine solche getroffen werde, an der festgehalten, und die mit der ganzen Stärke des Reiches aufrechterhalten werden wird, nicht als ein bloßer Notbehelf, um nach ein wenig Prahlerei und viel Schreiberei bet erster Gelegenheit, wo ein Druck au»geübt wird, aufgegeben zu werden."
Das trifft den Kern der Sache vom englischen Standpunkt aus. Ob heute ein etwa- größeres oder kleinere- Stück der Turkmenen-Steppr von Afghanistan abgeschnitten wird, oder nicht, ist sachlich ganz gletchglltig. Biel wichtiger ist die moralische Seite der Sache: ob nämlich die Welt den Eindruck gewinnt, daß England nur noch eia Handelsstaat sein will, der um jeden Preis Frieden braucht, oder ob es noch Kraft genug besitzt, der Erkenntnis nachzuleben, daß im Leben der Völker die Macht und die wirtschaftliche Blüte notwendig zusammen fallen.
London, 15. Mat. Urber dir Antwort der russischen
Regierung auf den ihr unterbreiteten Entwurf deS Abkommens betreffs der afghanischen Grenze meldet „Daily News": dieselbe bestätige im allgemeinen daö Abkommen und bezeichne nur einige Punkte von untergeordneter Wichtigkeit als weiterer Erörterung bedürftig. — Dem „Standard" zufolge enthält die von der russischen Regierung eingegangene Mitteilung nur eine vorläufige Information und fei nicht al- formelle Antwort zu betrachten. Infolge jener vorläufigen Mitteilung, welche tie der russischen Regierung unterbreiteten Vorschläge nicht ohne weitere- al- annehmbar bezeichne, würden die Vorbesprechungen fortgesetzt, um zu ermitteln, welche Abänderungen de- Abkommens möglich erschienen.
Deutscher Reich.
Berlin, 15. Mai. Der Kaiser besichtigte vormittags in Potsdam da- Lehrbataillon und dinierte sodann bei den Kronprinzlichen Herrschaften. — Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat durch Verfügung vom 1. d. Mts. den Staatsbahndirektionen und dem König!. Eisenbahn- Kommiffariat die in Bateru nach längerer Beanstandung eingeführte Aenderung der Betriebsordnung für die Eisenbahnen Deutschlands mitgeteilt. Bekanntlich hat Baiern für die Eisenbahnen ein Sonderrecht und die von Bundesrate für das übrige Deutschland beschlossenen deSfallsizen Aenderungen müssen in Baiern erst besonders verkündigt werden. Durch die König!. Eisenbahn-Direktionen ist den Handelskammern die Anfrage zugeqangen, ob und wo ein Bedürfnis zur Einstellung direkter Tarifsätze für den Güterverkehr mit der Schweiz vorliegt. Einer wetteren Anordnung zufolge wird die an der Bahnstrecke Hemer-Iserlohn belegene Haltestelle Wermingsen fortan die Bezeichnung „Jserlohn-Ostbahnhof" führen. — Die geschästssührende Direktion des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungen hat allen Vereinsverwaltungen ein Rundschreiben betreffs Maßregeln zur Abwehr der Einschleppung der Rinderpest übersandt. — Der Handelsminister hat behufs weiterer Mitteilung an Beteiligte Anzeige von Eröffnung einer internationalen Preisbewerbung für Apparate zur Destillation von Weintrestern in San Miniato (Provinz Florenz), sowie für kleine Dampfdreschmaschinen in Pesaro gemacht. — Der Finanzminister hat uuterm 9. d. MtS. bestimmt, daß, wo dm überlebenden Ehegatten gesetzlich ein Nießbrauchs- recht an dem nach dem Tode des andern Ehegatten den minderjährigen Kindern zufallenden Vermögen gebührt, keine Erbschaftssteuer erhoben werden soll. — Wie ein in Chile erscheinendes Blatt, „D-batteS", mitteilt, hat eine dort bestehende uud dortigen Berhältniffen angepaßte Post- einrichtung die Aufmerksamkeit des Staatssekretärs Dr. Stephan auf sich gezogen, der folg.ndeö Schreiben vom 9. Januar d. IS. an den dortigen Postchef gerichtet hat: „Ich habe durch die Zeitungen erfahren, daß di- Postver- waltung (Chiles) eine besondere, dem Publikum den Kauf von Büchern erleichternde Einrichtung getroffen hat. ES würde mir sehr erwünscht sein, näheres über diese Einrichtung zu erfahren, und ich erlaube mir daher, Sie um gefällige Uebersenqung eine« Exemplars der auf diesen neum Dienst- zweig bezüglichen Anweisungen und Formulare zu ersuchen. Ich würde Ihnen auch dankbar sein, wenn sie mir mitteilen wollten, auf welche Stufe der Entwicklung dieser Dienst bereit« gebracht ist. Ich spreche Ihnen schon im voraus meinen aufrichtigen Dank au«.' Bei dem Mangel an Sortimentsbuchhandlungen in Chile ist es den Verlegern überlaffen, den von ihnen ausgewählten Postanstalten Druckwerke in Kommission zuzusenden, und für den Absatz werden bestimmte, den Beamten verbleibende Gebühren gezahlt. — Die „B. Pol. N." schreiben: „In den Kreisen der Gewerbetreibenden, welche unter da« UufallverstcherungSgesetz fallen, herrscht der dringende Wunsch, daß eS möglich sein möchte, schon zum 1. Oktober d. I. die Wirks-mkeit de« Gesetze- beginnen zu laffeu. Die« wird aber nur dann zu erreichen sein, wenn der BandeSrat, welchem gegenwärtig die Vorschläge un) Anträge deS RetchSversicherungSamtes vorliegen, noch vor der Pfingstpause endgiltig Beschluß faßt. So weit die kleineren deutschen Staaten dabei interessiert sind, haben dieselben bereits im Laufe der Verhandlungen mehr oder weniger zu den betreffenden Anträgen Stellung genommen, und e« wird sich vorzugsweise darum handeln, daß auch die preußische Regierung ihre Zustimmung ettolt. Wird die Genehmigung deS BundeSratS noch vor Pfingsten ausgesprochen, so können im Laufe deS Juni die erst« Genoffenschast« - Versammlungen abzehaltrn and die interimistischen Vorstände gewählt werden. In vielen Fällen dürfte er dann möglich sein, Anfang Juli die zweite Versammlung abzuhalten und di« definitive Konstituierung der
ganzen Organisatton herbeizuführen." — Die „Kreuzztg." schreibt heute: In liberalen Blättern beginnt daS Spiel gegen die Börsensteuer von Neuem durch Ausstreuung tendenziöser Nachrichten über die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung der bezüglichen Beschlüsse de« Reichstage« seitens de« BundeSratS. Dem gegenüber möchten wir den Beteiligten doch den wohlgemeinten Rat geben, daß sie sich keinen vergeblichen Hoffnungen hingeben, sondern sich ungesäumt auf die neue Steuer eiurichten.
Braunschweig, 15. Mai. Da die Kommission dr« Landtages die Ablehnung der Vorlage wegen Restaurimng der Burg Dankwarderode beantragt, so erklärte der Staat«- Minister von Görtz-Wrisberg in der heutigen Landtags- fltzung, die Regierung ziehe die Vorlage zurück, da nach der Art und Weise der KommisstonSberatung die Ablehnung derselben im Plenum wahischetnlich sei.
Ausland.
Bern, 15. Mai. Der al« Schreiber eines Briefes, worin die Sprengung des Bundespalastes angedroht wurde, entdeckte Coiffeur Wilhelm Huft in Heiden ist aus dem Großherzogtum Baden gebürtig und hat sich eine Stunde nach seinem letzten Verhöre erhängt.
Petersburg, 15. Mai. Die „Neue Zeit" meldet aus Kronstadt, auf Anordnung de« MarinemtntsterS werde der Mittelhafen am 15. Mai alten Stils, als dem mutmaßlich:» Eröffnungstag des Petersburger Seekanals, für Kauffahrteischiffe geschloffen. DaS Einlaufen tiefgehender Handelsschiffe in Kronstadt wirv mithin unmöglich werden. Die „Nowosti" melden au« Kronstadt: Da nur solche KriegS- chiffe auf die Reede hinauSgehen, welche in das NavtgattonS- >rogramm ausgenommen sind, so dürften die übrigen KriegS- chisfe wieder abgerüstet und in Reserve gestellt werden.
Belgrad, 15. Mai. Das Kabinett ist folgendermaßen zusammengesetzt: Garaschanin Präsidium und AeußereS, Marinkovitz Inneres, Vukarin Wetrovics Finanzen, Oberst Petrovics Krieg, Prrlovics Justiz, Popovic- Kultus und Unterricht, RajovicS Volkswirtschaft, Oberst Protics Bauten.
Kairo, 15. Mai. Ein Telegramm der Korrespondenz „HavaS" meldet: Tallaudier, der Vertreter Frankreichs, teilte der egypttfchen Negierung mit, daß die französische Regierung die Verfügung, durch welche die antizipierte Zurückhaltung auf die Kouponzahlung angeordnet worden ist, auf so lange für ungesetzlich betrachte, als dir Konvention durch die Stgnatarmächte nicht ratifiziert ist.
Hessen-Rassau. "
Marburg, 15.Mai. Die 11. Generalversammlung vcsVereinS von Lehrern an den höheren Schulen der Provinz Hessen-Nassau und de« Fürstentums Waldeck sand am 13.d.MtS. in unserem Nachbarstädtchen Biedenkopf statt. Wegen der etwa- abgeschiedenen Lage des Versammlungsortes, vielleicht auch wegen der rauhen Witterung, war die Versammlung Verhältnis« mäßig schwach (etwa 70—80 Personen) besucht; die schöne Lage des Städtchens, das — ein Marburg im Kleinen — inmitten grüner Waldberge aus dem Lahnthal zur stattlichen Ruine des SchloßbergS hinansteigt, sowie die Gastfreundschaft seiner Bewohner, hätte einen befferen Besuch verdient. Die Versammlung wurde von dem Rektor de» Biedenkopfer Realprogymnastum«, Herrn vr. Gruno, mit einer Ansprache eröffnet, worin er nach einigen geschäftlichen Mitteilungen eine historisch-geographische Schilderung deS idyllisch - ruhigen, gleich der Rhön von großen Völker- straßen umzozenm, aber unberührten obersten Lahnthale» gab. AuS dem Jahresbericht des ständigen AuSschuffeS, welchen Herr Dr. Lange-Kaffel erstattete, ist folgendes erwähnenswert: Auf der letzten Jahresversammlung in Diez im Mai 1884 wurde beschlossen, einen besonderen Ausschuß zu wählen, der namenttich die mehr äußerm Der- hältniffe der L chrer in« Auge faffen und mit den Vereinen der übrigen Provinzen die notwendige Verbindung Herstellen solle, damit die nötigen Schritte zur Besserung der Ber- hältaiffe gethan werden könnten. Dieser Ausschuß hat seinen Sitz in K.ffel unter dem Vorsitz de« Herrn Direktor Dr. Wittich. Die Verbindung mit den übrigen Provinzial- Vereinen ist hergestellt worden und eS sind infolge einer Delegiertenversammlunz in BreSlau Schritte geschehen, die eine Besierung einiger Verhältniffe wohl bald herbeiführen werden, e« sind die« namentlich die Rang- und Gehalt-- Verhältniffe, die PensionS- und Reliktenfrage, sowie dir gesetzliche Regelung der AScenstonSverhältniffe. — Nanmchr erfolgte die Rechnungsablage durch den Schatzmeister, Herrn Rrallehrer Dr. Ide-Kassel. Die Mitglieder»«-! beträgt etwa« mehr als 400. Herr Reallchrer Stel z-Bockenheim