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Marburg, Sonnabend, 16 Mai 1885.

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grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- «donnementS-Preis bei der «rvedition 2*/t Mk., bei ben Postämter 2 «k. 50 Bfa (eicl. Bestellgeld), »nsertionsgedühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. »eklamen für die Zeile

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(DlifilldW jfitimii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, f owied.Annoncen- Bureaux von Haasenfiein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMofse in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und So. in Frankfurt a. M., Brrlin,Hannover u. Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsche- Reich.

Setlta, 13. Mai. DerNordd. Allg. Zig." zufolge wird der König von Belgien Ende nächster Woche zum Besuche deS hiestgen Hofes hier eintrefsen.Gestern abend fand im Abteilungszimmer 5 deS Herrenhauses die Schluß­sitzung des Zentralkomitees für die Bismarck - Ehrengabe statt. Der Borsttzende, Herzog von Rotibor, eröffnete die Sitzung mit der Mitteilung über das Gesamtergebnis der Sammlungen, die einen Ertrag von 2750049,44 Mk. ergeben haben, der nach Abzug der Kosten von 20 905,50 Mk. eine Summe von 2729143,94 Mk. repräsentiert. Hiervon sind 1500000 Mk. zum Ankauf von Schönhausen ver­wandt und der Rest von 1229143,94 Mk. zur Disposition deS Herrn Reichskanzlers für die zu bildende Stiftung ge­stellt. Der BerwaltungSrat des Zentralvereins Wcst- pnußischer Landwirte zu Danzig hat in seiner Sitzung vom 20. März d. I. folgende Resolution gefaßt und dem Herrn Reichskanzler mitgeteilt: »Der Verwaltungsrat des Zentral- vereiuS Westpreußischer Landwirte hat die beabsichtigte Ge­setzesvorlage zur Abänderung unserer bisherigen Schwur- gertchtSordnung mit Freuden begrüßt, da dieselbe für viele Grundbesitzer der östlichen Provinzen kaum länger zu er­tragen ist. Ew. Durchlaucht bittet der.Berwaltuugsrat des Zentralvereins Westpreußischer Landwirte, die betreffende G.setzeSvorlage möglichst bald zur Beratung und Durch­führung bringen zu wollen." Der Reichstag kann nun erst Freitag geschloffen werden und zwar, weil es die Herren Sozialdemokraten so wollen. ES würde leicht gewesen sein, die dritte L sung der Zelltartfnovelle und oeS spanischen Handelsvertrages in der heutigen Abendsitzung zu beenden und dann zu schließen. Die Sozialdemokraten haben aber auf Grund der Bestimmung der Geschäftsordnung protestiert, daß die dritte Lesung d-S Handelsvertrages auf die Tagesordnung der heutigen Abeudfltzung gesetzt werde. So bleibt nichts Anderes übrig, als Freitag zu diesem Z-vecks noch eine Sitzung abzuhalten. ES ist im Laufe des heutigen Tages kein Mittel unversucht geblieben, die Sozialdemokraten zur Zurücknahme ihres Widerspruchs zu bewegen, die Herren hatten sich aber darauf kapriziert, den Reichstag zu chika- nieren. ES ist betn Geheimnis, daß ste morgen uns über­morgen mit ihren hiesigen Parteigeuvflen Versammlungen auf gemeinschaftlichen Ausflügen ab halten wollen. Da nun eine Anzahl der Abgeordneten als Ausgewiesene Berlin unmittelbar nach Schluß der Session verlaffen müffen, so lag ihnen daran, den Schluß der Session zu verzögern. Sie ließen sich davon auch dadurch nicht abbriugen, daß ihnen ein Mitglied der Regierung durch andere Abgeordnete unter der Hand die Zusicherung geben ließ, daß, falls der Schluß der Session heute abend eintreten sollte, von der AnSweisungSbrfugntS gegen die sozialdemokratischen Abgeord­neten kein Gebrauch gemacht werden würde. ES half alles nicht; die Sozialdemokraten wollten die seltene Gelegenheit

nicht unbenutzt kaffen, daß ihrem Willen der ganze Reichstag und die Regierung sich fügen müffen. Die Sitzung am Freitag wird natürlich beschlußunfähig sein und nur kurze Zeit dauern. Die gestrige Mitteilung derNational-Ztg.", daß Fürst Bismarck dem Abgeordneten Windthorst gegenüber erklärt habe, er lege Wert auf die Annahme des deutsch- russtschen Auslieferungsvertrages, wird von derKreuzztg." für unrichtig erklärt. Die Gefchästsordnungskommission des Reichstages beantragt, das Mandat des Grafen Herbert Bismarck durch feine Ernennung zum UnterstaatSsekretär für nicht erloschen zu erklären. Graf Wilhelm BiSmarck wird nicht, wie einzelne Blätter melden, Regierungs-Vize­präsident in Koblenz, sondern zunächst Landrat werden. Ein Freund unseres Blattes, schreibt dieNordd. Allg. Ztg.", sendet uns eine aus derStralsunder Ztg." ent­nommene Annonce ein, durch welche ein Bäckermeister in Stralsund ankündigt, da« Brot ein 1/2 Pfund schwerer als bisher für den bisherigen Preis zu liefern. Daß dieser Entschluß gefaßt seiwegen Erhöhung der Getreisezölle", wird nicht gesagt; vielleicht klärt die Brotverteuerungspreffe den qu. Bäckermeister über die Behauptungen der Freihändler zu nehmende schuldige Rücksicht freundlichst auf!?

Kiel, 13. Mai. Die hiesige Universität beging heute die Feier des hundertsten Geburtstags Dahlmanns in der Aula. Geheimrat Waitz-Berlin hielt die Festrede. Der Sohn Dahlmanns, Landgerichtsdirektor Dahlmann aus Marburg, sowie Reffen und Enkel wohnten der Feier bei.

Bremttt, 13. Mai. Der amerikanische Gesandte Senator Pendleton ist mit dem LioydsampferWerra" hier ein- getroffen.

Ausland.

Paris, 13. Mai. Die von der amerikanischen Kolonie der Stadt Paris gewidmete StatueFreiheit" wurde heute übergeben. Der bisherige amerikanische Gesandte Morton, sowie Briffon und Lesflps hielten Reden. Dem Journal Paris" zufolge würden 3600 Mann, meistens aus Tonkig zurückkehrende Truppen, nächstens nach Madagaskar gesandt.

London, 13. Mai. DasBüreau Reuter" meldet: Der russische Botschafter v. Staat erhielt gestern abend eine telegraphische Depesche, welche dem Vernehmen nach die Genehmigung der russischen Regierung zu der von Baron v. Staal mit der englischen Regierung getroffenen vorläufigen Abmachung enthält.

Petersburg, 13. Mai. Kontre-Admiral Schmidt ist zum Chef des Kronsta ter Südfahrwaffer - Geschwaders, Kontre-Aomiral Golowatschoff zum Chef der Kronstadter Norofahrwaffer-Schiffsabt-ilung, Kontre - Admiral Kopytoff zum Chef der zweiten Schärenabteilung und Ko itre-Admiral Nowikoff zum Chef des Minengeschwaders ernannt worden. Die Kronstadter Kriegsschiffe begannen gestern nach der

Reede hinauSzugehen und werden dort ihre Klarmachung vollenden.

Ottawa, 13. Mai. General Middleton hatte vor­gestern bei Batocha ei« Gefecht mit den Insurgenten und vertrieb mit dem Bajor.net den Feind aus den Verschan­zungen, befreite früher verlorene Gefangene, welche sich gegenwärtig wohlbehalten im kanadischen Lager befinden und verlor 5 Tote und 15 Verwundete. Die Verluste deS Feindes sind erheblich. Unter den seitens der RegiermigS- truppen gemachten Gefangenen befindet sich RielS, Sekretär, und ein Mitglied des von Riel eingesetzten Rates. Zwei Dampfer gingen ab, um den Insurgenten den Rückzug ab­zuschneiden.

Hesse«-Skassa«.

Marburg, 14. Mai. DerStaats Anz." publiziert das Gesetz, betreffend die Beschaffung von Mitteln für die Erweiterung und Vervollständigung des Staats-Etsenbahn- NetzeS; nach demselben erfordert die Bahn von Fulda nach G rsfeld die Summe von 1280000 Mark und die von Warburg nach Arolsen 2490000 Mark.

Marburg. 14. Mai. Bet der Fortsetzung der Zolldebatte im Reichstag am 12. d. M. wurden verschiedene wichtige Post« Honen im Sinne der freien wirtschaftlichen Vereinigung angenommen; so namentlich die Zölle auf Hafer, Gerste, Malz, Raps, Mais u. f. »., zumeist mit beträchtlicher Mehrheit, so z. B. der Gerstinzoll von Mk. 150 mit 206 gegen 135 Stimmen, während sich andererseits für den mit 1 Mk. beantragten Zoll auf Mais nur eine Mehr­heit von 4 Stimmen fand (156 gegen 152). Jedenfalls aber haben die positiven Parteien bis jetzt noch keine Nieder­lage von irgend welcher Bedeutung erfahren. Wo ste von einem in zweiter Lesung gefaßten Beschiuffe zurückgetreten sind, ist es durchaus freiwillig geschehen in der Erkenntnis, entweder daß man sich geirrt habe, oder well die Zustim­mung des Bundesrates ausgeschlossen schien. Mr haben aber bereits betont, daß derartige Fälle vereinzelt dastehen. Im großen und ganzen besteht zwischen dem Reichstage und den verbündeten Regierungen volle Uebereinstimmung der wirtschastspolitischen Anschauungen. Beide stehen ent­schieden auf dem Boden des Schutzes dernationalen Arbeit", beide hüten sich aber auch sorgfältig ins Extreme zu verfallen, da dics den Jntereffen unserer weit entwickelten Auöfuhrindustrie leicht schädlich werden könnte. Die Gegner lassen das natürlich nicht gelten. Ihnen zufolge kann die Mehrheit des Reichstages gar nicht Zölle genug bekommen und die verbündeten Regierungen laffen sich das gefallen. Das kann aber nur behaupten, wer den Schutz der natio­nalen Arbeit überhaupt nicht will, sondern sich allein von dem Gedanken unbedingter Verkehrsfreiheit leiten läßt. Mit Leuten dieser Art aber streiten wir nicht mehr mit Worten, I sondern nur noch mit Thaten, .wie da« der Verlauf der

(Kitte Fraueuthai.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Aber man wage nicht, die Mörderin anzutasten,' fuhr der Schneider in seiner Rede fort,weil ste reich sei und stets die feinsten Gesellschaften gegeben habe. Wer bei ihr gut gegessen und getrunken habe, der möge ihr jetzt nicht zu nahe treten, aber vor dem Gesetze müßten alle gleich gelten, gleichviel, ob sie arm oder reich seien. Das habe keine Geltung mehr. Die Armen allein müßten büßen, die Reichen gingen frei aus! Man dürfe nicht gestatten, daß die Gerechtigkeit mit Füßen getreten werde, eine Mör- derln verdiene keine Schonung und wenn dieselbe trotzdem geübt weroeu solle, so sei eS Sache und Pflicht des Volke«, dem entgegenzutreteo."

Mit dem Rufe:Wir verlangen Gerechtigkett und Sühne für einen Mordl Mir nach mir nach!" sprang er von dem Steinhaufm herab und stürmte fort nach Weilands Hause.

Mit lautem Beifallsruf und in wllder Erregung folgten ihm die Meisten der Umstehenden, manche riß die Neugierde mit fort Mit drohendem Geschrei langte die aufgrreizte Menge vor dem Hause des Toten an.

Helene erschien am Fenster.Da ist die Mörderin I Eie hat ihren Mann erschoffen," tönte eS ihr wlld entgegen »nd bestürzt, erbleichend trat sie zurück.

Sie will entfliehen!" tönte eine Stimme in den Haufen.

Da sprang der herabgekommene Schneider die Stufen vor dem Hause hinan.

Ich werde sie an der Flucht hindern! Wir wollen Gerechtigkeit l* ries er.

Er rüttelte an der verschlvffenen Thür, die seinen An­strengungen widerstand.

Eine Axt eine Axt!" rief er.

Reißt das ganze Haus nieder!" fchrieen Andere.

Schon flogen einzelne Steine in die Fenster und das Klirren der zerschmetterten Scheiben erhöhte die Errcgunz noch, da stürzten zur rechten Zeit zwei Polizeirimer herbei und trieben die Wahnsinnigen zurück. Der Schneider ver­suchte, sich zu widersetzen, er wurde verhaftet. Auch jetzt noch reizte er die Menge auf, bis er fort geführt wurde. Murrend uns drohend folgten ihm Viele, jedoch wagte Niemand ihn zu befreien.

Die Aufregung, welche in der ganzen Stadt herrschte, währte fort, denn immer mehr und immer bestimmter wurde da« Gerücht verbreitet, daß Weilands Frau die Mörderin ftt. Ihr Haus mußte fortwährend durch die Polizei be­wacht werden, um sie zu schützen.

Helenens auffallendes Benehmen trug viel dazu 6ei, die Ausregung der Menge zu erhalten. Sie zeigte nicht den geringsten Schmerz über den Tod ihres Mannes und den gegen ste ausgestoßenen Beschuldigungen fetzte ste einen kalten, erbitterten Trotz entgegen. Auf ihre Anordnung wurde der Leichnam ihres Mannes sofort in die Totenhalle auf dem Friedhöfe gebracht und dies gab eine neue Veran­lassung, den Verdacht gegen sie zu befestigen.

Sie fürchtet sich, den Leichnam dessen, den sie ermordet hat, in ihr Hau« aufzunehmen," sprachen Viele.

Da Helene das Haus nicht zu verlassen wagte, ließ ste Krötzsch zu stch kommm, um ihm die für die Beerdigung nötigen Besorgungen zu übertragen. Der lange Agent er­füllte diesen Austrag nur zu gern, denn seit langer Zeit hatte ste seine Hülfe nicht mehr in Anspruch genommen,

und seine Einnahmen hatten dadurch eine sehr empfindliche Einbuße erlitten.

Die Beerdigung Weilands fand mit all den Ehren statt, welche sein Stand erforderte und der Reichtum feiner Frau gestattete. Helene nahm nicht daran teil. Eine Freundin wollte sie bewegen, mit znm Friedhöfe zu gehen und von dem Toten Abschied zu nehmen; sie lehnte eS ab.

Ich kann eS nicht, denn ich bin von dem, dm der Tod nun ereilt hat, zu schändlich getäuscht und hintergangen,' gab sie zur Antwort.Ich habe geglaubt, daß er mich liebe, denn mehr als einmal hat er es mir durch seinen Schwur versichert, aber schon wenige Tage nach der Hoch­zeit wandte er sich kalt und mit Widerwillen von mir ab. Er maLte nicht einmal ein Hehl daraus, daß er nur nach meinem Vermögen getrachtet. Mit höhnendem Lachen rief er mir zu, er habe mein Geld geheiratet, das wolle er nun geu'eßen. Ich habe unsagbar schwer gelitten und hatte Niemand, dem ich mich anvertraum konnte. Ich habe ihn geliebt, aber diese Liebe verwandelte stch mehr und mehr in Erbitterung und Haß. AlS ich die Nachricht er­hielt, daß er erschossen sei, tonnte ich nicht »einen. Ich konnte auch nicht um ihn trauern, denn ich hatte nur da« eine Gefühl, daß ich nun erlöst fei. Was kümmern mich die Menschen! Sie haben über mein Glück gespottet und gelacht, mögen sie wich nun für herzlos halten, ich bin eS geworden, denn eS ist mir oft, als ob da« Herz in mir er­kaltet wäre!"

Auf dem Friedhöfe bei der Beerdigung hatten sich viele Menschen versammeU und auf« neue wurden laute und wilde Drohungen gegen die Gattin de« Toten auSgestoßen.

(Fortsetzung folgt.)