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Skr. 119

Marliurg, Donnerstag, 14 Mai 1885.

XX. Jahrgmg.

Erscheint täglich außer on Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/. Ml., bei den Postämter 2 Mk. 50 Vf«, (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 8fg. Reklamen für die Zelle 25 Pfg.

OIierhtUchk Mmg.

Sn,eigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowied.Annoucen-Bureaux von Haascnstein undBogler in Franturt a. M., Kastel, Magdeburg und Wren; RudolfMvsie in Frankfurt «. M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. in Frankfurt a. M„ Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition^ Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

DsuHchkV Sleidj«

Berlin, 12, Mai. Der heutigen gesellige» Bereini- guug bei dem Reichskanzler wohnten weit über dreihundert Personen bei. Zahlreiche Mitglieder des Bundesrats und des StaatsmtnistertumS, sowie viele Reichstagsabgeordnete waren erschienen. Von den ersteren waren unter anderen Graf Lerchensels, Geheimrat Hrerwart, v. Puttkamrr, v. Scholz, Maybach, Friedberg, Bronsart v. Schellendorff, von den letzteren die Konservativen fast vollständig er­schienen; auch von den Natioualliberalen fehlten wenige; vom Zentrum waren unter anderen von Franckenstetn und Wtndlhorst anwesend, mit welch letzterem sich der Reichs­kanzler längere Zeit unterhielt. Von den Deutsch-Frei- finnigen war unter anderen der Vizepräsident Hoffmann anwesend. Der Fürst und Fürstin Bismarck, die Grafen Herbert und Wilhelm Bismarck, sowie Graf und Gräfin Rantzau machten in liebenswürdiger Weife die Honneurs. Die Unterhaltung gestaltete sich sehr lebhaft und trug einen durchaus zwanglosen Charakter. In einem Nebenraume konzertierte die Kapelle des zweiten Garde-Regiments. — Der „Nat.-Ztg.' zufolge antwortete der Reichskanzler bet dem Frühschoppen auf die Frage Windthorsts, ob der Reichskanzler auf die Verhandlung über den Ausltefe- rungS - Vertrag mit Rußland großen Wert lege, daß er auf die Annahme des Vertrages allerdings großen Wert lege. Der Schluß des Reichstags wird nach Aeußerungen des Fürsten Bismarck am Sonnabend erwartet. — Dem Vernehmen nach wird Unterstaatösekcetär Busch demnächst den GesandtschaftSpostrn in Bukarest, Graf Saurma den Gesandtschaftsposten im Haag übernehmen. Der Gesandte in Darmstadt, Stumm, geht demnächst in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen. — Den „Potsd. Nachr.' zu­folge zirkuliert bet den Potsdamer Regimentern gegenwärtig ein Schreiben des Kriegsministers, dem zufolge für die deutschen Besitzungen im Kamerungebiete eine Anzahl von ztvUversorgungSberechtigteu, jetzt noch aktiven Militärpersonen gesucht wird. Dieselben sollen dort die Kru- Neger tm Dienste der Waffen ausbilden, damit diese als Sicherheits- mannschaftea rc. verwendet werden können. Nur durchaus gesunde und kräftige Militärs, welche unverheiratet find, werden berücksichtigt. Dieselben sollen außer freier Ueber- fahrt und freier Wohnung ein Anfangsgehalt von 2600 bis 3000 Mk. erhalten. ES soll sich, wie das zitierte Blatt wissen will, bis jcht noch niemand gemeldet haben. — Infolge eines im Bereiche des 8. Armeekorps vorgekommeneu Spezialfalles hat das Ministerium der auswärtigen Ange­legenheiten den Berliner G-sandten der Vereinigten Staaten von Amerika darüber verständigt, daß die Söhne derjenigen Deutschen, welche als naturalisierte Bürger der Vereinigten Staaten während der Minderjährigkeit ihrer im Amerika geborenen Söhne in deren Begleitung zu dauerndem Aufent­halt nach Deutschland zurückkehrcn, zwar als nordameri­

kanische Staatsangehörige seitens des Reiches anerkannt und in dieser Eigenschaft nicht zum Militärdienst herangezogen werden sollen, daß der Minister des Auswärtigen sich je­doch für befugt erachtet, solchen Personen als Ausländern den Aufenthalt in Deutschland zu versagen und gegen die­selben mit Ausweisungsmaßregeln vorzugehen, sobald dies im Interesse der öffentlichen Ordnung erforderlich erscheint. Lchtere Voraussetzung soll als vorhanden angesehen werden, wenn die thatsächlichm Umstände dafür sprechen, daß die nordamerikanische StaaatSangehörigkeit von den Betreffenden dazu benutzt wird, sich den der einheimischen Bevölkerung obliegenden Verpflichtungen, insbesondere dem Militärdienste zu entziehen.

— Die „Post' bemerkt zu dem die Börsensteuer be­treffenden Gesetzentwurf: Mit der Einführung einer wirk­sameren Börsensteuer wird eine Forderung der Gerechtigkeit erfüllt; der große Geld- und Warenumsatz trug bisher zu den Lasten deö Reiches und Staates unverhältnismäßig wenig bet, während gerade die Börse von seinen Einrich­tungen besonderen Vorteil zieht. Insbesondere datiert die Bedeutung der Berliner Börse erst von der Errichtung des Reiches her und steht in engem ursächlichem Zusammen­hänge mit der Machtstellung desselben. Von den konser­vativen Parteien ist daher stets mit Recht im Namen der Gerechtigkeit gefordert, daß, nachdem alle Schich­ten der Bevölkerung mittels Zöllen und Verbrauchs­steuern zur Deckung der Bedürfnisse des Reichs her- angezogm werden mußten, auch die Börse ihr Teil trage. Diese Forderung der Gerechtigkeit wird nun­mehr erfüllt. Dagegen würde man fehl gehen, wenn man den Mehrertrag der neuen Steuer sehr hoch veranschlagen wollte. Der von der Kommission geschätzte Ertrag von 15 Millionen Mark dürfte eher zu hoch als zu niedrig ein, zumal die zur Sicherung des Arbitragegeschästs be- chlossenen Exemtionen einen nicht ganz unerheblichen AuS- all bedingen dürften. Die jetzige Börsensteuer bringt nicht voll 3 Millionen, auch werden durch die neue Steuer einige LaudeSstempel auf Lieferungögeschäste u. s. w. beseitigt, so daß der finanzielle Effekt derselben aus 10 biS 12 Mill. Mark zu schätzen sein dürfte. Dies bedeutet für Preußen eine Ermäßigung der Matrikularumlagen um 6—7 Mill. Mark, also um etwas über den vierten Teil der Erhöhung derselben in dem laufenden Reichsetat. Zu den konservativen Parteien und dem Zentrum hatten sich zur Annahme der Börsensteuer auch die Nationalliberalen gesellt. Nachdem ihr Gegenvorschlag gefallen war, entsprach ihre Stellung­nahme lurchauS dem Heidelberger Programm, welches sich entschieden für eine höhere Besteuerung der Börse aus­gesprochen hatte.... Der Freisinn stand im Vereine mit den Sozialdemokraten auf der Gegenseite. ... Im übrigen ist daS Verhalten des Freisinns höchst charakteristisch. Gleiches Recht für alle führt er tm Munde, er stimmt aber für

daS Stcuerprivileg des Geldkapitals. Dm Antrag Hume lehnt er mit Rücksicht auf das Defizit ab, aber er wider­setzt fich der aus der körsensteuer zu erwartmdm Eiu- nahmevermchrung mit Entschiedenheit, verlangt sogar die Beseitigung des PetroleumzvlleS, welche das Defizit nahezu verdoppeln würde. Im Abgeordnetenhause ergehen fich am Morgen die Herren Richter und Rickert in dm schwersten Vorwürfen, weil für die Schule nicht auSreichmde Mittel bereit sind, am Nachmittage verweigern sie im Reichstage eine Steuer, deren Erträge die Ebbe tu den Staatskassen wenigstens einigermaßen beseitigen und die Möglichkeit einer besseren Dotierung der Schule näher rücken würden!..;

— Wie wenig die sozialvemckcatischcn Abgeordnetm ihre Pflichten erfüllen, davon erzähtt die Königsberger „Har- tungsche Ztg.' folgendes Beispiel: „Bei Beginn der Sesfio« waren die Sozialisten zum erstenmale tu die Kommissionen und in den Senioren Konvent eingetreten. In der PetttionS- Kommisston kündigten die Mitglieder an, daß jetzt einmal gründlich und kräftig wie nie zuvor die Beschwerden des Volkes würden geprüft werden. Aber bald bltebm die Sozialisten mehr und mehr wieder aus und erledigten mit­unter nicht einmal die von ihnen als Referenten für das Plenum übernommenen Arbeiten. In Berlin war beispiels­weise eine Agitation der Schmiede gegen die Militär-Büchsen« macher entstanden. Die Sozialisten hatten sich der Sache auch angenommen und die Petitions-Kommission hatte dann Herrn Kayser in einem den Beschwerdeführern günstigm Sinne mit dem schriftlichen Bericht für das Plenum be­auftragt. Herr Kayser aber ließ die Sache volle 9 Wochm liegen, obwohl er vom Vorsitzenden sechs- bis achtmal auf- grfordert wurde, die kleine Arbeit auszuführen. Herr Kayser gab aber auch dm Auftrag nicht zurück. Endlich erfolgte ein in den Annalen des Reichstags bis dahin unbekannter KommisstonSbeschluß auf Entziehung des Referats, wenn nicht binnen vier Tagen die Arbeit geliefert würde. Auch diese Frist war verstrichen, als endlich der kleine Bericht abgeliefert wurde. Zur Verhandlung des Plenums aber wird diese gerechtfertigte Beschwerde der Schmiede jetzt wohl kaum noch gelangen können.' Bon demselben Herrn Kayser erzählt die „BrerlfZtg.', derselbe habe neulich lange Sätze in den stenographischen Bericht seiner Rede hineingeschriebev, von denen er keine Silbe geredet hat. Der Vorsteher des stenographischen Büreaus legte die Sache dem Präsidium vor und dies forderte Herrn Kayser auf, die Sätze zu streichen. Da er das nicht that, so wurde das unkorrigierte Stenogramm gedruckt.

Königsberg i. Pr>, 12. Mai. Kanzler von Goßler ist gestern abend gestorbew — Derselbe wurde am 26. Mai 1810 zu Kass l geboren. Als Präsident des Ober-LandeS- gerichts zu Königsberg wurde er zum Kanzler im König­reich Preußen ernannt und infolge dieser Ernennung durch Allerhöchsten Erlaß vom 13. September 1869, zugleich

Sine Fraueuthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

„Vielleicht bedurfte ihre Frau die Zerstreuung noch mehr', entgegnete der Arzt. „Das Fieber derselben ist sehr heftig und ihr Zustand nicht ohne Gefahr, nun bieten Sie alle Kraft aus, um ste zu pflegen. Wenn sie wieder zu sich kommt, wird ste sich sehr schwach fühlen, halten Sie alles von ihr fern, was ste im Geringsten erregen könnte. Die Kinder dürfen nicht zu ihr, selbst wenn ste nach ihnen verlangt.'

Brune ersaßt« die Hand des Arztes und drückte ste fest.

„Ich werde alle- — alles thun!' versicherte er.

„Thun Sie Ihre Pflicht; wiederholte der Arzt und entfernte sich.

Brune blieb allein bei der Kranken.

Der Tag brach herein. Judith kam zu sich, aber kaum hatte ste ihn, der sich neben dem Bette niedergelassen, er­blickt, so schloß sie dir Augen wieder.

Brune fragte besorgt, wie ste sich fühle, abweisend schüt- telte ste mit dem Kopfe; er erfaßte ihre Hand, langsam mtzog ste ihm dieselbe. Regungslos lag ste da, ohne zu schlafen. Wie eingefallen ihre Wangen waren! Wie tiefe Furchen der Kummer in ihrem hübschen Gesichte gezogen!

Brune preßte die Hand auf die Stirn. „Du hast diese Furchen gezogen!' rief ihm eine anklagende Stimme zu. «Dein Leichtstnn hat ste dahin gebracht und wenn ste stirbt, hast Du ihren Tod verschuldet!'

VtrzweiflungSvoll raffte er stch auf. Sie durfte nicht sterben! Sie mußte wieder genesen, nm zu sehen, daß er ein anderer wurde. Nie zuvor hatte er so deutlich gefühlt, «ie innig er sie liebte.

Wie ein wüster Traum lag alles hinter ihm. Er be­griff seine Schwäche nicht, er vermochte nicht zu fassen, wie es möglich gewesen war, den stillen, kummervollen Blick seiner Frau so lange zu ertragen. Durch seinen Leichtstnn hatte er sein blühendes Geschäft herabgebracht, durch ihn wurde vielleicht das Leben seiner Frau geopfert.

Er sprang auf und rang die Hände. Die Reue schüt­telte ihn. Gab eS denn nichts — keinen Weg, das Ge­schehene zu sühnen?

So rückte der Tag immer mehr vor, ohne daß er von dem Bette seiner Frau wich und ohne daß eine andere Sorge an ihn herantrat: er dachte nicht einmal an da» während der Nacht Erlebte. —

Weilands Ermordung hatte die ganze Stadt in die größte Aufregung versetzt. Vor dem Wirtshause, in dem die That geschehen war, hatten sich Hunderte von Neu­gierigen augesammelt, obschon außer der Polizei, den GertchtS- personen und dem Arzte niemand der Eintritt gestattet wurde.

DaS Geschehene wurde unter den Versammelten mit den wunderbarsten Uebertreibungen und Ausschmückungen er­örtert. Eine thörichte Vermutung, die der eine aussprach, erzählte ein anderer sofort als verbürgte Thatsache wieder.

ES war bekannt geworden, daß unmittelbar nach dem verhängnisvollen Schüsse der laute Aufschrei einer Frauen­stimme gehört war, die letzten Worte des Sterbenden: „Meine Frau — meine Frau' ... waren kein Geheimnis geblieben, und nun stand bei den meisten als Thatsache fest, daß Weilands Gattin die Mörderin fei. Sie hatte mit ihrem Manne unglücklich gelebt und war über feine Ver­schwendung erbittert gewesen, es war deshalb an ihrer Schuld nicht zu zweifeln. Die Tochter M verstorbenen

Apothekers war nie beliebt gewesen, es freuten fich deshalb viele, den Stab über ste brechen zu können.

Man wußte, daß der Staatsanwalt sofort nach der That zu der Frau des Ermordeten gegangen war und ihm wurde die Schuld betgemessen, daß die Mörderin noch nicht verhaftet war.

„Sie ist reich und durch Geld läßt stch viel erreichen?, warf ein Arbeiter hin.

„Wäre sie arm, so säße ste längst im Gefängnisse!', rief ein anderer.

„Utn einen geringen Preis wird sie ihre Frethett nicht erkauft haben!' fügte ein dritter hinzu, und nun wurde unter den Umstehenden bereits die Summe genannt, durch welche der Staatsanwalt bestochen fei.

Die Erregung wuchs mit jeder Minute. Als der Staats­anwalt durch die Volksmenge dem Wirtshaufe zuschritt, wurde Murren des Unwillen» hinter ihm laut.

„Der steht ganz vergnügt aus, well er ein gute» Ge­schäft gemacht hat!' rief ein Arbeiter und ein dürre», schmutzig aussehendes Weib an seiner Seite versicherte, ohne solche Nebeueiunahmen ihre» Manne» könne die Frau Staatsanwalt solchen Aufwand nicht treiben.

„Die Sorte hält e» immer mit den Reichen!' warf ein anderer laut ein und die Umstehenden stimmten ihm bei.

Da sprang ein herabgekomweaer, dem Truuke ergebener und wegen Unfug wiederholt bestrafter Schneider auf einen Steinhaufen und rief mit lauter Stimme, Weiland sei ein Ehrenmann gewesen, der auch anderen ein Verbimst ge­gönnt habe. Er sei in schändlicher Weise ermordet und «er die That begangm habe, sei erwiesen.

(Svetsetzung folgt.)