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JRarÖUCg, Freitag, 8 Mai 1885.
XX. Jtchrgmg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, f owied.Annoncen- Bureaux von Haafenstein undVogler in Franturt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutscher Reich.
«erlitt, 6. Mai. In dem Palais des Prinzen Friedrich Karl fand soeben die kirchliche Trauung der Prinzesstn Heinrich der Niederlande mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Altenburg durch dm Oberhofprediger Kögel statt. Der Kaiser, der Kronprinz und die hier anwesenden Mitglieder des königlichen Hauses, wie zahlreiche, als Gäste geladene fremde Fürsten wohnten der Feier bet. Zu dem Galadiner stad gegen 80 Einladungen ergangen. Nach dem Diner beabsichtigen die Neuvermählten sofort abzu- retsen. — Der Bundesrat hat fchon gestern die regelmäßig am Donnerstag stattfindende Plenarsitzung unter dem Vorsitz des Staatssekretärs v. Bötticher abgehrltm. Der Reichskanzler wohnte derselben, obschon er im Reichstage anwesend war, nicht bei. Eine Vorlage betr.ff-nd eine Eingabe mehrerer Tabakpflaazer und Händler iu Duderstadt (Provinz Hannover), worin um Herabsetzung der Steuer für inländischen ooer Erhöhung der für ausländischen Tabak gebeten wird, geht dem Bundesrat zur Kenntnisnahme zu. Ein Gesetzentwurf betreffend die Zisammmstelluug eines Nachtrax s zum ReichShaushaltSetat für 1885/86 auf Höhe von 394 920 Mk., welcher du ch Matrtkularbeiträge zu decken, verlangt diese Summen mit 150000 Mk. zur Erweiterung deS DienstgebäudeS des Auswärtigen Amts, und mit 200000 Mk. zur Erweiterung deS DienstgebäudeS des Statistischen Amts mit 10000 Mk., zur Herstellung einer zweiten Ausfahrt auf dem SnmMcke der Zentralbehörden, Leipzigerstraße 15 zu Berlin, und 34920 Mk. zu Vorarbeiten behufs Herstellung einer Eisenbahnverbindung zwischen dem südlichen Elsaß und den übrigen südwestlichen Tellen deS Reichs. Eine weitere Vorlage betrifft den am 29. Aprll d. I. uuterzeichncteu Vertrag zwischen dem Reich und Belgien wegen Bestrafung der auf den beiderseitigen Gebieten verübten Forst-, Feld-, Fischerei- und Jagdfrevel. Der Vertrag, im deutschen und französischen Text vorliegend, umfaßt zwei Artikel und bestimmt lediglich, daß Deutsche, welche iu Belgien, u w Belgier, welche in Deutschland sich besagter Frevel schuldig gemacht haben, in dem Gebiete desjenigen Teils, welchem sie angehören, nach den dort geltenden Gesetzen und unter den darin bestimmten Voraussetzungen bestraft werden. Diese sämtlichen Vorlagen wurden den Ausschüssen überwiesen. Eine mehr als ein- stüudige Beratung entspann sich über die Justizgesctze. In zweiter Beratung wurde zunächst der Entwurf eines Ge
setzes wegen Abänderung und Ergänzung des GerichtSver- faffungSgesetzeS und der Strafprozeßordnun; unter Ablehnung der Berufung im Strafverfahren mit 32 gegen 26 Stimmen angenommen. Es folgte dann der Antrag des JustizauS- fchuffeS betreffend den Gesetzentwurf wegen Abänderung von Bestimmungen deS GerichtSverfaffungSgefetzeS und der Strafprozeßordnung mit dem Antrag Preußens. Der Antrag wegen Herabsetzung der Zahl der Geschworenen von 12 auf 7 und der weiter dazu gehörige Antrag Preußens wurde mit 29 gegen 28 Stimmen (Bremen enthielt sich der Abstimmung) angenommen. Endlich wurde noch der mündliche Bericht der Ausschüsse für Landheer und Festungen und für Rechnungswesen wegen Ergänzung der Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz über dir Kriegöleistungen erledigt. Bezüglich des Verordnungsentwurfs, wonach die Kautionen der bei der Militär- und Marineverwaltung angestellten Zahlmeister und Feldzahlmeister sowie Marinezahlmeister 2500 Mk., für die Marinezrhlmeister, welche sich in Ren^antenstellungen befinden, 9000 Mk. betragen sollen, haben die zustehenden Ausschüsse des BundeSrateS die unveränderte Annahme beantragt. — Ein neues Weißbuch, betreffend die exyptische Finanzfrage, welches einuno- zwanzig Schriftstücke umfaßt, ist heute ausgegeben worden.— Die „B. Pol. Nachr." schreiben: ES war vorauszusehen, daß die Sonnabend-Debatte im Reichstage dem sensattonS- lüsternen Teile ter Presse Anlaß zu Kombinationen über „Krisen" im Ministerium bieten würde. Wir können versichern, daß an maßgebender Stelle dem parlamentarischen Zwischenfall von vornherein eine solche Bedeutung nicht beigelegt wurde. — Minister v. Puttkamer beriet sich gestern im Abgeordnetenhause mit dem Präsidenten von Köller und dem Herrenhaus-Präsidenten Herzog v. Ratibor über den Schluß der LandtagSsesston. Man kam überein, daß die gemeinschaflliche Schlußsitzung beider Häuser am Sonnabend Abend im Abgeordnetenhause werde statt- finden können. — Dir PetitionSkommisston des Reichstags beriet in ihrer heutigen Sitzung die bezüglich des Prostitutionswesens eingegangenen Petitionen. Dieselben stimmen insofern überein, als sie die Abänderung der bezüglichen Bestimmungen des Strafgesetzbuchs für not «endig erklären, gehen im übrigen aber teilweise von evtgegen- gesetzten Anschauungen aus. Die Petitionen enthalten dasselbe Material, welches in der Presse und in öffentlichen Versammlungen in umfassendster Weise erörtert worden ist, und tragen insoweit sie die Beseitigung und Einschränkung deS Prostitutionswesens durch Betonung der Strafbarkeit bezwecken, eine große Anzahl von Unterschriften. Der Referent, Abg. Strnckmann, erstattet in fast zweistündigem Vorträge Bericht über den Inhalt und die Begründung der einzelnen Petitionen. Die Fertsetznng der Diskusston mußte wegen des Beginnes der Plenarsitzung auf morgen vertagt werden. — Der Abgeordnete Strnckmann hat den
Antrag etngebracht: Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem nächsten Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen wegen Abänderung des Artikels 5 II § 7 des Zollvereinigungsvertrages vom 8. Juli 1867 nach der Richtung hin, daß auch denjenigen Kommunen und Korporationen, welchen bislang das Recht der Auferlegung einer Abgabe auf den Branntwein nicht zu« steht, solches Recht verliehen werde. — Den National- Liberalen muß man nachsagen, daß sie meisterhafte Politiker sind. Im preußischen Abgeordnetenhause stimmen ste gegen das Huenesche Verwendungsgesetz, obwohl ste selbst einen grundsätzlich damit übereinstimmenden Antrag eingebracht hatten; im Reichstage gegen die Börsensteuer; selbst von den süddeutschen Mitgliedern, denen man sonst besseres zu- trauen darf, hat sich am 5. d. Mts. kein einziger der Mehrheit angeschlossen. Alles iu allem ist die ehemals herrschende Partei mithin, seit die kolonial-politischen Fragen nicht mehr auf der Tagesordnung stehen, durchaus in den Wegen des Abg. Richter gewandelt; mit diesem ZeugniS tn der Tasche mag ste demnächst vor ihre Wähler treten. Vielleicht war das der Grund, daß der Reichskanzler, der zwischen „Deutschfreisinnigen" und Nationalliberalen sonst sehr schwach unterscheidet, am ;5. d. Mts. einfach von der „Linken" sprach, deren Sympathieen nicht gewonnen zu haben, er sich freue. WaS ist denn auch vom Heidelberger Aufschwünge übrig geblieben? Die Thatfache, daß eine Anzahl süddeutscher Mitglieder sich in zollpolitischen Fragen von der Mehrzahl trennt. DaS ist an sich sehr erfreulich, genügt aber nicht, um die Partei als solche bündniSfähig und brauchbar zu machen; am wenigsten in Preußen selbst, wo ste sich durchweg ablehnend und negativ verhält. Für die kommenden Abgeordnetenwahlen müssen wir da» im Ange behalten. — Heute nachmittag gegen 3 Uhr hat ein Mger Mensch mit einem Stein, den er vorher in der Tasche verborgen hielt, daS bekannte Eckfenster im kaiserlichen PalaiS zertrümmert. Er wurde sofort verhaftet. ES ist der Attentäter ein polnischer Arbeiter namens Michael GrigolaitiS — der Name klingt allerdings nicht polnisch, sondern griechisch — 25 Jahre alt und scheinbar ein halber Idiot. Er spricht nur mangelhaft deutsch, hielt sich seit 6 Tagen obdachlos hier auf und wollte sich durch die Thal Unterkommen verschaffen. Der Kaiser war, als die Thal geschah, im Palais nicht anwesend.
Leipzig, 3. Mai. Die Cantate - Versammlung des Börsenvereins der deutschen Buchhändler beschloß, auf dem von der Statt Leipzig dem Börsenverein geschenkten Bauplatz ein BuchhändlerhauS nach dem bekannten Bauprogramm aufznführen, daß dazu vom Börsenverein ein Anlehen bis jzur Höhe von 900000 Mark ausgenommen und daß ein außerordentlicher Ausschuß für den Börsen-Neu- bau einges.tzt werden solle. Außerdem wurden zu Vorstandsmitgliedern die Herren Kröner und Parey wiedergewählt.
Mae Fraueuthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Regungslos saß Judth da, ihre dunklen Augen glühten, dieselben hatten fast Den starren Glanz einer Wahnsinnigen. Dann erhob ste sich langsam und ging in das kleine Zimmer, welche» ihr Vater bewohnt hatte und das nach dem Tode desselben fast unberührt geblieben war. An der Wand hing eine Büchse, welche ihr Vater so manche« Jahr ge- tragen, sie nahm dieselbe herab. In einem kleinen Wandschränke befanden sich Kugel und Pulver. Sie lud die Büchse, ste hatte eS bei ihrem Vater so oft gesehen, ste hatte eS als junges Mädchen auch selbst gethan, wenn sie unter der Leitung ihres Vaters nach einer Scheibe schoß. Aber sie dachte nicht an diese längst vergangene und für ste so glückliche Zeit, wie mechanisch unb einem unbewußten Zwange folgend, verrichtete ste alle». Mit der Büchse in der Hand, verließ ste durch die Hinterthür daS HauS.
Die Nacht war dunkel und naßkalt. Obschon Judith kein Tuch umgeworfen, empfand sie die Kälte nicht, ohne sich umzublicken schritt sie schnell zwischen Hecken hin. Nach wenigen Minuten näherte sie sich dem Wirtshause, in welchem ihr Glück vernichtet war; dasselbe war ringS von einem Garten umgeben. Schon erblickte sie die Hellen Fenster des Zimmers, in dem die Zechenden und Spielenden saßen. Ein Fenster war geöffnet und sie vernahm Weilands laute, lachende Stimme. Unwillkürlich schloß sich ihre Hand fester um die Büchse.
Hastig trat ste in den Garten unb schritt mit unhörbaren Schritten auf bem weichen Rasen zu einem Holzstöße, der vor den Fenstern aufgerichtet «ar. Dort konnte Nie-
wand sieb merken, aber deutlich sah sie die in dem Zimmer am Spieltische Sitzenden, ihren Mann, Weiland und den jungen Oekonomen. Die Gesichter der Spielenden waren vom Trinken gerötet. Jedes Wort drang durch das offene Fenster deutlich in ihr Ohr.
Weiland schien im Verluste zu sein. Wild und laut lachend schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Haha! Und wenn ich zehnmal soviel verliere, meine Fran muß alles bezahlen!" rief er.
Judith zitterte heftig, als sie den Mann, den ste einst geliebt, nach langer Zeit wiederfah. Fast hätte ste ihn nicht erkannt, so sehr waren seine Züge verändert. Sein einst so hübsches Gesicht war gerötet und aufgedunsen, seine Augen hatten einen stieren Blick.
Unwillkürlich wandte ste das Ange ab. Es war ihr, als ob ste hinter sich ein leises Geräusch vernehme, erschreckt sah ste sich um—eS war nichts; ein Windstoß fuhr durch die dürren Blätter, welche noch an den nahen Obstbäumen hingen.
Wieder richtete ste den Blick auf die Spielenden. Ihr Mann wandte das Gesicht nach der Wanduhr und schien sich erheben zu wollen.
„Gerhard, Du bleibst!" tief Weiland mit befehlendem Tone.
„Es ist schon sehr spät", g°b Brune zur Antwort.
„Haha! Befürchtest Du nicht ansschlafen zu können!" fuhr Welland mit höhnendem Lachen fort. „Weckt Dich Deine gestrenge Frau deS Morgen» zu zeitig? Du bleibst, wir trinken noch! Ich habe meine Frau besser gezogen, die spricht kein Wort mehr mit mir unb da» ist mir am liebsten. Wenn nur alle Männer so standhaft wärm, bann würden bie Frauen bald die Lust verlieren, über da» WirtS- hausgehm zu räsonnieren. Trink, Gerhard, trink l Wenn
Deine Frau Dir Vorwürfe macht, dann sage ihr, ste sei ja auch ost spät in der Nacht heimgekehrt, als sie meine Geliebte war und wir uns dort oben im Walde trafen! Haha! Gclangweilt haben wir uns nicht und weiß auch nicht, daß sie je zur Heimkehr getrieben hätte!"
Jeder Tropfen Blut war aus Judith« Brust gewichen, staar ruhten ihre Augen auf dem Manne, der so roh ver- höhnte, was ihr heilig gewesen war. Krampfhaft fest hatten ihre Hände die Büchse umschlossen und hoben ste langsam empor.... Da blitzte eS vor ihren Augen auf, ein Schuß hallte ihr ins Ohr, ste sah Weilands Gestalt auf dem Stuhle zusammenbrechen, bann taumelte ste mit einem lauten Aufschrei zurück. Eine Männergestalt stürzte von der anderen Seite deS Holzstoßes dicht an ihr vorüber und aus dem Gasten. In dem Hause wurden Hilferufe laut, ihr Mann, der junge Oekonom, der Wirt, riefen durch- einander, da raffte ste sich zusammen unb floh schnell bavou.
In dem Zimmer beS Wirtshauses herrschte ein wirre«, b stürzte« Durcheinander. Noch begriff Niemand da« Geschehene recht und e« war nicht Zeit, darüber nachzustnnen. Welland war auf da« Sopha gelegt, dir Äugel hatte seine Brust durchbohrt, er atmete schwer röchelnd.
Während der eine nach dem Arzte rief, verlangte der andere, daß der Mörder verfolgt werde, aber keiner rührte sich, aller Augen waren auf den Verletzten gerichtet, dessen blass-« Gesicht sich zusehens veränderte.
„Er stirbt — er stirbt!" tief Brune der sich über ihn gebeugt hatte und ein Tuch auf die Wunde preßte, um dem hervorströmenden Blute Einhalt zu thuu.
Ein Knecht wurde in Hast zum Arzte geschickt.
(Fortsetzung folgt.)