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fit. 106 Marburg, Donnerstag, 7. Mai 1885.
XX. Jahrgmg.
Arscheint'tSglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal- SbonnementS-PreiS bei der Srpedition 2*/t Mk., bei Jen Postämter Ä «k. 50 «fa. (excl. Bestellgeld). -»nsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.
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Ans eigen nimmt entgegen die Expedition d. Watte«, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Franlurt a. Pi., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Mn: B. L. Daube und So. tn Frankfurt a.
Berlin,Hanno»er u. Pari«
Wöchciitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonutagsblatt.
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Deutscher Reich.
verliu, 5. Mai. In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurden bet der zweiten Beratung des Entwurfs des Gesetzes wegen der Abänderung und Ergänzung des Gerichtsverfassungsgesetzes und der Strafprozetzordnung, sowie des Antrags des Ausschusses, betreffend den Entwurf eines Gesetzes wegen einer Abänderung der Bestimmungen des SertchtSverfafsungSgesetzeö und der Strasprvzeßvrdnnng die Anträge des Ausschusses angenommen.—Der „Kreuzztg." zufolge würde der Schluß des Landtages am nächsten Sonnabend Abend erfolgen.—Die 17, Kommission des Reichstags nahm gestern das Gesetz, betreffend die Abänderung des ZvllvereiniguugSvertragS vom 8. Juli 1867 in folgender Faffung an: »Die Bestimmung unter Ziffer 1 des Artikel 5 des Zollvereinigungsvertrags vom 8. Juli 1867, wonach von allen bei der Einfuhr mit mehr als 15 Groschen vom Zentner belegten ausländischen Erzeuguiffen keine weitere Abgabe irgend einer Art, sei e« für Rechnung deS Staats oder für Rechnung von Kommunen und Korporationen, erhoben werden darf, findet auf Mehl und andere Mühlen- fabrtkate, dec gleichen auf Backwarm, Fleisch, Fleischwaren und Fett, sowie ferner, insoweit eS fich um die Besteuerung für Rechnung von Kommunen und Korporationen handelt, auf Bier und Branntwein keine Anwendung. Dieses Gesetz tritt sofort tn Kraft." — Ja Angelegenheit der zahlreichen Ausweisungen rusflscher Unterthanen polnischer Nationalität aus Westpreußen hatten am 1. d. M. das Herrenhausmitglied L. v. SlaSki und Abg. Jgn. v. LyskvwSkt eine Audienz bei dem Minister v. Puttkamer. Auf ihre Vorstellungen erwiderte ihnen der Minister, daß er nichts dagegen habe, wenn denjenigen Auswanderern, welche ein Besitztum erworben oder Kontrakte abgeschloffen haben rc., Zeit gelaffen werde, ihre Verhältniffe zu regeln; solche Ausländer sollten sich mit Eingaben an die entsprechenden Behörden, namentlich an die Landräte, wenden. Die Verfügung aufheben könne er nicht, da dieselbe auf einem Befchluffe deS Staats- Ministeriums beruhe. Ueber den Umfang der Ausweisungen auch tn Ostpriußen werden in einer Berliner Korrespondenz der „Köln. VvlkSztg." böse Dinge erzählt: DaS Landrats- amt zu Ortelsburg hat am 1. Mai 35 Familien des Städtchens Liebenberg mit zusammen 150 Personen, welche polnischer Nationalität sind, die Anweisung zugehen lasten, binnen drei Tagen daS preußische Gebiet zu verlasten und sich nach Rußland zu begeben, woselbst sie heimatSangehörig
sein sollen. Die von dieser Ausweisung-Maßregel Betroffenm haben seit langer Zeit, manche seit 30 Jahren und länger ihren Wohnsitz in Liebenberg, woselbst sie Gemeindebürger find, HauS und Gut besitzen, oder ihr Gewerbe betreiben; einzelne derselben haben in Preußen der Militärpflicht genügt.—Die Abgeordneten BorowSki, Dr. Kolber, Krämer (Heilsberg), Spahn, Behrendt, v. LySkvwSki, v. RybinSki, v. ThokarSkt und v. WolSzlegier haben, unterstützt vom ganzen Zentrum und der polnischen Fraktion, im Abgeordnetenhause folgende Interpellation eingebracht: Wir richten an die Königliche Staatsregierung die Anfrage: 1. Ist die Nachricht wahr, daß dir in Ost- und Westpreußeu wohnenden, dem preußischen StaatSverbande nicht angehörigen Polen angewiesen worden find, unser Staatsgebiet alsbald zu verlasten, und zwar selbst in dem Falle, daß sie in dauerndem Arbettsverhältniste stehen, Gewerbetreibende oder Grundbesitzer sind ober im brutschen Heere gedient haben? 2. Aus welchen Gründen ist diese außerordentliche, die wirtschaftlichen Verhältniste beider Provinzen schwer schädigende Maßregel getrcffen worden?
— Bei der am 4. d. Mts. begonnenen zweiten Beratung des Börsensteuerentwurfes erklärte sich Fürst Bismarck mit dem Grundsätze der prozentualen Besteuerung einverstanden und hob ausdrücklich hervor, daß er dieselbe als eine Forderung der Gerechtigkeit anerkenne. Im einzelnen hatte er gegen die Fastung der Kommission indesten manches einzuwenden. Einerseits erscheint ihm die Belastung des ArbitragegefchäftS im Vergleiche zu den geringen Erträgen desselben zu hoch gegriffen, wenigstens die Wechsel möchte er niedriger besteuert sehen, wobei eine weitere Aufklärung indesten Vorbehalten bleibt. Für schwerer wiegend erachtete er eS, daß die landwirtschaftliche und industrielle Produktion in dem Entwürfe nicht genügenden Schutz finden, weshalb er an seinen Bedenken In diesem Punkte festhalten müsse. Innerhalb der Kommission wird diese Befürchtung nicht geteilt; man hebt hervor, daß die kleineren Umsätze — bis 5000 Mark ohnehin frei bleiben sollen — während die Steuer die großen nur mäßig belasten würde, bei einem Umsätze von einer Million, z. B. nur mit 200 Mark, weshalb sowohl Herr v. Wedell-Malchow im Namei der Konservativen, wie Herr v. Buol - Beerenberg im Namen des Zentrums und Abg. Gamp für die Reichspirtei nm Annahme deS Gesetzes In der Kommissionsfassung baten. Bei alledem verdienen die von der wärmsten Liebe für die Landwirtschaft und alle produktiven Gewerbe überhaupt hervorgernfenen Bedenken des Reichskanzlers natürlich die vollste Beachtung, es wird deshalb der Versuch gemacht werden, bis zur dritten Lesung eine allseitig befriedigende Formulierung zu finden.
— DaS Huenesche Verwendungsgesetz ist am 4. d.M. vom preußischen Abgeordnetenhause mit großer Mehrheit angenommen worden. An allerhand störenden Zwischen
fällen war kein Mangel gewesen; wenn das Gesetz dennoch in verhältnismäßig kurzer Zeit zustande gebracht »orten ist, so ist daS ein vollgiitiger Beweis, daß eS von der Regierung sowohl als von den ausschlaggebenden Parteien trotz aller tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten, welche dieselben tu anderen Fragen trennen, für ein dringendes Bedürfnis unserer Lage angesehen wird. Die teilweise auch von konservativer Seite geltend gemachten Bedenken — so z, B. die Thatsache, daß in Preußen ein ungedecktes Defizit von 20 Mill. Mark besteht, sind an sich gewiß nicht zu unterschätzen; einen genügenden Grund zur Ablehnung des Gesetzentwurfs bieten sie unseres Erachtens aber nicht, weil jedermann weiß, daß die weitere Ausbildung unseres Zoll- und Steuersystems im Reiche von der Annahme desselben abhängt, mithin auch die Möglichkeit, durch diese Zölle und Steuern zur Deckung des bestehenden Fehlbetrages zu gelangen. Wit die» aus anderem Wege geschehen könnte und würde, ist, so weit un- bekannt, nirgends nachgewiesen worden, wenn e- auch an allerhand mehr oder weniger durchdachten Darlegungen nicht gefehlt hat. Der formal korrekteste Weg ist aber nicht immer der sachlich beste. Mitunter sieht man sich zu Umwegen genötigt, die scheinbar vom Ziele abführen mögen, in Wahrheit aber doch die einzig gangbaren sind. Die Berufung aus die „Traditionen der preußischen Finanzpolitik", wie sie uns in diesen Tagen mehrfach vorgekomme« ist, gehört jetzt nicht hierher, well sich die Gesamtlage, von der man dabei ausgehen muß, völlig geändert hat.
Dresden, 4. Mai. Bekannllich hält der „Deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" am 29. Mal in Dresden seine Generalversammlung ab. Auf der Tagesordnung derselben steht n. a. das Thema: „Der Branntwein in den Fabriken", und wird Herr Geh. Regierungsrat Dr. Böhmert Dresden den Bericht über diesen hochwichtig« Gegenstand erstatten. Zn diesem Zweck hat Herr Dr. VHmert eine Enquete veranstaltet, indem er an ca. 300 der größten Fabriken Deutschlands Fragebogen gesandt hat, die 9 spezielle Fragen enthalten. Letztere beziehen sich auf die Wahrnehmungen, welche bei den Arbeitern, die dem Trünke ergeben sind, in bezug auf ihre Gesundheit und ihre Arbeitsfähigkeit gemacht worden sind, ferner die Vorkehrungen, welche gegen die Ergebung oder Verbrellung der Trunksucht durch Verbote, wohlthätlge Einrichtungen rc. getroffen worden sind. Bereits wenige Tage nach Absendung der Enquete Formulare sind bei Herrn Dr. Böhmert zahlreiche, bereits ausgefüllte Fragebogen eingegangen, welche sehr wert« volle Mitteilungen enthalten. Fast durchgängig wird gemeldet, „daß Arbeiter, welche dem Trünke zuneigen, sehr bald schlaff werden, wenig essen, häufigen Erkrankungen ausgesetzt sind, größere Vorschüsse beanspruchen, in der Arbeit langsam, unzuverlässig, streitsüchtig und bald ganz unbrauchbar werden. Die Arbeitsleistung geht zurück, es tritt eine frühe Invalidität ein". „Sonst sehr tüchtige Arbeiter sind
Mut Frauenthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Die junge Frau bedeckte daS Gesicht mit beiden Händen.
„Ich mach Dir keinen Vorwurf daraus," sprach Brune, indem er beruhigend die Hand auf ihren Arm legte. „Du warst damals noch frei"
Judith ließ die Hände nledersinken und richtete sich stolz auf.
„Du kannst mir auch keinen Vorwurf machen, denn ich habe nicht- gethan, was nicht alle Welt miss« dürfte," sprach sie. „Aber eS war nicht sein Geheimnis allein, sondern auch do- meinige. Ich habe ihn geliebt, treu und innig und diese Liebe war für mich ein Heiligtum, so keusch und rein. AlS Ich Deine Frau wurde, habe ich sie in mir begraben und er — er scheut fich nicht, sie öffentlich im Wirt-Hause zum Besten zu geben I Er rühmt fich de« Bubenstück», daß er mich verraten und verlassen; well ich kein Geld besaß I"
Sie stürzte fort an» dem Zimmer.
Brune blickte ihr verwundert nach. Sein wüster Kopf begriff ihre Aufregung nicht, da er ihr kein Wort de« Vorwurfs gesagt hatte. Er grollte weder ihr noch Weiland. Müde und unsähhz zu denken warf er sich in einen Lehnstuhl und schlief.
Judith hatte sich in da« kleine Zimmer geflüchtet, welche» ihr Vater bewohnt hotte. An dem Fenster saß sie zu- sammengekanert und regungslos. In ihrer Brust zehrte und wogte eS. Die Worte, die Weiland zu ihrem Manne gesprochen, hallten höhnend in ihr nach. Was hatte sie gethan, daß der, den sie so innig geliebt, sie dem Gelächter seiner Zochgmoss« preis-eben durste? Hat er denn nicht« —
nichts in seiner Brust, wa« ihm hellig war? Er scheute sich nicht, ihren Mann ihr mehr und mehr zu entfremden, mußte er auch noch über sie spotten?
Sie sprang erregt auf. Eine unsagbare Erbitterung erfüllte sie und drohte ihre Brust zu zersprengen. Sie haßte Weiland. Gab e- den kein Mittel, diesen Haß zu befriedigen? Kein Mittel, um ihren Mann au« den Händen seine« VersührerS zu befreien? „Wenn er tot wäre, — dann wäre alles gnt l" rief es tn ihr. Sie sank aus den Stuhl zurück und spann langsam den Gedanken weiter, daß ihr Mann gerettet sei, wenn Weiland keinen Einfluß aus ihn mehr auSüben könne.
VH.
Wochen waren geschwunden.
ES war ein trüber, unfreundlicher Herbstabend. Judith saß allein im Zimmer und starrte brütend vor sich hin. Ihr Gesicht war auffallend blaß, ihre Wangen waren eingefallen. Die Lampe auf dem Tische warf nur ein mattes Licht in da« Zimmer und der langsame, gleichmäßige Pmdel- schlag der Wanduhr klang fast unheimlich in der lautlosen Stille. BruneS zwei Kinder schliefen nebenan in der Kammer und ihr Kind — war schon seit Wochen tot. Sie hatte nicht geweint, als da» kleine Wesen zum Friedhöfe hinaus- getragen war, sie hatte bei dem Schmerze ihre« Manne« auch kein Wort der Beruhigung gehicht. In ihr war alle« wie ausgestorben und verödet — str konnte nicht mehr weinen.
Eine unsagbare düstere Zeit lag hinter ihr, Tage, au denen sie oft dem Wahnsinne nahe gewesen war. Wie von einem Dämon getrieben war ihr Mann jeden Tag in« Wirtshaus geeilt und jeden Abend spät helmgekehrt. Kein Wort de» Vorwurf» war über ihre Lipp« gekommen, aber
der Gedanke an ihr zerstörtes Glück hatte fortwährend an ihr gezehrt. Eine Idee hatte sie fort und fort beherrscht und im Wachen und im Traume verfolgt: Weiland war der Fluch, der auf ihr ruhte! Er hatte ihr Herz betrog« und do«, wa» sie als heilige Erinnerung in sich aufbewahrt dem Gespötte Anderer preiSgegeben, er war der Dämon, der den schwachen Charakter ihre« Mannes beherrschte, der jeden besseren Entschluß desselben vernichtete und ihn Immer weiter und weiter auf den Weg des sicheren Verderbens riß. Es gab für ihren Mann und sie nur eine Rettung — da« war der Tod Weilands. Dieser Gedanke verfolgte sie nun schon seit Tagen und Wochen. W«n Weiland starb, dann war ihr geholfen, dann gab e« Niemand mehr, der ihren Mann verführte und sie durste hoff«, denselben für sich und die Kinder wieder zu gewinnen. Wie eine Geisteskranke lebte sie unter dem Banne diese« Ge- dankeS und oft hatte sie die Hand auf die Stirn gepreßt, weil eS sie peinigte, daß sie andere« kaum noch beulen konnte. All ihre Hoffnung klammerte sich an diese Idee, aber dieselbe schwand nur zu bald wieder, denn Wettand war gesund unvjung, er konnte vielleicht noch lange Jahre leb«.
Da stieg, während sie regungslos, brütend dasaß, der Gedanke in ihr auf, Weiland zu töten — bann war ja alles gut! Erschreckt zuckte sie zusammen. Sie wieS die finstre Idee von sich, aber unbemerkbar schlich sie sich wieder an sie heran und flüsterte ihr zu: „Du rettest Deinen Mann und die Kinder! Gelten die Leb« der drei nicht mehr al» das le« Verführer«, der Niemand nützt, der nur bemüht ist, da« Gel,, welche« er durch treulos« Verrat erlangt hat, zu vertrink« und zu verspielen!'
(Forts etzuv- folgt)