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Marburg, Sonntag, 3 Mai 1885.
XX. JahrglMg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blattes, f owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt * e. M., Berlin,München und v Köln: @. L Daube und
Co. tn Frankfurt a- M., Berlin,Hannover u. Paris.
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Krjjchcntliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. D. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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" Deutsche« Reich.
Berlin, 1. Mai. Der Senioren-Konvent des Reichstages hat flch gestern darüber verständigt, daß vor Pfingsten die Session noch geschloffen werde; in dieser Zett sollen poch erledigt werden: der Zolltarif, da- Börsensteuergesetz, die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Ttansport- gcwerve unv einige kleinere Vorlagen. — Die Zvllkom- misston des Reichstages beantragt, die Anträge der Herren v, Kardorff, Letocha, Löwe, Schumacher, betr. Abänderung der Pcsition „Leder und Lederwaren", sämtlich abzulehnen und folgende Resolution anzunehmen: Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, die Frage einer anderweitigen Normierung der Zölle für Leder und Lederwaren einer Prüfung zu unterwerfen und nach dem Ergebnis derselben dem Reichstag tn der nächsten Sefston die entsprechenden Ab» iuderungsvorschläge zu machen. — Die Gemeiudtkommisston des Abgeordnetenhauses beantragt (Berichterstatter Abg. von Nlktsch Rosenegk), die Petition des Westfälischen StädtetageS wegen Einführung einer allgemeinen Schanksteuer zu gunsten der Gemeinden oder Befeittgung der gesetzlichen Beschrän- lunger- und Hinderniffe, welche zur Zeit nach der Einführung einer kommunalen Konsumtionsabgabe auf Getränke, besonders aus Branntwein, entgegenftehen, der Regierung als Material für die Gesetzgebung zu überweisen.—Die Aarar- Kommijstou des Abgeordnetenhauses beantragt (Berichterstatter Abg. Seeltg), die Petition von Forstberechtigten in den Gemeinden Schnedinghausen u. a. in Hannover um Abänderung des § 14 des Gesetzes betreffend die Abstellung der auf Forsten haftenden Berechtigungen für die Provinz Hannover vom 13. Juni 1873 der König!. Regierung zur Berücksichtigung für den Fall zu überweisen, daß anzustellende statistische Erhebungen daS Bestehen noch einer erheblichen Anzahl nicht abgelöster Berechtigungen in der Provinz ergeben sollten, auf welche das obige Gesetz Anwendung finden könnte. — Die Berliner Stadtverordneten haben au daö Abgeordnetenhaus eite Petition gerichtet, tu welcher an der Hand der Städteordnung darzulegen versucht wird, daß der Oberprästdent der Provinz das Gesetz utib die Rechte der Stadtverordneten in dreifacher Art durch feinen Erlaß gegen den von dem Stadtverordneten Singer gestellten Antrag, betr. Vermehrung der Abgeordneten der Stadt Berlin in dem Reichstag und Landtag, verletzt hat: 1. durch Einschränkung des verfaffungSmäßigen PclittonS- rechtcs; 2. durch Androhung von Präventivmaßreg ln; 3. unmittelbares Einschreiten gegen die Stadtverorsneten- Versammlung resp. den Vorsteher, während nach der Städte-
ordrung (§ 77) die Aufsicht über die Stadtverordneten- Versammlungen nur indirekt durch Vermittelung des Vorstande» der Stadtgemeinde aukgeübt werden darf. Schließlich wird die Bitte ausgesprochen, das Abgeordnetenhaus wolle beschließen: „Daß Präventiv-Maßregeln gegen eine Stadtverordneten - Versammlung oder deren Vorsteher, welche bezwecken, Beratungen und Beschlußfaflungen über Vorlagen und Anträge zu verhindern, gestzlich unstatthaft sind." — Dir Stadtverordneten berieten die beantragte Ergänzung der Geschäftsordnung und nahmen mit 76 gegen 12 Stimmen den AuSschußantrag an, wonach die Verhandlungen in nichtöffentlichen Sitzungen unter allen Umständen, und die in solchen Sitzungen gefaßten Beschlüsse; wenn der Vorsteher bezüglich derselben Amtsverschwiegenheit proklamiert, von jedem Mitgliede, mag eS der Sitzung betgewohnt haben oder nicht, geheimzuhalten sind, lehnten aber mit 86 gegen 12 Stimmen die gegen Zuwiderhandelnde vorgeschlagenen Dtszipltnarbestimmungen ab.—Das preußische Abgeordnetenhaus hat gestern § 1 des Antrages Huene tu zweiter Lesung angenommen. Damit ist das Schicksal deö Gesetzentwurfes entschieden und mit ihm wohl manches andere auch. In letzter Stunde hatten die Nationalliberalen — unter dem Et- fluffe ihrer Führer in absentia, der Herren Bennigsen und Miquel — den Versuch gemacht, die Sache zum Scheitern zu bringen, indem sie mit einem eigenen Vorschläge herausrücktev, der eine feste BewilligungSquote von 3Vr Monatsraten der Grund- und Gebäudesteuer festseht, statt der beweglichen, wie sie der Antrag Huene will. Wenn es hierfür aber auf freikonservativer Seite auch on einer gewissen Sympathie nicht fehlt, so konnte die Rücksicht auf daö Zustandekommen des Gesetzes dieselbe in so später Stunde doch nicht mehr zum Durchbruch kommen laffen. Die Natiovalliberalen blieben mit ihrem Antrag allein aus dem Platze. Statt nun aber für den den Grundsätzen nach verwandten Antrag Huene zu stimmen, was fie sehr wohl hätten thun können, thaten sie das Gegenteil, daS heißt fie schloffen fich der grundsätzlichen Opposition an und halfen so wieder einmal die Geschäfte deS Abg. Richter besorgen, der ja auch im Reichstag meist ihr Führer ist, wie die Geschichte der Zolltarifsverhandlungen beweist. Eine unfähigere Führung als die dieser ehemals herrschenden Partei läßt sich in der That nicht denken. WaS an befferen Köpfen da ist, stimmt mit der Regierung und der Mehrheit, kann aber eben deshalb inne halb der Fraktion zu keiner Geltung gelangen.
— Wie fast immer, wenn die Entscheidung herannaht, begegnet man schwer erklärlichen Widersprüchen. Seit gestern war festgestellt, daß England auf der Forderung einer Genugthuung von feiten Rußlands beharre, welche dieses schwerlich bewilligen werde. In London überwog der Gedanke, daß Englands Ansehen bei den Afghanen und Indiern auf dem Spiele stehe und nicht preisgegeben werden dürfe. So schien die Frage um Krieg oder Frieden nicht mehr von England oder Rußland, sondern von dem
Emir von Afghanistan abzuhängen. Dazu kamen nun die allerdings inzwischen bereits widerrufenen Nachrichten von dem Vorrücken der Ruffen. So nahm sich die Lage plötzlich wieder ernst genug aus, wird aber vielleicht eben so schnell wieder umschlagen. Daß selbst die beiderseitige etwanige Abberufung der Botschafter noch nicht der Krieg wäre, lehrt die Erfahrung anderer Fälle, und die englische Preffe hat das neuerdings mehrfach betont. So bedenklich übrigens die Lage ist, hat fie doch auch fast heitere Auffassungen gezeigt. Im „Journal des TöbatS" schreibt heute ein Wiener Berichterstatter, der vielleicht polnischen Ursprungs ist, dem deutschen Reichskanzler wieder kriegerische Wünsche zu und erklärt die vorangegangene Verständigung mit England in den Kolonialfragen umgekehrt in dem Sinne, daß England dadurch freie Hand erhalten sollte, damit es Rußland eutgegentretm könnte! Da fehlt nur noch der Zusatz, es sei daS mit Rußland verabredet worden. Aber die Korrespondenz läßt eS Deutschland auf Rußlands Beschäftigung in Asten abgesehen haben, damit Oesterreich, das vor zwei Jahren nicht zum Kriege gegen Rußland zu bewegen war, jetzt endlich auf Saloniki losgehe und Deutschland davon in anderer Weise Vorteil ziehe. DaS letztere zielt offenbar aus den Gewinn der deutschen Provinzen Oesterreichs. Und solches Zeug füllt ganze Spalten eines sonst ernsihafteu Blattes! Ein hiesiger Politiker bemerkte neulich, Deutschland sei nun einmal der mächtigste Staat in Mitteleuropa und müfle sich deswegen die widersinnigsten Anschuldigungen gefallen laffern Um so begreiflicher ist die diesseitige Abneignung gegen eine Vermittlung, für welche bis j tzt noch immer keine Anzeichen vorhanden find.
Darmstadt, 1. Mai. Die Abreise der Königin von England ist auf heute abcnd festgesetzt. — Die Abgeordneten Kugler und Böhm haben einen Ab trag bei der zweiten Kammer eiugebracht, welch r die Regierung um Errichtung eines CymnaflumS in Offenbach a. M. auf Staatskosten, bezw. um eine Vorlage wegen der dazu e.forderlichen Geldmittel an die Stände ersucht. Der Anspruch wird unterstützt durch die Beigabe einer dasselbe bezweckenden Petition der dortigen Bürgermeisterei, die von 203 Bewohnern mit- unterzeichnet ist.
Ausland.
Wit«, 1. Mai. In der verflossenen Nacht um halb 1 Uhr wurde in Nieder- und Ober-Oesterreich, in Salzburg, sowie in der Steiermark ein ziemlich heftige- Erdbeben wahrgenowmen. In Kindberg im Bezirke Bruck (Steiermark) wurden viele Häuser beschädigt. Eine Person wurde getötet. Das Schulhaus wurde derart erschüttert, daß die Schule geschloffen werden mußte. In Mitterndorf und in Wartberg (Steiermark) drohen die Wohnhäuser mit Einsturz.
Paris, 1. Mai. Die „Agencr Havas" meldet: Die Behauptung des Pariser „TimeS'-Korrespondenten, Freycinet habe erklärt, daß Frarkretch Eröffnungen Rußlands betreffs
Eine Frauenthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Gerhard, Du weißt, daß Dir dieselbe niemand mehr gönnt als ich/ gab Judith zur Ar twort. „Aber gehst Du nut zu Erholung in- Wirtshaus? Alle Abende bringst Du dort zu, oft schon die Nachmittage."
„Woher weißt Du das?" fiel Brune ein. „Forschst Du meinen Schritten so genau nach?"
„Ich thue eS nicht, aber weshalb soll mir geheim bleiben, waS Alle wissen?"
„WaS ich thue, kümmert Andere nicht!" rief Brune anteilig und verließ das Zimmer.
Noch etnmcl richtete Judith nach einiger Zeit eine ernste Mahnung an ihn, als er ihr dann aber heftig erwiderte, daß er nicht gesonnen sei, sich Vorschriften machen zu laffen, da schwieg fie, um ihn nicht noch mehr zu erbittern.
Sie blickte mit Bangen in die Zukunft, ertrug aber alle- wie ein Verhängnis, dem sie nicht entgegen könne. Auf Weiland hatte fie einst noch fester gebaut und war doch von ihm betrogen worden. Die Uebetzeugung, daß fie nicht glücklich werden solle, bilbde sich immer mehr in ihr aus.
Diejenigen, mit betten Brune jeden Abend im Wirts- Hanse zubrachte, mit denen er zechte und spielte, waren Weiland und ein junger Oekonom namens Ortler aus einem benachbarten Dorfe. Der junge Holzhändler hatte eine ganz besondere Gewalt Über ihn erlangt, denn wenn er noch so fest entschlossen war, zu Hause zu bleiben, so brauchte bet» selbe nur einen Boten zu senden und willenlos folgte er hem Ruse in» Wirt-Hau».
Da- Glück der mit so großen Aufwande geschloffenen Ehe W ilands haste nicht large gewährt, wie die Meisten vorauSgesehen. Weiland hatte sein Ziel erreicht, er besaß eine reiche Frau und wollte deren Geld genießen. Um sein Gesääft bekümmerte er sich noch weniger als frühers, da- Leben im Wirtshause sagte ihm mehr zu al- Arbeit und da er t icht allein sein mochte, so wurden Brune und Ortler sein Opfer.
Nach Helenen- Sinn war da- freilich nicht und schon nach wenigen Wochen war eS zwischen ihr und ihrem jungen Gasten zu heftigen Szenen gekommen. Sie hatte sich sowohl in seinem Charakter wie in ihrem Einfluß auf ihn getäuscht, denn ihr Versuch, die Zügel ihrer Herrschaft straffer anzuziehcn, war vollständig gescheitert, da Weiland keinem Zügel gehorchen wollte.
In vorsichtiger Weife haste sie die Vewaltuvg ihres Vermögen- selbst in der Hand behasteu und al- sie sah, wie thöricht ihr Mann verschwendete, weigerte fie sich, ihm Geld zu geben.
„Dann werde ich Schulden machen!" rief Weiland lachend. „Al- Mann einer reichen Fran wird eö mir an Kredit nicht fehlen."
„Ich werde keine Schulden bezahlen/ erwiderte Helene erbittert.
„Ich auch nicht l" fuhr Weiland mit demselben heiteren, spöttischen Gesichte fort. „Ich werde verklagt werden und der Cxckutor wird in das Haus kommen, um die mir gehörenden Sachen mit Beschlag zu belegen. Wenn Dir da« Vergnügen macht — mich wird e» nicht sehr stören!"
MU aufelnanbergepteßten Lippen, zitternd vor Erregung trat Helene vor ihn hin.
„Ich werde e- dsh'n kommen laffen, denn die Schmach wird nicht mich, sondern Dich ttiffm!" rief sie. „Du hast mich belogen, als Du mir sagtest, daß Du mich liebest!"
„Habe ich daS wirklich gesagt?" warf Weiland fpöttisch ein. „Ich hielt Dich für klug genug, zu erraten, daß mir nur daran gelegen war, Dein Vermögen zu heiraten...!', „Erbärmlicher!" unterbrach ihn die entrüstete Frau.
Lachend verließ Weiland daS Zimmer und lachend erzählte er seinen Genoffen im WirtShause, daß seine Frau ihm kein Geld geben und seine Schulden nicht bezahlen wolle.
„WaS willst Du beginnen?" fragte Ortler.
„Lustig weiter leben l" rief Weiland heiter. „Ich lasse mich nicht einschüchletn; mag fie drohen, schließlich muß fie doch bezahlen und daS Geld, welche« sie feit Jahren zusammen geschaart hat, kommt wieder unter die Leute l"
Und Helene bezahlte, nm die Schmach abzuwenden. Sie suchte das unglückliche Verhältnis mit ihrem Manne nach außen hin zu verbergen, um nicht ihren Feinden Gelegenheit zur Schadenfreude zu geben. Daß ihr Manu selbst jeden Streit mit ihr lrchend seinen Gefähsten erzählte und über sie spottete — da- wußte fie nicht.
Judith erfuhr die- alle« und ihr Herz, welche« noch Immer an dem Manne gehangen, sagte sich los von ihm. Wie ein Fluch schien Weiland auf ihr Leben eiuzuwirken. War eS nicht genug, daß er sie getäuscht und bettogen, mußte er ihr noch daS Leben, welches ohnehin so wenig Freunden brachte, dadurch erschweren, daß et ihren Mann verleitete und immer mehr von {einen Pflichten entfernte.
(Fortsetzung folgt)