Deutsche- Reich.
Berliu, 29. April. Heute wird hier, wie in den alten Provinzen, der Bußtag gefeiert.—Die deutschen Innungen haben sämtlich dem Reichstage eine Petition unterbreitet, betreffend die Anträge Ackermann, Biehl und Gen. auf Abänderung der §8 14, 15, lOOe und 148 der RelchSzcwerbe- ordnung. Die Petition schließt mit folgender Rekapitulation: ,1. Befähigung! Nachweis ist für handwerksmäßige Betriebe als Vorbedingung für die selbständige Ausübung eines solchen in die RetchSgewerbeordnung aufzunehmen; 2. die namentliche Feststellung dieser Betriebe hat nach Möglichkeit durch Gesetz, demnächst auch unter Mitwirkung von Organen einer zu schaffenden handwerklichen Selbstverwaltung tm Verwaltungswege zu geschehen; 3. die Einrichtung von Handwerkerkammern und ZnnungS * Verbänden mit öffentlichen Befugnissen, sowie Einsetzung eines Reichs - JnnungSamtS sind als Organe dieser Selbstverwaltung in der Reichs- Gewerbeordnung vorzusehm; 4. die Vorrechte des 8 lOOe der Reichs - Gewerbeordnung und deö neuen 8 lOOf sind den einzelnen Innungen unter entsprechender maßgebender Mitwirkung der vorerwähnten Instanzen des JanungSwesenS zu erteilen und demg mäße Bestimmungen in die Gewerbe ordnung einzufügen/ — Die eilige Rrutersche Nachricht aus London von der Unvermeidlichkeit des Krieges war natürlich sogleich teils auf Zweifel gestoßen, teils in Abrede gestellt worden. Daß das letztere aber anscheinend offiziös jetzt euch von Petersburg aus geschieht und diese Zurückweisung hier telegraphisch verbreitet wird, beweist doch, daß man dort den Krieg im Gegenteil noch immer für vermeidlich hält. Gladstones letzte lange ParlamentS- rede läßt offenbar diese Auslegung zu, wenn sie auch sonst den Ernst der Lage nicht verhehlt. Für die Engländer fällt besonders der Eindruck ins Gewicht, welche ihre Haltung in Afghanistan und Indien hervorbringen könnte. Daher die sonst unbegreifliche Bedeutung, welche sie nachträglich dem Zwischenfall von Ende März zuzeschrieben haben, wie das auch G.adstoue durchblick.n ließ. Aber aus dieser selbstgewollten Schwierigkeit wird sich ein Ausweg doch wohl noch finden lasten. Von einer schon nachgesuchten Vermittlung war hier bis gestern an unterrichteten Stellen noch immer nichts bekannt. Aber man wollte die F iedenS ausstcht jedenfalls nicht beseitigt, eher etwas verstärkt erachten. Daß Deutschland den Krieg wünsche, wird von keinem Besonnenen geglaubt. Ein groß S englisches Blatt
«k. 1O1
Marburg, Freitag, 1. Mai 1885.
XX. Jahrgang.
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ließ sich in diesen Tagen wieder von Pari- melden, Rußland habe in Skterniewice nicht nur den Rücken frei erhalten, sondern sei zum Vorgehen in Asten geradezu von s inen nordischen Verbündeten eingeladen worden. Mau vergaß nur, hinzuzufügen, wie dazu die Sendung des Grafen Herbert Bismarck nach London stimmte, sowie die spätere Erklärung deS Kanzlers im Reichstage, wenn es ihm um Zwietracht zu thun wäre, so würde er gewiß seinen Sohn nicht nach London geschickt haben. Der dort angebahnte Ausgleich in der Kolonialfrage mußte die alberne Voraussetzung widerlegen, als habe in Skieruiewice eine Verschwörung stattgesunden, die England vereinzeln und dann den Krieg herbriführen sollte. Auch hätte dann Graf Bismarck sicherlich nicht Lord Rosebery nach Berlin eingeladen und dieser nicht den Besuch zuzesagt, der nur durch bekannte Zwischenfälle verhindert wurde. Ein solches Doppelspiel wird niemand dem Reichskanzler zutrauen, und die erwähnten Ausstreuungen finden denn auch nirgends Glauben. Daß Deutschland für den etwaigen Kriegsfall vor allem auf die Erhaltung der Neutralität bedacht sein mußte, war durch die obersten FriedenSirterrflen Mittel- uropas angezeigt. Selbstverständlich würden auch die skandinavischen Staaten im Kriegsfall neutral bleiben. Der Köniz von Schweden soll von dem Empfang, der ihm hier wieder am Hofe zn teil wurde, sehr erfreut gewesen sein, wie denn auch dte beste Beziehungen zu Schweden bestehen. König Oekar hatte in Wien den offiziellen Empfang nicht abgelehnt, weil er dort zum erstenmal erschien. Der König hatte dagegen Berlin schon oft besucht und wollte deswegen hier nicht in derselben feierlichen Weise eintreffen. Aber Kaiser Wilhelm hat sich gleichwohl, wie mau weiß, den Empfang des Königs Oskar auf dem Bahnhof nicht versagen wollen. — Der vom Justizausschuß des Bundesrats angenommene deutsch- russische Auslieferungsvertrag wird wahrscheinlich auch im BundeSrat Annahme finden. Die Zustimmung des Reichs- tageS ist dagegen zum mindesten zweifelhaft. Die Regierung wird durch die Vorlage für alle Fälle Rußland gegenüber ihren guten Willen kundgegeben haben, zumal der Vertrag ohnehin für Preußen bestehen bleibt. — Der Senioreo- Ksnvent des Reichstags ist heute noch nicht zusammengetreten, sondern wird erst morgen über die Einteilung der Geschäfte und den Schluß der Session beraten. Sämtliche Parteien find einig in dem Wunsch, den Schluß der Session vor Pfingsten herbeizuführen. Man glaubt die Zustimmung der Regierung dazu zu erhalten, welche dann auf Die Unfallversicherung für land- uns forstwirtschaftliche Arbeiter, daS Post-Sparkaffenzesetz und einiges andere ver zichten würde. Fertig gestellt werden soll zunächst die Zoll tartsnovelle, dann die Unfallversicherung für daS TranSportge- w.rbe nach dem Wunsch der Majorität auch das Börscusteuer- Ges tz, ferner einige kleinere Sachen, wie dte Abänderung deS Viehseuchenges'tzeS. Da bis Pfingsten höchsten noch 17
SitzungStage sind, würde schon viel guter Wille dazu gehören, dieses Pensum zu erledigen. Einigt man sich über den Schluß vor Pfingsten, so würden die Abänderungen der Justizgesetze; das Militärreliktengesetz und der deutsch-russische AuSlie- ferungsvertrag, die sämtlich noch im Bundesrat find, dem Reichstege wohl gar nicht erst mehr zug-hen, oder falls eS doch geschehen sollte, nicht mehr zur ersten Lesung kommen. — Der BundeSrat hält morgen eine Plenarsitzung ab, in der er die zweite Beratung der Abänderung der Zustitzgesetze vornehmen und wahrscheinlich den deutsch-russischen AuS- lits-rungSvertrag genehmigen wird. Sowohl die Wiedereinführung der Berufung, wie die Herabminderung der Zahl der Geschworenen wird vom BundeSrat definitiv abgelehnt werden.
Breme«, 28. April. In der heutigen Generalversammlung des Norddeutschen Lloyd wurde nach Verlesung und Genehmigung der Bilanz der Antrag deS Verwaltungsrats auf Ermächtigung zur Beschaffung von Geldmitteln bis zum Belaufe von 15 Mill. Mk. für den Fall, daß der Lleyd die vom Reiche zu subventionierenden neuen Linien übernimmt, einstimmig genehmigt. Nach Verlesung des Protokolls forderte ein Aktionär die Versammlung auf, der Verwaltung für die umsichiige Leitung der Gesellschaft durch Erheben von den Plätzen Dank auSzusprechen, welcher Aufforderung unter lebhaftem Beifalle Folge geleistet wurde.
München, 28. April. Fürst Bismarck hat an den hiesigen Erpen Bürgermeister, Dr. v. Erhardt, als den Vorstand deS Komitees für die BiSmarckfeier, ein herzliches Dankschreiben für die zum 70. GebutSfeste dargebrachten Glückwünsche gerichtet und darin erklärt, daß die Gedenktafel, dte bekanntlich ihrer künstlerischen Ausführung wegen das allgemeinste Aufsehen in der überreichen Gabenfülle erregte und die auch der Kanzler selbst als ein prächtiges Meisterwerk bezeichnet, „ein Schmuck seines Arbeitszimmers sein wird, au dem auch seine Nachkommen da« Wohlwollen erkennen werden, welches ihm von so zahlreichen und angesehenen Kreisen der Hauptstadt BaiernS entgegengetragen wird." Auch die verschiedenen hiesigen Industriellen, welche Geschenke und Glückwünsche zum Feste schickten, er- hi-lten verbindliche Dankschreiben. — Gestern am frühen Morgen ist König Ludwig wieder in seiner hiesigen Residenz etngetroffen. Abends fand dann im geschloffenen Hause dte erste diesjährige Parsttalvorstellrmg statt. Heute wird tm Rest-evzthrater das Töpfersche Lustspiel „Königs Befehl" gegeben, und dann bleibt gleich dem großen auch diese« kleinere Haus bis auf w itereS geschloffen. — München ist zur Zett um zwei Sehenswürdigkeiten reicher als gewöhnlich, die beide vorübergehender Natur sind. Die eine davon ist die Gartenbau - Ausstellung im GlaSpalaste, die in diesem Jahre, dank der geschickten Anordnung deS Hof- gärtverS Kolb, noch einen reizenderen Anblick bietet als in früher, n, Aus der herrlichen Säulenhalle am Eingänge
Eine Kraueuthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Und Bruve selbst wurde die Hypothek, die auf seinem Grundstücke lastete, gekündigt. Er mochte den Kaufmann nicht bitten, die Kündigung zurück zu nehmen, weil es ihm nicht schwer werden konnte, daS Geld von anderer Seile zu erhalten. Ab r auch darin täuschte er sich, denn überall erhi.lt cr ausweichende und ablehnende Antwort. Nur mit großen Opfern erlangte er endlich das Gld.
Erst jetzt erfuhr er, daß das Gerücht verbreitet war, e« stehe schlecht mit ihm; wer diese Unwahrheit aufgebracht hatte, gelang ihm trotz aller Bemühungen nicht zu erfahren.
All diese Sorgen, welche so unerwartet über ihn hereingebrochen waren, trübten daS Glück, welche« er durch Judith gefunden. Hätte er ihr alles offen mttgeteilt, so würde sie es ohne Zagen mit ihm getragen und seinen Mut aufrecht erhalten haben, denn an Sorgen war sie von Jugend aus gewöhnt. Aber er wollte nicht auch ihr Glück trüben, ehe sie noch die Seinige war, er glaubte, das Schwere allein tragen zu können, obschon seine Kraft nicht auSreichte. Schon jetzt suchte er dann und wann wieder im W>rtS- hause auf kurze Zeit Vergessen. Er fühlte sich erleichtert, wenn er getrunken hatte, neue Kraft erfüllte ihn, sein Mut wuchs und die Zukunft erschien ihm so goldig, wie er sie zu gestalten wünschte.
Judith erfuhr von dem allen nichts. Ihr alter Vater kränkelte und nachmthre ganze Sorgfalt in Anspruch. Wenn sie Gerhard, der täglich zu ihr kam, wirklich geliebt hätte, so würde eS ihr nicht entgangen sein, daß auf seiner Stirn oft ein trüber Schatten lag, denn da« Auge der Liebe fieht scharf — sie bemerkte etz nicht.
So rückte der Tag heran, an dem sie für immer mit Brune verbunden werden sollt--. ES war ihr Wunsch ge- wesen, daß die Hochz-it ganz in ter Stille gefeiert werd--, denn ihr Vater war krank und sie wäre nicht imstande gewesen, len HvchzeitSgästen ein glückliches G.stcht zu zeigen. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Wer kümmerte sich um ihre st lle Feier, da zwei Tage später Weilands Hochzeit statt- fin.en sollte uns die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt in Anspruch nahm, da die großartigsten Vorbereitungen dazu getroffen wurden. Die reiche Erbin suchte ihren Stolz darin, daß ihre Vermählung mit dem größten Pomp gefeiert wurde, sie wollte ihren Reichtum und auch ihr Glück zeigen, wurde sie doch die Gattin des hübschesten Mannes im ganzen Orte.
Es mar ein unfreundlicher Dezembertag, als Judith mit ihrem jungen Gatten aus der Kirche hetmkehrte. Bei der Trauung waren nur ihre nächsten Bekannten zugegen gewesen. Auf die Heimkehrenden achtete fest niemand, denn der kalte, mit Schnee uutermischie Regen, welcher nirderfi-l, hielt die Menschen in den w-rmen Zimmern.
Als Judith in das Haus trat, in dem ste von nun an wohnen sollte, zog sie Brune in ein Nebenzimmer, um wenige Minuten mit ihm allein zu sein.
„Gerhard', sprach st-, indem sie dem Gatten die Hand entgegenstreckte, „nun sind wir für daS Leben verbunden und müffen zusammen tragen, waS das Geschick uns bestimmt. Vergiß nicht, daß dte Zukunft zum größten Teile in unserer eigenen Hand liegt. Ich habe vor dem Altäre gelobt, Dir in Treue zur Seite zu stehen und ich werde mein Wort hatten, nur vergtß Du auch daS Deiatge nicht."
„Nie, niei* rief Brune und küßte sie.
«Ich «riß, daß Du den ehrlichen Willen hast, aber
wirst Du avch fest genug sein, um ihn durchzuführen?" fuhr Judith fort. „Mit vollem Vertrauen bin ich Dir e-tgegengckomm n, täusche mich nicht, Gerhard, täusche mich nicht, ich würde cS nicht ertragen können!"
„Du sollst nie über mich klagen," gelobte Brune.
Judith eilte zu ihrem kranken Vater, der schon am Morgen in daS Haus getragen war, damit eS ihm nicht an Pfl ge fehle. Als ste zu ihm ins Zimmer trat und der Kranke ihr vom Bette aus die Hände entgegenstreckte, eilte sie auf ihn zu und warf sich auf die Knie. Sir erfaßte seine Hände und legte ihre Stirn darauf. Alle», wüste seit Wochen uns Monden in sich getragen, brach gewaltsam lo», ste schluchzte h-stig. Ihr Vater wähnte, daß st: glücklich sei und doch hätte ste laut aufschreien mögen vor W h, denn erst jetzt, wo sie mit Brune für immer verbunden war, fühlte ste, wie schwer eS für ste sei« werde, ein Leben ohne Liebe zu leben.
„Kind — Kind, weshalb weinst Du ?" fragte der Kranke.
Judith antwortete nicht, ihre Thränen rannen unaufhaltsam weiter.
„AiS ich Dine Muiter eiast in da» HauS, welches ich für ste hergerichtet, führte, da warf ste stch mir auch weinend an die Brust, aber ihre Thränen waren Frmden- thränen," fuhr der Alte fort. „Sie ist glücklich geworden trotz manches schweren Lei eS, daS un» betroffen, und auch Du wirst es werden. Du wirst Deinen Schritt nie bereuen."
Judith schwieg noch immer. Sie hatte den festm Entschluß gefaßt, Weiland aus ihrer Erinnerung zu bannen und gerade jetzt, in dieser Stunde dachte ste daran, wa» sie empfunden haben würde, wenn er ste al« sein Weib heimgeführt hätte.
(Fortsetzung folgt.)