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Marburg, Mittwoch, 29 April 1885.
XX. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 8. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Die Ausdehnung der BerwaltuugSrrform.
Mit der Einführung bir Kreis« und Provinzlalord- nung in Hannover vollzog der Landtag io der vorigen Session den ersten Schlitt zur Uebertragung der neueren Verwaltungsgesetzgebung auf den Westen; den zweiten Schritt ist ft im Begriffe zu thun mit der Beratung einer Kreis- und Provlnzialor nung für Heffen-Naffau.
Die betr-ffendm Entwürfe v rfolgten den Zweck, sowohl auf dem Gebiete der inneren Verwaltung, wie auch in bezug aus die provinziale Kommunalverfaffung, die in der Provinz Hessen-Nassau bestehenden, von denen der übrigen Teile des Staates erheblich abweichenden und in sich sehr verschiedenen und mannigfachen bisherigen Zustände und Einrichtungen in diejenigen Organisationen überzuleiten, welche sich in dem größeren Teile der Monarchie in Geltung befinden und dort zu der gedeihlichen Entwicklung der Provinzen und Kreise in hohem Maße beigetragen haben. In Ausführung dieses Gedankens hat der Entwurf die bisherige Aemlerverfaffung im Nassauischen, welche nach Einführung des Instituts der Landräte und der Bildung der Kreise im Jahre 1867 ihre frühere Bedeutung verloren hat, und somit auch das Institut ver Amtmänner, welche in räumlich kleicrn Bezirken die Orts« Polizei handhaben, aufgegeben. Ferner hat er eine Vermehrung der Zahl der Kreise, welche früher mit Rücksicht auf die Aemterverfassung gebildet war, und demgemäß die Verkleinerung der bestehenden Landkreise in Aussicht genommen. Diese Verkleinerung der Kreise ist weiter damit begründet, daß mit Rücksicht auf die Berhältnifle in Nassau von dem Institut der Amtsvorsteher, wie in Hannover, Abstand genommen werden, die OrtSpolizei aber in den Händen der Gemeinden bleiben und die Beaufsichtigung derselben den Landräten übertragen werden soll, wodurch die Funktionen der letzteren gegenüber denjenigen in altländitchen Provinzen umfangreichere wer een. Diese Einrichtung soll der ganzen Provinz zu Grunde gelegt wir en und ist der Bevölkerung sehr sympathisch, wie die Gutachten der Kommunallandtage beweisen. Im übrigen ist der Entwurf der KreiSoronung, namentlich bezüglich der Zusammensetzung der Kreistage, der altländischen KreiS- ordnung möglichst nachgebildet. Als eine weitere Abweichung ist in dem Entwurf der Provinzialordnung das durch die verschiedenen wirtschaftlichen Interessen begründete Bestehendleiben der beiden kommunalständischen Verbände Kassel und Wiesbaden, mit deren letzterem der bi herige
Stadtkreis Frankfurt vereinigt werden soll, als Bezirks- Verbände zu erwähnen; neben und über denselben soll aber ein Provinztalverband zum Zweck der Begutachtung staatlicher Gesetze und sonstiger, die gemeinsamen Interessen der Provinz berührender Fragen errichtet werden, eine Errichtung, die zwar von den Beteiligten nicht gewünscht mar; aber im Interesse der Provinz doch absolut notwendig erschien.
Sowohl im Herrenh mse, wie im Abgeordnetenhause haben diese für H ssen - Nassau in Aussicht genommenen Grün lagen der Kreis- und Provinzialordnung Billigung erfahren. Zu größeren Erörterungen führten nur die Fragen betreffs der einheitlichen Polizei Im Land« und Stadtkreise Frankfurt, betreffs der Bestätigung der Bürgermeister durch die Landräte, betreffs der Zusammensetzung der Kreistage, der Bildung eines einheitlichen Provinzial Verbandes und der Wählbarkeit der Landräte und höheren Verwaltungs-Beamten in die Provinzial- und Bezirks- Verbände. In diesem Punkt ist aber im wesentlichen Ueber- etnstimmung erzielt worden: f S wnrde dem Polizeipräsidenten von Frankfurt im Interesse einer kräftig n Handhabung der staatlichen Interessen in den Voeorten zugleich das Land- ratSamt im Landkreise Frankfurt zu übertragen beschlossen und zwar leider nicht als eine vorübergehende, sondern als eine bleibende gesetzliche Einrichtung. Trotzdem dieses letztere eine abnorme EMrichtunz ist — ein Unikum — und dem Landkreise Frankfurt mehr nimmt als im landespolizeilichen Interesse nötig ist, vereinigten sich die fortschrittlich Frank furter und dir konservativ - büreaukratischen Elemente zu dieser unschönen Institution. Die in der Presse lebhaft angefochtene Bestätigung der Bürgermeister duich die Lmd- räee wurde unter der Bedingung genehmigt, daß der Landrat bei der Versagung an die Zustimmung des KreiSanS fchusses gebunden sein soll. Vornehmlich wegen dieses Punktes muß die Vorlage in essen an das Herrenhaus zurückgehen, welches in Uebereinstimmung mit der Regierung nur die „vorherige Anhörung" des KceiSauSfchnsscS als Bedingung der Versagung festgesetzt hatte. Die von fre sinniger Seite gemachten und zum Teil von dem Zentrum unterstützten Versuche, die Wahl der Kreistagsabgeordneten abweichend von den alten Provinzen nicht auf Grunv der drei Wahlvrrbände der Großgrundbesitzer, der Stadt- und Landgemeinden, sondern nach dem demokratischen Prinzip der Repartierung der Zahl ver Abgeordneten aus die Seelenzahl von den Gemeinden vornehmen zu lassen uns die Landräte und höheren Verwaltungsbeamten von der Wählbarkeit zu dem Kommunal- und Provtnziallandtage und zu den Lan. eSauSschüssen auszufchlteßm, scheiterten, ebenso wie der Versuch, die Provinz in zwei selbständige Provinzen za teilen, welcher letztere in der Kommission und im Abgeordnetenhause von dm Bertr tern aus Nassau mit großem Eifer gemacht wurde.
Die Hoffnung auf das Zustandekommen der Vorlagen und auf vaS Gelingen dieses zweiten Schrittes zur Ueber-
tragung der Verwaltungsreform erscheint hiernach eine wohl- begründete, und hiermit wird die ihrem Ende entgegen» eilende Legislaturperiode sich auf dem Gebiete der Verwaltungsgesetzgebung in hohim Maße fruchtbar erwiesen haben.
Dir Bevölkerung der beteiligten Provinz wird, sobald diese Gesetzgebung rechtskräftig geworden ist, zu einer ernstm Arbeit bei Verwaltung ihrer Angelegenheiten berufen und es wird von ihr und den Männern, welche sie zu ihren Vertretern wählt, von nun an wesentlich abhängen, ob die schönste und beste der Provinzen deS Preußischen Staates auch ihre Angelegenheiten am besten otvnet.
Deutsche» Reich.
Berlin, 27. April. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: AIS Se. Moftstät der Kaiser gestern nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr an der englischen Botschaft vorgefahren und auSgestiegen war und der Kutscher mit dem offenen Wagw wenden wellte, sprang ein gerade vorüber gehender junger Mensch auf den Tritt des Wagen« und wollte sich in diesen fetzm. Er wurde sofort durch Polizeibeamte ergriffen und zum nächsten Revierbürean sistiert, wo sich herauSstellte, daß er ein 17 Jahre alter taubstummer Po z-llanmaler hier aus Berlin war, der anscheinend in einem vorübergehenden Anfall von Geistesschwäche gehandelt hatte.—In hi'stgen diplomatischen Kreisen erzählt man sich, wie die „Nat. Zig." berichtet, daß Mitte dieser Woche ein Schreiben des Kaisers von Rußland an Kaiser Wilhelm eingetroffen sei, worin es hieß, daß die Aussichten auf die Erhaltung des Friedens sehr gesunken seien. Wir geben diese- Gerücht wieder, ohne eine Bürgschaft für die Begründung desselben übernehmen zu wollen; auch würde, die thatsächliche Begründung vorausgesetzt, zu beachten sein, daß daS Schreiben des Kaisers Alexanser die Lage, wie sie anfangs der Woche gemefeij, dargestellt hätte; es würde sich fragen, ob sie seitdem keine Veränderung erfahren. — Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat, wie das „Osnabrücker Tageblatt" meldet, daS ihm von der Stadt Osnabrück verliehene Ehrenbürger- recht angenommen und den städtischen Behörden in einem verbindlichen Schreiben seinen Dank dafür ausgesprochen.— Die „Morntng Post" erfährt, Baron de Courcel sei von seiner Regierung instruiert worden, in Berlin freundliche Vorstellungen wegen der jüngsten angeblichen Ausflüge de- Graseu Moltke in den verschiedenen Pässen zwischen der italienischen und französtfchen Grenze der Riviera zu machen. — DaS genannte Blatt will auch wissen, die akute Phase, in welche die afghanische Frage jetzt getreten sei, werde den Rücktritt Rußlands von der in Paris tagenden Suezkanal - Konferenz unvermeidlich machen, und sehr wahrscheinlich werde die Konferenz selber vertagt werden.— An ReichSkassetts^eimn waren Ende März d. 1.174120130 Mk. auSgegeben, davon 54889941 Mk. al« Vorschüsse. Auf die letzteren sind 32933880 M. wieder zurückgezahlt und vernichtet wo, dm, so daß 141186 250 M. (2000000
Eine Fraueuthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Deine Fabrik ist zurückgegangen", sprach Judith. „Du beschäftigst jetzt kaum die Häl te der Arbeiter wie früher."
„Ich toeroc sie wieder emporbringeu", entgegnete Brune nicht ohne ein Gefühl der Beschämung. „Ich habe sie gegründet und mir die Kunden selbst erworben, habe ich auch einige verloren, so werde ich sie doch wieder gewinnen, beim sie stnb mit meiner Arbeit stets zufrieden gewesen."
„AIS Du die Fabrik begannst, warst Du der erste hier", fuhr Judith fort, „jetzt hast Du schon einen Konkurrenten."
„Ah, Du meinst ©leitet 1" rief Gerhard lächelnd. „Den habe ich nicht zu fürchten. Als Schlosser konnte er sich nicht durchhelfen, well seine Arbeit nichts taugte, nun versucht er eS in dieser Weise. Ich habe gesehen, waS ans seiner Werkstatt hervorgegangen ist, darauf hin bekommt er keine Kunden."
„Er beschäftigt so viel Arbeiter wie Du."
„Jetzt, aber wie lange wird die» währen? Ohne Mittel hat er begonnen, die Einrichtung seiner Werkstatt, daS Material — alles hat er auf Kredit erhalten und ich weiß, daß er schon jetzt feinen Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Zudem arbeitet er zu so billigen Preisen, daß er unmöglich dabei bestehen kann."
„Vielleicht hat er die- gethan, um sich erst Kunden zu verschaffen."
[ „Sorge Dich nicht, ich brauche ihn nicht zu fürchten", versicherte Brune und eS gelang ihm, feine Verlobte zu beruhigen, denn an feinet Tüchtigkeit hatte fie nie gezweifelt.
IV.
Weder Brune noch der alte Förster hatten die Verlobung bekannt gemacht, trotzdem wußte am folgenden Tage die halbe Stadt darum. Man sprach aber ander- über sie al- über die Verlobung Weilands. Brune war als bescheidener und tüchtiger Mann bekannt und man rechnete eS ihm hoch an, daß er bei feiner Verlobung nicht auf Geld gesehen hatte. Er hätte an die Thür manches vermögenden Mannes pochen können und derselbe würde ihm gern seine Tochter gegeben haben. Judith gönnten Alle daS Glück.
Helene Westrum war einige Tage in der Hauptstadt gewesen, um für ihre Ausstattung Einkäufe zu machen. Sie suchte ihren Stolz darin, den größten Luxus zu entwickeln und freute sich im stillen schon auf die mißgünstigen Gesichter ihrer Freundinnen.
Dieser Gedanke hatte sie heiter gestimmt und in bester Laune empfing sie Krötzsch, als derselbe zu ihr kam. Sie erzählte ihm von ihren Einkäufen und fügte dann die Frage hinzu, ob während ihrer Abwesenheit Irgen etwas vorgefallen sei.
„Gerhard Brune hat stch wieder verlobt", gab der Agent zur Antwort.
„Ah, das freut mich", fuhr Hei ne fort. „Er ist ein braver Mann und kann mit den beiden kleinen Kindern ohne Fran nicht fertig werden. Hoffentlich hat er stch ein Mädchen ausgesucht, das nicht ohne Vermögen Ist."
Krötzsch schüttelte mit dem Kopse.
«So klug ist er nicht gewesen. Er würbe manche- Mädchen gern seine Frau gerootben fein, aber er hat nicht aus- Gel» gesehen; ein hübsche- Gesicht hat es ihm angethan."
„Wer?"
„Judith Lomer."
„Wer?" wiederholte Helene, al- ob fie den Namm nicht verstanden habe.
„Judith Lomer. Sie ist hübsch, eine andere Mitgift wird sie von dem alten Förster wohl nicht erhalten."
Der heitere Zug war mit einem Male aus Helenens Gesichte geschwunden. Brune war eine hübsche, stattliche Erscheinung, fie selbst würde ihm ihre Hand gereicht haben, wenn er früher als Weiland um sie geworben hätte und diesen Mann sollte das ihr verhaßte Mädchen, welches nicht mehr als eine Bettlerin war, besitzen I Sie preßte die scharf geschnittenen Lippen aufeinander und ihre Augen fuhren unstät durch das Zimmer hin, als ob sie nach einem Gegenstände suchten.
„Krötzsch, ist die Nachricht zuverlässig?" fragte sie.
„Gewiß. Ich begegnete heute morgen dem alten Förster und wünschte ihm Glück, et nahm dies an und gestand, baß ihm ein lieber Wunsch erfüllt sei. Brune habe zweimal um seine Tochter angehalten, zuerst vor mehreren Wochen, da habe sie feine Werbung zurückgewiesen."
„Haha! Weil sie thöricht genug war, stch auf Welland Hoffnung zu machen", fiel Helene mit erbittertem Lachen ein.
„DaS mag fein", fuhr der Agent fort. „Sie macht eine gute Partie und wird von Manchem beneidet werden. Die Hochzeit foll schon In wenigen Wochen statt find en!"
„Helene schwieg. Sie schritt im Zimmer auf und ab, richtete den Blick auf den Boden und schien ganz vergessen zu haben, daß sie nicht allein war. Ihre fest geschlossenen Lippen verrieten eine innere Erregung.
(Fortsetzung folgt.)