Marburg, Sonnabend, 25 April 1885.
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Exped. der Oberh. Ztg.
werden könnten. Der Antrag wurde indes nach längerer Diskussion zurückgezogen und § 23 in folgender Fassung angenommen: „Jede Gemeindebehörde hat für ihren Bezirk nach Bildung der BerusSgenoflenschaft binnen einer von dem Reichs - Versicherungsamt zu bestimmenden und öffentlich bekannt zu machenden Frist ein Verzeichnis sämtlicher unter den § 1 Menden Unternehmer aufzustellen und durch Vermittelung der unteren Verwaltungsbehörde dem Genossen« schaftSvorstandc zu übersenden. Im Verzeichnis ist für jeden Unternehmer anzugeben, wieviel versicherte Arbeiter und Beamten derselbe dauernd, uns wieviel versicherte Personen derselbe vorübergehend im Jahresdurchschnitt beschäftigt; bezüglich der letzteren ist auch die 'durchschnittliche Dauer der Beschäftigung anzugeben. Die Gemeindebehörde ist befugt, die Unternehmer zu einer Auskunft über die vor« stehend bezeichneten Verhältnisse innerhalb einer zu bestimmende» Frist durch Geldstrafen im Betrage bis zu einhundert Mark anzuhalten. Wird de Auskunft nicht vollständig oder nicht rechtzeitig erteilt, so hat die Gemeindebehörde bei Aufstellung des Verzeichnisses nach ihrer Kenntnis der Verhältnisse zu verfahren/ Die folgenden §8 24, 25 und 26 wurden nach kurzer Debatte unverändert angenommen. In 8 27 wurde auf Antrag des Abg. Frhrn. v. Wendt die Einspruchsfrist von 2 auf 4 Wochen verlängert. Unverändert nach der Vorlage wurden auch die 88 28,29,29a., b, c. und d. angenommen. 8 30, welcher von der MU- gltedschaft handelt, wurde auf Antrag des Abg. Dr. Buhl einstweilen zurückgestellt, da sich über die Bestimmungen bezüglich des Sitzes des Betriebes eine große Meinungsverschiedenheit ergiebt. Die 88 31—33a. wurden angenommen. Bei 8 34, welcher von der Vertretung der Arbeiter handelt, wird die Beratung auf morgen vertagt. — Der „Germ/ infolge hat sich daS Befinden des Abg. Reichensperger wesentlich gebessert. 8— Die Stadtverordneten erteilten dem Magistratsbeschluß, für die 1886 stattfindeude Internationale Ausstellung der bildenden Künste einen Zuschuß von 100000 Mark zu bewilligen, ihre Zustimmung.
Darmstadt, 23. April. Die Königin Viktoria von England und Prinzessin Beatrice trafen heute morgen um 8 Uhr hier ein. — Den Ständen ist eine Regierungsvorlage wegen Errichtung von Gebäuseu für eine medizinische und gynäkologische Klinik und eine pathologischanatomische Anstalt und anderen Gebäuden zu Gießen zu- gegaugen. Die veranschlagten Kosten von 1441800 Mk. sollen durch eine vterprozentige Anleihe aufgebracht werden.
dessen Vater ein einfacher Schmied gewesen war. Bmne, der mehrere Jahre in der Fremde gewesen war, hatte nach dem Tode seines Vaters die Schmiede vergrößert und bald darauf in eine Meflerfabrik verwandelt. Zwanzig Arbeiter beschäftigte er schon nach einem Jahre, während er selbst die Arbeit leitete und die Bücher führte. Mtt Recht stand er in dem Rufe eines bescheidenen, tüchtigen und unermüdlich fleißigen Mannes.
Brune hatte eine Freundin Judiths geheiratet, dieselbe aber schon nach wenigen Jahren, nachdem fie ihm zwei Kinder geschenkt, durch den Tod verloren. Dieser schwere Verlust schien das Gleichgewicht seines ganzen Leben- vernichtet zu haben. Jeder Gegenstand daheim erinnerte ihn an das verlorene Glück und er suchte dieser Erinnerung zu entfliehen. Früher war er selten in ein Wirtshaus gegangen, jetzt brachte er dir Hälfte des Tages in demselben zu, er trank, um seinen Schmerz zu betäuben. Die Fabrik, der eS an Aufsicht fehlte, kam zurück, seine Wirtschaft, die er fremden Händen anvertraum mußte, verwahrloste und seinen beiden Kindern fehlte eS an Pflege. Judtth hatte sich der kleinen Wesen nach Kräften angenommen aber doch nur wenig für dieselben thun können, da ihr alter Vater ihrer Fürsorge bedurfte.
Nach einem Jahre hatte Brune um ihre Hand auge- halten, um seinen Kindern eine Mutter wieder zu geben, sie hatte die Werbung zurückgewiesen, da ihr Herz einem andern gehörte, aber nach wie vor hatte ste täglich nach dm Kindem gesehen, die mit voller Liebe an ihr hingen. Seit- dem ste sich selbst so unglücklich fühlte, hatte ste sich um die Kinder weniger gekümmert, dmn sie mußte all ihre Kräfte zusawmm nehmm, um ihr eigmrS Leid zu tragen.
(Fortsetzung folgt.)
Mobilisierung zweier Divisionen zur Verstärkung der dortigen Besatzung, als vollständig unbegründet.
Pest, 23. April. (Unterhaus.) Ministerpräsident Tisza beantwortet die Interpellation des Abg. Helfy und erklärt dabei, die Beratung der Zollnovelle sei wegen der Schließung des österreichischen ReichSrateS bis zum Herbste vertagt. Seiner Ansicht nach sei das Vorgehen der Staatm in Mitteleuropa unpraktisch, denn wenn fie sich gegen die Nachbarstaaten schützt«», dann provozierten dieselben zu ihrer Verteidigung Maßregeln, die keinem Teile nützen, sondern entschieden schaden; er erachte eS für viel entsprechender, einen Schutz gegen die überseeischen einzuführeu, weil von dieser Seite eine größere Gefahr der europäischen Volkswirtschaft drohe.
Madrid, 23. April. Die Regierung beschloß, die Provenienzen aus Indien und China einer Quarantäne zu unterziehen.
Petersburg, 23. April. Anläßlich des neuen Be- richte« LumSden« sagt das „Journal de St.PeterSbourg": „ES kommt uns sehr gelegen, von diesem Schriftstücke zu sprechen. Da Gladstone selber hinsichtlich der AuSsagm Str LumSden« schon im Vorau« bemerkte, daß dieselben auf Behauptungen au« afghanischer Quelle beruhten, wie könrten also durch diese« Dokument gewisse Telle de« Berichte« de« General« Komaross, der doch so genau und vollständig ist, erschüttert erscheinen? Gladstone wird sicherlich nicht erstaunt sein, wenn die msflsche Regierung sich auf da« Zeugnis ihrer Generäle verläßt. Das „Journal" bemerkt weiter: Wenn eö sich darum haudle, zu einer Verständigung zu gelangen, so sehe man nicht ein, welchen Nutzen eine solche Polemll haben solle, die sich auf Neben- sächliches beziehe, während eS so wichtig und nützlich wäre, die Dinge klarzustellen und zu einem Schluffe über dir Grenzfrage zu kommen. Was die von der englischen Re- gierung nachgesuchten Kredite anlange, so stehe es England frei, sich zu beunruhigen. WrS Rußland angehe, so bleibe dasselbe ruhig, so sehr eS auch von dem Ernste der Umstände Rechenschaft ablege; eS werde den Anforderungen der Situation zu begegnen wiffen. DaS „Journal* schließt: ES werde sich glücklich schätzen, wenn der Wunsch Lord Granvilles, mit allen Mächten in freundschaftlichen Be- ztehungen zu bleiben und jede Differenz auf friedlichem Wege zu regeln, in Erfüllung gehe.
Ottawa, 23. April. DaS „Reutersche Büreau" meldet: Der Kommandant de« Forts Plitt ist mit den Mannschaften der Grenzpolizei, welche die Garnison de« Forts bildeten, in Battleforv eingetroffeu und berichtete, bei dm letzten Kämpfen fei nur ein Mann getötet worden. Die Kolonisten haben flch in das Lager der Indianer begeben.
Eine Frauevthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
III.
Für Judith waren trübe Tage hereingebrochen. Der kurze Traum ihre» Glückes war so schnell vernichtet. Sie hatte dem Geliebten vollen Glauben geschenkt, sie würde jede Stunde bereit gewesen sein, ihr Leben für ihn zu opfern und er hatte ste aufgegeben, weil das Geld einer anderen ihn verlockte und er nicht den Mut zur Arbeit besaß. Sie konnte ihn nur verachten, ste wollte ihn Haffen, aber ihr unglückliches Herz liebte ihn dennoch.
Sie verließ das Haus nicht, aber Bekannte kamen zu ihr, um ihr zu erzählen, daß Günther Weiland stch mtt der häßlichen Tochter des Apothekers verlobt habe. Ste berichteten, wie zärllich der junge Bräutigam sei, welche Aufmerksamkeit er seiner V-rlo.ten erweise. Jedes Wort ttaf sie wie der Stich eines scharfen MefferS und ste durfte nichts verraten. Ste lächelte ruhig, scheinbar ganz gleich- glltig, während es in ihrer Brust stürmte und zehrte. Ste hätte laut ausschreieu und rufen mögen, eS sei eine Lüge, daß Weiland gegen seine Verlobte zärtlich feil Konnte denn sein Mund, der ste so glühend geküßt hatte, die alten Lippen des herzlosen Mädchens berühren?
Wenn ste dann wieder allein war, ritte fie auf ihre Kammer, warf stch in verzweifluogsvollem Schmerze nieder und weinte laut. Oder ste trat an das Fenster und sah mit starrem Blicke nach der Bergwiese, nach der Stelle, an der ste so oft glücklich gewesen war.
Dort oben war ste dem hübschen Sohne des Holz- hmrdlers, als er nach mehrjähriger Abwesmhett zurÄtze- kchrt, eine« Sonntag- begegnet. Schüchtern, dm Lück zur
Anzeige« nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M-, Kastel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a.M., Berlin,München und V Köln: ©• L- Daube und
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Deutsche« Reich.
Berlin, 23. April. Der Bundesrat überwies den Antrag Bayerns, betreffend den Entwurf eines Gesetzes über die Unzulässigkeit gerichtlicher Beschlagnahme von Eisenbahn- FahrbetriedSmaterial, an den betreffenden Ausschuß. DaS Plenum des BuudeSratS hat den Antrag auf Wiedereinführung der Berufung abgelehnt. — Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat an den Präsidenten des deutschen Bauernbundes, Herrn Abgeordneten Knauer, folgenden Brief gerichtet, welcher beweist, wie große Teilnahme der Kanzler diesen Bauernvereinen schenkt und für wie wichtig er es hält, daß die Bauern stch diesem Bunde anschließen. Der Brief lautet: „Berlin, den 8. April 1885. Es hat mich gefreut, aus Ew. Hochwohlgeboren Zuschrift zu ersehen, daß es gelungen ist, den ehemaligen Rustikalverein zu reorgantsteren. Ich wünsche dem neugebildeten Verein guten Erfolg und hoffe, daß er weitere Nachahmung finden werde. Nur wenn die bäuerliche Bevölkerung Deutschlands flch fest aueinanderschließt, wird eS gelingen, der Landwirtschaft eine ihrer Bedeutung entsprechende Vertretung in den parlamentarischen Körperschaften zu verschaffen, v. Bismarck." — Die Besetzung des hiestgen König!, sächsischen GesandtfchaftS- postenS steht nach der „N. Pr. Ztg." unmittelbar bevor, und zwar gilt die Ernennung des Kammerherrn und Lega- tionsstkretärs Grafen WUHelm v. Hvhevthal und Bergen jetzt als sicher. Graf Hohenthal, Mitglteo der ersten Kammer, ist 1853 zu Berlin in dem damaligen Deckerfchen Hanse, WUHelmstraße 75, als Sohn des sächsischen Gesandten geboren. Er war schon vor drei Jahren eine Zeitlang mit der Leitung der hiestgen Gesandtschaft betraut, als Herr v. Nostitz-Wallwitz zur Herstellung seiner Gesundheit einen längeren Urlaub erhalten hatte. —Die UnsallverstcherungS- Kvmmisston des Reichstages setzte heute ihre Beratungen bet 8 23 des Gesetzentwurfs über die Versicherung der in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen fort. ES entspann stch bei 8 23, welcher von den Gefahrenklassen uns der Abschätzung handelt, eine längere Debatte. Abg. Müller (Sangerhausen) stellte einen Antrag dahingehend, daß die durch diesen Paragraphen den Gemeindebehörden übertragenen Verpflichtungen und Besugniffe durch Beschluß auch an andere Funktionäre, welche besser in der Lage wären, die Verzeichnisse aufzustellen, übertragen
Ausland.
Wien, 23. April. DaS „Telegraphische Korrespondenz- Büreau" bezeichnet daS Gerücht, zwischen Oesterreich und der Türkei fänden Besprechungen statt betreff« des Garnisonrechts im Limgeiiete und betreffs einer demnächstigen Erde geheftet, hatte ste an ihm vorüber gehen wollen, denn ste hatte nicht geglaubt, daß er sie noch kenne, war sie doch ein junges Ding gewesen, als er in die Fremde gegangen; aber mtt den Worten: „Guten Tag, Judtth!" war er zu thr getreten und hatte ihr die Hand entgegen gestreckt. Halb willenlos hatte sie die Rechte tu die Seinige gelegt, ohne aufzublicken, aber ste halte gefühlt, wie daS Blut ihr in die Wangen gestiegen war. Ihr Herz hatte so schnell geschlagen, daß eS thr die Brust zu zersprengen drohte. Und al« er dann gerufen: „Judith, wte schön bist Du geworden!" da hatte ste zu ihm aufgeblickt und ste hatten sich gefunden. Wie e» gekommen war, wußte ste nicht mehr, in ihr lebte nur die Erinnerung au eine unsagbar glückliche Stunde. Als ein beseligendes Geheimnis hatten ste ihre Liebe bewahrt, so oft sie sich auch getroffen. Niemand hatte darum gewußt und wenn fie hinaufgeblickt zu der Wiese am Berge, dann war eS thr gewesen, als ob dort ein heiliger Tempel stehe, in den außer ihr und dem Geliebten noch niemand den Fuß gesetzt. Jetzt war daS alles vernichtet, grau und öde schimmerte ihr der blätterlose Wald entgegen. Früher war ihr das kleine, ärmliche Haus, welches ste mit ihrem Vater bewohnte, so freundlich erschienen, jetzt war e» für ste eng und kalt. Die Blumen, die ste am Fenster gepflegt, erfreuten ste nicht wehr, denn für ste blühten fie doch nicht.
Ihr öltet Vater bemerkte die Berändemng, welche mit ihr vorgegangeu war, nicht; selbst ihre blaffen Wangen fielen ihm vtcht auf. Da» Unglück hatte ihn vor den Jahren stumpf gemacht. Er war zufrieden, wenn er in Rahe seine Pfeife rauchen oder mtt einem Nachbar plaudern konnte.
Der ihm zunächst wohnende war Gerhard Bmne, ein noch junger, ungefähr dreißig Jahre zählender Fabrikant,