Einzelbild herunterladen
 

Ur. 9»

Marburg, Freitag, 34. April 1885.

XX. Jahrgang.

Srscheintltäglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 «k. 50 «fa. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgeblihr für die gespaltene Zeile 10 vfg. Stellamen für die Zeile SS Psg.

r

Unjeigen nimmt entgegen bie Expedition b. Blatte», sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMoffe in Frankfurt a. M.,Berlin,München und Köln: S. L. Daube tmb So. in Frankfurt a.

Berlin,Hannover «.Pari».

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

........... i

INF* Bestellungen für die Monate Äti und Juni auf die Oberhesfische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition ent- gegengenommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an. ___Exped. der Oberh. Ztg.

DMischer Reich.

Berlin, 22. April. Der König von Schweden ist gestern abend nach Strckhvlm weitergereist.Der Staats» Minister Dr. Lucius, welcher als Generalbevollmächtigter des Kronprinzen fungiert, hat in diesen Tagen, derSchles. Ztg." zufolge, eine zweitägige Konferenz in Sybillenort mit dem Grafen Vitzthum, dem Vertreter des Königs von Sachsen, gehabt zur Regulierung der Auseinandersetzung der Lehns- und der Allodialherrschaft Oels. Wie die »Post' jetzt hört, ist in allen wesentlichen Punkten, die überhaupt bet der Zweifelhaftigkeit mancher Verhältniffe spruchreif find, eine völlige gütige Einigung herbeigeführt worden; ins­besondere ist der Plan für den in beiderseitigem Interesse zur Arrondierung wünschenswerten Austausch von Grund- stücken sestgestellt und dem definitiven Abschluß nahe geführt worden. Danach gehen wahrscheinlich vier kleinere Allodial- güter in den Befitz des Kronprinzen über und werden mit dem Thronlehen endgültig vereinigt werden Die Be­förderung der Briefe nach Angra Pequena erfolgt, so lange eS au einer direkten Dampsschiffsverbinduug fehlt, über Kapstadt, von wo die Weiterbeförderung mittels Segelschiffe stattfindet, welche letzteren indessen nun unregelmäßig ver­kehren. Wie wir vernehmen, müssen aus diesem Grunde die Briefe nach Angra - Pequena, desgleichen auch nach Saudwich-Harbour und Walfischbai ebenso frankiert werden, wie Briese, welche nach Kapstadt gerichtet find. Das Franko beträgt 60 Pf. für je 15 Gramm. ES empfiehlt sich, auf den Briefadresseu den Zusatz »via Kapstadt' zu machen, und bei deutscher Angabe des Bestimmungsortes vorläufig noch die englische hirzuzufügen. Zur Beförderung der Briefe nach Kamerun, Bageida, Little Popo und Wydah, sowie nach verschiedenen anderen mit Postanstalten nicht versehenen Landungsplätzen an der Westküste von Afrika, als Grand Popo, Laooana, Cabenda, Banaua (Kongo), Maculla, Am« brizctte, Mufera uud Kinsembo, bieim sich die allmonatlich von Hamvurg abgehenden Dampfschiffe der Wörmann-Linie. Die mit denselben zu befördernden Briefe müssen bei An­kunft der Sch.ffe an Bord derselben abgeholt werden. Bei dieser Beförcemng ist für Briefe aus Deutschland biS auf weiteres die gewöhnliche Taxe des Weltpostvereins mit 20 Pf. für je 15 Gramm zu entrichten, und zwar stets im voraus durch Verwendung deutscher Freimarken.

Tief dürste es in der menschlichen Natur begründet

fein, daß von jeher die Menschen gestrebt haben, sich behufs Erfüllung als gemeinsam erkannter Aufgaben, Erreichung gemeinsamer Interessen rc. korporativ zu organisieren. Auf derartige ständisch»korporative Organisationen wurde in einer Epoche, auf die vielfach heute mit unberechtigter Heber» leqenheit zurückgeblickt wird, generell die Erfüllung staat­licher, kommunaler und sozialer Aufgaben basiert. Jene sich als Liberalismus einführeude, in Wahrheit aber Derno- kratismus bedeutende Tendenz, welche in den politischen Kämpfen vergangener Jahrzehnte mit den bestehenden Au­toritäten rang und heute als auf wirklich parlamentarisches Regiment hinzielende Partei sich präsentiert, war sich dessen stets vollständig bewußt, daß tu dem von ihr um die Macht geführten Kampfe ihrem Siege alle derartigeu korporativen Bildungen ein Hindernis seien. Mit Folgerichtigkeit be­trachtete also jene Strömung als Hauptzweck zur Erreichung ihrer Ziele die Atomifierung der Gesellschaft, die Auslösung aller korporativen Organffationen, mochten sie solche des Standes, der Berufsgenoffenschaft, der Erwerbsgemeinsamkeit oder was sonst immer für welche sein. Aus der gefliffent- lich atomisierten Gesellschaft heraus entwickelte sich jedoch in Bethätigung der in den Menschen liegenden Tendenz deS organifiekteu Zusammenschließens, gleichsam als eine auf Irrwege gekommene Falschblldung derselben, daS politische Parteiwesen. Wo immer der DemokratiSmuS in dem Ringen nach der Herrschaft sein NivelliemugSwerk an den über­kommenen Organisationen vollbrachte, entstand zunächst ein lebhaftes Getriebe politischer Parteien, als dessen Quint­essenz und Gipfelpuntt das Fraktionswesen mit seinen Ringen, bindenden Beschlüssen, in Programmklauseln formierten und feierlichst promulgierten Parteidogmen zu betrachten sein dürfte. Die selbst nicht-parlamentarisch engagierten Staats­bürger empfanden eS aber sehr bald als eine Leere, eine Lücke, daß für bie vielfachen nicht in Parteikodex para- graphlerten Zwecke und Ziele menschlichen und bürgerlichen Strebens die Parteiorganisation nichts bot, nichts leistete. Hatte man bei der Nivellierungsarbeit es verstanden, die überkommenen Formen korporativer Organisation als »mitt lalterlich - reaktionäre' Ausgeburten zu stigmati­sieren, so erfand, trvtzsem vor allem die demokratischen Parteien dagegen eiferten, daS allgemeine Bedürfnis neue Formen des korporativen Zusammenschließens. Man wird mit Recht sagen dürfen, daß wir so recht mitten in einer Periode stehen, in welcher, entgegen der atomisierenden demokratischen Tendenz, wieder ein Zu­sammenschluß der gleichartigen Zielen zustrebenden Elemente außerhalb des Rahmens der politischen Partei in korpora- tlo angelegten Organisationen sich vollzieht. Auf die ein- ztlnen Erscheinungen dieses Sammlungsprozesses hinzu- weisen ist kaum nötig; sie treten vor jedermanns Augen,

und der verzweifelte Kampf, welchen der DemokratiSmuS gegen diese Organisationsbestrebungen an allen Ecken und Enden führt, beweist am besten, wie ernst er die sich darin dokumentierende, seinen Idealen feindliche Bewegung nimmt. Zu diesen Erscheinungen gehört zweifelsohne auch das Ent­stehen und die über alles Erwarten schnelle Ausbreitung der Kriegervereine. Ein durch die Schule der allgemeinen Wehrpflicht hindurch gegangenes Volk konnte es auf die Dauer nicht verstehen, daß das im Heeresdienste um die Einzelnen geschlungene geistige Band bewußter patriotischer Pflichterfüllung mit dem Rücktritt aus dem Armeeverbande resp. dem Wieeerübertritt In das bürgerliche Leben gelöst, ja gleichsam zerschnitten sein sollte. ES wurde also nur einem tiefliegenden Bedürfnis Rechnung getragen, wmu die durch jenes Band Verknüpften sich korporativ organisierten, und für die Allgemeinheit dieses Bedürfnisses spricht schon der Umfang, den baS KriegerveninSwesen gewann. Da aber hier eine der stärksten und lebenskräftigsten Erschei­nungen deS korporativ-organisatorischen SammlungSprozefleS sich vollzog, so beehrte folgerichtig ber DemokratiSmuS, ins­besondere die Sozialdemokratie, das KriegervereinSwesm mit ganz besonders hervorstechender Feindschaft. Sozial­demokratie und Kriegervereine waren geborene Gegenfüßler und früher oder später mußte der offene Konflitt stch so feindselig gegenüberstehender Strömungen etntreten. Unsere Leser wissen, daß wiederholt dieser Konflitt in Erscheinung getreten ist; auch die kürzlich ans Braunschweig gemeldeten Vorgänge waren in letztem Grunde Wetter nichts als eine derartige akut hervorbrechende KonflittSerschelnnng; kaum aber dürste bisher so gedrungen und so scharf das Be­wußtsein dieses Gegensatzes von kriegervereinlicher Sette ausgesprochen sein, als es dieser Tage in einem von der »Deutschen Kriegerkameradschaft München" gegen Aus­lassungen des dortigenFrewdenblatteS" erhobenen Protest geschah. Bei einer Besprechung der, nach Meinung des »Fremdenblattes' verderblichen Wirkungen des Sozialisteu- GesetzeS hatte dasselbe kürzlich u. a. behauptet: Seit dem Bestehen der Ausnahmegesetze finde die Sozialdemokratie auch in solchen Kreisen häufig ein Entgegenkommen, wo eS früher ganz undenkbar geschienm. Diese interessante Erscheinung habe einen natürlichen Grund: Die sozial­demokratischen Vereine seien aufgelöst, die Sozialdemokraten seien in andere Vereine getreten, um für diegroße, heilige Sache" zu wirken; besonders seien eS die Kriegervereine, die sich vornehmlich aus dem Arbeiter-, Handwerker- und Subaltern - Beamtenstande rekrutierten, in denen stch viele Tausende von Sozialdemokraten befänden, um die Vereine mit dem Geiste des Radikalismus zu durchsäuern. Gegen diese Behauptung erhob nun die Deutsche Kriegerkamerad- schaft München bet einem am Dienstag abgehaltenen Appell

«tue Sraueuthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Starr blickte Helene vor stch hin. Sie sann nach, wie sie Judith vernichten könne, der Gedanke, daß dies Mädchen einst vor ihr gekniet und vergebens um Schonung ihres Vaters gefleht habe, erfüllte sie mit Freude.

Dann hob sie ben Kopf empor. Günther Welland war ihr Verlobter, er wurde ihr Gatte was kümmerte sie alles andere! Sie freute stch, well die Hoffnung so mancher Mutter und manches jungen Mädchens vernichtet, sie lachte bei dem Gedanken, daß Niemand ihr den hübschen, jungen Mann gönne, aber diese Freude und dies Lachen waren doch kein Glück! Sie wollte stch an diesem Tage glücklich fühlen, und doch konnte sie mit all ihrem Gelbe dies nicht erringen. Das hübsche Geficht Judiths mtt den dunklen, leuchtenden Augen stieg vor ihr auf und schien chr zuzurnfeu: »Du kannst Dir seine Hand erkaufen, aber nicht sein Herz, das gehört mir!"

Ein leiser Aufschrei ohomichtiger.Wut entrang sich ihren Lippen, drohend erhob fie die Hand. Sie wollte sie mutzte das Mädchen vernichten und wenn ihr Haß daß größte Opfer verlangte. Ihr Blick fiel auf die Straße uns sie sah ihren Verlobten mit einem prächtigen Blumen­sträuße daherkommen. Lachms blickten vie Leute ihm nach und sie wußte sehr wohl, wie sie die» Lachen zu deuten hatte.

Hastig trat fie vor den Spiegel und strich mit rer Hand über das Geficht hin, um jeden Zug des Unwillens zu ent­fernen. Als Günther wenige Miumen später in baS Zimmer trat, eilte sie ihm entgegen und warf sich ihm in die Arme. Sein Geficht war blasser alSgewögnlich war dies durch die Erregung der vergangenen Nacht hervorgerufen? Ge­waltsam suchte st« diesen Gedanken von sich zu drängen,

aber es entging ihr doch nicht, daß in Günther» Lächeln etwas Erzwungenes lag. Er hielt sie mit beiden Armen umschlungen, aber baS Glück und die Leidenschaft der Liebe trieb nicht baS leiseste Rot auf feine Wangen, jede seiner Zärtlichkeiten erschien so kalt wie eine erzwungene Pflicht.

Sie verriet nichts von dem, was in ihr vorging.

»Ich glaubte nicht, daß Du so früh kommen werdest," sprach sie, indem sie seine Hand erfaßte und mit ihm ans Fenster trat, um von der Straße aus gesehen zu werden. ES ist mir lieb, denn eS werden heute viele kommen, um uns Glück zu wünschen und vorher habe ich noch mehrere» mit Dir zu besprechen. Günther, von dem heutigen Tage an muß das vollste Vertrauen zwischen uns herrschen."

Zweifelst Du bei mir daran?" fragte Welland.

Nein! Wie sollte ich dazu kommen?" fuhr Helene fort.Ich sprach die Worte nur, damit Du das, was ich Dir sagen will, nicht falsch deutest. Von dem heuttgen Tage an gehört Dir nicht allein mein Herz, sondern alles was Ich besitze und Ich bin nicht ganz arm", fügte sie lächelnd hinzu.Ist es wahr, daß Dein Geschäft in der letzten Zeit nicht gut gegangen ist und Du Dich sogar in Verlegenheit befunden hast?"

Wer hat daS behauptet?" rief Welland.

Lieber Günther, das ist gleichgültig, sag mir nur, ob eS wahr ist."

-ES ist übertrieben. In jedem Geschäfte treten Zeiten der Stockung ein und gerade im Holzhandel finden häufig PreiSjchwankungen statt. Der beste Geschäftsmann kann in augenblickliche Verlegenhell geraten."

Das alles weiß ich sehr wohl", unterbrach Helene ihn lächelnd.Du deutest meine Frage falsch. ES würde mir eine wirkliche Freute bereiten, wenn ich dazu beitragen könnte, jede Verlegenheit von Dir fern zu hatten. Nun erfülle mir die Litte", fuhr sie fort; indem fie an ihren

Schreibtisch trat und ein Päckchen mit Banknoten aus dem­selben nahm »und nimm dies an, eS ist Ja Dein Eigentum."

»Beste Helene," fiel Welland zögernd ein, »was Du gehört hast, ist übertrieben!"

Nimm, nimm!" drängte baSFräulein. »Du hast lustig gelebt und ich wünsche nicht, daß Du jetzt anders lebst. Man soll nicht sagen, daß ich einen beschränkenden Einfluß auf Dich ausübe. ES wird mir nachgesagt, daß ich sehr genau sei, well ich als alleinstehendes Mädchen ziemlich eingezogen lebte, Du darfst dies nicht glauben. Meine Kasse steht für Dich jederzeit offen und wenn Du auch noch so luftig lebst, so wirst Du doch für mich eine Stunde täglich überhaben."

, »Ich fühle mich ja glücklich, wenn ich bei Dir bin!" rief Günther, indem er die Verlobte en stch preßte, und fie auf die Stirn küßte. Auch er hatte ihren sparsamen Sinn gefürchtet, und nun drang fie selbst ihm Geld auf. Du bist so lieb und gut!" fügte er hinzu.

Hattest Du etwas anderes von mir erwartet?" warf Helene ein und um ihren Mund zuckte ein leises, spöttisches Lächeln.

Weiland bemertte dasselbe nicht, und wenn er es ge­sehen hätte, so würde er eS doch nimmermehr richtig ge» beutet haben. Konnte er ahnen, daß die Freigiebigkeit seiner Verlobten nur kluge Berechnung war? Sie wollte ihn dadurch fest und unlösbar an sich binden. Jemehr er ihre Kaffe in Anspruch nahm, um so mehr wurde et ihr Schuldner und et konnte sich nicht mehr von ihr loSfaaen, ohne stch selbst zu Grund zu richten.

Als Helenens Freundinnen tarnen, um ihr Glück zu wünschen, waren fie erstaunt über Weilands Zärtlichkeit; es schien fein einziges Bestreben zu fein, feiner Verlobten Aufmerksamkeiten zu erweisen. - (Fortsetzung folgt.)