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Marburg, Mittwoch, 22 April 1885.

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Eine Fraueuthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Vor ihr auf dem Tische lag die Zeitung mit der Veröffentlichung ihrer Verlobung und die sauber gedruckte Anzeige, welche an diesem Morgen in die Hände all ihrer Bekannten gelangt war. Sie wußte, daß Niemand ihr dies Glück gönnen werde, eine triumphierende Freude lag auf ihrem Gesichte und ihr Herz schlug selig bei dem Gedanken, daß Günther Weiland, der hübscheste Mann tu der ganzen Stadt, ihr Verlobter war. Wie manche» junge und hübsche Mädchen hatte mit stiller Hoffnung auf ihn geblickt der Neid und die Mißgunst Anderer erhöhte ihre Freude.

Sie war zu klug, um sich zu verhehlen, daß Weiland» Liebe nur ihrem Vermögen galt; dieser Gedanke trübte jedoch ihre glückliche Stimmung nicht Günih« wurde der Ihrige, mehr verlangte sie zunächst nicht.

E» war noch zu zeitig am Morgen, al» daß sie Glück­wünschen bereits hätte entgegensehen können, auch ihren Verlobten durfte sie noch nicht erwarten, obschon ihr Auge wirderM verlangend die Straße htnabblickte.

E» pochte leise an ihre Thür und die lauge, hagere Gestalt eüie- Manne» von ungefähr vierzig Jahren trat ein. ES war der Agmt Willy Krötzsch. Dm Namen Agent hatte er stch selbst beigelegt. Früher war er Schreiber bei einem Rechtsanwalt gewesen, hatte diese Stellung in reffen wegen wiederholt« Unregelmäßigkeiten verloren, jetzt betrieb et alles, wobei Gelb zu verdiene» war. Es kam ihm durch­aus nicht darauf an, daß da» Geschäft ein ehrliche» «ar, obschon et e» liebte, stch dm Anschein eine» streng recht-

Expedition £*/♦ Mk., bei den Postämter i «k. 50 Pfa. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

DmifcheV Keich.

Berlin, 20. Aprll. Die KorvetteOlga" ist am 19. April in Saint Viucmt (Kap Verdische Inseln) ein« getroffen und beabsichtigt, am 24. Aprll die Heimreise fort­zusetzen. Die von Kamerun herrühreodeu zahlreichm Fieber­erkrankungen bei der Mannschaft scheinen jetzt gehoben zu sein, denn der Kommandant meldet: .Au Bord alle« wohl." Wie nachträglich bekannt wird, haben in der Sitzung des Justizausschuffes de» BundeSrate» am Mittwoch ungemein lebhafte Debatten stattgefnuden. Prenßen ist erneut ent­schieden für die Berufung eingetreten. Der heftigste Wider­stand gegen die Berufung ist von Württemberg ausgegangen. Mit großer Spannung erwartet man die Abstimmung im Plenum. Unter allen Umständen soll der Reichstag, auch wenn nur ein kleiner Teil der beabsichtigten Aenderungen im Bundesrat angenommen werden sollte, mit der Novelle zu den Jusiizgesetzm noch in dieschSesfiou befaßt werden. Der »Hamb. Korresp." beschäftigt stch mtt der preußisch- deutschen Finanzpollltk und äußert dabet: Wenn die Sorge für die Stärkung der Reichs- und Staatsstnanzen fort- dauernd in der Reichspolitik eine erhebliche Rolle spielt, so geht damit Hand in Hand eine planmäßige und energische Thätigkeit behufs Stärkung und Hebung der Nationalwirt- schasi, des Volkswohlstandes. Man mag darüber zweifel­haft feto, ob alle Maßregeln, welche diese» Ziel verfolgen, zweckentsprechend sind. In einem Laude, welches so große wirtschaftliche Verschiedenheiten aufweist, wie Deutschland, wirken die einzelnen Ave der Zoll- und Handelspolitik naturgemäß sehr verschieden; sie unterliegen demnach in den verschiedenen Landestellen den verschiedenen Berufskreisen, verschiedener Beurtellung. Allein, wie immer man über die Zweckmäßigkeit der von der Regierung unternommenen Schritte im einzelnen denken mag, das Bestreben, das deutsche Erwerbsleben kräftig zu fördern, wird ihr nicht abzusprechen sein. Ganz mtt Recht wird vielmehr auf die Erhöhung der Leistungsfähigkeit, auf die Entwickelung der Steuerkcaft größeres Gewicht gelegt, als auf die sofortige Beschaffung der erforderlichen Mehreinnahmen in Staat und Reich. Die Finanzpolitik de» Reiches verdient daher nichts weniger als die Bezeichnung einer Art von Raub­bau; .... Daß die Umkehr von dem frühem System überaus zweckmäßig und der Grundgedanke der gegenwärtigen Wirtschaft«- und Finanzpolitik, eine reiche Staatsfinanz- wtrtschaft auizubauen auf einer reichen Entwickelung de» nationalen Wohlstandes, durchaus richtig ist, bedarf der näher-u Begründung nicht. In der heutigen Sitzung der 15. Kommission des Reichstages, welcher als Vertreter der Reichsregierung Mtnistertaldilektor Aschenborn und die Geheimräte Schram unv Frhr. v. Seckendorff beiwohnten, wurde 8 1 des Gesetzentwurfes, durch welchen die An­fertigung, Einfuhr, Feilhaltung und der Verkauf des zu den RetchSkaffenschetnen verwendetm Papiers bei Strafe verboten wird, unverändert angenommen. Ein Antrag des

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Abgeordneten v. Rheinbaben, da» Verbot auch auf die Banknoten auSzndehnen, wurde abgelehnt. Zu der von der Regierung vorgeschlagenen Strafe von Gefängnis bis zu rwri Jahren wurden von den Abgeordneten Hartmann, Träger und Spahn verschiedene Anträge wegen Zulaffung einer Geldstrafe von 100 bis 2000 Mk. gestellt, um in 55Qen der Fahrlässigkeit eine leichtere Bestrafung zu er­möglichen. Nach längerer Diskussion wurde die Beratung auf Donnerstag vertagt. Die PetitionSkommisston des Reichstag« hielt heute vormittag wieder eine Sitzung und beschäftigte sich zunächst mit einer Pettttou eines Herrn Armbrüster im Elsaß. Derselbe hatte, analog einem frühem Falle eine« Herm Signol, während des deutsch-französischen Kriege«, und zwar während der Okkupation, einen Teil auf französischem Terrain belegenm Walde« zum Abholzen von der deutschen Zivilverwaltung erworben; al« er jedoch zum Abschlagen de« Holze» schreitm wollte, wurde ihm die« von der tnzwischm wieder in Thätigkeit getretenen fran- zöstschm Verwaltung nicht gestattet. Er erhebt nunmehr Entschädigungsansprüche für erlittene Vermögensverluste bei diesem Holzkaufgeschäft und sucht die Hilfe des Reichstags zur Erreichung dieses Zweckes nach. Die Kommission be­schloß, auö BilligkeltSrückstchten dem Plmnm zu empfehlen, die Petition dem Reichskanzler zur Erwägung zu Über­weisen, ob und Inwieweit dem Petmten auS dem abge­schloffenen HvlzkaufSgeschäst Ansprüche gegen den Reichs- fwlu« zustehen. Der Abgeordnete Stmckmann wurde mit der Berichterstattung an das Plenum beauftragt. Dem­nächst gelangte eine Petition der Eisenbahn-Telegraphisten um Gleichstellung mit den Beamten der Reichstelegraphie zur Beratung. Der anwesende RegiernngSkommiffar gab auf die desfallstge Anfrage eine Erklärung dahin gehend ab, daß die zuständigen Behörden (die Eisenbahn- und die Finanzverwaltung) sich bereit« mit dieser Frage be­schäftigen und eine definitive Regelung derselben demnächst zu erwarten sei, wenngleich man zur Zeit noch nicht zu einem Beschlüsse gelangt sei. Die Kommtsstou beschloß in- folgedeffeu, und zwar um so mehr, als es ben Petenten ja freistehe, stch zunächst noch an die kompetenten Behörden zu wenden, mit Rücksicht auf diese Erklärung des Siegle« mngskommtffars die Petition als zur Erörterung im Plenum uicht geeignet zu erachten. Heute abend fand im Abgeord­netenhause die Generalversammlung des Deutschen Fischerei- VerelnS statt, welcher der Kronprinz und die Kronprinzessin beiwohnten. Viele Mitglieder des Reichstags und beider Häuser des Landtags waren anwesend.

Dem Reichstage ist ein Gesetzentwurf zugegangen, dessen einziger Paragraph folgendes bestimmt: .Die Be­stimmung unter Ziffer 1 des Artikels 5 de« Zöllner- eilsiguugsvertrages vom 8. Juli 1867, wonach von allen bei der Einfuhr mtt mehr als 15 Groschen vom Zentner (3 Mk. von 100 Kilogramm) belegten ausländischen Ec- zeugntflen keine weitere Abgabe irgend einer Art, sei es schaffenen Manne» zu geben, der kein Opfer scheue, um anderen einen Dienst zu erweisen.

DaS Aenßere dieses Mannes hatte nichts Einnehmendes. ES war eigentlich alles lang an ihm, der Körper, die Beine, die Arme, da« Gesicht, die Nase, nur die Augen waren klein und da er sie meisten« halb geschloffen hielt, so war eS schwer, den Ausdruck derselben richtig zu ertennen.

.Guten Morgen, Krötzsch!" tief ihm H-lene mit freund- kichern AuS-nrcke entgegen. .Nun, was sagt man in der Stadt von meiner Verlobung?"

Ueber da« Gesicht des Mannes glitt ein verschlagenes Lächeln.

«Man wird stch darüber freuen," entgegnete er.

.Ich will die Wahrheit wlffeu," fuhr Helene unwillig fort. .Daß mir Alle das Glück mißgönnen, weiß ich, denn ich kenne die Menschen und verlange auch nicht, daß sie stch freuen. Was sagt man?"

-Die meisten sind sehr überrascht und habm noch nicht Zeit gewonnen, dies zu Überwinden."

»Krötzch, ich will die Wchrheit wissen!" wiederholte Helme noch unwilliger und um ihre scharf geschnittenen Lippen zuckte ein böser, häßlicher Zug.

Ich habe nichts gehört," gab der Agent zur Antwort. "aBo^rl°Fenl^18eutl *a8ea? Diejenigen, welche Ihnen das Glück mißgönnen, werden dies nicht ««»sprechen, und jür ihre Töchter auf H:rrn Weiland spekMlert habm, stch nicht sonderlich freuen, lägt stch denken." Da» Fräulein schritt einigemal« im Zimmer auf und a6 und ließ stch bann auf einen Stuhle nieder.

.Krötzsch, ich habe Ihnen noch eine» anberen Lufttag «teilt,* sprach sie. ~ 1

für Rechnung des Staates ober für Rechnung von Kom- rnnnm und Korporationen, erhoben werben barf, findet auf Mehl und andere Mühlenfabrikate, dergleichen auf Backwaren, Fleisch, Fleischwaren und Fett, sowie ferner soweit e« sich nm die Besteuerung für Rechnung von Kommunen und Korporationen handelt, auf Bier und Branntwein keine Anwendung." Es handelt sich in diesem Gesetzentwurf also zunächst um die Gegenstände der Mahl- und Schlachtsteuer, sowohl für staatliche wie für kom­munale Rechnung. Es soll ermöglicht werden, wa» jetzt nach Artikel 5 des ZollvereinlgungSoertrageS von 1867 "icht zulässig ist, daß von diesen Gegenständen, wenn fie vom Auslände kommen, auch dann eine Mahl- resp. Schlachtsteuer für Rechnung de- Staate« ober einer Kom­mune erhoben wird, wenn der Eingangszoll mehr, als 3 Mark beträgt. Eine Mahlsteuer für Rechnung de« Staate« wird nirgend« erhoben; dagegen besteht in mehr al« 50 Gemeinden eine solche Steuer, welcher auch die von auswärts eingehenden Mühlenfabrikate, sowie meisten« auch Backwaren unterliegen. Der Zoll für diese Gegen­stände betrug bi« jetzt 3 Mark und hat also die Erhebung der Steuer auch von ausländischen Gegenständen erfolgen dürfen. Dieser Zoll wird durch die Zollreform jetzt er« höht werden, in zweiter Lesung ist er schon erhöht, die Erhebung der Steuer dürfte also nicht mehr erfolgen, da­für soll Im Interesse der beteiligten Gemeinden die Im Zollvereinigungsvertrage von 1867 enthaltene Beschränkung aufgehoben »erben. Vorläufig ist bieS bereits im Sperr­gesetz geschehen. ES wirb in den Motiven noch darauf hingewlesen, baß bieS um so mehr angezeigt sei, well sonst die Steuer von auSläublschern ©etrelbe ba bet Zoll dafür nicht über 3 Mark «höht werben wirb »eit« «hoben werben könnte, von ben ans diesem Getreide her- gestellten Fabrikaten aber nicht. Dies würde irrationell fein. Von größner finanzieller Bedmtnug als die Mahl- steuer ist die Schlachtsteuer, welche für Rechnung von drei Staaten: Sachsen, Baden und Altenburg sowie einer sehr großen Zahl von Gemeinden (darunter Breslau, Potsdam, Posen, Koblenz, Aachen, Gnesen, Kaflel, Hanau, Fulda, Marburg, Göttingm, Emden, München, Nürnberg, Augsburg, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Konstanz, Rastatt, Darmstadt. Mainz, Offenbach, Worms, Weimar) zur Behebung gelangt. Dieser Steuer unterliegen auch Fleisch, Fletschwaren und Fett; diese Gegenstände dürfen aber, insofern sie ausländische sind, schon jetzt zu den Steuern nicht heranaezogen werden, weil sie schon nach dem Zolltarif von 1879 einem Ein­gangszoll von über 3 M., nämlich 12 und 10 M., unterliegen. Darin soll wie die Begründung nachweist eine Beeinträchtigung der.landwirtschaftlichen Viehzölle" und eine Schädigung der nationalen Arbeit liegen. Das letztere insofern, als beispielsweise ausländisches Schmalz bei direkter Einfuhr in die betreffenden Staaten neben dem Zolle einer «eiteren Abgabe nicht unterworfen werden barf, währenb dasselbe,

»Mir ?" fragte bet Agents, al« ob er sich an nichts erinnere. »Ja. Haben Sie Weiland beobachtet?"

.Fräulein, Sie wlffen, daß ich ba«, was Sie mir auf« tragen, auch gewissenhaft anSführe," gab der frühere Schreib« zur Antwort. .Sie werden mir den Vorwurf nicht milchen können, daß ich je nachlässig gewesen bin.".

.Beantworten Sie meine Frage."

»Ich habe ihn beobachtet," erwiderte Krötzsch zögernd. .Sprechen Sie."

.Gestern abend spät verließ er sein Han«. Ich folgte hm, so schwer es mir auch wurde, in dem Hellen Monden- schein von ihm nicht bemerkt zu »«ben. Er schritt dem Walde zu. Dort schlich Ich mich von Baum zu Baum und mußte alle Kräfte ausbieten, um ihm zu folgen. Do« oben an d« Waldwiese wurde er «wartet. . , ."

.Von wem?" fiel Helene ein.

.Von einem jungen Mädchen. ; . "

»Don wem?" unterbrach ihn das Fräulein heftig.

.Von Judith Lomer, dn Tochter des alten pensionier­en Försters, der vor der Stadt in dem Meinen, halb zer- all enen Haufe wohnt," gab Krötzsch zur Antwort. Er prach die Worte langsam, zögernd, aber feine fast geschlaf­enen Augen ruhten scharf beobachtend auf dem Gesichte der vor ihm Stehenden. Die Farbe dnselben schien blaff« zu wttden, das schnellere Atmen ihrer Brust verriet, einen, wie mächtigen Sturm die Worte in ihr hervorgerufen hatten fie beherrschte stch jedoch und blieb ruhig.

.Erzählen Sie weit«," sprach sie mit kalter Stimme. . , h°"«l eine lange und «regte Unterredung, von

kein Wort verstand, denn e» war mir unmöglich,

»14 ihnen noch mehr zu nähern.'. (girtfÄ folgt.)

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. DL, BerlinMünchen und V Köln: G. L. Daube und 60. in Frankfurt a- SDL, Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt. Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. -