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Marburg, Dienstag, 21. April 1885.

XX. Jahrgang.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg 11. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaqsblatt

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal Abonnements-Preis bei de Expedition ä/4 Mk., be den Postämter 2 Mk. 5< «fg. (erd Bestellgelds JnsertionSgebühr für di gespaltene Zeile 10 vsg Reklamen für die Zeile

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Snzergen,nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, fowied.Annoncen-Bureaur von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M.,Berlin,München und V Köln: ®. 8. Daube und

Co. in Frankfurt a.

Berlin,Hannover u. Paris.

England und Ruszlaud.

Der friedliche Charakter der Lage tritt mit jedem Tage deutlicher hervor; am schärfsten wohl in der telegraphisch mitgeteilten Meinungsäußerung des Höchstkommandierenden in Indien, Sir Donald Stewart, welcher Penschdeh jede strategische Wichtigkeit absprtcht. Daß dies nur deshalb veröffentlicht wird, um die Ueberlasiung des vielbestrttteuen Punktes an Rußland zu begründen, liegt auf der Hand. Dem enfpricht auch die Haltung der englischen Blätter, welche jetzt ebenso zahm sind, als sie bis vor 3 Tagen noch wild und ingrimmig auftraten. ES ist das Übrigens eine in den letzten Jahren sehr oft beobachtete Erscheinung. Nirgend in der Welt vollziehen sich Stimmungswechsel so rasch und unvermittelt al- in dem angeblich so kaltblütigen und zielbewußten England. Der Volk-geist hat eben eine beträchtliche Umwandlung erlitten, feit England ausschließ­lich auf Handel und Gewerbe angewiesen ist und Überdies den größten Teil seiner unentbehrlichen Nahrungsmittel au- dem Auslande beziehen muß, ohne doch die See in dem Maße zu beherrschen, wie da- z. B. zu Anfang des Jahr­hunderts noch der Fall war. Damals brauchte sich das Land um feine Verproviantierung ebenso wenig Sorge zu machen, wie um den Absatz seiner Ware: unter dem Schutze einer übermächtigen Flotte ging der Handel im großen und ganzen seinen Weg. Heute ist das gründlich anders. Die englische Flotte besitzt nur noch eine relative Ueberlegenheit und selbst diese ist Frankreich gegenüber nicht mehr un­bestritten. Daß eS mit der beherrschenden Stellung seines Handels und seiner Industrie aber vorbei ist, das beweist mitten im Frieden jeder Tag. Wie nnn, wenn das Reich in langwierige Kriege verwickelt wird, die die Zufuhr der Lebensrnittel, wenn nicht ganz unmöglich machen, so doch erheblich Vertuern, und schon dadurch die obenhin sehr er­schwerte Konkurrenzfähigkeit Englands auf das äußerste gefährden würde? Diese Bedenken mögen in den letzten Wochen scheinbar geschlummert haben: in Wahrheit find sie von der großen Mehrheit des Volkes keinen Augenblick unterschätzt worden und treten nun beim ersten Anschein des EtnlenkenS mit voller Wucht zutage. Daß England deshalb nicht mehr krieg-fähig wäre, sagen wir nicht, ja wir sind sogar überzeugt, daß der j tzt vermiedene Kampf in Asten früher ober später doch zum Ausbruche kommen wird. Allein es wird dazu tiefer greifender Veranlasiungen bedürfen, als eS die Vertreibung der Afghanen aus Penschdeh gewesen ist. Wenn Rußland Indien einmal ernstlich, nicht bloß zum Schein b.droht, dann wird in England jede Rück­sicht schwinden, daS ist gewiß. Soweit aber werden wir sobald noch nicht sein. Die aufrichtig friedliche Gestnnung Kaiser Alexander-III. und seine- ersten Ratgeber-, deS Herrn v. Gier-, bürgt dafür. Wenn diese Gestnnung nicht gewesen wäre wir hätten schon heute den Krieg. Die Haltung der Engländer ist Rußland gegenüber eine so her­ausfordernde, ja geradezu beleidigende gewesen, daß Rußland

Eiae Srauenthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Du inst Dich in dem Namen," entgegnete die Ge­nannte und eilte schnell den Berg hinab. Der junge Mann blieb stehen und preßte dir Hand vor die Augen. Er fühlte, daß er sein LebenSglück von sich gestoßen, er hatte In tth innig geliebt und liebte sie noch. Sollte er ihr nachstürzen und sich ihr zu Füßen werfen? Da tauchte der G.danke an da- große Vermögen der Tochter de- Apotheker­in ihm auf, fein leichtfertiger Sinn spielte ihm da- Bild eine- lustigen Lebens vor und brachte die Stimme seines Herzen- zum Schweigen. Wenn Helene Westrmn die ©einige war, gehörte er zu den Reichsten im Orte die» mußte ein verlorenes Liebesglück reiflich anfwiegev. Er richtete den Kopf wieder empor und kehrte langsam heim.

Wie eine Flüchtige und Verfolgte war Judith den Berg hinabgeellt. Ihre Brust rang nach Atem, als ste in dem Thale angelangt war und sich dem kleinen Hanse, in dem ihr Vater wohnte, näherte. Scheu blickte fie sich um, die Straßen waren leer. Die Nacht war so still und friedlich, «ährend es in ihr wild gährte. Sie hätte laut aufschreien mögen, um dem armen Herzen Lust zu ver­schaffen, fie mußte still sein. Borstchlig trat fie ht das kleine Haus, besten Thür ste nicht verfchloflen hatte, mit an« gehaltenem Atem fchlich ste in ihre Kammer, nm bett Vater »icht zu wecken. Erst als ste dort angelangt wa^ sank ste auf einen Stuhl am Fenster und bedeckte das Gesicht mit ben Händen. Was ste mit aller Anstrengung zurückgehalten, brach jetzt «it voller Gewillt lot, sie schluchzte leidenschaftlich. Wie

hundert Vorwände für einen hätte finden können, wenn eS ihm um den Bruch zu thun gewesen wäre und nicht um daS Gegentell. Der Kaiser war aber fest entschlossen, den Frieden so lange festzuhalten, als eS mit der Würde und den Jnteresten des Reiches verträglich schien, und diese- Ziel ist vollständig erreicht worden. Nicht Rußland, sondern England ist der nachgebende Teil. Rußland erhält Penschdeh und damit den Punkt, um den eS ihm von Anfang an zu thun war. An Herat hat eS nie gedacht. Ein so rasches Borschreiten würde der ganzen Methode, die Rußland während einem Menschenalter in Mittelasien angewendet hat, widersprechen. Da ist nichts überstürzt worden, andern­falls würde man wohl rascher vorgegangen feto, ohne aber die sichere Grundlage gewonnen zu haben, auf der die russische Herrschaft in jenen Gebieten jetzt beruht.

Deutscher Reich.

«erlitt, 18. April. DieKirchliche Monatsschrift, Organ für die Bestrebungen der positiven Union", ist in bet Lage, das folgende Allerhöchste Schreiben mitzuteilen, mit welchem Se. Majestät der Kaiser eigenhändig das ehr­furchtsvolle Glückwunschschreiben seiner Hof- und Dom­prediger beim letzten Jahreswechsel beantwortet hat: Ich schließe das Jahr mit einem DaukrSworte für die Wünsche, die Mir die Dom-Geistlichkeit für daS zu betretende Jahr dargebracht. Sie berühren den mächtigen Schutz und die Segnungen, die Gottes Guare sichtlich Mir angedeihen ließ, ole Ich unverdient empfangen!! Einen besonderen Dank muß Ich wiederum der Vorsehung darbringen, daß ein Verbrechen, welches, fein gesponnen, ein Jahr lang unentdeckt blieb, wiederum durch des Allmächtigen Willen verhütet wurde! Dieser Gedanke verläßt Mich nicht und stimmt Mein Herz und Seele zu dem tiefsten Dank! So trete Ich 'in das neue Iaht in Demut und Ergebenheit zu Gott! Berlin, 31. Dezember 1884, 10 Uhr abends. Wilhelm. Heute nachmittag- 2 Uhr fand die feier- llche Grundsteinlegung der Kirche zum heiligen Kreuz auf dem PlatzeJohannisttsch" vor dem Halleschen Thore statt, welcher der Kronprinz, die Minister v. Goßler und v. Bötticher, der Konststorlalprästdent Hegel und Vertreter der Staotbehörden beiwohnten. Die bereits mitgeteilte Nachricht, daß der General - Lenlna' t v. Heuduck, Kom­mandeur der Kavallerie'-Diviston des 15. Korps, unter Belassung in dieser Stellung, zum Generalkommando be« 15. Korps kommandiert ist, wtro durch das heutige Militär- Wochenblatt bestätigt. Generalleutnant v. Heuduck steht noch nicht lange an der Spitze der Kavalleriedivision des 15. Korps; er war früher Chef de« Militär - ReitinsttintS in Hannover. Generalleutnant ist er seit 30. Mai 1881 und hat als Divisionskommandeur noch 6 Vordermänner. Nächsten Donnerstag tritt der engere Staatsrat zusammen, um über die Börsensteuerfrage zu beschließen, lpecfönlic^« feiten, die mit diesen Kreisen Fühlung haben, stns der hatte ste den, der sie so treulos verloffen, geliebt! Und fie liebte ihn jetzt noch I All ihr Denken war nur auf ihn ge­richtet gewesen, Freud' und 8d» hätte sie mit ihm getragen und wenn er zum Bettler geworden wäre, so würde sie ohne Klage von Thür zu Thür mit ihm gewandert sein.

Nur deS Geldes wegen hatte er fie aufgegeben, er wollte sich mit einem Mädchen verbin-en, das er nie lieben konnte! Ein Gefühl der Verachtung zog durch fie hin. Mochte es wahr fein, daß fein Geschäft sich in schlimme Lage be-and wen traf die Schuld? Den Holzhandel, ben fein Vater betrieben, hatte er nach bem Tode desselben in blühendem Zustande übernommen, aber er hatte sich um das Geschäft wenig bekümmert, sondern sich von dem ererbten (Selbe lustige Tage gemacht.

Nach dem Wunsche seine» Vater- war er drei Jahre lang auf Reisen gewesen, nm ben Holzhandel im Großen rennen zu lernen, er hatte die meiste Zett in großen Städten zugebracht, aber sich um seine ernste Aufgabe wenig geküm­mert; seinem leichtfertigen Sinn hatten die Freuden und Zerstreuungen der Großstadt mehr zugesagt. Die Lust zur Arbeit war ihm verloren gegangen. Sie halte die- gewußt, aber st- hatte zugleich gehofft, ihn ändern zu können, würde für ihre Liebe doch fern Opfer zu groß gewesen fein.

Di^ alle-, ihr Hoffnungen und Pläne zogen wie ein Traumbild an ihrem Geiste vorüber. Sie dachte nicht an Schlaf. Durch das Fenster blickte sie auf die stille, bleiche Mondschelnlaudschaft, und so still und bleich, ohne Farbe und ohne ein einzige- Grün erschien ihre Zukunft. Sie war ruhiger geworden, aber e» »ar nur die dumpfe Ruhe hoffnung-lvser Verzweiflung. So brach der Morgen herein.

Ansicht, daß von diesem Telle de- Staatsrat- der Beschluß der Abteilungen, die bekanntlich die prozentuale Steuer ab­gelehnt und im wesentlichen den nationalliberalen Entwurf angenommen haben, verworfen und ein Votum zu gunsten de- Wedell-Malchowschen Anträge- abgegeben werden wird. E- wird hinzugefügt, daß jetzt an maßgebender Stelle ein solcher Beschluß nicht ungern gesehen werden würde. Da- Börsensteuergesetz, welches jetzt dem Reichstag in bem von bem Abg. Dr. Grimm bearbeiteten Kommifston-bericht vorliegt, würde bann auch vom Bundesrat acceptiert wer­ben. In bem am 31. März d. IS. abgelaufenen Etats, fahre betrug nach der amllichen Zusammenstellung die Jst- einnahme deö Reiches an Zöllen und Verbrauchssteuern, abzüglich der Ausfuhrvergütungen und Verwaltungskosten 344008884 Mk. (gegen das Vorjahr + 18272335), darunter Zölle 208 260940 (+17397309), Tabaksteuer 8445465 (4~ 707230), Rübenzuckersteuer 32 670770 ( 5195383), Salzsteuer 38513960 (+ 592255), Branntweinsteuer und UebergangSabgabe von Branntwein 38 312 928 (+ 4013 805), Brausteuer und Uerbergang-- abgabe von Bier 17 804 781 (+ 757119). Außerdem -rgab der Spielkartenstempel 1032 634 (+ 24362) Mk. Ae»Abeitkrschutz,. Kommission de- Reichstage- hat mit Rücksicht darauf, daß die Erledigung des ganzen ihr vor­liegenden Material- in dieser Session nicht möglich sein dürste, beschlossen, die Frage der Sonntagsruhe möglichst bald durchzuberaten und diesen Tell der Anträge allein ans Plenum zu bringen. Man ging nämlich von der Ansicht aus, daß der Schluß der Session vor Pfingsten erfolgen werde. Nur die Mitglieder des Zentrum- widersprachen dem und glaubten, daß die Session sich über Pfingsten hinan- ausdehnen werde, denn da- Zentrum fei fest ent­schlossen, die definitive Abstimmung über die Zolltarif- Novelle nicht eher zu vollziehen, al- bis der Huenesche Ver­wendungsantrag von beiden Häusern deS preußische« Land- tage« angenommen und als Gesetz publiziert fei. Hält da« Zentrum on diesem Beschluß fest, so dürfte allerdingS die ReichStagssession bis nach Pfingsten dauern. Nach dm jetzt nahezu vollständig vorliegenden Resultaten der ReichStagSwahl im Wahlkreise Teltow-BeeSkow-Charlotten- barg erhielt der Konservative Prinz Handjery 11500, Dr. Barth (bfreif.) 4610, Medailleur Krohm (Soz.) 4314 Stimmen. Im Oktober vorigen Jahres erhielten hier die Deutschsreisinnigen noch 9830 Stimmen.

«erlitt, 19. Aprll. Der Kaiser hat an den Reich«- kanzler folgende Allerhöchste Ordre gerichtet:Ich habe au« Ihrem Berichte vom 4. d. M. zu Meiner Freude er. sehen, daß von einem an« Deutschen aller Stände bestehen« den Komitee durch Sammlungen Im ganzen Deutschen Reiche die Summe von 1200000 Mk. aufgebracht und au- An­laß Ihres 70 jährigen Geburtstages am 1. April d. I. Ihnen an diesem Tage für öffentliche Zwecke zur freien Verfügung gestellt worden ist. Ihrem Anträge entsprechend,

II.

Die Verlobung deS jungen HvlzhändlerS mit Helene Westium, der einzigen Tochter und Erbin des verstorbenen Apothekers, welche am folgenden Morgen bekannt gemacht wurde, rief in der ganzen Stadt das größte Aufsehen her- vor, denn nur Wenige hatten eine Ahnung davon gehabt. ES konnte keinem Zweifel unterliegen, daß Weiland sich nur durch bas Vermögen seiner Braut hatte verleiten lassen, denn ste war vier Jahre älter als er und ihre Persönlich, feit konnte niemand verlocken.

3 Stillen schüttelten alle mit dem Kopfe, offen wagte stch jedoch niemand auSzusprechm, denn so wenig beliebt Helene auch war, so hatten doch die Meisten Rückstchten gegen fie zu nehmen. Durch ihr großes Vermögen be* herrschte fie fast die ganze Stadt, fie gab öfter Gesellschaften und diejenigen, welche dazu eingeladen wurden, gehörten bat ulch bem besseren Kreise an, eS wagte deshalb niemand, ihr entgegen zu treten. Sie war von allen gefürchtet. Diejenigen, welche mit ihr verkehrten, hatten gleichsam das stille Uebereintommen getroffen, über bie Schwächen ihre- Charakters hinwegzusthm; man schmeichelte ihr aus not­wendiger Rückstcht, obschon man sehr gering über ste dachte.

Helene Westrnm befand stch in ihrem, mit vielem Luru- auSgestatteten Zimmer. Sie hatte ihre Gestalt durch eine sehr gewählte Kleidung zu verjüngen gesucht, aber es war chr wenig gelungen. Ihr kleiner und hagerer Körper war ^c.r<LciJ,yt£6er unb voller geworden, ihr Gesicht wurde s^bst durch die Freude über ihre Verlobung nicht v-rschönt. Ihre kleinen, grauen Augen leuchteten zwar, aber es lag i« diesem Leuchten etwas Scheue-, Stechende«.

(Fortsetzung folgt.)