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Marburg, Sonntag, 19. April 1885.
XX. Jahrgmg.
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Anzeigen,nimmt entgegen die Expedition d. BlattrS, sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMosse in Frankfurt a. M.,Berlin,München und V Köln; L. Daube und
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition! Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsche» Reich.
Berlin, 17. Aprl. Der Kaiser hat, wie auö militärischen Kreisen bekannt wird, dem Gmeralseldmarscholl Freiherr« v. Manteuffel in seiner Eigenschaft als kommandierender General des 15. Armee-Korps (Eisaß-Lothringeu) einen Stellvertreter in Person des Generalleutnants von Heumck, Kommandeur der Kavallerie - Division des betreffenden Armee - KoipS, mit der Bestimmung beigegeben, daß demselben die sämüichen Funktionen deS kommandierende» Generals zufallen. Offenbar war es darum zu thun. eine Niederlegung deS Kommandos seitens deS Feldmarschalls, welche derselbe bekanntlich schon seit längerer Zett plant, zu vermeiden. Die Ernennung eines Stellvertreters für einen kommandierenden General ist bisher noch nicht vorgekommen. Durch Beibehaltung des DivistouS-KommandoS seitens des Generals v. Heuduck wird übrigens die Verlegung des DivisionS-StabeS von Metz nach Straßburg bedingt. — Der Bundesrat htell am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staats - Ministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher, eine Plenarsitzung ab. Der Vor- sttzende gab zunächst namens der Versammlung dem Bedauern über den am 9. d. M. erfolgten Tod des Herzoglich braunschweigischen Bevollmächtigten zum BundeSrat, Wirklichen G.Heimen Rat Dr. v. Liebe, AaSsruck. Sodann legte derselbe Mitteilungen des Präsidenten des Reichstages über die Bejchlüffe des Reichstages zu den allgemeinen Rechnungen über dm Reichshaushalt für 1879/80 und für 1880/81 vor. Dieselben wurden dem Ausschuß für Rechnungswesen überwiesen. . Vorlagen, betr. die Vollstreckung von Gesamtstrafen bet Festsetzung der Etnzelstrafen von Gerichten verschiedener Bundesstaaten, den zu St. Petersburg am 8/20. März d.J. unterzeichneten Auslieferungsvertrag zwischen dem Reich und Rußland, und dem Entwurf eines Gesetzes über die Fürsorge für Beamte und deren Hiuterbliebeuen infolge von Unfällen, wurden ebenfalls den zuständige» Ausschüssen überwiesen. Mit der bereits erfolgten Überweisung deS Entwurfs eines G-setzeS für Elsatz-Lothrtngen über die Kosten in Grundbuchsachen an die Ausschüffe für Justtzwesen und für E saß Lothringen erklärte sich die Versammlung einverstanden und nahm von den vorgelegtcn Aktenstücke über die Kongofrage Kenntnis. Den Anträgen, betriff ud die Gehaltszahlung an Reichsbeamte in vierteljährigen Raten und die Feststellung des Ruhegehalts für RetchSbeamte, sowie dem Entwurf eines Gesetzes wegen Abänseiung des ZollvereintgungS Vertrages vom 8. Juli 1867, wurde die Zustimmung erteilt. Nachdem noch über die Aenderung der Bestimmungen des Eisenbahn - BctrtebSreglemsntS, betreffend dir Beförderung von Zündbändchen, Petioleum, Benzin rc-, Beschluß gefaßt worden war, wur.e die Sitzung mit der Vorlegung von Eingaben verschiedenen Inhalts geschloffen. — Die Kommission deS Reichstages zur Vorberatung des von dem Abgeor meten
Lenzmann eingebrachten, von demselben zurückgezogenen und vom Abgeordneten Kayser wiederaufgenommenen Gesetzentwurfs, betreffend die Entschädigung für verurteilte unv im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochene Personen besteht aus den Abgeordneten Klemm, Vorsitzender, Dr. Roßhirt, Stellvertreter, v. R inbaben, Spahn, Schriftführer, Bock (Gotha), Brünings, Frhr. v. Buol - Berenberg, Geiger, Gottburgsen, Dr. v. Graevenitz, Halben, Dr. Hartmann, Kayser, Dr. v. Lenz, Dr. Lotz, Meibauer, Dr. Papellter, Dr. Porsch, Dr. Reichensperger, Saro, Träger. — Die Kommission des Reichstages zur Beratung des Antrages Ackermann auf Abänderung der Gewerbeordnung hat heute nach längerer Diskussion den § lOOe Al. 1 mit 12 gegen 7 Stimmen in folgender Fassung angenommen: „Für den Bezirk einer Innung, deren Thätigkeit auf dem Gebiete des LehrltugSwesenS sich bewährt hat, kann durch die höhere Verwaltungsbehörde nach Anhörung der Aufsichtsbehörde bestimmt werden: 1. daß Streitigkeiten aus den Lehrver- hältniffeu der im § 120 a bezeichneten Art auf Anrufen eines der streitenden Teile von der zuständigen JnnungS- behörde auch dann zu entsch.-iden sind, wenn der Arbeitgebers obwohl er ein in der Innung vertretenes Gewerbe befreist und nach der Natur des Gewerbebetriebes zur Aufnahme in die Innung fähig sein würde, gleichwohl der Innung nicht ««gehört.' —Man nimmt an, daß die übrigen Vorschläge des Abg. Ackermann bezüglich der Abänderung der Gewerbeordnung ebenfalls mit 12 gegen 7 Stimmen von der Kommission gutgeheißen werden dürften. — Der Ausschuß des Vereins für Sozialpolitik beriet unter Vorsitz des Professors Raffe in Frankfurt a. M. vorbereitende Schritte für die nächste Generalversammlung des Vereins. Auf deren Tagesordnung wurde zunächst die Frage der Arbeiterwohnunzen gesetzt, welche in den Großstädten soziale Mißstände Hervorrufe, so daß von den Almenverwaltungen in der Wohnungsfrage eine der größten Schwierigkeiten erblickt wird. Es wurde hervorgehoben, daß alle bisherigen Versuche, durch gemeinnützige Bau- gesellschafteu Äbhülfe zu schaffen, nichts gefruchtet haben. Ferner wird stch die Generalversammlung mit den Ver- hältniffeu deS bäuerlichen Kredits beschäftigen und sollen zunächst Mitteilungen über die bestehenden Kreditanstalten gesammelt uns in einem besonderen Hefte herauögegeben werden. Bei einer Erörterung über bet Kommunal-Spar- kaffen hervorgetretene Uebelstände wurden die Postsparkaffen besprochen; da jedoch die Generalversammlung erst im Herbst 1886 stattfindet, wurde z. Z. von Beschlüssen abgesehen. Ein Antrag, die Lage der Arbeiter, wie sie sich bei den Erportindustrieen der mit einander konkurrierenden Industriestaaten in den letzten Jahre» gestattet hat, zu ermitteln, soll vorbereitet werden, indem der Vorsitzende es übernahm, Personen aufzufiaden, welche geeignet und bereit sin», diese Ecmittelungeri anzustellen. — Im Wahlkreise
Teltow-BeeSkow ist der bisherige Reichstags - Abgeordurte Prinz Handjery (der fein Mandat wegen Beförderung zum Regierungspräsidenten in Liegnttz hatte nirderlegen urüffen), wie auch von den Gegnern nicht bezweifelt wurde, wiedergewählt worden, obwohl die Berhältniffe in diesem vor den Thoren von Berlin gelegenen Kreise sehr schwierig sind, da der fortschrittlichen wie der sozialdemekratischen Wühlerei Thür und Thor geöffnet ist. Die Gegner erklären daS zum Teil aus dem Umstande, daß ihnen sehr wenig Zeit zur Agitation gelassen sei, geben damit indessen selber zu, daß sie nur künstliche Siege erringen können, vom Volke aber im Stiche gelassen werden, sobald dasselbe in seinem eigenen unbefangenen Urteile nicht gestört und irre ge- führt wird.
Münster, 16. April. Das Schreiben, in welchem sich Herr Dr. v. Schorlemer-Alst von seinen ReichStagSwähleru verabschiedet, hat folgenden Wortlaut: „An meine Wähler zum Deutschen Reichstage im Wahlkreise Ahaus-Steinfmt- Tecklenburg. Ich erfülle eine mir überaus schmerzliche Pflicht, indem ich Ihnen anzetgen muß, daß ich heute daS Mandat zum Deutschen Reichstage uiedergelegt habe. Nur mit Widerstreben hatte ich mich, unter dem Druck der bei den Wahlen im vorigen Herbst obwaltenden Verhältnisse, bereit erklärt, nochmals eine Wahl zum Deutschen Reichstage anzunehmen. Leider mußte ich im Verlaufe der jetzigen Session wahrnehmen, daß meine Gesundheit der Aufgabe, welche das Doppelmandat zum Reichstage und preußischen Abgeordnetenhause an mich stellt, zumal bei dem gleichzeitigen Tagen beider Körperschaften, nicht mehr gewachsen ist. Die Arbeit wird dadurch — abgesehen von den außerdem im Jntereffe meiner Mitbürger auf mir lastendm Geschäften — eine so große, daß auch bei dem angestrengtesten Fleiß es mir unmöglich ist, dieselbe zu bewältigen und gewisienhaft meine Pflicht zu erfüllen. Bet Fortdauer deS kirchrnpolitlschen Kampfes in unserem engeren Vaterlande konnte ich nicht zweifelhaft sein, daß der Rest meinet Kraft und Gesundheit der Verteidigung der höchsten In- tereffen, die dort in Frage stehen, gewidmet sein, und ich daher daS Mandat zum preußischen Abgeordnetenhause beibehalten müffe. Von Herzen danke ich Ihnen, den unverbrüchlich treuen Wählern der Zentrumspartei I für das mir erwiesene Vertrauen. Seien Sie versichert, daß ich nur der Notwendigkeit folge, indem ich das Mandat zum Deutschen Reichstage in Ihre Hände, aus denen ich eS empfing, zurückgebe; feien Sie aber auch versichert, daß ich ferner- hin als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses mit um so größerem Eifer für unsere heiligsten Güter ein« treten unv kämpfen werde. Berlin, den 14. Aprll 1885. Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst.
Karlsruhe, 17. April. Der Großherzog, der am Montag von einem leichten Unwohlsein befallen wurde, ist heute vollkommen wiederhergestellt.
Eine Kraueuthat.
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Als dies entdeckt wurde", erzählte Judith weiter, „kam er in seiner Verzweiflung zu meinem Vater und beschwor ihn, ihn zu retten. Mein Vater besaß nichts. In seiner Augst wandte er stch an Westrum. Er ei zählte ihm alles und der Apotheker gab ihm auch das Geld auf Wechsel und zu hohen Zinsen. Mit der erhaltenen Summe elfte mein Vater nach der Hauptstadt, ersetzte dem Kaufmann, waS mein Bruder ihm entwendet hatte, und beschwor ihn, den Unglücklichen zu schonen und ihm nicht die ganze Zukunft abzuschneiden. Der Kaufmann versprach eS, als er tndeffeu das Geld erhalten und mein Vater Ihn verlassen hatte, zeigte er dl« That meine- Bruders dennoch dem Gerichte an. Der Unglückliche wurde verhaftet und erhing stch schon nach wenigen Tagen in dem Gefängnisse. Ja einem Briefe an meine Eltern schrieb er, daß er die Schmach nicht überleben könne und wolle. Dieser schwere Schlag warf meine Mutter aufs Krankenlager und mein Vater war seit dem Tage, an welchem er den Brief erhielt, ein gebrochener Manu. Der Wechsel, welchen er dem Apotheker ausgestellt hatte, wurde nach kurzer Zeit fällig, ohne daß er ihn einlösen konnte. Auf seine Bitten verlängerte Westrum denselben, berechnete aber noch höhere Zinsen. Ja kurzer Frist wiederholte stch dasselbe und ehe ein Jahr verschwunden war, schuldete mein Vater ihm zweimal soviel als er erhalten hatte. Da drang der Apotheker auf Bezahlung. Vergebens bat mein Vater, dem die Sorge um meine schwer er- krankte Mutter jede ruhige Ueberlegung geraubt hatte, ihm Zeit zu gönnen, der Hartherzige rmpsand.kein Mitteid mit ihm. Da
entschloß ich mich, mich an West.umS Tochter die den Verhandln ngen mit meinem Vatec beigewohnt hatte, zu wenden und sie um Schsi-ung zu bitten, wußte ich doch, welchen Einfluß auf ihren Vater sie besaß. Sie empfing mich mit kaltem Hochmute und w'.eS meine Bitte zurück; als ich mich ihr zu Füßen warf, ihre Knie umklammerte und zu ihr flchte, diS Unglück meiner armen Eltern nicht noch zu vergrößern, da lachte ste spöttisch auf und rief: „wer bezahlen solle, fühle stch stets unglücklich. Ihr Vater sei nicht reich genug, um sein Geld In unnützer Weise wegzuwerfen l Sie wandte mir den Rücken und verließ das Zimmer. Acht Tage später erschien aus WeftrumS Antrag der xekutor und nahm unS alles, was wir besaßen, er räumte sogar in dem Zimmer auf, In dem meine kranke Mutter lag. Und wieder acht Tage später wurde meine arme Mutter zum Friedhöfe getragen, der Kummer hatte ihrem Leben schnell ein Ende gemacht. Ich habe eS ertragen, weit ich jung war und eS ertragen mußte, aber meinen armen Vater erfaßte eS schwer — schwer; er wurde tiefsinnig und mich bangte um seinen Verstand. In wenigen Monaten erbleichten seine Haare und seine so kräftige Gestalt war gebeugt. ES wurde ihm schwer, seinen Dienst als Förster zu versehen und mit der Hälfte seine- geringen Gehaltes wurde er pensioniert. Wir haben das alles ertragen, ohne zu klagen, denn wir fühsten uns ohnmächtig gegen die Macht deS Geschickes, aber wenn ich Helene Westrum, Deiner Verlobten, begegnete und sie mit kaltem, spöttischen Lächeln auf mich herabblickte, dann bäumte eS sich wild in mit auf, ich hätte vor sie hiotreten und Ihr zurafen mögen, daß ste meine Mutter ermordet und meinen Vater ins Elend gestürzt Habe l Wundert e« Dich nun noch, daß ich sie Haffe?'
Weiland hatte schweigend zugehört. Er wußte, daß die, welche er heiraten wollte, wenig Herz besaß, aber ste war reich und der Gedanke an ihr Vermögen hatte ihn verblendet.
„Du beurteilst sie zu hart,' sprach er zögernd.
„Nimm ste In Schutz, ich verarge eS Dir nicht, denn Du mußt ja mit Ihr leben,' gab Judith zur Antwort. Wir haben unS heute zum l-tztenmale gesprochen. Ich hätte Dich nicht aufgefordert, hierher zu kommen, wenn ich nicht eine Bitte an Dich richten wollte. Ich habe Dir geglaubt, erzähle wenigstens anderen nicht, rote thvricht ich gewesen bin. Wenn man unglücklich ist, empfindet mau eS doppelt schwer, wenn man verlacht wird.'
„Ich werde schweigen,' entgegnete Günther, ohne anf- zublick-n.
„Ich danke Dir,' sprach daS junge Mädchen und schickte stch an, den Berg hinabzusteigen.
„Ich werde Dich heimgeleiten,' fiel Weiland ein, indem er an ihre Seite trat.
„Zurück!' rief die innerlich auf daS heftigste Erregte. „Unsere Wege sind geschieden! Du selbst hast den Steg, der ste verband, abgebrochen, nun sind sie für Immer getrennt !' Wenn der Zufall unS einander wieder entgegen« führen sollte, dann sei wenigstens großmütig genug, mich nicht zu kennen!'
Der Mond schien voll auf ihr hübsches Gesicht, welcheS ste ihm zugewandt hatte. Ihre Augen leuchteten so wunderbar und wie glücklich hatte er stch gefühlt, wenn et in sie gebllcki l
„Judith I Judith!' rief er, alles vergessend und breitete beide Arme aus. (Fortsetzung folgt.)