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Marburg, Sonnabend, 18 April 1885.

Rr. 90

XX. JlchlMg

OllttliGschk ZkitiiW

Eine Fraueuthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

Ja, aber auf dem, was er hinterlassen hat, ruht der Fluch von Hunderten, der Fluch all derer, die er ins Elend gestürzt hat! Doch das schreckt Dich nicht mehr ab!"

Der junge HolzhLndler stand schweigend, den Blick auf dir Erde geheftet, da.

Ich kann mich nur durch daS Geld des Mädchens retten," sprach er dann.Mein Geschäft ist in der letzten Zeit schlecht gegangen, ich habe schwere Verluste erlitten und bin verloren, wenn ich mich nicht durch eine reiche Heirat rette."

Haha! Da- muß schnell gekommen fein 1" rief Judith mit bitterem Lachen. »Vor wenigen Tagm wußtest Du dies noch nicht!"

Ich wußte eS, wagte aber nicht darüber zu sprechen."

Das hinderte Dich indeflm nicht, lustig zu leben und viel Geld zu verthun."

ES würde aufgefallen sein, wenn ich mit eivemmale einfacher gelebt hätte," warf Welland ein.

Weiß die Tochter de- Apothekers, weshalb Du sie heiraten willst? Hast Du ihr gesagt, daß nur ihr Geld Dich retten könne?"

Der Gefragte schwieg und starrte vor sich nieder auf die Erde.

Doch weshalb sollst Du ihr die Wahrheit sagen, da Du sie mir auch nicht gesagt hast," fuhr Jadtth fort.Du wirst ihr dieselben Versicherungen und Schwüre Deiner Treue wiederholen war geht eS mich an, »etra auch sie g> täuscht wird!"

,Judith, Deine Worte foltern mich!" rief Günther.

Deutscher Reich.

Berlin, 16. April. Den Abendblättern zufolge wird die Verlobung deS ErbgroßherzogS von Baden mit der Prinzessin Hilda von Nassau demnächst offiziell verkündigt werden. Die Vermählung dürfte vielleicht schon im Herbste bei Anwesenheit des kaiserlichen Paares tu Baden statt­finden. Der Erbgroßherzog kehrt am 1. September dauernd nach Baden zurück und übernimmt während de- Sommers daS 1. Garde - Ulanen - Regiment, worin er bisher eine Schwadron führte.In der heutigen Sitzung deö Bundes­rats wurde der zu Petersburg am 20, März unterzeichnete AuSlieferungSvertrag zwischen Deutschland und Rußland an einen Ausschuß verwiesen. Die Meldung betBo- hemla", Prinz Wilhelm habe eine Studie über die Kriege CäsarS vom Standpunkte der modernen Strategie auö ab- gefaßt, ist derN. Pf Ztg." zufolge unbegründet. Dem BunveSrate ist ein Gesetzentwurf, betreffend die Fürsorge für Beamte und deren Hinterbliebene infolge von Unfällen, zugegangen, welcher bestimmt: § 1. Die Beamten der Zivilverwaltung deS Reiches erhalten, wenn sie infolge ehe« bei Ausübung ober in Veranlassung des Dienstes erlittenen Unfalles olenstunfähig werden, eine Pension von 66% Proz. ihre« jährlichen Diensteinkommens, soweit ihnen nicht nach auderwetter reichsgcs.tzlicher Vorschrift ein höherer Betrag zusteht. § 2. Die Hinterbliebenen solcher im § 1 bezeich­neten Beamten, welche durch einen bei Ausübung ober in Veranlassung ihres Dienste- erlittenen Unfall getötet ober infolge eines solchen gestorben sind, erhalten eine vom Todestage an zu gewährende Rente. Dieselbe beträgt: a) für die Witwe bis zu deren Tode ober Wiederverhei- raiung 20 Proz. des jährlichen Diensteinkommens, jedoch nicht urter 160 Mk. und nicht mehr als 1600 Ml., b) für jeres Kind, dessen Mutter lebt, 15 Proz., und für jedes Kind, dessen Mutter nicht mehr lebt, 20 Proz. deö jähr­lichen Dienstelnkommen« de« Verstorbenen. Die Renten der Wtwe und der Kinder dürfen zusammen 60 Proz. des DienstelnkommenS nicht übersteigen. Ecgiebt sich ein höherer Betrag, so werden die eiuz-lnen Renten in gleichem Ver­hältnis gekürzt. Der Anspruch der Witwe ist ausgeschlossen, wenn die Ehe erst nach dem Unfälle geschloffen worben ist. 8 3. Ein Anspruch auf Pension, Witwen- und Waisen­rente besteht nicht, wenn der Beamte den Unfall (8 1) vorsätzlich oder durch ein Verschulden herbeigeführt hat, wegen dessen auf Dienstentlassung gegen ihn erkannt worden ist. 8 4. Im übrigen gelten die gesetzlichen Bestimmungen über Pension, Witwen- und Waisengeld der R IchSbeamten und ihrer Hinterbliebenen auch für die den Beteiligten auf Grund des gegenwärtigen Gesetzes zu gewährenden Bezüge. 8 5. Diejenigen Personen, denen die in den SS 1 und 2 vorgesehenen Bezüge zustehen, können einen Anspruch auf Ersatz deS durch den Unfall (§ 1) erlittenen Scha enS gegen das Reich überhaupt nicht, und im übrigen nur gegen diejenigen Betriebsleiter, Bevollmächtigten ober Repräfen-

Anzeigen. nimmt entgegen die Expedition d. Blatte«, sowied.AnnomeN'Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolsMoffe in Frankfurt a a. M., Berlin,München und V Köln: @. L. Daube und

6o. tn Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Pari«.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition SV. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (efd. Bestellgeld). Jnscrtionsgebahr für die gegoltene Zeile 10 Psg. Reklamen für die Zeile SS Pfg.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. l>. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

tanten, Betriebs- oder Arbeiteraufseher geltend machen, gegen welche durch strafgerichtliche- Urteil festgestellt worben ist, baß dieselben den Unfall vorsätzlich herbeigeführt haben. Der hiernach zulässtge Anspruch ermäßigt sich um denjenigen Betrag, welcher den Berechtigten nach dem gegenwärtigen Gesetz zusteht. § 6. Die in dem S 5 bezeichneten An­sprüche können, auch ohne daß die daselbst vorgesehene Fest­stellung durch strafrechtliches Urteil fiattgefuuben hat, geltend gemacht werben, falls diese Feststellung wegen des Todes oder der Abwesenheit deS Betreffenden oder aus einem anderen in der Person desselben liegenden Grunde nicht er­folgen kann. 8 7. Die Haftung dritter, in dem 8 5 nicht bezeichneter Personen, welche den Unfall vorsätzlich herbei­geführt ober durch Verschulden verursacht haben, bestimmt sich nach den bestehenden gesetzlichen Vorschriften. Jedoch geht die Forderung der EntschSdigungsberechtigten an den dritten auf da- Reich insoweit über, als das letztere zur Zahlung von Pensionen, Witwen- ober Waisenrenten ver­pflichtet ist. § 8. Solchen Staats- und Kommunalbeamten und deren Hinterbliebenen, für welche durch die LaudeS- gefetzgebung ober durch statutarische Festsetzung für den Fall eines im Dienste ober in Veranlassung desselben erlittenen Unfalles eine den Vorschriften des gegenwärtigen Gesetzes mindestens gleichkommende Fürsorge getroffen ist, steht ein weiterer Anspruch aus dem Reichsgesetze betreffend die Ver­bindlichkeit zum Schadenersotz für die bei dem Betriebe von Eisenbahnen, Bergwerken rc. herbeigeführten Tötungen, Körperverletzungen vom 7. Juni 1871 nur nach Maßgabe der 88 5 und 6 deS gegenwärtigen Gesetzes zu. § 9. Das Gesetz tritt mit dem Tage der Verkündigung in Kraft. Der BundeSrat hat in seiner heutigen Sitzung auch den Gesetzentwurf zur Abändemng deS Zollvereinsgesetzes von 1851 genehmigt, durch welchen es ermö flicht wird, daß Kommunalabgaben von Mehl, Mühlenfabrikateni, Back­waren, Fleisch, Fett und Bier erhoben werden, auch wenn die Eingangszölle für diese Artikel mehr als 3 Mk. be­tragen. Der BundeSrat hat den ursprünglichenMntwnrf insofern verändert, daß er zu den genannten Artikeln auch Branntwein hinzugefügt hat. Der vormalige chinesische Gesandte Lifongpao reiste heute abend nach Brindisi ab, um von da nach China zurückzukehren. Die Nachricht von der angeblich bevorstehenden Verlobung deS Groß- Herzogs von Hessen, die in mehreren anscheinend gut unter­richteten Zeitungen mit so großer Bestimmtheit mitgeteilt wurde, ist, wie man betNat.-Ztg." aus Darmstadt schreibt, eine auf Phantasie beruhende Kombination ohne that- sächlichen Anhalt.

Ausland.

Paris, 16. April. DieAgence HavaS" meldet: Der Finanzminister tritt wahrscheinlich aus Gesundheits­rücksichten zurück und wirs durch Gabt Carnot ersetzt; daS Unterstaatssekretariat der Marine ist Menart Dorian Du weißt, daß ich nicht meinem Herzen folge, daß die schlimme Lage meines Geschäftes mich zwingt! Meine Mutter kennt dieselbe und sie ist eS, die das Bündnis zustande ge­bracht hat."

Ein wie gehorsamer Sohn Du geworden bist! Und hier an dieser Stelle hast Du mir mehr als einmal gesagt, daß ich die Deinige werden solle und wenn auch Deine Mutter und all Deine Verwandten dagegen seien! Ich habe Dir nie ein H hl daraus gemacht, daß ich arm sei und nichts zu erwarten habe, stets hast Du mir erwidert, Du verlangst nicht» und wenn Dir alles genommen werbe, so fühlest Du die Kraft in Dir, Dich burchzuringen! Die Bäume, unter denen wir hier stehen, sind Zeugen all Deiner falschen Worte und Schwüre gewesen Du wußtest frei­lich, daß sie nichts wieder erzählen könnten l Ober glaubst Du, daß die Tochter de- Apothekers Dich nehmen würde, wenn sie erführe, was Du mir gelobt und versprochen, wenn sie wüßte, daß ihr Geld nur dazu dienen soll, Dein vernachlässigtes Geschäft wieder in die Höhe zu bringen und Dir lustige Tage zu verschaffen? Ich bezweifle eS, denn ihr Herz hängt an dem Beide, welches sie mit erworben hat, denn sie war ja die rechte Hand ihre- Vater« bei dem Wucher, welchen derselbe betrieb!"

Der junge Mann hatte in verzweiflungsvoller Er- bltternng die Zähne aufeinandergepreßt, denn jede« Wort traf ihn wie ein Dolchstich, da e« die Wahrheit aussprach.

Dann gehe hin und verrate es ihr I* rief er.Sage ihr alles, wenn e- Dir Freude bereitet, mich ins Unglück zu stürzen!"

Judith hob den Kopf stolz empor und blickte mit dem Ausdrucke der Verachtung auf den vor ihr Stehenden.

angeboten und Cavalgnac für das Unterstaatssekretariat de« Krieges designiert worbm. Eine Depesche deS Admiral- Courbet meldet: Der KreuzerEstaing" nahm noch vor der Notifizierung der Friedenspräliminarieu ein chinesische- Schiff weg, auf welchem sich 750 Soldaten und Offiziere, sowie drei Mandarinen befanden. Alö Ferry am 29. März die famose Depesche des Generals Ödere erhielt, telegraphierte er sofort an den Admiral Courbet, daß er Formosa räumen und mit allen seinen Streitkräften nach Haiphong dampfen soll. Am 3. April, al- et bereits die Annahme der Friedensbedingungen seitens Chinas kannte, erneuerte er diesen Befehl. Glücklicherweise war derselbe aber noch nicht ausgeführt, al- Freycinet an« Ruder kam. Derselbe sah sofort den von seinem Vorgänger gemachten Fehler ein und gab dem Admiral Courbet telegraphisch den Befehl, die Insel nicht zu räumen, well deren Besetzung ein« der Pfänder für die Ausführung de- enbgültigen Friedensvertrages fei. Ranc, Waldeck-Rousseau, Spuller und Genossen gingen schon vor dem 29. März mit dem Gedanken um, Ferry vor den allgemeinen Wahlen zu be­seitigen. Heute halten sie natürlich zu ihm und suchen ihn und seine Politik zu rechtfertigen, da fie für dieselbe eben­falls verantwortlich sind. Falls eS ihnen aber gelingen sollte, Brisson zu stürzen, ist es sicher, daß sie Ferry nicht zu ihrem KonseilSprästdenten machen werden. Der Vertreter von Sir Robert Hart, Campbell, hatte heute eine längere Besprechung mit Freycinet, dem er eine Reihe von Depeschen bezüglich der Ausführung des VorfriedenS mitteilte. In einem dieser Telegramme meldet Hart, daß er da- kaiserliche Dekret betreff- des VorfriedenS tn dem Pekinger Amtsblatt gelesen habe und daß dasselbe sehr höflich und anständig und keineswegs in der Form abge­faßt sei, welche ihm der Londoner Standard unterge­schoben. Die Veränderungen in der Departemeutol- verwaltung werben erst nächste Woche nach der Ostersesston der Generalräte veröffenllicht werden. Sofort nach 33er» öffenUichung derselben wirb bet Minister Allain - Targe die Präfekten nach Paris berufen, um ihnen Weisungen wegen bet allgemeinen Wahlen zu erteilen. Der hiesige erste Sekretär bet Gesandtschaft der Vereinigten Staaten, Brulatour (er ist französischer Abkunft) ist ersetzt worben. Ju den reaktionären Kreisen wird sein Weggang seht be­dauert. Die Republikaner sind dagegen froh, daß er Paris verläßt, da er feine amtliche Stellung angeblich benutzte, um Propaganda für die Orleanisten zu machen. DaS französische Mittelmeergeschwader (4 Panzerschiffe, 2 Kreuzer und 4 Torpedoschiffe) hat Toulon verlassen, um, wie all­jährlich, die Häfen der Levante zu verlassen. Heute morgen begannen auf dem Quai MalaquaiS die Arbeiten für die Errichtung, der Bildsäule Voltaires, die vor dem Institut aufgestellt werten soll. DaS Amtsblatt bringt heute daS Dekret zur Ernennung G.neral Courcys, bis­herigen Befehlshabers des 10. Armeekorps, zum Ober»

Du weißt, daß ich einer solchen That nicht fähig bin," sprach sie.Weshalb sollte ich e« thun? Die Deinige könnte ich jetzt nimmer werden und wenn Du mir unsag­bare Schätze entgegenbrächtest, und die Tochter deS Apothe­kers zu warnen, habe ich keine Veranlassung, denn ich hasse sie. Mag auch sie durch Dich unglücklich werben, wie ich e« geworben bin sie hat eS verdient!"

Du haßt sie und doch hat sie Dir nie ein Leid zuge» fügt;" warf Günther ein.

Mir nie ein Leib zugefügt?" wiederholte Judith lang­sam.Du wähnst vielleicht, ich hasse sie, weil sie die Deinige werden soll nein, nein, ich hasse sie, weil sie dazu beigetragen hat, meinen armen Vater in« Elend zu stürzen! Doch Du warst nicht hier, al« dies geschah und andere werben e« Dir vielleicht nicht gesagt haben. Ich will eS Dir erzählen, wie e« kam unb wie e« war; und so genau wie ich eS kenne, weiß eS nur noch ein Mensch da« ist Deine Verlobte. Die Stelle meines Vaters war nur mit einem geringen Gehalte verbunden, der kaum au«- reichte, uns vor Not zu schützen, aber wir lebten dennoch zufrieden, weil unsere Bedürfnisse gering waren. So lange mein Bruder die Schule besuchte unb bann in einem kauf­männischen Geschäfte lernte, waren meinem Vater schwere Opfer auferlegt, wir errangen dieselben dadurch, daß wir un« auf da« äußerste einschränkten. Wir lebten jene Jahre hindurch einfacher als der gewöhnliche Waldarbeiter. Als mein Bruder endlich au-gelernt hatte und eine Stelle et« h^t, al- er nun für sich selbst sorgen konnte, atmeten wir erleichtert auf. D'.ese glückliche Zeit sollte jedoch nicht lauge währen. Mein Bruder geriet tn schlechte Gesellschaft und griff die ch« anvertraute Kasse an. (Fortsetzung solgt.f