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Nr 8»

Marburg, Freitag, 17 April 1885.

XX. Jahrgimg.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes S-nntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von JohAug Koch '

schaftsbericht des Staatsministeriums über dir Verhängung des Belagerungszustandes in Bielefeld zugegangen. Nach­dem die (bekannten) thatsächlichen Vorgänge bargestellt, werden die Erwägungen, von denen das Staatsministerium bei Bestätigung der Maßregel ausgegangen, im nachfolgen­den bezeichnet: Der bei bett Bielefelder Vorgängen den Be­mühungen des polizeilichen Exekutivpersonals und der be­waffneten Macht, die öffentliche Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten beziehentlich wieder herzustellen, von den erregten VolkSmaffen entgegengesetzte Widerstand trug unzweifelhaft nach seiner Intensität und Hartnäckigkeit den Charakter deS Aufruhrs an sich. Das Einschreiten der Polizei erwies sich als völlig fruchtlos, die Exekutivbeamteti wurden zurück- gedrängt, verhöhnt, mit Thätlichkeiten bedroht und sogar gemißhandelt. Al« darauf das requirierte Militär erschien, wurde auch diesem, selbst bei wiederholtem Einschreiten, thätlicher Widerstand geleistet, so daß mit der blanken Waffe vorgrgangen werden mußte. Die Besorgnis, daß es zu weitereu und bedrohlicheren Ausschreitungen kommen werde, lag um so näher, als die ursprüng­liche und eigentliche Beranlaffung beS Aufruhrs, die Ar­beitseinstellung in der Kochschen Fabrik, noch fortdauerte, und in der Stadt überall die Nachricht verbreitet war, daß die Ruhestörungen demnächst von neuem beginnen würden. Nach allem diesem konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß eS stch um einen mit dringender Gefahr für die öffentliche Sicherheit verbundenen Aufruhr han­delte, zu deffen Unterdrückung die im 8 2 des Gesetzes vom 4. Zuut 1851 vorgesehenen Maßregeln in Anwen­dung zu bringen, volle Beranlaffung vorlag. Diese Maßregel hat stch al« wirksam erwiesen, denn, wenngleich an den beiden ersten Tagen nach Erklärung deS Belage­rungszustandes noch Verhaftungen infolge von Einzel- kxzeffen und Widersetzlichkeiten erfolgen mußten, so hrben doch Ruhestörungen in größerem Umfange nicht mehr statt­gefunden. Nachdem inzwischen ein Ausgleich zwischen der Firma Koch und Komp, und den feiernden Arbeitern zustande gekommen ist und die ketzeren die Wiederaufnahme der Arbeit mit dem 9. April zugesagt haben, ist der Be- lagerungSzustand für den Stadtkreis Bielefeld und die AmtSgcmeinde Gadderbaum - Sandhageu mit dem Ablauf des 8. April 1885 aufgehoben worden. Der Zustiz-AuS- schuß deS Bundesrats hat heute die Wiedereinführung der Berufung abzelehnt. Im Plenum wird wohl dasselbe erfolgen. Die heutigen Erklärungen deS Staatssekretärs von Schelling in der ReichstagSsttzung zu den Anträgen Munckel Richensperger bestätigen vollständig unsere gestrigen Informationen. Der Rest der Vorlage wird nach Be­seitigung der Berufung an den Reichstag gelangen. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' betrachtet heute die Aussichten eincr gütlichen Lösung der englisch-russischen Differenzen in nicht ungünstigem Lichte und hält eS für wohl begründet, wenn man stch der Hoffnung hingiebt, daß bei der aner­

sNachdruck verboten)

Sine Kranenthat.

Erzählung von Friedrich Friedrich.

Deutsche, Reich.

Berlin, 15. April. Der nach Abzug von anderthalb Millionen Mark für den Ankauf deS Gutes Schönhausen verbleibende Rest der Bismarcksammlungen dürste ungefähr die gleiche Höhe erreichen, so daß die Gesamtsumme der BiSmarckspende 3 Millionen Mark auSmachen dürfte. Wie aus einer Mitteilung derNortb. Allg. Ztg.' zu ersehen ist, will Fürst Bismarck die Gelder zu UntversttätSstipendien verwenden,unb zwar speziell zu gunsten der Studierenden und Kandidaten deS höher« Lehrfachs. Dafür dürfte ins­besondere sprechen, daß die bezeichneten «reise nach ihrem Ausgangspunkt und ihrer Dotation in bezug auf Kinder- erziehung nicht bester gestellt stnd als die Studierenden der Theologie, und daß die Schwierigkeiten, welche in kon­fessionellen Verhältnissen liegen, bei erstem Wegfällen.* Die Staatsschulden Preußens belaufm sich zur Seit auf 5428902000 Mk., per Kopf auf 196,86 Mk., und er­fordern eine Verzinsung von 225054000 Mk., was auf den einzelnen Kopf 8,16 Mk. an jährlichen Zinsen auS- macht. Diesen Schulden stehen Gesamteinnahmen (aus­schließlich der Einnahmen aus direkten und indirektm Steuern) im Btutto-Bettage von 918418600 Mk. gegen­über, wovon 669260800 Mk. in Erträgen der Eisenbahnen bestehen. Die Einnahmen betragen demnach per Kopf der Bevölkerung 33,30 Mk., darunter 24,27 Mk. aus den Eisenbahnen. Dir Netto-Einnahmen belaufen stch auf 407181600 Mk., darunter 280778000 Mk. an Eisen­bahn Einnahmen oder auf 14,76 Mk. per Kopf, darunter 10,18 Mk. au« Eisenbahn-Einnahmen. Die Brutto-Ein­nahmen übersteigen die zur Verzinsung der Staatöschnlven erforderlichen Summen um 693363700 Mk., das heißt 25,14 Mk. auf den Kopf. Vergleicht man die Netto Ein­nahmen mit der Zinsenlast, so stellt stch der Ueberschuß auf 182126700 ooer 6,60 Mk. per Kopf. Die direkten und indirekten Steuern einschließlich des Preußischen An­teils an den Erträgen der Zölle, der Tabaksteuer und der Reichsstempelabgaben belaufen sich auf 294910400 Mk. oder 10,69 Mk. per Kopf. Wie günstig die wirtschaftliche Lage Preußens ist, ergibt stch am besten aus einer gestern von derNortb. Allg. Ztg." publizierten Vergleichung der­selben mit der der anderen europäischen Staaten. Die Staatsschulden Frankreichs belaufen stch auf 27504223600 Franks (540,42 Mk. per Kopf) und erfordern zur Ver­zinsung vezw. Tilgung 1094066700 FikS. (21,50 Mk. per Kopf). Großbritannien schuldet 746424000 Lstr. (423,54 Mk. per Kops) und hat an Zinsen 29436700 Lstr. (16,70 Mk. per Kops) auszubringen. Oesterreichs Schulden­last beläuft stch aus 3809713700 Gulden (289,47 Mk. per Kops), die Zinsenlast auf 121395100 Guloen (9,11 Mk. per Kops). Italien« Schulden betragen 11642 335 400 Lire (321,05 Mk. per Kopf). Die Zinsenlaft beläuft stch auf 551051500 Lire (15,20 per Kopf).Dem Landtage ist, tote schon kurz erwähnt, ter gesetzlich vorgeschriebene Rechen-

richtete den Kopf empor. Ihr Ohr hatte einen nahenden Schritt vernommen und ste kannte denselben nur zu genau.

Kaum eine Minute später trat die schlanke, hübsche Ge- statt eine» jungen Mannes von ungefähr achtundzwanzig Jahren vor ste hin. Er trug einen kurzen Ueberrock und hatte eine Pelzmütze tief anf die Stirn niedergezogen. ES war der junge Holzhändler Günther Wellaud.

»Jh, Judith!' rief er mit etwas unsicherer, verlegener Stimme, indem sein Auge dem festen, kalten Blicke de« Mädchens auszuweichen suchte.Ich habe nicht geraubt, daß Du bereit« hier sein wertest.*

.34 habe Dir geschrieben, daß ich Dich um zwölf Uhr hier erwarten werde, weil ich Dich sprechen müsse. Die Stunde ist längst vorüber, denn jeden Glockenschlag habe ich hell und deutlich gehört*, gab das junge Mädchen mtt Jast klangloser Stimme zur Antwort.

8 »Meine Uhr hat mich getäuscht, ich wollte Dich nicht warten lasten', fuhr Günther fort.Du hast meinen Brief erhalten, willst Du darüber mit mir sprechen?'

»Ich will dasselbe noch einmal au- Deinem Munde hören, obschon ich weiß, wie geläufig derselbe lügen kann!' rief Judith uns ihre dunklen Augen leuchteten.Er hat ja gelogen, so oft er mir gesagt, daß Du mich liebst; jeder Deiner Schwüre war eine Lüge!*

Nein, nein, es war die Wahrheit, denn ich liebte Dich und liebe Dich noch!' fiel Günther ein. .Die Verhältnisse gestatten nicht, daß ich meinem Herzen folge....'

Schweig l unterbrach ihn da» junge Mädchen un­willig.Ich will solche Worte nicht mehr hören, denn ich glaube ihnen nicht! Oder soll ich hingehm und Deine Ver- ficherung der, welche Du Dir auSerwählt hast, wiederholen?

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal» AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/« Mk , bei den Postämter 2 Mk. 50 Pf«. (ereL Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 ®f|. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.

Anzeigen, nimmt entgegen die Expedition d. Matte«, sowied-Annoncen-Bureaux von Haajenstein undVogler in Franlurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a e. M., Berlin,München und M Köln: <S. L. Daube und

Eo in Frankfurt a. M* Brrlin,Hannvvrr u. Pari«.

Hell leuchtete der Mond über der kleinen, von Wald und Bergen eng umschloflenen GedirgSstadt. Es war still auf den Straßen, denn es war Nachtzeit und eine kalte, scharfe Lust strich durch das Thal hin. Auf den Dächern und an den Zweigen der Bäume schimmerten die weißen Krystalle des Reife«.

Noch stiller war eS in dem nahen Walde. Nur dann und wann ertönte da« ferne Bellm eines Fuchse«, oder eine Eule strich mit langsamem, schweren Fluge vurch die blätter­losen Wipfel der vänme hin.

Dort, wo eine Wiese tief in den Wald einschnitt und fast biS zum Gipfel de» Berges emporreichte, saß regungslos auf einem Grenzstein am WaldeSrande eine Frauengestalt. Der Mond beschien hell ihr junge», hübsche», aber auffallend dlafleS Gesicht. Die dunklen und sonst so leuchtenden Augen blickten starr und tetlnahmSlo» in da» Thal, wo die toeißeu Dächer der kleinen Stadt schimmerten. Die im Sommer so prächtig grüne Wiese war mit einem leichten, weißen Schleier überdeckt, auf dem die Schatten der Bäume scharf stch abhoben.

Da» Alles schien das junge Mädchen, welches höchstens rwanzig Jahre zählen konnte, nicht zu bemerken. Sie em­pfand auep dir kalte Nachtluft nicht, obschon ihre Kleidung leicht war und ihre in einander gelegten Hände offen in dem Schoße ruhten. Mötzlich zuckte fie zusammen und

kannten Friedensliebe, welche an maßgebender Stelle so- wohl in Petersburg wie in London herrscht, die von der Daily News* aagedeutete breitere Grundlage zur Lösung der Grenzfrage, ein solides Fundament für das Ber- söhnungSwerk der Diplomaten und Staatsmänner abgeben werde. Auch reproduziert das offizielle Blatt die Nach­richten, daß zwischen Deutschland und Oesterreich Unter­handlungen gepflogen teerten, welche auf eine friedliche Lösung deS russisch-englischen Streites abzielen.

Die preußischen VolkSschnllehrer haben in jüngster Zeit darüber geklagt, daß fie bei körperlichen Züchttgnngeu ihrer Schüler den Gerichten gegenüber in einer schlimmen Lage stnd. Ein neuere« Urteil de« Oberverwaltungsgerichts ist geeignet, ste in etwas zu beruhigen. Es heißt in der Entscheidung:Der Lehrer ist ebenso berechtigt, wie ver­pflichtet, darüber zu wachen, daß die Schüler den Unterricht nicht versäumen. ES liegt daher in den ArntSbestigniffen des Lehrers, Schüler, welche die Schule umgehen, in die Schule zu führen und ste für ihr pflichtwidrige« Verhalten zu züchtigen. Unerheblich ist deshalb, ob die Unterrichtszett bereits beendigt war oder nicht, als der Lehrer den Dhüler züchtigte. Er war hierzu auch nach Ablauf der für den Unterricht bestimmten Zeit berechtigt. Auch der Umstand, daß der Vater des Schülers in der Nähe war, beschränkte das Züchtigungsrecht des Lehrers nicht, und die« um so weniger, al« der Vater, statt seinerseits den Sohn zur Schule zu schicken, bezw. zu strafen, stillschweigend denselben hatte gewähren lasten.' In einer ähnlichen Entscheidung hat das OberverwaltungSgericht die Behauptung, eS seien in den Schulen laut ministerieller Anweisung nur Ruten als Züchtigungsinstrumente gestattet, alsIrrtum* zurück- gewiesen. Ein Reskript des Kultus - Minksterinms vom 8. Februar 1879 habe es als eine Sache der Dienstauf- stchtSbehörden bezeichnet, Anweisungen «egen Anwendung der körperlichen Züchtigung zu erteilen. In dem betreffenden Regierungsbezirke verordne aber die unter Zustimmung deS Ministerium« erlastene Instruktion für die Schulvorstände, daß die Züchtigung entweder mit einer Birkenrute auf die flache Hand ober mit einem Stocke, welcher nicht mehr als V* Zoll dick fein darf, auf den Rücken, im äußersten Falle und nur bei Knaben anf das nicht entblößte Gefäß voll­zogen werden solle.

Ausland.

Madrid, 15. April. Die Absetzung der gesamten Stadtvertretung der Hauptstadt durch den Zivilgouverneur ist eine der skandalösesten Angelegenheiten, welche in dem letzten Jahrzehnte in Spanien vorgekommen sind. Die Motivierung der Absetzung des »yuntamtento ist ein langes Register von Fahrlässigkeiten und Betrügereien, die nichts weiter als ein Sündenregister fast sämtlicher AynntamientoS und der Zentralregierung sind. Den ersten Platz nimmt die Anschuldigung ein, die Staatseinnahmen durch fahr- Soll ich ihr erzählen, wie oft Du wir geschworen, daß Du wich treu und innig liebest und daß e« nicht» nichts gebe, was uns trennen könne?'

Mein Herz wird Dir immer gehören l* versicherte Günther und näherte sich dem Mädchen, um ihre Hand zu erfassen.

Judith sprang heftig empor. Hoch anfgerichtet stand ste da, ihr Auge leuchtete.Rühr mich nicht an!* rief ste, »Du hast kein Recht mehr an mich, denn Du hast Dich von mir losgesagt. Aber ich kann, wenn Du vor dem Altäre stehst, hintteten und laut rufen, daß ich noch ein An­recht auf Dich besitze, denn Du hast mir Deine Liebe hun­dertmal geschworen, Du hast mir gesagt, daß ich Dein Weib werden solle.und daß e« nicht« gebe, das nn» trennen könne!*

Unwillkürlich war der jungeMann einen Schritt zurück­getreten ; deS Mädchens Blick machte chn erzittern, er senkte das Auge.

Du willst mir nicht glauben,)daß die Verhältnisse mich zu dem Schritte zwingen,' sprach er mit fast bittender Stimme.

Ueber Judiths Gesicht glitt ein verächtliches Lächeln.

Die Verhältnisse zwingen Dich, ein Mädchen zu heiraten, welche« älter ist al« Du, über beffen Häßlichkeit Du stets gespottet?' erwiderte ste.Ich will e» Dir sagen, wa» Dich zwingt, da» Geld des Mädchen« verlockt Dich! Die Tochter be» Apothekers ist ja reich! Wie ihr Vater das Geld erworben hat, kümmert Dich nicht mehr, obschon Du ihn ost genug einen herzlosen Wucherer genannt hast!*

Ihr Vater ist tot!* warf Weiland ein.

(Fortsetzung folgt.)