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Deutscher Reich.

Berlin, 13. April. Der Kaiser hat dem Reichskanzler, Fürsten von BiSmarck, die Erlaubnis zur Anlegung des ihm verliehenen Grvßherrlich türkischen Jmtiaz-Ordens in Brillanten, sowie der Brillanten zum Großkreuz des Groß- herzogttch sächsischen HauS - Ordens der Wachsamkeit oder vom weißen Falken erteilt. — Wie die „Kreuzzeitung" schreibt, hat der Kaiser von einer FrühjahrSreise nach Wies­baden abgesehen, da sein Befinden ein Wechsel des KlimaS nicht notwendig erscheinen laste und die Kaiserin ihre Fckh- jahrskur in Baden-Baden später als gewöhnlich zu unter­nehmen gedenke. Im Mai, bet günstiger Witterung, werde der Kaiser bet mehreren Truppenteilen deS Gardekorps Be­sichtigungen abhalten. Im Herbst wünscht der Kaiser, eh­er sich zu den Katsermanövern nach Karlsruhe und Stutt­gart begibt, einigen der größeren Truppenübungen des 3. Armeekorps in der Nähe von Wtttstock beizuwohnen. — Zn den hiesigen höheren Offizierskreisen spricht man seit kurzem in geradezu enthusiastischen Ausdrücken von einer litterarischen ErstltngSarbeit, deren Verfasser sich als ein Militärschriftsteller ersten Ranges erwiesen habe. Das Interessante für weitere Kreise ist der Umstand, daß der Verfasser kein Geringerer, als—Prinz Wilhelm ist. Der­selbe hat vor einiger Zeit eine eingehende Studie über die Kriege CäsarS vorn Standpunkte der modernen Stra­tegie aus verfaßt und das Manuskript dem Stellvertreter des Grafen Moltke zur Beurteilung übergeben. General- quartiermeister Graf v. Walderfee war erstaunt über die Fülle der darin enthaltenen scharfsinnigen, zutreffenden und eigenartigen Gedanken und bezeichnete die Arbeit als un­gemein wertvoll und bedeutsam. Seitdem machte das Manu­skript die Runde im Kreise unserer höchsten militärischen Autoritäten und fand überall, auch bet dem als rücksichts­losen Kritiker bekannten Ches des Generalstabs, den uu- getellten Beifall. — Die „Kreuzztg." erfährt aus zuver­lässiger Quelle, die Meldung mehrerer Blätter, nach welcher vor einigen Tagen eine ganze Reihe von Ausweisungen aus Berlin auf Grund des SszialistengesetzeS stattgefunden haben sollte, sei vollständig aus der Lu t gegriffen. — Nicht der Fürst zu Hohenlohe - Langenburg, der Präsident des deutschen KolouialveretuS, sondern ein jüngeres Mitglied der Familie, Prinz Friedrich Karl zu Hohenlohe O.hringm, Leutnant ä la suite oeS 22. Badenschen Dragonerregiments, begtebt sich nach Südamerika und zwar in Begleitung des Rittmeisters a. D. v. Schöler, Sekretärs der Berliner Ab­

teilung des Deutschen Kolonialvereins. — Im Zusammen­hänge mit den von ihr veröffentlichten Nachrichten über die Neubesetzung deS Kölner ErzstuhleS publiziert- die „Ger­mania" am Sonnabend eine weitere Privatdepesche aus Rom, derzufolge Erzbischof Melchers daselbst erwartet werde.

— Die demokratische Presse macht seit einiger Zeit in leicht erkennbarer wohlwollender Tendenz den Grundbesitz des Reichskanzlers zum Gegenstände einer Menge von sta­tistischen und finanziellen Berechnungen, in deren Ver­anlassung dem „Hamb. Korr." aus Berlin geschrieben wird: „Durch verschiedene Zeitungen ist neuerdings eine Notiz gegangen, die den G undbesitz des Reichskanzlers zum Gegen, stände hat und deren genau're Betrachtung eine Tendenz verrät) die sich auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich ersehen läßt. Diese Tendenz ist thatsächlich die nämliche, welche gewissen englischen Preßerzeuznissn zu Grunde liegt, die für die Demokratie der Zukuntt Propaganda machen, indem sie den Landbesitz und das Einkommen der Aristo­kratie umständlich beschreiben, um der misera contribuens plebs die Jämmerlichkeit ihrer Lage vor Augen zu führen. Die fragliche Notiz trägt den gleichen Charakter, da sie nur den Zweck verfolgen kann, den Fürsten Bismarck dem Neide und der Begehrlichkeit Minderbegüterter zu denunzicren. Schon daß der Reichskanzler als Beispiel eines Latifundien- besitzerS gewählt ist, läßt den demagogischen Ursprung des Artikels erkennen. Gtebt eS doch viele deutsche Geund besitzer, die nicht nur reicher als Fürst BiSmarck stad, sondern über sehr viel ausgedehntere Liegenschaften ver­fügen, trotzdem aber bis jetzt noch nicht zum Gegen­stände öffentlicher Denunziation gemacht worden sind. Daß man nichtsdestoweniger den Besitz deS Reichskanzlers als Beispiel heraaSgegriffm hat, läßt demgemäß auf mit Haß gepaarte politische Abneigungen des Urheber schließen. Im übrigen sind die an anderen Otten gemachten An­gaben vollständig anö der Luft griffen. Die Vermögens- Verhältnisse des Fürsten BiSmarck sind bet Gelegenheit von Einkommensteuer - Veranlagungen wiederholt und ein­gehend geprüft worden. Auf Grand dieser Prüfungen sind wir in der Lage, zu versichern, daß die Angaben über die Schuldenfreiheit der Bismarckschen Güter völlig un­richtig sind. Auf den Besitzungen deS Fürsten rubt viel­mehr eine Hypothekenlast, welche eine jährliche Verzinsung mit etwa 120 000 Mark erfordert. Rücksichtlich der Ein­zelangaben des erwähnten Artikels ist ferner zu bemerken, daß der FriedrichSmher Besitz keineswegs ausschließlich auö einer Staatsschenkung herrührt, daß daö eigentliche Gut FrievrichSruh nebst dem benachbarten Aumühle (welche eine Enclave in dem Sachsrnwaloe bildeten) vielmehr erst vor einigen Jahren von dem Reichskanzler für 240000 Mk. angekauft worden ist. Bei Ueberweisung deS Sachsenwaldes war der Ertrag desselben nach Ausweis der DotationS- Akten auf 34000 Thaler veranschlagt worden. In den

für das Holzgefchäft besonders günstigen Gründerjahrer mag der Brutto-Ertrag stch vorübergehend auf 8000C Thaler belaufen haben — Sachkennern braucht aber kaum gesagt zu werden, daß forst- und landwirtschaftliche Ein. nahmen beständigen Schwankungen ausgesetzt sind, und baf die in den letzten Jahren erzi lt-n Erträge zu der er­wähnten Summe von 80000 Thaler in gar keinem Ver- hältnis stehen. Anlangend das neu erworbene Gut Schön­hausen wurde an anderen Orten behauptet, daß dasselbe 16000 Thaler jährlich einbringe. Wenn, der Artikel­schreiber dem Reichskanzler ein Pachtangebot in diesem Be­trage machen wollte, so glauben wir ihm den Zuschlag verbürgen zu können. Ist doch bekannt, daß der alte Besitz Schönhausen, welcher an Ackerfläche um 100 Morgen hinter dem neuen zurücksteht, vor einigen Jahren für den Pachtzins von 8000 Thalern vergeblich ausgeboten wurde. Wie jeder Grundbesitzer, befindet sich auch der Reichskanzler in der Lage, bei wechselnden, in der letzten Z'u stetig abnehmenden Erträgen dennoch feine Schulden gleichmäßig verzinsen zu müssen. Beiläufig sei noch be­merkt, daß aus Anlaß des Erwerbs von Schönhausen die Zahl der an den Reichskanzler gerichteten Unterstützungs- Gesuche eine Höhe erreichte, die Antwortserteilungen an die einzelnen Petenten unmöglich gemacht hat."

München, 13. April. Die gestrige, vom Reichstags« mitgliede v. Vollmar, behufs Ablegung eines Rechenschafts- Berichts in Schwabing anberaumte sozialdemokatifche Ver- sammlung wurde durch die Ortspolizei inhibiert. — Ueber den neuernannten Kriegsminister v. Heinleth ent­nehmen wir der „Allg. Ztz." nachfolgende biographische Notizen: Adolf v. Heinleth, Sohn eines Ober-AppellationS- gerichtSsekceiärS. zu München im Jahre 1823 geboren, katholisch, begann seine militärische Laufbahn nach Absol- Vierung deS Kadettenkorps im August 1842 als Junker im königlichen Jafanterie-Leibregirnent. Von 1850—1858 war derselbe Adjutant bei der 2. Jnfanteriebrigade. Im Mai 1859 trat er als Hauptmann 1. Klasse in den Generalstab und avancierte in diesem, nachdem er inzwischen --als Generalstabsosfizier in Augsburg und Nürnberg thätig gewesen war, im März 1866 zum Major. Bei der im Mai vor stch gegangenen Mobilmachung wurde Major Heinleth Generalstabsosfizier beim Kommando der 4. In­fanteriedivision und nach Beendigung des Feldzuges im September Chef des Generalstabs bei dem Generalkommando in Augsburg. Im Mai 1868 zum Oberstleutnant be­fördert, wurde er anfangs 1869 zum Chef des General- stabs der 2. Armeediviston und im Februar 1870 zum Chef deö Generalstabs beim Generalkommando Münchm ernannt. Bet der Mobilmachung Mitte Juli 1870 ward v- Heinleth Chef des Generalstabs des 1. Armeekorps. Im deutsch französischen Kriege, in dessen Be lauf er Oberst wurde, nahm v. Heinleth an den Schlachten bet Wörth

»t. 87

Marburg, Mittwoch, 15 April 1885.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

auf bic Oberh. Zeitung mit •V v f wl Amtlichem Anzeiger und Sonn-

tagsblalt für da« 11. Quartal 1885 werden noch fort­während von der Post wie auch von der Expedition ange­nommen. Die erschienenen Nummern werden auf Wunsch nachzeliefert.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt rntgegei die Expedition d. Blatte» s owied.Annoncen» Bureau; von Haasenstrin undVogle in Frankurt a. M., Kassel Magdeburg und Wien RudolfMoffe in Franlfur A a.M., Berlin,München uni

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Co. in Frankfurt a. SR„ Berlin,Hannover u. Paris

Rosenknospe.

Humoreske von Julius Bielitz.

(Fortsetzung.)

WaS aber am mächtigsten darauf einwirkte, das mich an RosenknoSpe fesselnde Band zu lockcrn, war die Thatsache, daß Violetta Stetubrücker existierte. Violetta war nicht nur schön, sie war auch stet» in der elegantesten, aller­modernsten Weise gekleidet, ganz und gar, vom Scheitel bis zur Fußzehe, Luxusartikel I — Und Papa Steinbrücker wurde von seinen Freunden „Fürst" Steinbrücker genannt; er war der größte Börsenspekulant in der Behrenstraße. Alle Tage war sein Mittagstisch für vierzig Gäste gedeckt. Auf Kravatte und Chemisette trug er ein ganzes Vermögen an Diamanten. Seinen Freundm machte er verschwenderische Geschenke.

Papa Steinbrücker hatte sich meiner huldvoll ange­nommen, hatte mir feinen unschätzbaren Rat erteilt, wie ich am zweckmäßigsten mein nicht unbeträchtliches Barvermögen anlegeu könnte, hatte mich unter die Z-Hl feiner täglichen Gäste ausgenommen und zu feiner Tochter gesagt: „Violetta, meine Liebe, ich stelle Dir hier Herrn Doß vor, einen Jener Landherren, aus denen wir versuchen müssen, Stadtherren zu machen." Und Violetta hatte strahlend auf mich niesergelächelt, und ich war feit: em täglich mit ihr zusammen, in ihrem Boudoir, in ihrem Salon, auf Spazierfahrten, im Theater, und ich lernte sogar in ihrer Gesellschaft tanzen I

War eS zu verwundern, wenn ich unter solchen Um­ständen während zwei Wochen vergaß au RosenknoSpe zu schreiben?

Da erhalle ich eines schönen Tages folgenden Brief ans der Heimat;

„Lieber Hinrich, ich nehme meine Feder zur Hand, sehr geänstigt in meinem Herzen. Du würdest schreiben, wenn Du krank wärest — ach, Heinrich, wenn Du krank bist, telegraphiere sogleich und laß meinen Vater zu Dir kommen, daß er Dich pflegt. Heinrich, ich werde weiter nichts schreiben, bis ich von Dir höre — ich bin zu sehr in Angst. — Wir sind alle wohl und in der Hoffnung, daß Du denselben Segen genießest, verbleibe ich Deine Dich wahrhaft liebende Rose KnoSpe.

P. 8. Laß Papa zu Dir kommen, wenn Du krank bist, ich bin zu sehr in Angst,"

Ich beeilte mich zu antworten, damit sie nicht am Ende aus lauter Angst darauf verfiele, mir ihren Vater auch ohne meine Aufforderung herzusch cken. Als der Brief im Briefkasten des abgehenden EisenbahnzngeS lag, hätte ich ihn gern sogleich wieder heranSgenornmen und durche inen anderen von weniger beißender Form ersetze. Statt mich nämlich mit offenen, ehrlichen Worten ihr gegenüber anS- zusprechen, hatte ich sie mit „Fräulein Knospe" angeredet und ihr dadurch in einer vielleicht kaum geziemenden Weffe zu verstehen gegeben, daß ich fernerhin an meine Verlobung mit ihr nicht erinnert zu wer:en wünschte.

Von nun an wurde ich durch keine weiteren Briese in groben KonvcrtS mehr beunruhigt, ich konnte meine un­geteilte Aufmerksamkeit Violetta widmen und fühlte mich bals im Haus: ihres VaterS ganz heimisch. Selbstverständ­lich brachte ich auch dem Vater der jungen Dame einen hohen Grad von Verehrung entgegen und legte genau so mein Vermögen an, wie derselbe mir geraten hatte, daö heißt, ich gab mein Geschäft auf, und Steinbrücker nahm mein ganzes Geld in fein Bankgeschäft.

Und viele Wochen und Monate verflossen und wenn

einmal ein mitleidiger Gedanke an die Rosenknospe daheim, die sicherlich, des Sonnenlichtes meiner Liebe beraubt, traurig dahinwelkte, mein Herz beschleichen wollte, trieb ich ihn wieder mit einem Seufzer hinweg. Ich konnte der armen Rosenknospe nicht helfen, daö Schicksal wollte e« so. Das Schicksal hatte mich für Violetta bestimmt, und gemäß dieser Bestimmung hatten wir einander gefunden, — das war alles.

Nein, nicht ganz alle». Eines Tages nämlich — ich erinnere mich, es war der Tag nach einem prachtvollen Ball, und ich hatte Violetta in ihrem Boudoir ausgesucht — eines Tages teilte ich ihr die eben ausgesprochene An­sicht über da« Schicksal, das uns zu lebenslänglichem Glück zusammengeführt hätte, ausführlich mit und al« ich mit meiner hübschen Rede zu Ende war, drückte sie mir ihre „grenzenlose" Verwuvderung auS und fragte mich, ob ich denn nicht wüßte, daß sie feit sechs langen Monaten mit Herrn Banquier Friedländer verlobt wäre.

„In nächster Woche ist unsere Hochzeit", fügte sie hinzu. „Sie sehen ilfo, Herr Doß, daß Sie stch in betreff der Intentionen deS Schicksals bedeutend geirrt haben."

„Und Sie, Violetta, haben nur ein kokette« Spiel mit mir getrieben?' sagte ich bitter. „Wissen Sie, daß Sie mit Ursache gaben, alles von Ihnen zu hoffen?"

„Ich weiß nur, daß es Zeit für mich ist, mich zu einer Spazierfahrt anzukleiden," erwiderte sie kaltblütig. „Mit­hin werden Sie wohl daran thun, Herr Doß, mir einen guten Tag zu wünschen und nicht mit so lächerlicher Tragik drein zu blicken. Ich bin kttne Freundin von Szenen."

Als ich zum letztenmale die Portalflufen des Stetubrücker- chen Hause« hinabstieg, sagte ich mir, daß ich das Schicksal für die grausame Enttäuschung nicht verantwortlich machen