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Marburg, Dienstag, 14. April 1885.

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Wöchenttiche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Ioh. Aug. Koch

Schulverein zu beantragen, mit der statutarischen Abände­rung, daß der feste Sitz des Vereins Berlin sein solle. Auf die Schwierigkeiten dieses Anträge« wie« vor allem Geh, Rat Aegidi hin, der die Wahl in den Zentralvorstand ablehnte. Zufolge lebhafter Befürwortung de« Legation«- rat« Hepke wurde dem Zentralvorstand freie Hand dafür gelassen, die Korporationsrechte unter eventueller ander­weitiger Abänderung de« Statut« zu erlangen. Beschlossen wurde noch, den nächsten Dclegiertentag in Chemnitz ab­zuhalten. Der Zentralvorstand wurde durch Akklamation wiedergewählt. E« gehören zu dem allgemeinen deutschen Schulverein angeblich 38 Landesvereine und 140 Gruppen- verbände mit 12000 Mitgliedern. Der gestern hier an einem Schlaganfall verschiedene braunschweigische Bevoll­mächtigte zum Bundesrat Wirkt. Geh. Rat Dr. v. Liebe wird seinem Wunsch gemäß in Gotha durch Feuer bestattet werden. Der Verstorbene gehörte durch seine großen juristischen Kenntnisse und seinen Charakter zu den an- gesehendsten und einflußreichsten Mitgliedern des Bundes­rats. Nach einer Bekanntmachung des Reichskanzler« hat der Bundesrat beschlossen, daß denjenigen Kandidaten der Medizin, welche vor dem Sommer-Semester 1885 ein bayerisches Lyceum besucht haben, da« Lycealstudium als UniversttätSstudium im Sinne de« § 4 Absatz 4 Zus. 2 der Bekanntmachung, betreffend die ärztliche Prüfung, vom 2. Juni 1883, auzurechnen ist.Fürst Hohenlohe-Langen- bürg, der Vorsitzende de« KolontalvereinS, reist nächster Tage von einem französischen Hasen nach Brasilien ab.

Darmstadt, 11. April. Die Königin von England trifft am 23. April hier ein.

Hannover, 10. April. Die Nachricht de« .Cour/, daß die Landräte von Oben aufgefordert seien, über die politische Richtung der Kreisausschußmitglieder zu berichten, wird vom Oberpräststum dementiert. Der.Cour.' bringt heute folgende Berichtigung: In der Abendnummer des Hannoverschen CourierS" vom 8. AprU wird die Nach­richt gebracht, daß sämtliche Landräte der Provinz von Oben aufgesordert sind, über die politische Richtung der KretSausschußmitglieder zu berichten. Diese Mitteilung ist falsch; die von mir in Gemäßheit de« § 119 der Kreis- Ordnung ernannten Wahlkommissarien find vielmehr nur angewiesen, mich über den Fortgang de« Wahlverfahrens zur Ausführung der KretSortnung fortwährend auf dem Laufenden zu erhalten und über den Vollzug und das Ergebnis der Wahlen Anzeige zu machen; Berichterstattung über die politische Richtung der KretSausschußmitglieder ist von mir nicht gefordert. Die Redaktion ersuche ich er- gebenst, vorstehende Berichtigung in einer der nächsten Nummern Ihrer Zeitung zu bringen. Der Oberprästdent Wirkt. Geheime Rat (gez.) v. Leipziger."

(Nachdruck verboten!

RoseuknoSpe.

Humoreske von JulinS Bielitz.

DaS erste Ideal meines HerzmS war die lieblichste kleine Rvsenknospe von einem Mädchen, mit den rosigsten Wangen, den schönsten grauen Augen und üppigem, goldig­braunem Haar, das ohne die Hilfe der Brennscheere in herrlichen Locken die Schultern herabwallte. Ihr Name war sicherlich der passendste, der von ihrem Vater, dem alten biederen Gutsbesitzer Knospe, hätte gewählt werden können.

Es kann freilich dem asten Manne keineswegs zum Verdienst avgerechnet werd«, daß er seine einzige Tochter nicht Anna oder Paula oder Johanna nannte, und die Wett wurde nur darum mit Rose KuoSpe (welchen Namen jedermann RosevknoSpe aussprach) bereichert, weil die Groß­mutter ihre« Vaters Rosanna geheißen, Frau KuoSpe aber, lange ehe noch die Namenfrage im Famllien- und FrmndeS- kreise aufgeworfen worden war, als zwettm Namm ihre« Töchterchens (falls nämlich ein Töchterchm zur Welt käme, was sie dazumal noch nicht hatte wissm können) den Namm Anna bestimmt hatte, und daher der zweite Teil des vom Vater festgesetzten erstm Namens (Rosanna) aus ästhetischen Rücksichten hatte fortfallen müssen.

Als meine Liebe zur RoseuknoSpe in dem Grade zu wachsen begann, daß ich bereit» ernsthaft daran dachte-, ihr einen HeiratSantrag zu machen, geschah eS, daß auch Hugo Reuter sich um ihre Gunst zu bewerben unterfing. Er war 29 Jahr alt (5 Jahre älter al« ich), mit leicht« Pocken- narb« aus seinem gutmütigen Gesicht und eine« kahlen

Hnaeigt* nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franturt a. M., Kassel, Magdeburg und SBten; RudolfMoffe in Frankfurt 4. a. M., Berlin,München und V Köln; G. L. Daube und

*o. tn Frankfurt a- M, Berlin,Hannover «.Pari».

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2</4 Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 S. (exel. Bestellgeld), irtionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.

elftausend Kisten Petroleum von Neu York kommmd, i« Hafen von Salonichi in Brand geraten und ganz zugrunde gegangen.

Schweiz. In letzter Zeit hat sich die Abneigung der schweizerischen und sonstigen Studenten der Medizin in Bem gegen ihre russischen Kommilitonen und «ommlli- toninnen wieder in lebhafterer Weise geltend gemacht. Erstere verlangen von dem Berner RegteruugSrat, daß künfttg nur solche Studenten und Studentinnen zur Im­matrikulierung zugelassen werden sollen, die im Besitz etne« Reifezmgntsses sind. Auch wünschen sie, daß die Studen­tinnen nicht gleichzeitig mit den Studenten zu dm Kursm in den Kliniken zugelassen werden sollen. Ungefähr 40 Studenten haben mit ihrer NamruSuuterschrift erklärt, daß sie nach Basel übersiedeln würden, wenn nicht« in der Sache geschehe. Auch die Mediziner an den Universttätm in Zürich und Gens sollen aufgesordert werden, bei dm dortigen Regierungen die gleichen Schritte zu thun.

Basel, 11. April. DieBaseler Nachrichten" meld« über den Gotthardtbahn-Prozeß: Die Gotthardtbahn wird mit sämtlichen Rechtsbegehren, betreffend die Konvmtional- strafe, abgewiesen und dem Unternehmer Favre in ganzen eine Entschädigung von 1V2 Mill. Frauken zugesprochru. Die Kosten werden halbiert.

. daris, 11. April. Jules Ferry hat dem Herausgeber derTimes" folgendes Schreiben zugehm lassen.Mein Herr! Die letzten Artikel der .Time«' über dm Verlauf der Verhandlungen, welche soeben zu dem Friedensschluß mit China geführt haben, teilen mir eine Rolle zu, die ebenso meinem Charakter, wie dm wahren Thatsachm zu- widerläuft. ES ist meine Pflicht, laut gegen Behauptungen zu protestieren, welche so weit gehen, die hochgeachtete Person des Präsidenten der Republik hineinzuziehen. Sie sind sehr schlecht unterrichtet gewesen. E« ist falsch, daß ich die eingeleiteten Unterhandlungen geheim gehalten und al» mein Privateigentum bewahrt habe. Ach habe sie in ihrer ganzen Ausdehnung und mit allen Details, wie ich e» mußte, dem Konsetlprästdente« und dem Minister de» Auswärtigen mitgeteilt, als dieselben mir am 5. d. Ml», nachmittags davon Kenntnis gaben, daß sie ihre Aemter definitiv übernommen hätten. Ich la« ihnen da» zwei Tage vorher von Billot unterzeichnete Protokoll vor. Wa» die Depesche Harts angeht, worin dieser Cambpell an­zeigte, daß da» kaiserliche Edikt am 6. in Peking erlassen worden sei und daß dem Protokoll gemäß dir Ausführung des Vertrags von Tientsin und die Räumung von Tonking angeordnet worden fei, so ist mir dieselbe durch Campbell selbst am Dienstag, den 7. d.MtS. mitgeteilt wordm, eine halbe Stunde vor dem Beginn der Kammerfltzung, in welcher die Erklärung des neuen Ministeriums verlesen werden sollte. Ich hatte gerade noch Zeit, nach dem Präsi­denten der Republik, den KonseUprästdenten im PalaiS Bourbon und dem Minister des Auswärtigen im Senate einige Augenblicke vor dem Beginn der Sitzungen telephonisch lachte gutmütig, wenn uns die grollenden Mädchen deS OrteS auSwichm. Und einen Ring, den schönsten, der im Ort zn habm war, steckte ich meiner RoseuknoSpe an dm Zeigefinger der linken Hand.

Zwei Wochen später reiste ich Geschäfte halber nach Berlin. Anfang« beabsichtigte ich, nur eine Woche dazu­bleibe; al« aber meine neuen Unternehmungen einen gut« Fortgang versprachen, wurde au« der Woche ein Monat uud endlich verlegte ich mein Geschäft ganz nach Berlin:

Ich machte den wohlhabend« Kaufleut« der Residenz meine Aufwartung, wurde eingeladen und trat in nicherm Verkehr mit ihren Frauen und Töchtew. Ich erhielt da- durch, wie nicht ander« zu erwarten stand, ein« schärfer« Blick in vielerlei Ding«; ich begann zu vergleich«, zu kritisieren, und bald kam mir die «nabweiSliche Erkmutni«, daß meine RoseuknoSpe daheim zwar sehr schön, sehr süß, aber doch durchaus keine veredelte, keine Treibhausblume fei. Mit andern Wort«: ihr Anzug war so unendlich verschied« von dem der fashionablen Stadtschönheiten, ihre Manieren waren so kleinstädtisch uud ungelenk, ihre Bildung im Ganzen doch nur mavgelhaft. Sie war ein braves Mädchen, aber sie war eben keine elegante Dame. Und dann ihre Briefe, in denen sieDu" bald klein, bald groß schrieb! Wie waren mir die groß«, grob« «ouvert« wider­wärtig, die sie um die schlecht zusammengesattet« Bog« zu legen pflegte! Und nun gar ihr Vater, der alte Knospe, mit fein« ordinär« Röcken, fein« unbeschreiblichen Hüften und seinem ungepflegten Bart! Nein, diese Art von Schwie­gervater sollte und mußte mir ans ewig fern bleib«.

(Fortsetzung folgt;

Ausland.

Xtieft, 11. April. Laut Nachrichten au« Salonichi ist das österreichisch-ungarifche BarkschiffMerkur!»»", mit Fleck auf dem Scheitel, ein armer Teufel, der erst in dm letzten Jahren den sehnsüchtigen Wunsch seiner Jugend, Medizin zu studieren, hatte verwirklichen können. Er hoffte in einem Jahre sein Doktordiplom zu erhalten und lebte, solange die zu erwartende einträgliche Prox» noch in bläu- licher Ferne seinen Blicken verborgen war, vorn Stunden- geben, auf deren Erteilung er ein« guten Teil des Tages verwandte.

Nun konnte allerdings gar kein Vergleich zwischen ihm nnd mir gezogen werden, ihm, dem schüchternen, verkümmer- ten Studenten, der 10 Jahre älter aussah, als er wirklich war, und mir, dem jungen, reichen, schönen, elegant geklei­deten Kaufmann und Besitzer des Gute» Lindenhof, welches mir soviel eintrug, daß ich nach Aufgabe meines Geschäft» noch ganz bequem davon hätte leben können.

Jndeß behagte es mir durchaus nicht, mich durch irgend ein« Nebenbuhler, wer « auch immer fein mochte, in irgend einer Weife genier« zu lassen, und so bmahm ich mich, so oft ich ihn bei RosenknoSp- antraf, mit so kühler Höflich­keit gegen ihn, daß er sich bald im Gefühle feine« Unwerte» bescheiden in den Hintergrund zurückzog. Ich machte also der RoseuknoSpe ernstlich dm Hof, und eine« Tages, e» war die Zeit, als die Maikäfer flog«, küßte ich sie bei einem Spaziergange kühn auf dir Wangm und sagte ihr, das Leben würde für mich keinen Reiz mehr habm, wenn sie nicht mein eigen fein wollte, und sie sagte nicht», sondem errötete nur über und über und ließ stch auf dir andere Wange und den Mund küssen.

Darauf ging ich kühn Arm in Arm mit ihr durch dm Ort, nahm lächelnd die Neckerei« meiner Freunde hin und

auf ,bie Dberh. Zeitung mit «vy V Amtlichem Anzeiger und Sonn-

tagSblatt für das II. Quartal 1885 werden noch fort­während von der Post wie auch von der Expedition ange- rommen. Die erschienenen Nummern werden auf Wunsch nachgeliefert.

Deutsche« Reich.

Berlin, 11. April. Eine KabinettSordre de» Kaiser« bestimmt, daß die Offiziere de« Infanterieregiment« Nr. 56 zu Ehren de« verstorbenen General« Vogel von Falckenstein eine dreitägige Trauer anlegen. DaS Dampfer - Sub­ventionsgesetz nebst Anlage wurde heute offiziell publiziert, ebenso daS Gesetz wegen Aufnahme einer Anleihe von 4272 Mill. Mark für die Ausführung de« ZollanschlusseS von Hamburg und zu Zwecken deS Reichsheeres, der Marine und der Eisenbahnen. Privatnachrichten zufolge brachten 4 an der Küstengrenze des Sultanat« Zanzibar ausgesetzte Boote der KorvetteGneisenau" daS Somaliland unter deutschen Schutz. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: In­folge der Nachricht von einer au« den Sammlungen zum Geburtstag de« Reichskanzlers zu gründenden Stiftung gingen bereits so viele Gesuche an den Reichskanzler ein, daß es schon jetzt unmöglich geworden ist, den einzelnen Petenten zu antworten. Bisher ist übrigens die Stiftung noch gar nicht existent geworden, e« steht selbst noch nichts über den Zweck derselben fest. Nur soviel scheint unzweifel­haft, daß die Gelder nicht zu allgemeiner Mil thätigkeit verwendet und zur Erleichterung der Armrulasten dienen sollen. Die zahlreichen Gesuchsteller, welche von dieser falschen Voraussetzung auSgehrn, dürsten daher auch künftig nicht auf Bescheid zu rechnen haben. ES wird jetzt glaub­haft versichert, daß der Gesetzentwurf über die Einführung der Berufung in Strafsachen in dieser Session nicht mehr an den Reichstag gelangen, sondern im Bundesrat begraben werden wirdi Ein Teil der Staaten scheut dir erheblichen Mehrkosten, die mit der Einführung der Berufung ver­bunden find. Die Meldung, daß dem preußischen Land­tag noch einige kleinere Vorlagen zugehen sollen, scheint stch nur auf die Annahme zu stützen, daß die vom Minister Maybach angekündigte Fürsorge für die Hinterbliebenen der in der GrubeCamphausen" Verunglückten in Gesetzesform erfolgt. Von anderen Vorlag«, die noch zu erwarten wären, ist nichts bekannt. Im Architektenhaufe sand heute abend unter Vorsitz deS Stabsarztes Dr. Falkenstein die Generalversammlung des allgemeinen deutschen Schul- vereiuS statt. Voraufgegangen war gestern abend eine Sitzung des Zentralvorstandes und der Delegierten der deutschen LanoeSvereine und Gruppenverbände, vertreten durch die Delegierten von Dresden, Chemnitz, Mannheim, Freiburg i. Br., Halle, Hamburg, Marburg, Roetha in Sachsen, Rudolstadt, Straßburg i. E. Auf Antrag der gestrigen Versammlung wurde einstimmig beschlossen, bei der Regierung- die KorporationSrechte für den allgemeinen