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Marburg, Sonnabend, 11. April 1885.
XX. Jahrgang.
Erfcheintltüglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 21/. Mk., bei den Postämter 2 «k. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, fowied.Annvneen-Bureaux von Haafenstein undVogler in Frankurt a. M-, Kastel, Magdeburg und SBten; RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und Köln) @. L. Daube und Eo. m Frankfurt a.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sanutagsblatt.
___________________________________________________________Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
auf di« Oberh. Zeitung mit vll Amtlichem Anzeiger und Sonntagsblatt für das II. Quartal 1885 werden noch fort« wührend von der Post wie auch von der Expedition angenommen. Die erschienenen Nummern werden auf Wunsch nachgeliefcrt.
Die weitere» Aufgabe» der parlameutarischeu Session.
In der kommenden Woche werden Reichstag und Abgeordnetenhaus ihre Arbeiten wieder aufnehmen. Der Reichstag wird sich vor allem mit der weiteren Beratung der Zolltarifnovrlle, mit der Ausdehnung des Unfallver« flcherungSgesetzes und dem Börsensteuerantrag zu beschäftigen haben, während das Abgeordnetenhaus vornehmlich die KreiS- und Provinzialordnung für Hessen-Nassau, den Antrag enf Erlaß eines provisorischen BolkSschullehrerpenflonSgesetzeS und den Steuerreform-Antrag des Abg. Hüne zu erledigen haben wird.
Abgesehen von dem VolkSschullehrerpenstonSgesetz und der Kreis- und Proviozialordnung für Hessen-Nassau, für deren Zustandekommen die Aussichten gut stehen, sind es also Aufgaben vornehmlich finanzieller, wirtschaftlicher und sozialpolitischer Natur, welche der Erledigung harren. Dieselben werden nicht von solcher Begeisterung getragen, wie die kolonialpolitischen Angelegenheiten, welche den Reichstag in den letzten Monate« beherrschten. Sie sind aber darum doch nicht von geringerer Wichtigkeit. Sie sind, wie jene, alle auf demselben Baume gewachsen und verfolgen ebenso das Ziel der wirtschaftlichen und sozialen Wohlfahrt des Volks, welche das oberste Ziel des Strebens der Gesamtpolitik der Reichs- nab Staatsregierung bildet.
Hat cs großer und nachhaltiger Kämpfe bedurft, um der Kolonialpolitik die nötige Anerkennung zu verschaffen, so sind die Aussichten betreffs der nunmehr zur Entscheidung stehenden Fragen von vornherein günstiger. Für die uneingeschränkte Konkurrenz des Auslandes, für das Prinzip der Selbsthilfe als besten Rettungsanker der arbeitenden Klasse, für die Steuerfreiheit des mobilen Kapitals und für die Ueberbürdung des Grundbesitzes, der vornehmlich von den Gemeindesteuern überlastet ist, wagen jetzt doch nur noch verhältnismäßig sehr wenige Politiker der alten Schule etnzutreten. Seit dem Schreiben des Fürsten Bismarck an den Bundesrat vom 15. Dezember 1878 hat sich in dieser Beziehung eine Wandlung vollzogen, welche nicht hoch genug anzuschlagen ist. Die früher« Vorkämpfer jener .Freiheitsprinzipien" suchen ihre oppositionelle Stellung allein noch durch die Phrase von der Verteuerung der Lebensmittel durch die Zölle zu halten; im übrigen haben sie es aufgegeben, für eine Sache einzutreten, die nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt verloren ist.
Die große Mehrheit im Reichstag und im Landtage wird vollständig von den wirtschaftlichen, finanziellen und sozialpolitischen Ideen der Regierung beherrscht; die Steuer- anträge im Abgeordnetenhause und RkichStage, denen gegenüber sich die Regierung sympathisch stellt, beweisen dies. Wenn trotzdem im einzelnen sich Schwierigkeiten erheben oder Verstimmungen verbreiten, so wird man dergleichen Hindernisse und Unebenheiten, als von dem parlamentarischpolitischen Treiben unzertrennlich, nicht zu hoch veranschlagen dürfen. In dem Wettstreit der Parteien mag heute diese, morgen jene die Oberhand gewinnen: für dm Ausgang und das Ziel können diese parlammtarischeo Episoden nicht ins Gewicht fallen. Genug, daß im großen und ganzen von den Parlamenten jetzt nicht nur die Richtung der Zoll- und Sozialpolitik, sondern nunmehr auch die Richtung der Steuerreformpolitik der Regierung innegehalteu wird. In dieser Gewißheit kann man den kommenden Wochen parlamentarischer Arbeit mit Vertranen entgegen- gehen unb auf wertvolle Ergebnisse rechnm.
Deutsche» Reich.
Berlin, 9. April. Bon ben ,Berl. Polit. Nachr." wirb der Befürchtung entgegen getreten, baß bas Gesetz, betr. bie Pensionierung ber Volksschullehrer, falls es vom Landtage beschlossen werden sollte, von der Regierung wegen Geldmangels nicht angenommen werden könnte. Keinesfalls dürfte die Ftnavzfrage bie Eutfcheibung der Staatsregierung gegenüber einer von einer gesetzgeberischen Körperschaft beschlossenen^ sachlich zutreffenden gesetzgeberischen Maßregel der bezeichneten Art ausschlaggebend bestimmen. Vielmehr habe der Finanzminister ausdrücklich betont, daß die Stellung der StaatSregierung zur Befriedigung eines von ihr selbst als dringlich anerkannten, aber wegen Mangel an Mitteln zurückgestellten Bedürfnisses, wie die Regelung des LehrerpenstonSwefens, sich wesentlich ändere, wenn die, die Vertretung der Steuerzahler darstellende gesetzgeberische Körperschaft mit überwiegender Mehrheit dasselbe durch die Annahme deS Entwurfs für so dringlich erkläre, daß die Befriedigung derselben ohne Rücksicht auf die aktuellen DeckungSmittel erfolgen müsse. ES liege daher auf der Hand, daß die Stellungnahme des Staates wesentlich davon abhänge, daß und in welcher Weise ein endgiltiger Beschluß deS AbgeordnetenhansrS vorliegt, daß aber, wenn dieses mit stattlicher Mehrheit angesichts der Finanzlage dem Entwarf zustimmt, die Frage der Deckungsmittel die Entscheidung der StaatSregierung kaum beherrschen dürfte. — Die konservative Fraktion deS Abgeordnetenhauses versammelt sich am Montag, 13. April, abends 7»/i Uhr. Tagesordnung: Lehrer - PenstonSgesetz. (D:r Antrag der Abgg. Freiherr v. Zedlitz und Schmidt auf Annahme eines
| solchen Gesetzentwurfs steht bekanntlich in zweiter Beratung auf der Tagesordnung der Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses am Dienstag, 14. April.) — Der Grundbesitz deS ReichSkanzlerS umfaßt jetzt einige Ouadratmeilen und ist ganz ohne Schulden. Varzin ist aus der Dotation von 1867, und zwar aus dem Ankauf von 7 Rittergütem entstanden. FriedrichSruh hat der Reichskanzler als Dotation nach 1870 vom Kaiser erhalten. Wie das ,Berl. Tageblatt" mitteilt, wurde der JahreSertrag von Varzin Ende der sechziger Jahre ans 16000 Thaler geschätzt, hat sich aber inzwischen dnrch neue Ankäufe und industrielle An- lagen, wie z. B. einer Papierfabrik, erhöht. Die Ein- künfte von FriedrichSrnh werden bet mäßiger Holzfällnng ans 80 000 Thaler geschätzt. Schönhausen wird in seinem Ertrage, wenn eS anch viel kleiner ist als Varzin (letzereS hat ca. 30000 Morgen, ersteres ca. 8000 Morgen) doch diesem ziemlich gleich kommen wegen des besseren Bodens und der günstigen Lage an der Eisenbahn nach Berlin. Die Revenuen des Reichskanzlers aus Grundbesitz betrag« also nach den Berechnungen des ,Berl. Tagebl." mindestens 360000 Mk. — Dem „Berl. Tagebl." zufolge erfolgt die Berufung des Geheimrats Dr. Koch zum ordentlichen Professor für Hygietue an der hiesigen Universität in den nächsten Tagen. VoranSstchllich dürfte derselbe seine Bor- lesnngen bereits am 1. Mat oder 15. Mai eröffnen.
— Zu der »Deutschen Revue" veröffentlicht der Genral- major z. De v.Bonin einen Aufsatz über den zunehmenden LuxuS in der Armee, in welchem er folgendes ausführt: Das Nebel habe feinen Ursprung in den sozialen Verhältnissen und werde durch dieselben dauernd gesteigert. Die höheren Offiziere würden durch die äußere Lebensweise zu größerem Aufwande gezwungen; eine beträchtliche Anzahl junger Leutnants gehe aus dem Handels nnd Ja- dustrie-Stande hervor und bringe die sehr erhöhten Lebens- anfprüche und Luxusgewohnheiten mit. Die Einrichtung eines in den Ehestand tretenden Offiziers von heute unterscheide sich gar sehr von den Anforderungen vor 30 oder 40 Jahren. Jetzt werde bei einer Heirat in den einfachsten Verhältnissen eine elegante Wohnung mit wertvollen Möbeln bezogen; Portiören, Teppiche und dergleichen Luxusartikel seien unentbchrlich. Der Verfasser erinnert daran, wie der spätere General-Feldmarschall v. Roon als Hauptmann in Berlin mit so mangelhaften Zimmern habe fürlteb nehmen müssen, daß er und die Eetnigen sich nut mit Schirmen gegen den eindringenden Regen schützen konnten. Die nächste Folge der veränderten Verhältnisse sei eine äußere Verweichlichung, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden dürfe. Die letzten Kriege verliefen siegreich, ein unglücklicher erfordere Entbehrungen, von welchen wir keine Ahnung hätt'N. Doch liege in der Verweichlichung nicht daS bedenk-
BiSmarckfeter.
Die Universität Göttingen hat Ihren früheren akadeuch schen Bürger, den Fürsten Bismarck, an seinem Geburtstage durch eine epistola gratulatoria begrüßt, deren vom Prosissor von WtUamowitz-Möllendorf verfaßter lateinischer Text in Uebersctzung etwa wie folgt lautet: .Dem Fürsten Otto von BiSmarck, dem Kanzler des Deutschen Reiches, dem Dc ktor der Philosophie und Magister der freien Künste, senden ihren Gruß der Georgia Augusta Prorektor und Senat. Den 1. April, an welchem Tage Du, wahrhaft Fürstlicher Mann, das stebenzigste Jahr eines Lebens voll Arbeit und Ehre vollendest, zugleich in der Erinnerung, daß eS fünfzig J-Hre sind, seitdem Du diese- Dein Leben dem Dienste deS Königs und Vaterlandes durch ben Diensteid geweiht hast, feiern auch wir als gute Bürger unb bieustwillige Untertanen Sr. Kaiserlichen Majestät als Fest, unb im Vertrauen auf Gott, der Dich unb Dein Werk immer mit sichtbarer Gnade beschützt hat, wünschen wir Dir ein blühende- und glückliches Mer. Dennoch könnte es wohl zu anmaßend erfcheium, wenn wir durch unsere Ansprache Dein Ohr behelligen, doch müssm wir der Aufforderung unserer hehren Mutter, der Georgia Augusta, gehorchen, der wir uns nie entziehen. Denn wenn sie sich darauf beruft, daß sie drei Semester lang Deine Jugend in ihrem Schoße genährt unb gepflegt hat, meint sie, als Familienrnitglieb zur Begrüßung zugelassen werden zu müssen. Anch meint sie nicht, fürcht« zu müssen, Dir lästig zu werden, da ja Romnln- sich nicht einmal der Aeca Larentia geschämt hat, Du aber oft und viele Beweise Deines dankbar« Sinnes gegeben hast, und hofft, daß Deine von Sorgen nm dm Staat und gesundheitlichen Störung« gerunzelte Stirn in der Erinnerung an Deine heitere Jugendzeit sich zu scherzhaftem Lach« erweitern werde. Am heutigen Festtage ruft sich daher die trete Mutter Dein Bild
vor dem Geiste wach, wie Du einst unter ihren Bürgern durch die breite Hauptstraße unseres Städtchens dahivgingest fest« und sicheren Schrittes. Fürchte aber nicht, daß sie nach Ammenart verfahren wird, welche, durch den Erfolg klug gemacht, sich damit zu brüsten pflegen, die Vorzeichen künftiger Größe ganz allein in den Kindern schon ftüh bemerkt zu haben. Als Priesterin der Wissenschaft hält sie die Wahrheit allein hoch, und da sie ihrem, wenn auch guten Gedächtnisse zu wenig vertraut, hat sie ihre Register und Protokolle nachzeschlagen, um zu sehen, wie Du Dich betragen hast. Desto zuverlässiger aber zeiht sie da« Meiste der Lüge, was über Deine Jugend der leichtgläubige Haufe teil- voll Bewunderung, teils nicht ohne ein gewisse- Gruseln sich vorschwatzen läßt. Sie findet, daß Du keineswegs Deine Kraft in Scherz und Vergnügen vergmdet hast, sondern tüchtig dafür gesorgt hast, daß Du nicht für die Schule, sondern für da- Leben lerntest und daß Du Dich al- braven und zielbewußten Mann auch indem erwiesen, wa- Du gegen ihre Ges.tze gefehlt hast. Ja, man kann sogar die vortreffliche Eigmschast bemerken, daß Du, um für Frieden, Wohl uns Eintracht Deiner Mitbürger zu sorg«, unverzüglich eivgeschrilten bist unb daß sich schon dem Jünglinge, einem durchaus billigen und ehrenfesten Unparteiischen, sogar da- Vertrau« der Ausländer zugewandt. Daß Du daran dächtest, war ber Wunsch der Georgia Augusta. Wir sind ihrem Befehle gefolgt. Bei Dir, o Fürst möge nun ba- Urteil stehen, ob wir recht gehandelt. Und wenn Du nun meinst, daß wir Deiner gewichtigen Persönlichkeit gegenüber etwa- zu freimütig geredet haben, so schiebe ber trefflich« Mutter nicht zu, wa- ihre zu wenig einsichtigen Dimer verfehlt haben, obschon auch u«S ber Umstand Mut gegeben, daß wir an Deinem Geiste ebm so sehr die Frei- mütigkeit und Aufrichtigkeit, al- die Größe und Festigkeit bewundern. Lebe wohl i Götting«, «, den Iden deS März.",
........ .....
Die Anspielung, daß ber junge BiSmarck sich al- zielbewußten Mann auch in bem erwiesen, waS er gegen bie Gesetze ber Universität gefehlt, bezieht sich auf den ersten Konflikt, io welchen BiSmarck mit ben akademisch« Behörden kam, nachdem er vom Anfänge feiner Studienzeit Ostern 1832 bis Januar 1833, nach Ausweis der Akt«, mit dem akademischen Gericht in keinerlei Konflikt geraten war. Studiosus von BiSmarck deponierte darüber wie folgt: „Ich kam zufälligerweise nach dem Gurkenkruge (einem jetzt verschwundenen Lokale am Rosdorfer Wege), woselbst ich einige Kommilitonen in großer Verlegenheit fand. ES sollte ein Pistolenduell stattfinden, allein ber Unparteiische war nicht erschienen. Ja biefer Not konnte ich ben Bitten meiner Freunde nicht entgegen sein unb übernahm das Amt de- Unparteiischen. Nachdem ich zunächst den vergeblichen Versuch gemacht hatte, die beiden Duellanten -u versöhnen, stellte ich als Bedingung meiner Betelligung, daß nicht, wie beabsichtigt war, über das Schnupftuch geschossen werden sollte, sondern auf 10 Schritte Distanz. Nachdem die- zugestanden war, schritt ich die Entfernung ab, zählte dabei jedoch 12 Schritte statt 10 ab, und da ich, wie die Herren Richter sehen, mit recht langen Beinen an-gestattet bin, so glaube ich dadurch die Gefährlichkeit de- Duells sehr verringert zu hab«, um so mehr, al- ich auch beim Laden ber Pistolen beflissen war, nur eben so viel Pulver zu verwend«, als nöüg war, um die Kugeln aus dem Laufe zu bringen. Ich darf daher wohl behaupten, daß ich mir um den glücklich« Verlauf de- Duell- ein Verdienst erworbm habe." Dem akademischm Gericht muß aber die» Plaidoyer de- Studiosen nicht imponiert habm, sie erkannt« auf drei Tage Gare«, die BiSmarck auch richtig im alten, jetzt beim BibliothekSneubau eingcrissecen Concilimhause, wo sich damals bet Carcer befanb, abgesessm hat. ^Schluß folgt)