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Marburg, Mittwoch, 8 April 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint^täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition ä/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen dieLExpedüion d. Blattes, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMosse in Frankfurt a. M.,Berlin,Munchen und Köln: G. L. Daube und Co. ,n Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Lonntagsblatt.

Expedition - Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

°us die Oberh. Zeitung mit 'VtrjivWUliy vll Amtlichem Anzeiger und Sonn- tagöblatt für das II. Quartal 1885 werden noch fort­während von der Post wie auch von der Expedition ange­nommen. Die erschienenen Nummern werden auf Wunsch nach ^liefert.

Deutsche» Reich.

Berlin, 4. April. Die Kaiserin empfing gestern abend den Fürsten BiSmarck. Der Reichskanzler erließ fol­gende Danksagung:Anläßlich meines siebzigsten Geburts­tages und bevorstehenden 50jährigen AmtSjubiläumö gingen mir so zahlreiche Kundgebungen des Wohlwollens in Ge­stalt von Glückwünschen und Festgaben zu, daß es mir leider nicht möglich ist, einzeln darauf zu erwidern. Ich bitte alle, welche am 1. April meiner freundlich gedacht haben, meinen herzlichen Dank entgegenzunehmen und ver­sichert zu sein, daß der freudige und tiefe Eindruck so vieler reicher Beweise der Liebe meiner Mitbürger in meinem Leben nicht erlöschen wird/ Die Ernennung des bis­herigen Generalkonsuls zu Pest, deS Grafen Berchem, und des Geheimen Legationsrats Hellwig zu Direktoren im Auswärtigen Amte, sowie die Ernennung deS vor Jahres- frist wegen Krankheit zurückgetretenen Direktors v. Boja- nowski zum Generalkonsul in Pest ist nunmehr erfolgt. Betreffs der zahlreich dem Auswärtigen Amte zugehenden Gesuche um Anstellung in den deutschen Schutzgebieten und um kostenfreie Beförderung dorthin, sowie um Auskunft über die dortigen Verhältnisse bemerkt dieNordd. Allg. Ztg.", solche Gesuche seien an diejenigen Handlungshäuser, die dort Niederlasiungen haben, zu richten, das Reich habe keine Stellen im Schutzgebiete zu vergeben und besitze auch keine Fonds zur kostenfreien Ueberfährung der Gesuchsteller. Für die im nächsten Jahre in Berlin stattfiadende inter­nationale Kunstausstellung sind außer den vom Magistrate zugesagten 100 000 Mk. nunmehr auch vom Kultusminister 100000 Mark aus Staatsmitteln bewilligt worden. Bei der hiesigen BiSmaiüfeier erscheint besonders bemerkens­wert das Verhalten der Berliner Stadtvorstände. Die Stadtverordneten - Versammlung hatte bekanntlich ihre Be­teiligung ganz abgelehnt und der Magistrat hat sich darauf beschränkt, am Morgen deS 1. April ein Glückwunsch­schreiben durch seinen Büreau - Direktor im Palais des Kanzlers abgeben zu lasien. Die liberalen Blätter moti­vieren diese eigentümliche Haltung der Stadtbchör-e durch die Angriffe, welche der Kanzler früher gegen di- städtische Verwaltung gerichtet habe. Wir dächten aber, die städtische Behörde härte sich doch auch in diesem Falle besinnen müssen, daß ihre personale Zusammensetzung hier gar nicht in Betracht kam, sondern daß sie hier als Vertretung der ReichSh^uptstadt zu handeln hatteund wir meinen, jeder Blick auf Berlin sollte beweisen, wie viel die Stadt Berlin der durch die BiSmarcksche Politik hcrbeigeführten politischen Neugestaltung Deutsch! ndö zu ver a ken hat. Also schon

Das Lebensbild des Reichskanzlers Fürsten Bismarck.

(Fortsetzung.)

Wie in wenigen Tagen daS Lind nördlich deS MainS und des Erzgebirges in preußischer Gewalt war, wie die hannoversche Armee nach ruhmreichster Verteidigung kapitulieren mußte, die Gefangennahme deS Kurfürsten von Hesien, die ruhmreichen Schlachten auf österreichischem Boden daS alles des Genaueren zu erwähnen, würde hier zu weit führen und ist überdies auch noch frisch in Aller Ge­dächtnis. In der Schlacht bei Königgrätz zeigte Bismarck, daß er nicht nur Diplomat, sondern auch Soldat sei; in der Majorsuniform der Landwehrreiter begleitete er den König durch daS Getümmel der Schlacht und mehr als einmal «ar auch sein Leben in Gefahr, wie das feines königlichen Herrn.

Mit dem 27. Juli, dem Vcrfrieden zu Nikolsburg, kam der Diplomat Bismarck wieder ans Ruder. Obwohl Bismarck den Frieden mit Oesterreich allein und ohne Ein­mengung einer fremden K:aft geschloffen hatte, war Na­poleon bereits als FrieüenSvermittler aufgetreten. Bismarcks Diplomatie gelang es, den französischen Botschafter, Grafen Benedetti, so lange hinzuhalten, bis er über die Haupt­bedingungen deS Friedens mit Oesterreich einig geworden war. Seinen Hauptzweck: Oesterreich von den Angelegen­heiten der deuffchen Staaten fern zu halten, hatte er er­reicht. Kaiser Franz Josef erklärte sich mit der Auflösung des Bundes einverstanden und trat dir Elbherzogtümer an Prmßen ab. Die staatsmännische Weisheit Bismarcks sah von einer Länder - Erwetterung Preußens auf Kosten des gefchlagmeu Oesterreichs ab; die Friedensbedingungen waren

von diesem lokalen, geschweige denn jedem größeren natio- nalm Gesichtspunkte aus hätte es sich geziemt, daß die Vertreter der Reichshauptstadt da nicht gefehlt hätten, wo die Vertreter von ganz Deutschland, insbesondere auch der Staaten, um den Kanzler geschart waren. Die BiSmarcksche Politik ist auch von diesen letzteren manchmal nicht gerade als duftendes Rosenwaffer empfunden worden. Aber diese Herren besaßen di- Einsicht, daß sie hier nicht ihre Person und ihre Verwaltung zu' vertreten hatten, sondern die Staaten, das Volk und diese Vertretung gebot ihnen, dem großen Kanzler an seinem Ehrentage Dank und Glück­wunsch darzubringen. DaS demokratische engherzige Kräh- winkeltum freilich, dessen Gesichtskreis gewöhnlich nicht über die eigene Person hinausreicht, kann sich zu einem solchen objektiven Standpunkt nicht aufschwingen. DieNat.- Ztg." hatte mitgeteilt, daß am Dienstag Abend, während der BiSmarck-Fackelzug sich unter den Klängen des Hohen­friedberger Marsches am Kronprinzlichen Palais vorüber bewegte, in letzterem fast völlige Dunkelheit geherrscht habe, da der Kronprinz auf der Jagd gewesen sei. Die letztere Angabe ist dahin zu berichttgen, daß der Kronprinz mit dem Prinzen Heinrich an dem betreffenden Tage morgens zu einem Versuchsschießen nach Kummersdorf gefahren und schon nachmittags halb 5 Uhr wieder in Berkin ange­kommen sei. Die andere Notiz aber von der Dunkelheit des Kronprinzlichen PalaiS, welche zu Mißdeutunsen Veranlaffung geben konnte, finden wir in hiesigen Blättern wie folgt berichtigt: Thatsächlich hat sich dem Vernehmen nach die ganze KronprirrMe Familie, auch Prinz'Wilhelm und Prinz Heinrich, im Palais befunden und an den Vor. gängen auf der Straße lebhaften Anteil genommen. Während die Fürstlichen Personen in den oberen Räumen des PalaiS verblieben, waren die Parterre-Räume den Hof- staaten und der Adjutantur der Kronprinzlichen Herrschaften übcrlaffen; es waren anwesend, außer dem Hofmarschall Grafen Radolin-RadolinSki, die Kammerherren, Hofdamen, persönlichen Adjutanten des Kronprinzen und der Stab der IV. Armee-Znsp ktivn mit ihren Angehörigen. Der Dienerschaft der Kronprinzlichen Familie war eS gestattet, vom Prinzessinn'n-PalaiS aus den Zug mit anzusehen. Die noch bekannt gewordene Verlobung des Grafen Wilhelm BiSmarck mit seiner Cousine, dem Freifräulein Sybille von Arnim, ist noch eine Ueberraschung zur BiSmarckseier. Die Braut des Kanzlersohnes ist die Tochter der Lieb- ltngSschwester res Fürsten BiSmarck, der Frau v. Arnim- Kröchlendor?, an welche der damalige Gesandte am Bundes­tag und später am Petersburger Hofe eine Reihe so liebenswürdig herzlicher und gemütvoller Briefe gerichtet hat. Graf Wilhelm BiSmarck hat in den letzten Jahren ein Vergnügen gehabt, welches den Söhnen aus gutem Hause nicht silten bereitet wird. Er hat nämlich wieder­holt feinen Namen mit demjenigen einer reichen Erbin zu­sammen in den Zeitungen lesen und sich als Bräutigam auöargeben sehen können, während er thatsächlich an nichts

im V ryLünis zu den glänze.den Siegen PreußeriS sehr milde und erschienen sehr vielen zu wild?. BiSmarck aber wollte d m N ichbarstaate die Möglichkeit einer späteren Aus­gleichung nicht rauben und er hat auch hierin, wie ur.S die Geschichte der letzten Jahre gezeigt hat, Recht behalten.

Schon damals, nach dem Frieden mit Oesterreich war der Krieg mit Frankreich in Licht und nur btm Umstande, daß Frankreich nicht gerüstet war, ist die Erhaltung deS Friedens auf weitere vier Jahre zuzuschreiben. Der Bot­schafter Frankreichs, Graf Benedetti, verlangte mit der ihm eigenen Unv^rlrorenheit als Schadloshaltung seines Landes für das gestörte Macht-Gleichgewicht die Abtretung von Luxemburg, Rheinheffen und der bayerischen Pfalz und drohte im Fall der Weigerung mit Krieg.

Gut,* antwortete BiSmarck,"ann also Krieg I' Er wies jedoch zugleich darauf hin, daß ein Krieg Frankreichs mit Preußen Napoleon vielleicht den Thron kosten könne und diese prophetischen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.

Auf den Frieden mit Oesterreich folgten die Friedens­verträge mit den Kleinstaaten, die um so milder waren, als er die Staaten jetzt schon für die Neugestaltung Deutsch­lands gewinnen wollte. Die Einverleibung Hannovers, KurheffenS, NaffauS und Frankfurts in daS preußische Staatsgebiet dagegen erfolgte am 17. August 1866.

Und nun, nachdem der Minister-Präsident auf so große, ungeahnte Erfolge feiner weitsichtigen Politik zurücksehen konnte, nun, als den Vielgeschmähten daS Volk umjubelte und sich auch die früher Widerstrebenden über die Bedeu­tung dieses Mannes und seine großen Ziele klar wurden, da trat Bismarck vor die Volksvertretung, nicht als der

weniger dachte, als an das Aistgeben seiner entsprechend benutzten Junggesellenfreiheit. Früher einmal war eS die verwitwete Fürstin OdeScalchi, mit welcher ihn die unbe­rufenen Berater der BiSmarckschen Familie vermählen wollten. In den letzten Monaten hatte sich das gleiche Gerücht an die Person einer Nichte des Ministers Dr. Lucius geheftet, die Tochter des Teilhabers der Firma Lucius, Meister und Brüning in Frankfurt am Main.

6. April. Der Kaiser wohnte gestern vormittag dem Gottesdienste im Dom bei, erteilte dann mehrere Audienzen und machte mit der Großherzogin von Baden nachmittags eine Spazierfahrt. Nachmittags 4 Uhr empfing der Kaiser den Fürsten Reichskanzler zu längerem Vortrag. Um 5 Uhr fand im kaiserlichen Palais das Familiendiner statt, dem alle Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses beiwohnten. Der Reichskanzler Fürst BiSmarck ist heute mittag mit feiner Gemahlin und feinen beiden Söhnen nach Schönhausen abzereist.

Unter der Ueberschrift:Zum 50jährigen Dienst­jubiläum des königlich preußischen Generals der Kavallerie, Chefs dcs 1. Magdeburgifchen LandwehrregimentS Nr. 26, ü la suite deS Magdeburgifchen Kürassierregiments Nr. 7, Kanzlers des Deutschen Reiches, königlich preußischen Mi­nister-Präsidenten, Minister der Auswärtigen Angelegen­heiten und Ministers für Handel und Gewerbe, Otto Fürst v. BiSmarck" bringt dasMilitär-Wochenblatt" einen Artikel, dessen Eingang und Schluß also lauten: Das Militär-Wochenblatt" hat feit einer Reihe von Jahren zu Ehren derj nigen Offiziere, welche das Glück haben, ihr fünfzigjähriges Jubiläum im aktiven Dienste zu begehen, das Wort genommen, nm den Jubilaren in bescheidener Weise den Zoll der Verehrung der Armee darzubringen. Heute gilt es, einen Mann zu ehren, der zwar nicht mit gezogenem Säbel vor der Front der Armee sich bewegt, der aber nach den Motten Sr. Majestät des Kaisers und Königs in mancher schweren Zeit den höchsten Mut de« Soldaten bewiesen und der auch in zwei Kriegen an der Seite Sr. Majestät des Königs voll und ganz bethätigt, daß er neben jeder anderen auch auf eine hervorragende militärische Auszeichnung den vollsten Anspruch hat. So bedarf es denn wohl keines erläuternden Wortes weiter, wenn dasMilitär-Wochenblatt" einer Pflicht nachz«. kommen sucht, indem auch seinerseits dem Reichskanzler Fürsten v. Bismarck an seinem Ehrentage, wenn auch nicht im Namen, so doch im Sinne der Armee den Tribut auf­richtigster Verehrung in bescheidener Weise dar bringt. Die sonstigen Dienstjubiläen, deren dasMilitär-Wochenblatt" zu gedenken hat, berühren der Regel nach verhältnismäßig nur wenig ausgedehnte Kreise, ihre Feier greift selten über die Garnison deS Jubilars hinaus und findet eine Aus­nahme nur statt, falls ein Mitglied eine» regierenden Hauses ein Jubiläum begeht. Heute ist e« anders. Zu des Fürsten v. BiSmarck Jubiläum rüsttte sich seit Wochen nnv Monaten All - Deutschland in emsigster Weise, und weit über die

Sieger, son-ern alS der Bittende. Er erbat die Jndemität für die Regierung, er bat um die nachträgliche Bewilligung der Summen, die gegen den Willen der Volksvertretung verwendet worden waren und damit war auch der Konflikt zwischen Regierung und Volksvertretung begraben und der innere Friede hergestellt.

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Die nun, nach dem Jahre 1866 folgenden Ereignisse im deutschen Räche bilden dieneueste Zett" und da diese ja von allen unseren Lesern selbst mit erlebt worden werden sich ja unter ihnen gar Viele finden, die mit auf den Schlacht­feldern Frankreichs für deutsche Ehre und Einheit gekämpft haben seien die geschichtlichen Vorgänge nur insoweit gestreift, als sie mit diesem Lebensabriß des Fürstm Reichs- kanzlers zusammenhängen.

Am 7. Februar 1867, nachdem der unhaltbar gewor­denedeutsche Bund" begraben war, wurde von den ver­bündeten Regierungen der Entwurf einer neuen Verfassung angenomm n und der auS unmittelbarer Wahl hervorge­gangene Reichstag einberufen. In dieser Zeit sprach BiSmarck das berühmt gewordene Wort,Setzn wir Deutschland in den Sattel, reiten wird es schon können!" Am 1. Juli 1867 trat di- Verfassung de» norddeutschen Bundes in Kraft und am 4 Juli ward BiSmarck, der Schöpfer desselben, zum Kanzl-r ernannt. Damit war von BiSmarck, d«n .Junker" und .Antideutschen", welche Bezeichnungen jetzt freilich verpönt waren, der Grundstein zu einem eini­gen Deutschland gelegt; daS Ereignis, das die noch zurück­haltenden süddeutschen Staaten zur Einheit bestimmm sollte, lag nicht mehr fern. (Fortsetzung folgt.)