Einzelbild herunterladen
 

Kr. 8»

Marburg, Donnerstag, 9. April 1885.

XX. Jahrgang.

Wrsffchk 3 eit miß

Wocheutlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllustricrtes Sonntagsblatt.

_____ Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. *

Anzeigen nimmt entgegen die-Expedition d. Blattes, sowied.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler

Das Lebensbild des Reichskanzlers Fürsten Bismarck.

(Fortsetzung.)

Die Luxemburger Angelegenheit war eS, die den Krieg mit Frankreich bereits in nächste Nähe rückte. Frankreich, das bereits längst ein lüsternes Auze auf Luxemburg ge­worfen hatte, wollte das ehemals Ideutsche Ländchen, das nunmehr unter der Oberhoheit des KSuigS von Holland stand, käuflich erwerben. Gegen den Verkauf legte Bismarck, da Preußen noch Anspruch auf das BesotzungSrecht der F stung Luxemburg hatte, ein energisches Veto ein. Trotz­dem erschien Bismarck die militärisch wertlose Festung als ein zu geringes Streitobjekt, als daß er deshalb es hätte zum Kriege kommen lassen. Napoleon erklärte, auf einen Ankauf Luxemburgs Verzicht leisten zu wollen, wenn Preußen gleichfalls feinen Ansprüchen auf die Besatzung ter Landes, festung entsage. Dieser Zumutung gegenüber verlangte der Reichstag, das Volk, der König selbst und feine Umgebung empört die Züchtigung des ewig Streit suchenden französi­schen Nachbars nur Bismarck blieb fest und trat ent­schieden für den Frieden ein.Ein Krieg hätte unS wenig­stens 30000 Mann brave Soldaten gekostet," sagte er später einmal, .und uns im besten Falle keinen Gewinn gebracht. Wer aber nur einmal in d :S brechende Auge eines sterbenden Kriegers auf dem Lch'achtfelde geblickt hat, be­sinnt sich, bevor er einen Krieg ansängt." Bismarck, der sogar des Falles wegen seine Entlastung eingereicht hatte, drang durch; der Friede blieb gesichert. Luxemburg verblieb dem Könige von Holland und wurde neutraUstert; Preußen nahm Abstand von feinem BefatzungSrecht und die Festung mußte geschleift werden.

Der Thron Napoleon» fing bedenklich zu wanken an

in Frankurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a a. M., Berlin,München und V Köln: G. L- Daube und

Co. in Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Paris.

SrscheintltSglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 24 Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pf«. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile SS Pfg.

gewiß dieselbe angenehme und angesehene Stellung erringen welche, mit einer ^vorübergehenden Ausnahme, alle seine AmtSvorgängec so viele Jahre zum Vorteile jder beiden Länder in Berlin eingenommen hätten. DieNords. Allgem. Ztg." schreibt: Aus Tientsin unS zugehende kauf­männische Depeschen von gestern wollen wissen, die Friedens. Präliminarien zwischen Frankreich und China seien unter­zeichnet. Eine Bürgschaft für die Richtigkeit dieser Mel­dung können wir selbstverständlich nicht übernehmen. Wir lesen in derNat.-Ztg.": Zu den Erstens welche dem Fürsten BiSmarck gelegentlich der Verlobung des Grafen Wtih lm BiSmarck ihre Teilnahme auSdrückten, gehört der Kronprinz, der in ungemein herzlicher Weife feinen Glück­wunsch übersandte. Gleichzeitig klärt sich auch auf, wie die dem Kronprinzen bei dem Fackelzug am Dienstag zuge­dachte Ovation unterblieb. Es hängt dies mit dem Mangel in der Aufstellung der Fackclträger zusammen, welche das Fenster, an welchem der Kronprinz sich befand, unbeleuchtet ließen, fo daß von der Straße aus nicht wahrgenommen werden konnte, was zu dem falschen Gerücht seiner Ab­wesenheit Anlaß gab."

DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt in betreff der Postsparkassen: Von den Gegnern bet Postsparkassen-Vor- la,;e wird als hauptsächlichster Einwand die Befürchtung geltend gemacht, die bestehenden kommunalen und sonstigen Sparkassen würden der Konkurrenz der Postsparkassen nicht gewachsen sein und durch dieselben in ihrem Fortbestände bedroht werden; ein Schicksal, welches die bestehenden Sparkassen um der wichtigen wirtschaftlichen Dienste willen, bk sie geleistet haben unb noch leisten, nicht verbienten. ES soll hier nicht darauf ber Nachbruck gelegt werben, daß auch von den sonst auffreieste Konkurrenz" im Wirt- schaftLeeben Schwörenden in diesem Falle ein derartiger, für ihren Standpunkt recht eigentümlicher Einwand gegen eine doch zu gunsten des Sparpublikums sich Voraussicht- ich bethätigende Vermehrung der Konkurrenz erhoben wird, sondern soll vielmehr der Frage näher getreten werden, ob denn in Wirklichkeit eine Schädigung der Kommunal- sparkassen um diese handelt es sich in erster Linie ju besorgen sei, falls die Postsparkasse in dem in der Vor­lage enthaltenen Umfange in Aktion treten würde. Für diese Seite der Sache geben die in Oesterreich in dem kurzen Zeitraum des Bestehens der Postsparkassen ge­machten Erfahrungen einen ziemlich sicheren Anhalt. Auch Oesterreich besitzt ein ziemlich entwickeltes Sparkassenwesen, wenn auch 1882 im gesamten Deutsch-Oesterreich erst auf 65000 Seelen eine Sparstelle kam, so war dieses in Ober- Oesterreich, Stcyermark und Schlesien schon auf re p. 23000, 26000 unb 35000 Seelen der Fall - gegen allerdings nur 13000 Seelen im Deutschen Reiche. Bei den Ende 1882 bestehenden 345 Sparkassen waren aus 1690 540 Bücher 826,3 Mill. Fl. eingelegt und wurden während des Jahrzehnts von 1873 bis 1882 überhaupt 2150575271 Fl. eingezahlt. Von den Sparkassenbüchern lauteten unter 100 Fl. 39 Prozent, von 100500 Fl. dieser Eröffnungen zur rechten Zeit unb an rechter Stelle blieb nicht au8. Napoleons Bemühungen, die neutralen Mächte zu seiner Hilfe in Bewegung zu setzen, Warrn frucht­los dagegen sah der gekrönte Abenteuer mit Entsetzen, daß das gesamte Deutschland, an dessen innere Einheit er nur zeitweise geglaubt hatte, sich gegen ihn ausrichtete.

Es ist bekannt, daß der Kanzler wie 1866 fo auch 1870/71 am Kriege thätigen Anteil nahm und die nicht geringen Strapazen desselben mit der Ruhe und dem mili- tärifchen Sinn eines alten Soldaten ertrug. Mit dem Stege von Sedan trat Bismarcks, von den sich überstür- zenden Kriegsereignissen etwas zurückgedrängte Persönlichkeit wieder mehr in den Vordergrund. In einem einsamen Arbetter- hause unweit von Doncheiy fand jene denkwürdige Unter­redung Bismarcks mit dem gefangenen Kaiser der Franzosen statt. ES folgten dann die Verhandlungen mit den Ver­tretern der französischen Republik, Jules FavreS und ThierS und endlich, nachdem die deutschen Truppen ihren Siegen auf dem Schlachtfelde noch die Lorbeeren der Einnahme der französischen Festungen hiozugefügt hatten, die entgültige Friedens-Unterhandlung za Versailles am 21. Februar 1871. Die neutralen Mächte waren anfangs erstaunt über die Härte der Friedensbedingungen, die Bismarck Frankreich dikierte, aber der Kanzler blieb fest und unerschütterlich in diesen Bedingungen, die er für die künftige Sicherheit Deutschlands für nötig erachtete. Die Gründ- für seine Forderungen hat Bismarck in seiner vorzüglichen Zirknlar- depesche vom 16. September 1870, in bet er so recht im Sinne und aus dem Herzen des deutschen Volkes sprach, dargelegt. (@$iu& folgt.)

auf bte Oberh. Zeitung mit VjlvUUllfJvIl Amtlichem Anzeiger und Sonn­tagsblatt für das II. Quartal 1885 werden noch fort­während von der Post wie auch von der Expedition ange­nommen. Die erschienenen Nummern werden auf Wunsch nachgeliesirt.

Urver die Erhöhung der Koruzölle, schreibt dieDeutsche Volkswirtschaftliche Korrespondenz", sind gegen dieselbe während der letzten Reichstagsdebatten so viel falsche Argumente vorgebracht worden, daß jeder neue Beitrag, den Gegner zu überführen, nur Gutes stiften kann. Wir möchten heute daher noch einmal den Behaup­tungen jener entgegentreten, welche auf Grund einer Er­höhung der Kornzölle eine Verteuerung des Brotes unb tnfolgebessen auch eine Verminderung des Konsums von Brot so bestimmt Vorhersagen. Aus verschiedenen That- sachrn, Berechnungen, Ausführungen ist diesen Behauptungen gegenüber ja bereits hinlänglich nachgewieseu worden, daß nicht die Zölle, sondern ganz andere Umstände der mannig­faltigsten Art maßgebend für den BrotpreiS sind. Dieselbe Bewandtnis wie mit dem Preise aber hat eS mit dem Kon­sum deS Brotes, welcher gleichfalls durch Einflüsse reguliert wird, die weit mächtiger wirken, als der minimale Einfluß eines Zolles dies im stände ist.

Um dies darzuthuu, greifen wir zu einer Statistik, welche zwar schon eine Reihe von Jahren hinter uns liegt, aber nichts desto weniger überzeugend wirkt. Man besaß bekanntlich früher in Preußen an der Mahlsteuer ein vor­treffliches Mittel, um die Größe des Verbrauchs an Brot- fmchten in den mahl- unb schlachtsteuerpflichtigen Städten zu verfolgen....

In der Periode 18621872 traten 80 mahlsteuer- pflichtige Städte mit 2137422 Personen als Bevölkerung des engeren steuerpflichtigen Stadtbezirks auf; int Jahre 1872 umfaßten die in Rede stehenden Ortschaften, ohne Einrech­nung von Frankfurt a. M., woselbst die Mahlsteuer erst im Juli 1867 eingeführt worden war, eine Bevölkerung von 2689849 Personen. Wenn man nun den gesamten Brotkonsum auf Weizen unb Roggenkörner rebuziert, so wurden an rohem unb gemahlenem Getreide zu menschlicher Nahrung, sowie an Brot unb übrigem Gebäck pro Kopf der Bevölkerung verbraucht:

Dec V rbrauch von Weizen, bezw. Gebäck daraus, ist somit zu Anfang unb zu Ende dieses Zeitraum« ziemlich gleich gewesen, derjenige von Roggen aber sichtlich herab- gegangen; während der Verbrauch in der vorhergegangenen Periode von 1838 bis 1861 eine kaum unterbrochene unb im ganzen, trotz zeitweise hoher Geirrte epreise, seht nahm- hafte Steigerung erfahren hatte.

Daß hier keine Zollverhältnifle irgenb welche Einflüsse ausgeübt haben können, ist einleuchtenb, ebensowenig wie eine etwa veiänberte Zusammensetzung ber Bevölkerung bet mahl- uib schlachtsteuerpflichtizen Städte den Herabgang bes Konsums erklärt; im Gegenteil ist bet starke Zuzug »ach ben größeren Städten nicht burch Kinbet unb Greise, b. h. geringere Konsumenten, fonbern vornehmlich durch Arbeitet und Dienstboten erfolgt. Es müssen also andere Umstände eingewirkt haben; und in der That eine Prüfung der Oktroiziffern von Paris füh-t darauf, daß die NahmngS- Verhältnisse in ben größeren Städten überhaupt erheblich variieren, unb zwar daß ber stärkere Konsum von Fleisch und Sier, nicht minber auch wohl ber von Tabak, zum Teil auf Kosten von Schwarz- unb Weißbrot geschieht. Wa« Paris anlangt, so betrug der jährliche Konfum pro Kopf nämlich:

1871 1872 1873 1874 1875 Brot, kg . ; . 153 142 140 140 110

Wein, 1. . . . 170 210 221 174 218

Liquer, 1 . . . 9,5 3,7 4,8 4,6 5,6

Bier, 1 ... ; 10 14 12 12 12

Essig, 1 . . . . 1,6 2,1 2,3 1,7 1,8

Frisches Fleisch, kg 52 73 74 75 84

Hieraus geht also eine erhebliche Abnahme des Brot­konsums hervor, welcher dafür aber in höherer Potenz durch einen gesteigerten Verbrauch von frischem Fleisch und Wein ersetzt worden ist. Daß ein derartiger Vorgang in ber Er­nährung des Volkes aber keineswegs ein ungünstiges Zeichen bubet, ist ohne weiteres klar. Unb wenn daher unsere Getretbezölle in diesem Sinne eine Bei Minderung deS Brot- kvnsnmS zur Folge hätten, so wäre bas boch wahrlich eine günstige Errungenschaft, denn höherer Fleisch, unb geringerer Brotkonsum ist unweigerlich als eine Aeußerung wachsenden Wohlstandes zu bezeichnen.

Und das wird in ber That bei uns eintreten, es wirb sich ein erheblich größerer Fleischkonsum herauSbilden, babmch, daß die Getreidezölle bie wirtschaftliche Lage unserer Land­wirtschaft heben, die Bevölkeiung also konsumtionSfähiger machen. Das ist bie voraussichtliche Eventualität, bie ein­treten wird, nicht aber das, was bie Gegner ber Getretve- zölle vorauszuverkünden sich beetfern.

Deutsche« Reich.

Berlin, 7. April. Ue:er ben neuen amerikanischen Gesandten Pendleton wirb derNorbd. Allgem. Ztg." aus Washington geschrieben: die Wahl PentletonS zeige, daß man in Washington großen Wert daraus lege, Amerika in Berlin würdig vertreten zu seden. Pendleton werde sich und es war eine an unb für sich nicht migerechtfertiate Idee des Kaisers, durch einen glücklichen Krieg seine Dynastie stützen zu wollen. Der Feldzug konnte sich nur gegen Preußen richten, dessen Minister sich ben LandeSvergröße- rungs Plänen Napoleons, bie dieser auf Kosten ber süd- deutschen Staaten im Auge halte, so wenig geneigt zeigte So large als möglich hatte BiSmarck, um ven Ftieben zu erhalten, bie französischen Staatsmänner in ben ihn°n eig-n- tümlichen Illusionen belassen, ohie ihnen welche, auch nur münbliche Zusage betreffs einer Gebietserweiterung zu machen.

Ein Grunb zum Friebensbruch war von Frankreich, bas seit 1866 unausgesetzt gerüstet hatte, schnell unb leicht gefunden. Die maßvolle Ablehnung, die König Wilhelm dem Verlangen des französischen Botschafters Benedetti, dem Prinzen Anton von Hohenzollern die Ainahme der spani­schen KönigSkrone zu verbieten, entgegensetzte, genügte, um dem Ministerium Ollivier-Gcamoat einen Gr und zur KriegS- Erkiärung zu geben. Der Kanzler weilte in Varzin, als das Gewitter zum Ausbruch kam. Am 19. Juli 1870 trat der Reichstag zu einer eußerordentlichen Sitzung zu­sammen uib am selben Tag? ward die französische KciegS- erklärung eingereicht. Wahrend die deutschen Armeen an ben Rhein rück en, eröffnete BiSmarck ben biplomatischen Feldzug mit einem entscheidenden Koup.

Er veröffentlichte die schmählichen Anerbietungen, die Napoleon ihm in früherer Zelt behufö einer GebietSerwei- teruug Frankreichs gemacht hatte, er enthüllte schonungslos da« ganze Jntciguenspiel der französischen Politik, die seit Jahren auf eine Verkleinerung, Zergliederung unb Macht- schädtzuug Deutschlands hin gerichtet war. Der Erfolg

1871

1872

1873

1874

1875

i 153

142

140

140

110

. 170

210

221

174

218

. 9,5

3,7

4,8

4,6

5,6

. 10

14

12

12

12

. 1,6

2,1

2,3

1,7

1,8

kg 52

73

74

75

84

Weizen

Roggm

1862

Pfund: 91,80

230,40

1863

101,30

225,47

1864

107,73

225,93

1865

10620

218,23

1866

97,47

226,93

1867

84,97

226,70

1868

, 81,77

217,70

1869

93,44

218,52

1870

105,42

231,59

1871

91,26

210,00

1872

, 94,01

209,76