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Marburg, Sonntag, 5. April 1885.
XX. Jll-rglMg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - ZIlnstriertes Sonntagsblatt.
Expedition. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutscher Reich,
Berlin, 2. April. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin und die Allerhöchste Familie haben dem Reichskanzler, wie bereits mitgeteilt, zu besten 70. Geburtstage ein von Anton v. Werner gefertigtes Bild der Kaiser^ Proklamation zu Versailles übersandt. Der Kaiser hat dasselbe mit folgendem Allerhöchsten Handschreiben begleitet:
Berlin, den 1. April 1885.
Mein lieber Fürst I
Wenn sich in dem Deutschen Laude und Volke daS warme Verlangen zeigt, Ihnen bet der Feier Ihres 70. Geburtstages zu betätigen, daß die Erinnerung au alles, waS Sie für die Gcöße des Vaterlandes gethan haben, tn so vielen Dankbaren lebt, so ist eS Mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute auszusprechen, wie hoch es Mich er- freut, daß solcher Zug des Dankes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es freut Mich das für Sie als wahrlich in höchstem Maße verdiente Anerkennung, und es erwärmt Mir das Herz, daß solche Gesinnungen sich tu so großer Verbreitung kund thun; denn eS ziert die Nation in der Gegenwart, und es stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wenn sie Erkenntnis für daS Wahre und Große zeigt, und wenn sie ihre hoch verdienten Männer feiert und ehrt l An solcher Feier teilzunehmen ist Mir und Meinem Hause eine besondere Freuse, und wünschen Wir Ihnen durch beifolgendes Bild auszudrücken, mit welchen Empfindungen dankbarer Eiinnerung Wir dies thun; denn dasselbe vergegenwärtigt einen der größten Momente der Geschichte deS HohenzollerrhauseS, besten niemals gedacht werden kann, ohne sich zugleich auch Ihrer Verdienste zu erinnern I Sie, Mein lieber Fürst, wissen, wie in Mir jederzeit daS vollste Vertrauen, die aufrichtigste Zuneigung und das wärmste Dankgefühl für Sie leben wird I Ihnen sage Ich daher mit diesem nichts, was Ich Ihnen nicht ost genug ausgesprochen habe, und Ich denke, daß dieses Bild noch Ihren späten Nachkommen vor Augen stellen wird, daß Ihr Kaiser und König und sein HauS sich besten wohl bewußt waren, was wir Ihnen zu danken haben I Mit diesen Gesinnungen und Gefühlen endige Ich diese Zeilen, als über das Grab hinauSdauernd.
Ihr dankbar treu ergebener Kaiser und König lgez) Wilhelm.
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Ostermorgeu.
ES wallen herab von der Berge Höh'n In dust'gem Nebelgewande
Des Frühlings Geister, die holden Fee'n, Erlöset aus eisiger Bande.
Sie weihen mit göttlich lebendigem Hauch Die schlummernden Keime der Erde, Aus jedem Baume, aus Busch und Strauch Ertönet das göttliche: Werde!
Auferstanden, zum Leben erwacht Durch des göttlichen Wortes Macht.
Nun weh'n durch der Thäler erwachende Flur Der Glocken melodische Klänge, ES künden ringsum in der frohen Natur
Des Ostermorgens Gesänge:
Christ ist erstanden aus Todespein, Geboren zu neuem Leben,
Nun stimmet alle tn Dankbarkeit ein, Dem Höchsten die Ehre zu geben.
Ostern, fröhliche Frühlingszeit, Schmückend die Erde mit grünem Kleid.
Und aus des Morgenrots Glanze hervor Strahlt lächelnd die Sonne hernieder, Es schmettert die Lerche zum Himmel empor Lobpreisende Frühlingslieder.
Der warme, leuchtende Sonnenstrahl Bringt Tröstung dem Menschengemüte, Dem zagenden, dem in des Winters Qual Kein Strahl der Hoffnung erblühte.
Hoffnung, himmlisches Gnadenbild, Schweb' auch heute aufs Erdengefild.
Der Ostern gewaltiges Zauberwort, Des Aufersteh'ns seeltge Kunde
Sie tönen, als aller Christen Hort, Noch heute von Munde zu Munde.
So gebet Ihr gläubigen Christen auch heut Dem göttlichen Worte die Ehre,
Daß sich bei der Festesglocken Geläut' Der Ostern Verheißung bewähre.
Ostern — Auferstehungszeit — Wonnige Frühlingsherrlichkeit I
Meta Heyden.
Unter den zahlreichen Telegrammen, die dem Reichskanzler aus Anlaß seines Geburtstages zugegangen sind, sind besonders hervorzuheben die Begrüßungen Ihrer Majestäten des Kaisers von Rußland, des Kaisers von Oesterreich, des Königs von Sachsen, deS Königs von Schweden, des Königs von Rumänien, des Königs von Württemberg und des Königs der Belgier, welche in huldreicher Weise Ihre Glückwünsche aussprachen. Seine Majestät der König von Baiern hat dem Fürsten Bismarck in einem sehr gnädigen Handschreiben Seine Glückwünsche übersandt. Auch der König von Siam und der Sultan von Zanzibar haben dem Reichskanzler ihre Gratulationen dargebracht.
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Seit gestern sind dem Reichskanzler über 2100Gratu- lationsschreiben zugegangen. An Telegrammen liefen am 1. April 2322 für den Reichskanzler ein, die zusammen 76773 Worte enthielten.
Berlin, 2. April. Der Kaiser hat gestern nachmittag die Minister Dr. v. Mtttnacht, Dr. Stichling, Dr. von Lutz, Turban, Weber, Finger und Graf v. Fabrice in Audienz empfangen. Heute nachmittag wird der Kaiser den Vortrag des Reichskanzlers entgegennehmen. — Die Nachricht, daß Freycinet dem hiesigen französischen Botschafter Baron v. Courcel das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten angeboten habe, ist bestem Vernehmen nach unbegründet. — Daö von den kaiserlichen Majestäten und den königlichen Prinzen und Prinzessinnen dem Reichskanzler zu seinem gestrigen Geburtstage geschenkte Gemälde: „Die Kaiserproklamation in Verfall! S" von Alton von Werner ist 2,10 M. zu 1,78 M. groß und zunächst umgrenzt von einer domförmigen vergoldeten Füllung, deren Ecken durch Lorbeerzwetge verziert sind und den Tag der Proklamation, den 18. Januar 1871, in vertiefter Schrift zeigen. An diese Füllung schließt sich in reicher Vergoldung der prachtvolle Barcckrahmeu, deffen Entwurf seiner Zeit dem Kaiser vorgelegen hatte und von demselben eigenhändig genehmigt worden war. Die Spitze des Ganzen bildend, ist auf dem oberen Teile des Rahmens die Kaiser kröne angebracht. Darunter gruppieren sich in vollem Blattornament die farbigen Wappenschilder des Kaisers und der Kaiserin und zu beiden Seiten die des Kronprinzen und der Kronprinzessin. Von diesem Mittelschmuck ziehen sich links und rechts breite Guirlanden nach den
Das Lebensbild des Reichskanzlers Fürste« Bismarck.
(Fortsetzung.)
Von einer Beschreibung dieses Krieges muß an dieser Stelle abgesehen werden; der Wiener Friede brachte den Verzicht König Friedrichs von Dänemarck auf seine Rechte an Schleswig-Holstein und Lauenburg — die Herzogtümer waren wieder deutsch. Dekoriert mit dem hohen Orden vom schwarzen Adler kehrte Bismarck nach Berlin zurück.
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Die Lösung der schleswig-holsteinisch-dänischen Frage hatte neue Verwickelungen zur Folge. BiSmmck konnte nichts daran liegen, die Herzogtümer als selbständigen deut- schen Staat unter dem Reglern des Prinzen von Augustenburg herzustellen; denn auf diese Weise konnte die prmßen- ftindliche Majorität im ■’ uv.be nur noch vermehrt werden. DeS Ziel, daS Bismack klar vor Augen sah, das zu erreichen er aber mit Vorsicht und ohne Ueberstürznng zu Werke gehen mußte, war: die Einverleibung der Herzogtümer in Preußen und damit eine Machterweiterung des Landes, die Respekt einflößen mußte. Bereits 1865 war die Gefahr einen Kriege» mit Oesterreich eine drohende, aber sie wurde noch einmal cbgewendet. Durch den Gasteiuer Vertrag vom 14. August 1865 erhielt Oesterreich die Regierung Holsteins, während die Schleswigs Preußen zvfiel.
Am 16. September 1865 wurde Bismarck vom König In den Grafenstand erhoben.
Anfang Januar 1866 begannen dir ernsthaften Verwickelungen in Schleswig-Holstein, die zum Kriege zwischen Preußen und Oesterreich führten, Bismarck verbat sich in einer Note vom 26 Januar 1866 ganz energisch die Duldung der antipreußischen Umtriebe in dem von Oesterreich besetzten Holstein, worauf Oesterreich in seiner Antwort Preußen daS Recht bestritt, Rechenschaft über die holsteinische Verwaltung zu verlangen. Die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten verschlimmerten sich immer mehr — Ende März begannen auf beiden Seiten die Rüstungen. Auch in diesem Falle wurde Bismarck — der „Stcckpreuße und Antideutsche", wie eS damals hieß — weder von den
Eckstücken und bilden so den Abschluß bet oberen Partie. Durch die 12 ebenfalls farbigen Wappenbilder der beteiligten königlichen Prinzen und Prinzessinnen werden die beiden Seitenteile des prächtigen Rahmens geschmückt und zwar rechts in folgender Reihenfolge: diejenigen der Prinzm Wilhelm, Friedrich Karl, Albrecht, Heinrich, Friedrich Heinrich und Georg, links die der Prinzessinnen Wilhelm, Friedrich Karl, Albrecht, der Prinzen Friedrich Leopold und Alexander und der Prinzessin Luise. Unter jedem Wappen befindet sich der Name deS betreffenden Mitgliedes der Kaiserfamilie. Der reich verzierte untere Teil deS Rahmens enthält in der Mitte daS WldmungSschild mit der Inschrift: „Kaiser Wilhelm, Kaiserin Augusta und die Mitglieder der Königlichen Familie dem Reichskanzler Fürsten Bismarck zum 1. April 1885. — Der Kaiser hat, wie die „Norrd. Allg. Ztg." vernimmt, dem Gesandtm im Haag, Grafen Herbert BiSmarck, den Roten Adler- Orden zweiter Klaffe und dem Grafen Wilhelm BiSmarck den Roten Adler - Orden dritter Klaffe mit der Schleife verliehen. — Die Mitteilung des „W. T. B.", wonach Se. Majestät der Kaiser dem Reichskanzler Fürsten BiSmarck als persönliche Gabe eine nach Zeichnungen deS Herold« amteS gefertigten Fürstenkrone gewidmet habe, ist, wie wir erfahren, unrichtig. — Am 31. März nachmittags lief, wie mitgeteilt wird, beim Profeffor Dr. v. Ranke die nachfolgende Gratulation, auf eine Visitenkarte geschrieben, ein: „Fürst v. BiSmarck, Reichskanzler. Sr. Exzellenz v. Ranke, mit den herzlichsten Glückwünschen eines in Göttingen neu kreierten Doktors an den Senior der gelehrten Zunft zum 60jährigen Jubiläum." Heute wurde infolge deffen im Palais des Reichskanzlers ein Schreiben des ProfefforS v. Ranke abgegeben, worin dieser dem Dr. von BiSmarck für die Aufmerksamkeit dankt und dem Kanzler zu seinem 70. Geburtstag gratuliert. — Der „Reichs- Anzeiger" schreibt: „Am 29. März d. IS. verstarb auf einer Besitzung in Fontainebleau der Fürst Orlow, der eit ML'z vorigen Jahres als kaiserlich ms stscher Botschafter sierselbst beglaubigt war. Von Sr. Majestät dem Kaiser und König hochgeschätzt und dem Reichskanzler von deffen amtlichem Aufenthalt in St. Petersburg her eng befreundet, war er hier besonders willkommen, und wie Se. Majestät der Kaiser Alexander den Verlust eines auSgezeichnetm Dieners zu betrauern hat, so wird von allen unter un«, die ihn persönlich ober aus seiner Thätigkeit gekannt haben, der deutschen Kleinstaaten, noch von dem eigenen Volke verstanden. Erstere begriffen nicht, daß ihre Jntereffen mit denen Preußens identisch seien und hielten sich entweder neutral ober gingen, waS ein noch viel schwererer Fehler war, mit Oesterreich gegen Preußen. Im preußischen Parlamente war die Erbitterung gegen den „Emporkömmling", der bisher rücksichtslos über die Volksvertretungen hinweg regiert hatte, eine gewaltige; man mißtraute der BiSmarckschen Politik, man haßte den Mann, der einen mörderischen Bruderkrieg anzuraten im Begriff stand, ohne daß man sich klar machte, daß eben nur eine furchtbare Notwendigkeit diesen Bruderkrieg erheische. Als Folge dieses Haffes gegen BiSmarck ist daS am 8. Mai von dem Studenten Blind gegen den Minister-Präsidenten verübte Attentat anzusehen. Bismarck wurde von drei Kugeln getroffen, aber von keiner erheblich verwundet; er bewahrte damals wie bei dem zweiten, späteren Attentate feine Ruhe vollständig und tröstete seine erschrockene Gemahlin mit den Worten: „Mein Kind, sie haben zwar auf mich geschoflen, aber das hat nichts zu bedeuten."
In den wenigen Wochen vor dem AuSbmch des Kriege« zeigte sich Bismarcks Diplomatie wieder im hellstem Lichte. Kaiser Napoleon bot BiSmarck ein Schutz« und Trutz- BündniS gegen Oesterreich und versprach 300000 Soldaten zu stellen, falls ihm das Rhcingebiet südlich der Mosel ohne Koblenz und Mainz zuzesprochen würde. BiSmarck, der aus ben schnöden Schacher unter keinen Umständen einging, wußte Napoleon einige Zelt mit der entscheidenden Antwort hinzuhalten und diese Verzögerung ist leider vielfach gegen Bismarck auSgebeutet worden, als ob er im Ernste die Absicht gehabt habe, ein Stück deutschen Lande» gegen französische Hille kinzutauschen. Diese Unterstellung hat BiSmarck am 16. Januar 1874 in einer Rede mit Entschiedenheit al» dreiste, tendenziöse Lüge bezeichnet.
Am 15. Juni war — nach dem Bruch deS Wiener Friedens und der Gasteiner Konvention durch da» Borgeheu Oesterreich» beim Bundestage — die Kriegserklärung "folgt. (Fortsetzung folgt.)