Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Nr. 7S

Erscheintitäglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

JHarfiurg, Freitag, 3. April 1885.

XX. JahrgMg.

dtlMlhe Jrituiiflt

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a.M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. m Frankfurt a. M>, Berlin,Hannover U-PariS.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllustriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Deutscher Reich.

Berlin, 1. April. Die Morgenblätter feiern den Fürsten Bismarck in sympathischen Festartikeln, auch die Blätter der Opposition stimmen zum Teil mit ein. So sagt z. B. die „Bosstsche Zeitung", was die sittliche Höhe be­treffe, stelle sie Bismarck über alle, mit benett eine Ver­gleichung nahe liege; das Blatt betont dann namentlich den angestrengten Eifer Bismarcks, den Frieden zu er­halten. — Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Die treueste Pflichterfüllung gegen den Kaiser und König, sowie gegen die Nation sei der rote Faden, der sich durch sein ge­samtes Handeln hindurchzieye; dieser Btömarcktag fei ein Ehrentag und ein Freudentag für alle, bei denen daS vaterländische Gefühl stärker sei, als die abweichenden Losungen und Schlagworte der Gegenwart. — Ferner wird berichtet: Die Auszüge zur BiSmarck-F-ier, welche gestern hier ststtfanden, sind in glänzendster und großartigster Weise und in bester Ordnung von statten gegangen und gaben auch in ihrer Zusammensetzung zugleich ein interesiantes Bild der politischen Situation. Die Berliner liberale Partei hielt sich ganz fern von denselben, und gerade da­durch hat sie dazu beigetragen, die große Bedeutung her- vortreten zu lasten, welche die aus der Berliner Bewegung hervorgegangenen konservativ gerichteten Bürgervereiue in Berlin erlangt haben. Denn sie bildeten die eigentlichen Träger der ganzen Feier und mit ihnen verbanden sich die Kriegervereine und da« junge studierende Deutschland, und so bot der ganze Auszug zugleich ein glänzendes Bild von dem gewaltigen Umschwung, welcher im Laufe der letzten Jahre in Berlin und Deutschland überhaupt stattgcfunden hat! Wie die „Frks. Ztg." berichtet, hat die Stadt­verordneten - Versammlung eS abgelehnt, an der BiSmarck- feier tcikznnehmen; nur der Magistrat wird dem Berliner Ehrenbürger Fürst Bismarck eine Glückwunsch - Adreste überreichen. — Die hiesige freisinnige Preste bringt ziem­lich kühle Leitartikel zur Feier des TageS. Die „Germania" sagt kein Wort, sie hüllt sich tu Schwelgen. Die „Berl. Ztg." aber, das Hauptorgan der Richterschen Richtung bringt einen Leitartikel, in welchem sie über die Feier wört­lich sagt: „Hier feiert der Parteifanatismus seine wüstesten Orgien, und mit jedem Werte zum Ruhme dcS Gewal­tigen verbindet man einen wohlgezielten Hieb auf die ver­haßten Gegner. Der 70. Geburtstag des Kanzlers ist alles andere, nur kein nationaler Festtag".... „auch wenn Bismarck niemals gelebt hätte, würde die Einigung Deutsch­lands erfolgt sein." Sie nennt Bismarck den „Totengräber der Freiheit" und schließt: „Die freisinnige Partei steht schweigend bet Seite und überläßt das Urteil einer höheren Instanz: die Weltgeschichte ist daS Weltgericht." Wir dächten, dieses Gericht hätte laut genug gesprochen in den gewaltigen Thatsachen, in denen sich die Politik Bismarcks vollzog und in dm großen Erfolgen derselben, welchen die

Da» Lebeusbtld des Reichskanzlers Fürsten Bismarck.

(Fortsetzung.)

Am 10. Dezember 1853 wurde BtSmarck — der streng konservative BundeStagS-Gesandte mochte wohl dem an dos Ruder gekommenen liberalen Ministerium Hohenzvllern- Sigmaringen etwas unbequem sein — als Botschafter nach St. Petersburg gesandt, wo er drei Jahre virblieb. Hier war sein Leben — übermächtige Arbeit war nicht vorhanden, Bismarck drückte sich dahin aus, er sei hier „kalt gestellt" — ein iw ganzen ruhiges und hatte er damals wunder­barer Weise die Aussicht auf Karriere aufgegeben.

Die äußere Persönlichkeit Bismarcks hatte sich damals gegen die Jugendzeit bereits stark verändert. Die ehemal­schlanke Taille war jenem behäbigen Embonpoint gewichen; der büreaukratische Bollbart hatte dem militärischen Schnurr­bart Platz gemacht. Die Stirn war hoch geworden und die Haare dünn; der mächtige Kopf zeigte schon jenes historische Profil mit dem „dreihaarigen" Mondschein, daS später zu so billigen Witzen Stoff gab.

Im Sommer 1861 hatte Bismarck in Baden - Baden mit König Wilhelm eine Unterredung und am 23. Mat 1862 wurde er alö Gesandter am sranzöfischen Hofe nach Paris geschickt. ES ist unzweifelhaft, daß bereit- 1861 BiSmarck als Minister vom Könige tu- Auge gefaßt war, am 24. September 1862 traf ihn auf seiner Reise nach Spanien eine telegraphische Depesche, die ihn als Präsidenten de- preußischen Ministerium- nach Berlin berief.

Am 3. Oktober 1862 «ar Bt-marck- definitive Ernen­nung zum Mtnisterprästdmteu und glrichzrtttg zum Minister

gestrige Feier galt. Um die Bedeutung dieses Gerichts bester zu verstehen, erinnern wir an die Art und Weise, mit welcher die Fortschrittspartei BiSmarck und seine Politik von Anfang an bekämpfte. Unter „brausendem Beifall" der Linken rief damals in der Konfliksperiode Löwe-Calbe aus: „Dieses Ministerium hat einen so außerordentlichen Mangel an staatsmännischer Geschicklichkeit und Einsicht, an Kenntnis der wirklichen Verhältnisse des Staates ge­zeigt, daß wir ihm keine neuen Mittel, soweit wir eS ver­hindern können, in die Hände geben dürfen, weil die Mittel, die wir ihm in die Hände geben, verwüstend wirken." DaS war damals der Ausdruck des Urteils der Fortschrittspartei über BtSmarck und seine Politik. Die Weltgeschichte hat gesprochen — und ihr Urteil über die politische Einsicht der Fortschrittspartei lautet so vernichtend wie möglich. — In der That, eine solche Partei hat alle Ursache, bet Seite zu treten — aber sie braucht eS nicht erst zu thun, sie ist durch das Gericht der Thatsachen bei Sette geworfen — selbst in Berlin; auch daS hat der gestrige Tag klar gemacht.

Berlin, 1. April. Bei dem Reichskanzler Fürsten BiSmarck erschien heute morgen um 10>/2 Uhr der Kaiser an der Spitze der gesamten hier anwesenden königlichen Prinzen (Kronprinz, Prinz Wilhelm u. s. w.), gratulierte dem Fürsten in bewegten Worten und überreichte demselben als Geschenk deS königlichen HaufeS das Bild der Kaiser- krönung in Versailles. Dem Grafen Herbert Bismarck wurde der Adlerorden 2. Klaste verliehen. Darauf erschien der Bundesrat, an seiner Spitze der bayerische StaatS- miuister v. Lutz; ferner das Staatsministerium, an seiner Spitze der Vizepräsident des Kabinetts: Minister v. Putt kamer; darauf das Komitee, welches die Geschenkurkunde des Gutes Schönhausen überreichte; darauf Deputationen des Berliner Aeltesten - Kollegiums, der Universität (an ihrer Spitze der Rektor Prof. v. Dernburg), der Köntgl. Akademie der Wissenschaften (an ihrer Spitze Profestor Curtius); die letzten beiden hielten Ansprachen. Darauf kamen die Deputation der Studenten, sowie viele andere auswärtige Deputationen. Um 12 Uhr erschien die Generali­tät in corpore, an der Spitze General v. Pape; dieser betonte in seiner Ansprach!, daß die Generalität auf Befehl Sr. Majestät dkS Kaisers und Königs erscheine. Der Reichskanzler hob in seiner Erwiderung hervor, daß die Armee es ihm ermöglicht habe, die Politik deS Kaisers durchzuführen; Rat und That müßten sich stets zur Seite stehen; wenn auch er selbst der Armee nicht aktiv avgehöre, so fühle und empfinde er doch in seinem Herzen stets als preußischer Offizier. — Bei dem Frühstücke brachte Fürst Bismarck den Toast auf den Kaiser aus und schloß seine Rede mit den Worten: Ich habe noch nie in solcher Umgebung den Toast auf Se. Majestät den Kaiser auSgebracht und ich werde eS auch nie wieder können; rufen Sie mit mir:

der äußeren Angelegenheiten erfolgt. Mit feinem Eintritte in das Ministerium begann ein langwieriger und oft heftiger Kampf der scharfblickenden, weitsichtigen, die Ereigniffe der Zukunft fast vorahnenden staatsmännischen Einsicht, mit der Kurzsichtigkeit und jener kleinlichen Auff ssang großer Dinge, wie sie sich oft genug den wirklich bedeutenden Männern entgegeng-stellt hat. Nur eine so stählerne Natur, nur ein so eisenfester Wille und eine so rücksichtslose Energie, wie sie der neue Ministerpräsident besaß war im stände, den heftigen parlamertarischen Strudel, der damals wogte, zu dämmen. Die Umgestaltung des Heerwesens, die HeereS- Reorganisation, war die erste große Aufgabe die König Wilhelm an BiSmarck stellte und die überwiegende Mehr­heit des Abgeordnetenhauses stemmte sich mit aller Macht gegen die militärische Politik. Damals war eS, wo der neue Ministerpräsident jene geflügelten Worte sprach: „Nicht durch Reden und MajoritätSbeschlüsie werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Blut und Eisen l" Bismarck, der damals schon ganz genau wußte, wie außer­ordentlich wichtig, von welcher ausschlaggebenden Bedeutung für die Fortentwickelung Preußen» und Deutschlands eine schlagfertige, wohl au'gebildete und große Armee sei, er konnte nur durch energisches Borgehen, selbst über die Köpfe der Kammermajorität hinweg, diese Neugestaltung der Armee durchführen. Trotz wiederholter parlamentarischer Unmhen — zweimal wurde die Kammer 1863 au'gelöst — blieb BiSmarck tu dem überzeugenden Bewußtsein, zum Wohle Preußens zu handeln, fest, und führte den Staatshaushalt ohne Mitwirkung der beiden Parlament-Häuser im ersten Interesse des Heeres weiter. Und nun begann auch die Auseinandersetzung mit Oesterreich, zu der BiSmarck In Frankfurt am Bunde bereit- den Grundstein gelegt hatte.

Lange lebe der Kaiser und hoch! Gmeral v. Pape brachte den Toast auf den Fürsten BiSmarck au-, der württem- bergische Staatsminister v. Mittnacht auf die Frau Fürstin, „die dem Fürsten als treuester Freund zur Seite gestanden". Studiosus Schulz toastete auf den Reichskanzler, ebenso Studiosus v. Zedlitz, der die treue Nachfolge der Jugend Deutschlands auf den Wegen und nach den Zielen de- Reichskanzlers versprach. Fürst BiSmarck dankte und sagte, er hoffe auf die deutsche Jugend. — Alle Toaste wurden mit Begeisterung ausgenommen. Zahllose Geschenke, Adressen und Glückwünsche sind vom Jnlande und vom AuSlande eingegangen.

— Bei der heutigen Beglückwünschung deS Reichskanzlers durch den Kaiser dankte Se. Majestät mit bewegter und mehrfach von Rührung unterbrochener Stimme für die vielen und hohen Verdienste, welche der Kanzler durch sein lang­jähriges erfolgreiches Wirken sich um Se. Majestät und das königliche Haus erworben, bat den Kanzler, auch ferner auSzuharren, und wünschte ihm eine noch lange Amtszeit. — Als der Kanzler dem Kaiser die Hand küsien wollte, um­armte und küßte der Kaiser ihn wiederholt. Der Kanzler erwiderte ungefähr: „Ich habe nie ein größeres Glück ge­kannt, als Eurer Majestät und dem Lande zu bienen, und so wird es auch für den Rest meines Lebens sein. Wa­ich geleistet habe, habe ich nur leisten können durch da- Vertraueu, welches Eure Majestät mir stets geschenkt haben." — Bet der Uebergabe der Urkunden der BiSmarck- fpende durch den Herzog von Ratibor an den Reichskanzler sagte ersterer der „Nationalzeitung" zufolge: Dem Kanzler, der die für Deutschland verloren gewesenen zwei Provinzen zum deutschen Reiche wieder gebracht, jetzt da- Gut Schön­hausen, in ungeteiltem Besitze vereinigt, geben zu können, sei ein freudiges Ereignis. Der Kanzler erwiderte: Gerade aus den Händen des deutschen Volkes sein väter­liches Gut zurückzuerhaltcn, habe für ihn den allerhöchsten Wert. Was die Stiftung betreff.', so wolle er darüber die Bestimmung des Kaisers einholen. Er glaube jedoch, daß eine Stiftung für die Arbeiter die Sache zu fehr zersplittere; ihm schwebe der Gedanke an eine Stiftung für die Lehrer, und zwar an den höheren Anstalten, vor. (Durch wettere spezielle Sammlungen ist es dem Zentralkomitee für die Btömarckspende gelungen, die Hypothek, die auf dem Rittergute Schönhausen lastete, zu tilgen; daS Gut wird dem Fürste» Bismarck schuldenfrei al- Ehrengabe dargebracht.^

— Die Ansprache des bey-rischen Ministerpräsidenten v. Lutz namens deS Bundesrats an den Fürsten BiSmarck lautete folgendermaßen: „In fast allen Ländern ist heute Festtag. Die Nation gedenkt heute in gehobener Stimmung mit herzlicher Teilnahme des Reichskanzlers und feiert das Familienfest mit Ihnen, der Sie al- der Ersten einer den Gedanken deS neuen deutschen Reiche- gefaßt und unserem

In der berühmten Zirkulardepesche vom 24 Januar 1864 heißt eS u. A. zum Schluß: „Oesterreich habe die Wahl, seine gegenwärtige, Preußen feindliche Politik mit dem Stützpunkte auf die deutschen Mittelstaaten fortzusetzm oder eine ehrliche Verbindung zu suchen. Letztere könne aber nur durch daS Auleben der Preußen feindseligen Thitig- keit Oesterreichs an den deutschen Höfen gewonnen werden"

Diese schneidige deutsche Sprache verfehlte zwar nicht, in Okstcrretch Eindruck zu machen, aber die österreichische Diplomatie fuhr fort, die Großmacht Preußen gegenüber den Mittel- und Kleinstaaten möglichst herabzudrücken. Die schleswig-holsteinische Frage war eS, die den Anstoß zu einer Aenderung der BundeSzustände gab und in ihr kam Bismarcks gewaltiges diplomatisches Talent zur vollen Entfaltung. Er zog O sternich, dasselbe Oesterreich, daS bisher seiner Politik so feindlich gesinnt gewesen und daS 1861 Schleswig- Holstein Dänemark zwangsweise überliefert hatte, in die preußischen Jntereffen hinein und beide Großmächte gingen glmeivsam gegen Dänemarck vor. Auch diesmal sand BiSmarckS Politik, daS gemeinsame Vorgehen der beiben brutschen Großmächte nur allzuviel Gegner. Da man im preußischen Abgcorbnetenhause nicht glauben wollte, baß BiSmarck nur große nationale Ziele im Auge habe, da man vielmehr im Hinblick auf die Nichtbeachtung der VolkSver- tung bei der HeereS-Reorganisation an eine neue Unter­werfung der Herzogtümer durch deutsche Waffen in däni­schem Interesse glaubte, verweigerte man einfach die Geld­mittel zur Führung deS Krieges. „Wenn wir eS nötig befinden, Krieg zu führen, so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen," rief BiSmarck den Kurzsichtigen zu — md er führte den notwendigen Krieg.

(Fortsetzung folgt.)