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Rr. 76

JHatßurg, Dienstag, 31. März 1885.

XX. Jahrgang.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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und deren wöchtltchen Beilagen

Amtlicher Anzeiger

für die «reise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes Souutagsblatt

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" Deutsche- Reich.

Berlin, 28. März. Der BundeSrat wird nächsten Dienstag noch eine Sitzung abhalten, auf deren Tages­ordnung als einziger Gegenstand die Befchlußfafiung über tie DampfersubventionS-Vorlage in der ihr vom Reichs­tage gegebenen Festung steht. An ihrer Annahme ist natür­lich nicht zu zweifeln; sie hätte fchon in der letzten Sitzung erfolgen können, es bestand aber um so weniger Bedenken, noch eine Sitzung vor den Feiertagen anzuberaumen, weil die Mitglieder des Bundesrats doch noch bis zum 1. April hier bleiben müsien, um in corpore dem Reichskanzler zu seinem Geburtstage zu gratulieren. Auch die Minister der Einzelstaaten kommen zu diesem Zwecke nach Berlin, so daß der Bundesrat in der nächsten Sitzung so vollzählig sein wird wie nur selten. Der Widerstand, der sich im BundeSrat gegen die Umgestaltung der Schwurgerichte geltend macht, ist ein prinzipieller; anders verhält es sich mit der Opposition, auf die die Wiedereinführung der Berufung im BundeSrat stößt; diese richtet sich gegen die Zusammen­setzung der Berufungsinstanz, nicht gegen die Berufung überhaupt.Verschiedene Blätter hatten mit besonderem Stolz auf ihre Information die Nachricht verbreitet, daß am Geburts­tage deS Kanzlers fein ältester Sohn den TitelPrinz" und Fürstliche Gnaden" erhalten solle. DieNat.-Ztg." kann jetzt mit positiver Bestimmtheit versichern, daß an dieser Nachricht kein wahres Wort ist. Sie ist rein au« der Lust gegriffen.Gestern hat hier eine Versammlung derJnnungS- vorstände flattgefunden, in der gegen eine kleine Minorität eine streng zünstlerische Petition zu gunsten deS Antrages Ackermann auf Einführung des Befähigungsnachweises an­genommen wurde. Außerdem wurde die Einberufung eines JnnungStageS nach Berlin beschlosien. Zum Verwendungs­antrag schreibt derRb.": Die sreikonfervative und liberale Presse setzt ihren Kampf gegen den VerwendungSantrag fort. Am meisten scheint eS die Herren zu ärgern, daß der Finanzminister, wie derBörs.«Kour." erzählt, einen ähnlichen Antrag des nationalliberalen Abg. EnnecceruS, die Erträge der einzuführenden Kapitalrentensteuer den G>

Bismarck zu Hause.

Von A. Berthold.

(Schluß.)

Der Fürst, welcher früher sehr spät am Morgen, oder eigentlich erst am Mittag aufstand und dann weit über Mitternacht hinaus zu arbeiten pflegte, ja manchmal erst bii ausgehender Sonne sich zur Ruhe begab, Hit jetzt diese Zeiteinteilung geändert und sich zu einer rationelleren Ver­teilung von Schlaf und Arbeit bequemen wüsten. Wa« und wieviel der Fürst an einem Tage arbeitet, ist kaum zu beschreiben, und gerade den Leuten die ihm am nächsten stehen, erscheint es unbegreiflich, wie ein einziger Mensch ununterbrochen sich dieser aufreibenden Thätigkeit hingeben kann. Der Fürst erhebt sich jetzt schon in den Morgen­stunden von seinem Bett und macht einen Spaziergang durch den Park, der von der Wilhelm- bis zur König- grätzerstraße reicht und herrliche uralte Bäume besitzt, die teilweise durch Eifenstangen zusammengehalten werden musten, um sie vor dem Zusammenbrechen zu bewahren. Für den Spaziergang benutzt der Fürst den sogen.Kauzlerstez d. h. eine schmale gepflasterte Kolonnade mit gemauerten Säulen, welche sich an das Nachbargmndstück, dem Fürsten Pleß gehörig, anlehnt, und unter welchen der Fürst allen neugierigen Blicken entzogen wird. Selbst auf diesen Spaziergängen nämlich wurde er durch zudringliche Neugier belästigt. In der Nähe der Königgrätzerstraße grenzt an den Park ein Grundstück, welches früher, ebenso wie da« jetzige Reichskanzlerpalais, Eigentum des Fürsten Radziwill war, aber verkauft wurde, bevor der Staat das Palais für den Kanzler erwarb und einrichtete. Bon den Fenstern diese« Grundstücke« au« wurde der Fürst in ganz unge­

meinden zu überweisen, ablehnte, während er dem Ver­wendungsantrag v. Hüne zustimmt. Der Minister wird sich dabei von dem sehr einfachen Gedanken haben leiten lasten, daß die Erträge der Zölle so gut wie sicher sind, während die Kapitalrentensteuer noch im weiten Felde steht und es gerade früher die Liberalen waren, welche sie be­kämpften. Ueberhaupt wird sich der Finanzminister sagen, daß eine erfolgreiche Steuer- und Wirtschaftspolitik mit den Liberalen gar nicht zu machen ist, wie die Erfahrung ge­lehrt hat und wird str also mit den Parteien machen wollen, mit denen die Zoll-, Wirtschasts- und Sozialreform gemacht wird. Nur so ist ein Vorwärtskommen möglich. Erheiternd aber wirkt, wenn dieselben Leute, welche eben erst dem Finanzminister diesen Antrag auf Verwendung der Erträge auS einer einzuführenden Kapitalrentensteuer für kommunale Zwecke machten, jetzt den Hüneschen BerwendungS- antrag nicht schlecht genug machen können, eben weil er Staatsgelder für Gemeindezwccke verwenden will, während der Staat noch ein Defizit habe und noch so manche eigene Aufgaben zu erfüllen habe, für welche ihm die Mittel fehlen I Selbstverständlich hätten die Herren alle diese Gründe ebenso gegen den Antrag EnnecceruS anführen können, wie jetzt gegen den Antrag Hüne. Wäre der Antrag des Abg. EnnecceruS vom Minister acceptiert worden, dann wäre natürlich alles vortrefflich und die mittelpartei­lichen Blätter würden ihn nicht genug loben können. Daß der Staat noch eigene Aufgaben hat, ist richtig; aber wenn dann erst den Gemeinden eine Erleichterung zu teil werde» soll, wenn der Staat einmal so viel Geld übrig hat, daß er nicht weiß, waö er damit anfangen foll, dann können sie bis zum jüngsten Tage warten. Deshalb ist es ganz gut, wenn endlich einmal ein Anfang mit der so viel ver­langten Entlastung der Gemeinden gemacht wird. Für die anderen Aufgaben deS Staats, insbesondere für eine Schul­dotation und Lrhrerpenflon, wird sich hoffentlich auch noch Geld finden, denn erstlich wird der Anteil Preußens an den vermehrten Zolleinnahmen weit mehr als W/2 Mill, betragen, und sodann stehen auch noch die Einnahmen aus der Börsensteuer in Aussicht, welche dieselbe Majorität, die d.n Antrag Huene-Rauchhaupt stellt, im Reichstag durch­setzen wird. Nicht minder aber wird diese Majorität Im nächsten Landtag eine einträgliche Kapitalrentensteuer machen. Also alle die Sorgen der Mittelparteiler sind eitel; sie könnten ihr Gemüt erleichtern. Wir sind auch überzeugt, der Schuh drückt sie an einer ganz anderen Stelle, diese zeigen sie nur nicht so öffentlich; was sie besonder« schmerzt, Ist der Umstand, daß eS nicht der nationalliberale Antrag EnnecceruS, sondern der Antrag Huene-Rauchhaupt ist, der die Zustimmung der Regierung gefunden hat, und sie fürchten, daß diese Thatsache auch noch bei den nächsten Landtagswahlen wirksam sein wird. Wie diePolitischen Nachrichten" melden, ist der bisherige Konsul in Peters­burg (früher in Havannah) Julius Freiherr v. Soden be-

heuerlichrr Weise belästigt. Fremde mieteten nämlich die Fenster und mit Opernguck-rn und Fernrohren verfolgten sie jede Bewegung des spazierengehenden Fürsten', dessen Aufmerksamkeit sie sogar mitunter durch Zurufe zu erregen suchten. Besonders entwickelten Engländer auf diesem Ge­biete eine überwältigende Unverfrorenheit. Dieser Belästigung hat sich der Kanzler dadurch zu entzsthen gewußt, daß an hohen Masten ungeheure Leinwandflächen über der Mauer ausgespannt wurden, welche jeden Ausguck in den Park verhinderten. Bevor sich der Fürst zum Spaziergang in den Garten begirbt, macht er persönlich davon dem Portier die Anzeige; daS ist das Zeichen, daß der Fürst für niemand zu sprechen sei. Erwartet der Fürst wichtigen Besuch von Beamten, oder andren Persönlichkeiten, die auf jeden Fall vvrgelassen werden müsien, so teilt er dies dem Portier mit und dicker dirigiert die Gäste sofort nach dem Garten, wo die Verhandlungen im Umyergehen geführt werden.

Der Fürst ist als Landmann ein außerordentlicher Freund der freien Natur, und so hat er denn auch best'mmt, daß der Platz im Pa'.k, der unmittelbar unter den Fenstern seines Schreibzimmers liegt, möglichst in seinem ursprüng­lichen Zustande erhalten werde. Nur ein ganz besonderes Blumenparkett, aus welches der Blick des Fürsten fällt, so­bald er von der Arbeit aufsteht, wird stets, sobald eS die Jahreszeit erlaubt in Flor gehalten und ist je nach dem Monat mit Schneeglöckchen, mit Maßliebchen, Tulpen, Rosen, Astern, auf das reichste besetzt. Unmittelbar neben dem Arbeitszimmer des Fürsten befindet sich eine Orangerie, in welcher er während der wenigen Minuten auf und ab zu gehen pflegt, während deren et Pausen in der Arbeit«- thätigkeit macht.

rufen, die Gouverneurstelle in Kamerun zu übernehmen. DerRhein-Westf. Z." zufolge soll der älteste Sohn deS Ministers v. Puttkamer im konsularischen Dienste in Kamerun verwendet werden.

Breslaus 29. März. Gestern abend fand im Saale deS Konzerthauses eine öffentliche Vorfeier de« Geburts­tages des Fürsten BiSmarck unter überaus zahlreicher Be­teiligung seitens der Spitzen der Behörden und aller Kreise der Bevölkerung statt. Eröffnet wurde die Feier durch die Jubelouverturc und einen von Wildenbruch ge­dichteten Prolog, welcher von Dr. Nather vorgetragen wurde. Nach dem von dem Justizrat Hecke ausgebrachten Toast auf Seine Majestät den Kaiser hielt Profesior MiaSkomSkl die Festrede, worauf Justizrat Hecke folgendes Telegramm verlas, welches mit Begeisterung anzcnommeu und an den Fürsten BiSmarck abgesandt wurde:Zahlreiche patriotische Bewohner Breslaus bringen bei der heutigen Vorfeier deS 70. Geburtstages Euer Durchlaucht ein begeistertes Hoch. Gott schenke dem Kanzler des Reiches Jahre der Gesundheit und Rüstigkeit, wie er sie in seiner Gnade 'dem Wleder- hersteller deS Reiches, unserm erhabenen Kaiser verliehen hat." Den zweiten Teil der Feier bildete ein Kommers.

Riel, 28. März. Sr. Königl. Hoheit der Prinz Heinrich von Preußen ist heute nach Berlin abgereist.

Köln, 29. März. Ein aus allen Kreisen der hiesigen Bürgerschaft zusammengetretener Ausschuß hat unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters Becker beschlosien, zu Ehren deS Reichskanzlers Fürsten BiSmarck, deS Ehrenbürgers von Köln, am Dienstag Abend einen Fackelzug zu veranstalten. Am Mittwoch Mittag wird der Geburtstag deS Fürsten Reichskanzler durch einen Festakt mit Rede und Gesang im großen Gürzenichsaale festlich begangen werden.

Bielefeld, 28. März. Infolge des ArbeiterstrikeS in der Nähmaschinenfabrlk von Koch & Co. haben gestern und heute hier wiederholt Störungen der ösientlichen Ruhe statt- gesunden, so daß schließlich da« Militär einzuschreiten ge­nötigt war. E« sind mehrere Personen verwundet worden.

Brauuschmeig, 28. März. Der Landtag wurde heute bis zum 12. Mai vertagt.

Darmstadt, 28. März. Die zweite Kammer beschloß, entgegen der Regierungsvorlage, die Heranziehung des Ein­kommens der Aktiengesellschaften zur Gemeindebesteuerung.

Offenbach, 26. März. AuS dem in der letzten Sitzung der Offenbacher HaudelSkammer erstatteten Präsidialbericht ist zu ersehen, daß eine von sämtlichen Interessenten deS Offenbacher Bezirks unterzeichnete Petition hessischer Tabak- industrieller an den Bundesrat um Bildung einer allge­meinen Reichs - UnfaUgenoffenschaft für die Tabakindustrie bezw. eventuelle Abtrennung re« Großherzogtums Hessen von der geplanten besonderen Genosienschaft für Süd­deutschland uub Zuteilung zu der norddeutschen Genossen­schaft unter dem 5. März der Großh. Regierung von Seiten der Handelskammer zur Unterstützung Im BundeSrat

Durchschreitet man den Vorgarten deS Palais und be­tritt durch das Hauptthor den gänzlich schmucklosen Vor- Hof, welcher direkt in den Garten auSmündet, so befinden sich linker Hand die Wohnungen deS Portiers und der Dienerschaft, recht« kommt man sofort in das ebenerdige W:rt'z>mmer, welches unmittelbar an das Arbeitskabinett dc«-sten stößt. Das Wartezimmer ist ebenso wie daS Arbeitskabinett geradezu schmucklos eingerichtet, wie auch die ganze Einrichtung des Kanzlerpalais nichts weniger als luxuriös ist.

Wenn dieses Vorzimmer reden könnte, so wüßte eS ge­wiß von Tausenden von Menschen zu erzählen, die mit klopfendem oder erwartungsvollem Herzen gesessen und ge­wartet haben, bi« die Reihe der Audienz beim Fürsten an sie kam. Manchem mag schon der Mut bedenklich gesunken sein, wenn er durch dir geschloffene Thür hörte, wie die volltönende Stimme de« Fürsten lauter und heftiger wurde. ES ist ja bekannt, daß auch Fürst BiSmarck heftig werden und danndonnern" kann, wie dies ja auch die Eigen- thümlichkeit de«Olympiers" zu sein pflegt. ES ist schwer, Beamte In der nächsten Umgebung des Fürsten zu sein, denn dieser muß bei seiner ungeheuren Arbeitslast verlangen, daß seine Gehilfen ihm die Arbeit erleichtern und nicht er­schweren und so arbeiten, daß er sich gänzlich auf sie ver­lassen kann. Nun sollen diese Leute auf daS gewissenhaf­teste sich nach den ihnen vom Kanzler vorgeschriebenen Prin­zipien richten, ober auch wiederum der Selbständigkeit deS Handeln« nicht entbehren, und so verfallen sie denn zu leicht in den Fehler, entweder zu gensu nach den Instruktionen oder allzu selbständig zu handeln. ES ist dies, wie wir hier beiläufig erklären «ollen, auch der Grund dafür, daß