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Mr. 75

Erscheint'täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 3*/. Mk., bei den Postämter 2 Mk 50 Pf«. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg, Sonntag, 29. März 1885.

XX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen die Erpedition d. Blatte», s owied-Annoncen- Bureaux von Haasenstein undPogler in Franlurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a a. M., Berlin,München und

V Köln: G. L. Daube und

Co. rn Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Paris-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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888* Aus da« mit dem 1. April beginnende Quartal- Abonnement der

Oderheffischeu Zeitung

uttb deren wöchtlichen Beilagen

Amtlicher Anzeiger

für die «reise Marburg und «trchhaiu und

Illustriertes Souutagsblatt

bitten wir die Bestellungen bet den Poststellen baldigst zu machen, damit in der Urbersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Deutscher Reich.

Berliu, 27. März. Betreffs der Einwanderung russtsch- polnischer Elemente in die Ostprovinzeu sagt dieNordd. Allg. Ztg.": Die avgestellten Ermittelnngen ergaben, daß die Besorgnisse wegen einer vollständigen Verschiebung der nationalen Verhältnisse in einzelnen Greuzdistrikten nicht übertrieben seien. Der drohenden förmlichen Polonisteruug gewisser Grenzgebiete gegenüber sei die Aufgabe der Re­gierung nicht zweifelhaft; eS seien bereits Anordnungen ge­troffen worden, um sowohl einem ferneren Zuzuge einen Riegel vorzuschteben, wie durch Rückverweisungen in die Heimat einem Uebermaße der Belästigung durch Elemente fremder Nationalitäten ein Ziel zu setzen. DieNordd. Allg. Ztg." erklärt die angebliche Enthüllung in einer Pariser Korrespondenz des LondonerObserver" über die Zwecke der Reise des Grafen Herbert Bismarck nach London von Anfang bis zu Ende für erfunden; dieselbe möge derselben trüben Quelle entstammen, aus welcher das falsche Gerücht über eine Korrespondenz deS Kaisers Wilhelm mit dem Kaiser von Rußland bezüglich der zeutralafiatischeu Fragen gr stossen fei. Ein solcher Schriftwechsel habe niemals statt­gesunden und Graf Herbert Bismarck habe keinerlei Auf­träge gehabt, welche dir englisch russischen Beziehungen auch nur entfernt berührten. Die Einsendungen von Gratu­lationen hat bei dem Reichskanzler, wie dieNattonal-Ztg." schreibt, bereit» begonnen. Wie stch jetzt bereits übersehen läßt, wird eine außerordentlich große Anzahl von Ab­ordnungen an dem Festtage erscheinen. Ein förmlicher Empfang ist nicht beabfichtigt, vielmehr wird in zwang­loserer Weise bei einemFrühschoppen*, der von 12 bis 4 Uhr dauern wird, der Fürst den Gratulanten gegenüber- tretev. Auch für die Deputation, welche die Ehrengabe überbringt, ist ein anderer Empfang, nach dem, waS ver­lautet, nicht vorgesehen. Fürst Bismarck wird, wie man derBoss. Ztg." meldet, zum 1. April von der Univerfltät Erlangen zum Ehrendoktor promoviert.Es ist schon vor längerer Zeit eine Verfügung des Kultusministers bezüglich der Maßregeln zur Verhütung von Schädigungen älterer

Baudenkmäler bei Ausschmückung von Kirchen- re. Fenstern mit GlaSmalrreien kurz Erwähnung gethan. Diese Ver­fügung, welche auch den Bischöfen mitgetetlt worden, lautet folgendermaßen:ES ist wahrgenommen, daß bei Aus­schmückung von Kirchen- re. Fenstern mit Glasmalereien häufig nicht mit ausreichendem Verständnisse und Beachtung der architektonischen Rückstchten verfahren wird, daß tn- fonderhett auch steinerne Fensterpfosten älterer Bauwerke, selbst wenn sie als charakteristische Archttekturteile von Be­deutung sind, als störende- und wertloses Hindernis an­gesehen und, um möglichst breite Flächen zu figürlichen Darstellung-n zu gewinnen, beseitigt werden. Diese Be­handlung verstößt gegen die Grundsätze, welche für die Er­haltung alter Baudenkmäler maßgebend sein müssen, und eS ist daher die Pflicht der zur Mitwirkung bei solchen baulichen Vornahmen, sei e- unmittelbar, sei eS in Auf- stchtSstellung berufener Behörden, derartigen Schädigungen älterer Baudenkmäler in geeigneter Weife vorzubeugen. Indem ich die Aufmerksamkeit der beteiligten Behörden hierauf lenke und anhetmstelle, die nachgesetzten Organe auf den Gegenstand hinzuweifen, will ich in zweifelhaften Fällen einer vorgängigen Anzeige entgegensehen, um nach Lage deS einzelnen Falls die Genehmigung zu erteilen oder zu versagen." Der Entwurf über die abzuändernde Zu­sammensetzung der Schwurgerichte gilt nicht nicht nur, wie offiziös gemeldet wird, als für diese Session, sondern als überhaupt au'gegeben. Die geplante Umarbeitung beschönigt nur die gänzliche Zurückziehung. Entscheidend wirkte bei der Beratung der BundeSratSauSschüsse besonders der Protest der süddeutschen Staaten. Schon morgen trifft eine be­sondere türkische Gesandtschaft zur Ueberbringung hoher Orden an den Kronprinzen und den Fürsten Bismarck ein. Der Landtag wird vierzehn Tage, der Reichstag vier Wochen nach den Osterferien feine Arbeiten völlig ab- schließen.

Der Bundesrat hielt am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretär des Innern, v. Bötticher, eine Plenarsitzung ab. Der Vorsitzende legte Mitteilungen des Präsidenten des Reichstages über die Be­schlüsse des Reichstages, betreffend die Aufnahme der An­stalten zur Vorbereitung von Theer und Theerwafler unter die genehmigungspflichtigen Anlagen, den Entwurf eines Gesetzes über Postdampfschiff-Verbindungen mit überseeischen Ländern und den Entwurf eines Gesetzes über die Befugnis von Fahrzeugen, welche der Gattung der Kauffahrteischiffs nicht angehören, zur Führung der Reichest agge vor. Ueber den Entwurf, betreffenb die Postdampfschiff-Verbindungen, wird in einer der nächsten Sitzungen Beschluß gefaßt werden. Von der Übersicht über die auf den deutschen Münzstätten im Jahre 1884 erfolgten Ausprägungen von Reichs Gold- und Sllbermünzeu nahm die Versammlung Kenntnis und überwies die Vorlage, betreffend die Aen- derung der Bestimmungen des Eisenbahn-LetrtebSreglementS

über die Beförderung von Zündbändchen, Petroleum, Benzin u. s. w. und die Angelegenheit, betreffend die Be­setzung der Stelle eines Reichsanwalts, den zuständigen Ausschüssen. Bet einer DiSziplinarkammer gelangte die Stelle deS Präsidenten und bei mehreren DtSziplinar- kammern Stellen von Mitgliedern zur Wiederbesetzung. Hierauf fanden Eingaben, betreffend die Zollbehandlung verschiedener Gegenstände, ihre Erledigung. Die Eingabe deS BrennereibesitzerS HagSpihl zu Görlitz, betreffend die Anwendung von Aussatzhölzern für Maischbottiche in Brannt­weinbrennereien, wurde durch die inzwischen von ©eiten des Königlich preußischen FinanzmivisterS zur Beseitigung der erhobenen Beschwerde erlassene Verfügung für erledigt erklärt und beschlossen, dem Gesuch deS Kaufmanns Joh. Fritze in Bremen und Genossen um Zulassung von Aktien unter dem gesetzlichen Minimalbetrage für das Unternehmen der Farge-Vegefacker Eisenbahn-Gesellschaft keine Folge zu geben. Der Entwurf einer allgemeinen Litterarkonventton, eines Zusatzartikds und eine- Schlußprotokolls, die zu Berlin am 15. Mat 1883 unterzetchnete Konvention mit dem Königreich Madagaskar, und der Entwurf eines Ge­setzes für Elsaß-Lothringen über die Verzinsung der Gelder der Sparkassen und HülfSgenossenschaften werden genehmigt. Nachdem noch die Ueberstcht der Ausgaben und Einnahmen der Landeöverwaltung von Elsaß-Lothringen für 1883/84 vorgelegt und bezüglich der Allgemeinen Rechnung über den Landeshaushalt dieses Landes für daS CtatSjahr 1880/81 Entlassung erteilt worden war, wurde zum Schluß auf Anträge wegen der Blldung von BerufSgenossenfchaften auf Grund des Unfall - Versicherungsgesetzes, über den Rechnungs-Abschluß der Gemeinde - KrankenverstcherungS- Kassm für Dezember 1884 und über die geschäftliche Be- hanolung mehrerer Eingaben verschiedenen Inhalts Be­schluß gefaßt.

In einemDie Gesundheitspflege und medizinische Statistik beim preußischen Bergbau" behandelnden Werke bemerkt SanitätSrat Dr. Schlockow bezüglich der Explosionen durch schlagende Wetter, die in neuester Zeit so viele be­klagenswerte Opfer dahtngerafft haben u. a. wie die Schl. Zta." dem Buche entnimmt, folgendes: Wegen ihrer spezifischen Leichtigkeit sammeln sich die schlagenden Wetter an Der Firste der Strecken an. Bei der Explosion geschieht zuerst eine Entzündung der Gase, bei welcher die Lust nur ein Flammenmeer darstellt. Infolge des luft- verdünnten Raumes, der durch die Kontraktion bei der chemischen Verbindung und die Kondensation deS Wasser- dampfe« entstanden ist, erfolgt von oft sehr weit entfernten Punkten her eine reißende Rückströmung, welche in hohem Grade zerstörend wirkt. Die Spuren dieses Rückschlages sind oft von erstaunlicher Kraftäußerung. Geladene und leere Förderwagen in den Strecken wild übereinander getürmt, die Zimmerung aus den Fugen gerissen, Gesteinswände in die Strecken geschleudert, Querschläge halb verschüttet, wie

Bismarck z« Hause.*)

Von A. Berthold.

So lange e- berühmte Männer gab, interessierte sich daS Publikum nicht nur für deren Thätigkeit auf öffentlichen Gebieten, sondern vor allem auch für deren Häuslichkeit. Man wollte gar zu gern wissen, wie diese großen Geister zu Hause leben, wir sie esst» und trinken, wie sie mit ihren Familien verk hren. Daß dieser Wunsch nach Aufklärung über die Häuslichkeit, gerade deS größten Deutschen der Gegenwart, deS Fürsten Bismarck, ein ganz außerordenllicher ist, ist wohl fraglos klar. Um so wunderbarer ist eS, daß bisher so überaus wenig über diesen Gegenstand in die Oeffevtlichkeit gedrungen ist. Allerdings giebt eS hierfür eine einfache Erklärung und diese findet sich tu den Um­stände, daß das Kanzlerpalais in der Wilhelmstraße in der That hermetisch gegen die Außenwelt abgeschlossen ist. Nicht nur der Zugang selbst zum Vorgarten wird jedermann 6er# w hrt, nicht allein wachen im Gartenpavillon Tag und Nacht vier Kriminalbeamte im Zivil, sondern eS wird auch mit eifersüchtiger Energie darauf gehalten, daß durch die Dimer- schaft ober dem Hause Nahestehende nicht« in bie Oeffent- lichkeit getragen werde, was häusliche Angelegenheiten be­rührt. Mau wirb diese Abgeschlossenheit kaum für eine Marotte ober für eine übertriebene Aengstlichkeit halten können, wenn man daran denkt, welchen Anfechtungen von feiten de« Publikum» auch minder berühmte Leute, als ein

*) Mit Genehmigung deS Herrn Verlegers aus Nr. 13 von SchorerS Familienblatt. Einer Festnummer in Wort und Bild dieser stets interessanten Wochenschrift.

Fürst Bismarck, beständig ausgesetzt sind. Für Ei stader, für Menschen, die stch in bedrängten Verhältnissen befinden, für Beute, welche vom Staate Vorteile zu ziehen gedenken, für Wahnsinnige, für Aufdringliche, für Menschen, welche vielleicht Prozesse verloren haben und sich ihr letztes Recht suchen wollen, kurzum für Tausende von Menschen im Jn- unb AuSlaude ist Fürst ,'ismarck die ultima ratio. Es ist notorisch, daß in der Privttkanzl i de» Fürsten durch­schnittlich täglich zwei Briefe von Irrsinnigen eingehev, daß Hunderte von Ansinnen brieflich an den Kanzler gestellt werden, die geradezu für den Verstand der Petenten fürchten lass'». Was sollte aus der Arbeitszeit, ja aus der Gesund­heit de« Reichskanzlers werden, wenn er wie der Präsident der amerikanischen Republik verpflichtet wäre, jederzeit jedem Bürger deS Landes zur Verfügung zu stehen und ihm wenigsten» die Hand zu schütteln, wie dies imWeißen Haufe" zu Washington w-nigstenS einmal wöchentlich, am Mittwoch, der amerikanische Bürger von seinem Präsidenten beanspruchen kann.

WaS daS interne Leben im Palais deS Fürsten BiSmmck anbelangt, so läßt stch dessen Grundzug klar und deullich in der Erklärung ausdrücken, daß die Häuslichkeit deS mäch- mäLtigen und weltberühmten Kanzlers nicht größer, nicht reicher ist, als die eines gewöhnlichen pommerschen Land- edelmanns. Die Zahl der Dienerschaft ist eine außerordent­lich geringe: ein Kutscher, ein Kammerdiener, ein Reitknecht, ein Portier, mehrere Stnbenmädchen und da« andre not­wendige Haus- und Küchenpersonal bilde« den ganzm Be­stand de«fürstlichen Hofes." Es sind dies alles erprobte, alte Diener, bie an der fürstlichen Familie mit außerordent­licher Treue und Liebe hängen. Der Fürst, die Fürstin

und bet Graf Wilhelm, genanntBill" bie englische Abkürzung für Wilhelm bllven bie Personen de» Haus­standes, und wenn auch Graf Herbert trotz seines Gesandt- schastspostens Im Haag stch öfter in Berlin aufhält, so ist er doch kein ständiges Mitglied de« Hausstandes. Zu diesem ist in der letzten Zeit allerdings noch halb und halb Professor Schweuiuger getreten, der Königgrätzerstraße 9 wohnt, einen eignen Schlüssel zur Hinterthür des Kanzler- parke« besitzt und es so außerordentlich nahe zu seinem Patienten hat. Die Fürstin, welche voll Dankbarkeit gegen den Arzt ist, der ihren dem Tode nahen Gatten wieder vollkommen gesund machte, hat eS noch immer nicht dulden wollen, daß der unbeweibte Professor stch einen eignen Hausstand gründete. Kommt er einmal nicht zu Tische, so wird augenblicklich zu ihm hinüber geschickt, um zu fragen, warum er nicht bei Tafel erscheine, zu welcher er ein für allemal eingeladen ist.

Allerdings hat er bei der Tafel, deren Gerichte weniger kostbar und zahlreich sind al« ta hundert andern Berliner Famfllen, auch noch ärztliche Pflichten zu erfüllen; denn bekanntlich besteht die Kur, die er bei dem Fürsten anwanste, in einer besonderen, geregelten Diät. Jndessm geht der ärztliche Tischgast keineswegs streng zu Werke, und wenn dem Fürsten eine Speise besonder« schmeckt, so bietet ihm Schweninger durchaus keinHalt!" Ja J er «bet dem Fürsten selbst zum Essen zu, wenn er z. B. au« seiner eignen Heimat volkstümliche Speisen wie Knackwürste und andre bayrische Delikatessen kommen läßt, um stch mit diesen Tischgaben gewissermaßen für die genossene Gastfreundschaft zu revanchieren. . (Schluß folgt)