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JRarÖurg, Freitag, 27. März 1885.

XX. JihrglMg.

Str. 73

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», fowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., BerlinMünchen und Köln: G. L. Daube und Co. m Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. PariS-

Wöchentliche Beilagen: Auitlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllnstriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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EM- Auf das mit dem 1. April beginnende Quartal- Abonnement der

Oöerhesfische« Zeitung

und deren wöchtlichen Beilagen

Amtlicher Anzeiger

für die «reise Marburg uub Kirchhai« und

Illustrierte- Gouutagsblatt

bitten wir die Bestellungen bet den Poststellen baldigst zu machen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Die vörseusteuer.

Die Börsenpresse sucht die teilweise einander entgegen­stehenden Beschlüsse der ReichStagSkommisston und deS engeren StaatSrateS in Bezug auf dir Beranlagung einer Börsensteuer gegen diese Steuer überhaupt auszubeuten. Sobald von der Börsensteuer in der Presse oder im Par­lament geredet wird, suchen die Vertreter der Börse und ihrer Steuer: reiheit einen ganzen Wald von Schwierigkeiten unv angeblichen Schädigungen des Handels u. f. w. zu­sammenzutragen, bis den Vertretern der Steuer schwarz vor den Augen wird und der Steuervorschlag im Par­lament oder bei der Regierung durchfällt. So machen sie eS auch jetzt wieder. Während in Frankreich kie Börse längst hoch besteuert ist und dem Staate über hundert Millionen einbringt, geberden sich bei uns die Vertreter der Börse immer noch, als würde die Börse und mit ihr der Handel aufS tödlichste geschädigt werden, wenn eine prozentuale Börsensteuer mit den nötigen Kontrollmaßregeln, die sich sonst bet allen derartigen indirekten Steuern, wie Bier- und Branntweinsteuer, Zuckersteuer, ganz von selbst verstehen, eingesührt würde. Die Herren haben bisher durch diese Methode immer mit Glück rp riert und so hoffen ste eS jetzt umsomehr, als sie nun den Staatsrat gegen den Reichstag zu ihren Gunsten aurspielen können. Allein die Herren dürften sich doch täuschen; denn im Reichstage wirs sicherlich mindestens eine ebenso große Mehrheit für die Börsensteuer vorhanden sein, als für die Getrcidezölle. Jedenfalls werten sich alle die, welche für die Gttreisezölle gestimmt haben, sagen: wir müssen für die Börsenstruer stimmen, schon um uns vor dem, wenn auch noch so un­gerechten demokratischen Vorwurf zu stcheru, wir hätten deu armen Leuten das Brot besteuert, aber die großen Börseu- gefchäfte, an denen Taufende verdient wer:en, unbesteuert gelassen. Außerdem werden auch noch manche andere Ab­geordnete, welche nicht für die Gitrctsezvlle gestimmt haben, doch für die^seusteuer eintreten. Und auch oer BundeSrat

wird sich sagen, daß er in demselben Augenblick, wo er die Getreidezölle genehmigt, unmöglich die Börsensteuer ab­lehnen kann, wenn ste von dem Reichstage in irgend einer annehmbaren Form beschlossen wird. Und die Reichstags« kommisfion hat sehr fleißig gearbeitet und der Reichstag kann ja noch manches bessern, so daß die Möglichkeit voll­ständig gegeben ist, ein gutes, brauchbares Börsensteuer- Gesetz zu Stande zu bringen. Daß es j^tzt zu Stande kommen muß und nicht bei Seite geschoben werden darf das ist allen Vertreter» der konservativen WirtschastS- und Steuerreform ebenso zweifellos, als daß die Einführung einer wirklich einträglichen Börsensteuer die unerläßliche Voraussetzung für die Weiterführung bc» Steuerreform im Reiche wie in dem Staate bildet. Die Steuerbelastung der produktiven Arbeit in Landwirtschaft und Gewerbe, wie auch der Beamten und Angestellten mit festen Besol­dungen ist gegenüber dem lrichtversteckbaren Kapital- besttz und insbesondere dem Kapitalhandel an der Börse eine so große und so zweifellose, daß hier nichts mHi auf­gelegt werden darf, wenn nicht die ungleiche BelastUaz die produktive Arbeit völlig zu Boden drücken soll. Die Auf­gabe der Steuerpolitik muß hier unbedingt einen Ausgleich suchen. Der afte fiskalische Standpunkt, der lediglich fragte, wie und wo er die Steuer am leichtesten und sichersten erhalten konnte, hat sich längst überlebt; die Steuerpolitik hat eine große, auSglcichende, soziale Aufgabe zu erfüllen, um an ihrem Teile mitznhelscn, daß der in immer gefähr­lichere Dimensionen sich auswachsende Gegensatz von Kapital und Arbeit Kapital- und Arbeitsgewinn gemildert werde. Daß in dem Ausgleich dieses Gegensatzes das große soziale Problem der Gegenwart besteht, ist zweifellos, die Steuerpolitik allein kann eS nicht lösen, dazu bedarf 'S vor allem der sozialen und wirtschaftlichen Reformen; aber die Steuerpolitik muß sich als ein Glied in die ganze Or­ganisation der Sozialreform etnfügen und darf die letztere tu keinem Falle ignorieren. Die Börse spielt jetzt in dem ganzen wirtschaftlichen sozialen wie politischen Leben eine so große und so bedenkliche Rolle, daß jede weitere Steige­rung derselben gefährlich werden und zur Krisis führen kann. Noch kämpft bet uns das kleinere Gewerbe und die Landwirtschaft einen harten Kampf gegen die immer weiter gehende Berkopitalisterung deS Gewerbebetriebes, d. h. die Umgestaltung desselben in den Konsortialbrtrieb. Wir haben kürzlich erst auS Amerika gehört, zu welchen unhaltbaren Zuständen ein solcher führt, wenn er alles überflutet. An der Börse liegen deshalb für die Sozial­reform noch große Au'gaben. Die Börsenstruer wird diese Aufgaben nicht allein lösen, das wissen wir sehr wohl; aber daß ste ein Teil dieser Lösung ist, ist zweifellos. Ein Börsenstkuergejetz, welches auch die Börse und ihre Ein­richtungen auf den klaren Boden deS Gesetzes stellt, wie cS

bei dem Gewerbe schon längst geschehen ist, muß ihr zu Hilfe kommen. Solche Ausstr uungech wie sie gestern die Nat.-Ztg." brachte, machen keinen Eindruck mehr. DaS Blatt schrieb nämlich bezüglich der Beratung der Börsen­steuer im Staatsrat:

»Nach dem, was über die Beratungen de» StaatSrateS bezüg'ich der Börsensteuer verlautet, herrscht in dieser Körper­schaft eine dem ganzen Prinzip der Steuer wenig geneigte Stimmung. Namentlich ist von feiten deS Präsidenten der Rcichebavk betont worden, daß er für die Aufrechterhaltung der Goldwährung nicht einzustehen vermöge, wenn durch eine Börsensteuer die Arbitrage in irgend einer Weise in ihrer Thätigkeit gehemmt würde, ähnliche Gesichtspunkte sollen vom Präsidenten der Seehondlung hervorgehoben worden sein. Man hat sich schließlich auf den ursprünglich von dem Abgeordneten Oechelhäuser entworfenen Vorschlägen geeinigt, jedoch mit Ausschluß des Tarifs, mit dem diese Vorschläge später verschärft worden sind/

Daß es noch höhere Rücksichten gibt als die Arbitrage der Börse und daß vor dieser die Börsensteuer nicht Halt machen kann, sollte doch auch diesen Kreisen klar sein, und schon der einfache Hinweis auf die anderen Länder, welche die Börsensteuer haben und wo die Börse doch noch sehr flott das Arbitragegeschäft betreibt, beweist die Hinfälligkeit dieser ganzen Auslassung. Aber es gehört auch diese Aus­lassung zu der oben geschilderten Methode der Verdunkelung und Verwirrung der Sache. Der Reichstag wird sich hvffent- lich dadurch nicht beirren lassen. Zum Uebe>fluß fei noch bemerkt, daß der Piäsident der Rrtchsbank gar kein An­hänger der Goldwährung ist. (Rb.)

Deutsche- Reich.

Berti«, 25. März. Die militärischen Beförderungen, welche aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers statt­gefunden haben, beschränken sich fast nur auf die Adjutantur. Die Generale ä la suite des Kaisers, Generalleutnant« Graf Lehnte» ff, Fürst Radziwill und Graf v. Walders«, sind zu Generaladjutanten ernannt, wodurch die Zahl der Kaiserlichen Generoladjutanten auf 21 gestiegen ist, eine Zahl, die bisher noch nie erreicht war. Ferner ist der per­sönliche Adjutant des Kronprinzen, Hauptmann v. Kessel, zum Major befördert, auch der zum Stabe der vom Kron­prinzen befehligten 4. Armeeiuspektion kommandierte Haupt­mann Frhr. v. i'yncker ist zum Major ernannt. Endlich ist noch der Zweitälteste Enkelsohn des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern, Prinz Ferdinand, Sohn des Erbprinzen Leopold, geboren den 25. August 1865, als Sekondelrutnaut ä la suite des 1. Garde Regiments z. F. angi stellt, nachdem erst im vorigen Jahre sein älterer Bruder Prinz Wllhelm ebenfalls ä la suite dieses Regiments gestellt war. Vor einigen Tagen hieß eS, Graf Herbert BtSmarck werde an

Krtegcrveretne, an deren Spitz- Herr Spiller und Herr Valentin standen.

*

Der 22. März brachte wtecerdas herrlichste Kaiserweiter Schier unabsetzbar dehnte sich die lange Reihe der Krieger- Vereine au«, die auf dem große» Platze aufmarschiett waren zur Parade vor Sr. Majestät dem Kaiser. Der greise Monarch hatte eS sich nicht nehmen lassen, selbst die Front entlang zu schreiten, hier und da stehen bleibend vno mit den durch die Anre-e hochbeglückten Kriegern einige Worte wechselnd. Da fügte eS der Zufall, daß Se. Majestät vor demKriegerbund Belou" stehen blieb, just an der Stelle, wo Herr Spiller kerzergrae und in vorfchriftsmäßiger Haltung, wie e« einem rechten Krieger geziemt, stand. Se. Majestät erblickte das eiserne Kreuz auf der Bmst deS Herrn Spiller, und auf ihn zugkhend, begann der hohe Herr in leutseligster Weise:8t) sich da, Sie haben das eiserne Kreuz, wo haben Ste sich das geholt?*

Zu Befehl, Majestät, bei Seran.*

,®o, so, da war ich ja auch mit dabei. Bet welcher Gelegenheit haben Sie sich ausgezeichnet?"

Ich habe, zusammen mit einem Kameraden Valentin, die feindliche Fahne im Sturm genommen."

Wie rin Blitz war es ihm bet der Frage Sr. Majestät durch den Kopf geschossen: dte Wahrheit, die Wahrheit l Und nun ging ein freudiges Aufleuchten über feine Züge und e» war ihm, als wäre ihm eine Zentnerlast vom Herzen genommen. Er rückte und rührte sich nicht, denn er stand vor seinem allerguästgften Kaiser, aber wie ein innere« Echo tönte ihm eine Stimme au fein Ohr:Das hast Du recht gemacht, dte Wahrheit, dte Wahrheit I"

Se. Majestät aber wendete sich nun freundlichst zu ihm und wir suchend dir Blicke umhersendens, sagte der hohe Herr;

So, so, das ist schön, das freut mich. Wo ist Ihr Kamerad, mit dem Sie die tapfere That vollbracht haben?"

Kamerad Valentin ist der Flügelmann des nächsten Kriegervereins, Majestät."

Mit einer freundlichen Handbewegung gegen dm über­glücklichen Spiller wendete sich der Kaiser nach der bezeich­neten Richtung und zu Herrn Valentin. Der aber hatte jedes Wort seinesIntimsten Feindes" gehört und es war ihm heiß hiraufgestiegen, als er vernahm, wie Spiller ihn als dm Mitteilnehmer an der Eroberung der Fahne be­zeichnete. Da stand auch schon der Kaiser vor ihm.

Also Sie sind der zweite tapfere Mann, der des Feinde» Fahne erobert? Aber «aS sehe ich? Sie habm ja das Kreuz nicht erhalten I"

Zu Befehl, Moj stät, nein. ES können nicht Alle das eiserne Kreuz erhalten, und ein tapferer Soldat ist mit dem, was er thut, auch ohne Belohnung zufrieden; über- dies hat K-mierad Spiller es ja erhalten und da« ist gerade so gut, als hälte ich eS selbst bekommen."

Brav, sehr brav von Ihnen, ich wollte, eS dichten alle Soldaten so wie Sie. freut mich aufrichttg, solch echtm kamcradschcfttichen Sinn bei Ihnen gefunden za haben. Bewahren Sie auch fernerhin, diese Sie Beide so ehrende Gesinnung!"

Damit wandte sich der Kaiser weiter den übrige» Ver­einen zu. Nun aber begab sich etwas Merkwürdige». Wie auf Kommando machte Herr SpillerAugen recht»" und Herr ValentinAugen link»". So begegnetm sich ihre Blicke einen Moment, um ebenso rasch sich wieder von ein­ander abzuwenden. DaS Manöver wiederholte sich noch mehrere Male und schließlich schielte Herr Spiller ganz auffallend nach recht» und Herr Valentin nicht minder nach link», bi« sich der Zug wieder in Bewegung setzte. (Schluß folgt.)

Intime Feiude.

Eine KaisergeburtStagSgeschichte von Eugen Rahden.

(Fortt etzrmg.)

Wie ich, ebenso wie Sp ller," fuhr Valentin in seiner Erzählung fort,eie letzte Anstrengung mache, hinaufzu- komwen, kriege ich plötzlich einen Stoß, daß ich ausgleite una uiederfalle. Als ich mich aufraffe und mit einem Sprunge oben bin, steht Spiller schon da und hält in feiner Hand die Fahne, dafür hat er denn später da» eiserne Kreuz bekommen und ich ich habe natürlich nicht» be­kommen. So, nun wißt Ihr, wie ich mit dem Manne da stehe."

Keiner sprach ei» Wort nach dieser Rede Valentin». Erblich hob Sp'ller an:Ich weiß c« und gesteh« e» zu, daß ich damals unrecht gehandelt habe, aber ich glaube, daß Du es ganz ebenso gemacht hättest, wenn Du auf denselben Gedanke» gekommen wärest."

Nein!" Es w'r ein kurze», unversöhnliche» Nein, da- Baleutin auSftteß.

Da» ist ja sehr traurig," murmelte der Onkel, al» Famllte Spiller unv Familie Valentin die Laube verließ, natürlich jee nach einer anderen Richtung ihren Weg ein« schlagend.

DaS war also der Grund, ««»halb Herr Valentin und Herr Spiller soIntime Feinde" waren. Weder Jener noch Dieser hatte tn Belau jemals über die Sache gespro­chen;die Leute brauchten eben nicht alles zu wissen," meinte Herr Valentin. Da er jedoch von Spiller stet« nur al» von seinemIntimen Feinde" gesprochen hatte, so erhielten bk Beiden sehr bald tu Belau dies« Beinamen. Di« Folg« der Feindschaft ab« war die Gründung zweier