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Marburg, Mittwoch, 25 März 1885.
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XX. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- AdonnementS-PreiS bei der Expedition 2'/» Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Anzeige« nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franlurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wren; RudolfMoffe in Frankfurt «. M., Berlin,München und Köln: G. 8. Daube und Co. m Frankfurt a.
Berlin,Hannover u. Pari-.
Wochcntiichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg«. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
88®*’ Auf da» mit dem 1. April beginnende Quartal- Abonnement der
Oderhesfische« Zeitung
und deren wöchtlichen Beilagen
Amtlicher Anzeiger für die -reise Marburg und Kirchhain und
Illustriertes Sountagsblatt
bitten wir die Bestellungen bei den Poststellen baldigst zu machen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattstndet.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. März Der Kaiser, der fich gestern von den Strapozen fern hielt, hat sehr gut geschlafen und ist heute zeitig aufgestanden. Er befindet stch ganz wohl. — In politischen Kreisen legt man der Entsendung deS Herzog« von Genua zur Ueberbringung der Glückwünsche deS Königs von Italien an den Kaiser eine ganz besondere Bedeutung bei. BiSh-r war es nur üblich, daß auswärtige Souveräne dem Kaiser schriftliche Glückwünsche übermittelten. Wie nun daS englische Königshaus drei Prinzen zum Geburtstage des Kaisers hierher gesandt hat, um die erneuten herzlichen Beziehungen zwischen Englan» und Deutschland greifbar darzulegen, so erblickt man auch iu der Senvung dcS Herzogs von Genua ein von Italien beabsichtigtes Zeichen für die Fortvauer herzlicher Beziehungen, welche stets zwischen Deutschland und Italien bestanden und nur eine vorübergehende Trübung erfahren hatte. — Den Verhandlungen des Reichstages wohnten heute in der Hoftoge der Großherzog und der Erbgroßherzog von Weimar, der Fürst von Schaumburg-Lippe, Prinz Wilhelm von Baden, Prinz Albrecht von M cklenburg - Schwerin, Prinz Friedrich von Mecklenburg Schwerin, Prinz Friedrich von Hohenzollern bei. — Aus den jetzt zur Mitteilung an den BnudeSrat gelangten Ueberstchten über die auf den deutschen Münzstätten im Jahre 1884 erfolgten Ausprägungen von ReichS- Gold- und Silbermünzen ist ersichtlich, daß der Bedarf an den meisten Münzsorten gedeckt ist, da tm vorigen Jahre nur noch die Münzstätten Berlin und Hamburg thätig gewesen und nur die Doppelkronen und Zweimarkttücke geprägt tootbrn sind. An Doppelkronen lieferte die Berliner Münze 2244220 Stück und die Hamburger Münze 638 867 Stück; anZveimarkftückm wurden 240168 uns zwar nur von der Berliner Münze ausgeprägt. — Der Minister der Justiz und der Finanzen haben urterm 17. d. M. auf Grund des Gesetzes vom 30. April 1884, betreff nd Asän errungen des PenstonSgesetzes, eine allgemeine Verfügung erlassen, durch welche vom 1. April d. I. ab die Entscheidung darüber, ob und zu welchem Zeitpunkte dem auf Verletzung
in dm Ruhestand gerichteten Anträge eine« etatsmäßig arge stellten Justizbeamten, für besten Stelle dem Präsidenten deS Ob-rlandeSgerichts, dem Oberstaatsanwälte oder beiden gemeinschaftlich die AnstellungSbefuzniS zusteht, stattzugeben ist, sowie darüber, ob und welche Pension einem solchen Beamten bei der beantragten Versetzung in den Ruhestand gebührt, der betreffenden Anstellungsbehörde übertragen wird. Ausgenommen sind jedoch die Entscheidungen bezüglich der Pensionierungsanträge der Gerichtsvollzieher und der Kalkulatoren. Zugleich erfahren die den AnstellungSbehörden früher erteilten Anweisungen bezüglich der Ausübung der gedachten Befugnis in der Verfügung eine Ergänzung. — Iu der heutigen Sitzung der Zolltarifkommifston des Reichstags wurde nach längerer Diskussion, an welcher stch die Abgg. Lohren, Brömel und Buddeberg, sowie Geh. Rat Böttcher beteiligten, der Zoll für Leinwand mit 41 biö 80 Fäden, sowie für gefärbte Fußbecken auf 18 Mk. festgestellt. Der Zoll für feitene Kleider wurde von 900 Mk. auf 1200 Mk. erhöht. Ein Antrag deS Abg. Penzig, die Zollfreiheit für die Einfuhr von Säcken zum Brhufe des Einkaufes von Getreide zu beseitigen, wu>de nach einer Er- kiärung deS Geheimrat Schraut, wonach die Regierung bereits mit der Prüfung der Frage beschäftigt sei, vorläufig zurückgezogen. Demnächst wurden nach eingehender Beratung auf Befürwortung seitens der Abgg. v. Landsberg, Letocha und Kulmiz und nach Klarstellnng der G ünre, welche für und gegm die Maßregel sprechen, für Barytweiß ein Zoll von 3 M. und für Superphosphate ein Zoll von 60 Pf. beschlossen. — Dem Reichstage ist der Gesetz - Entwurf, betreffend die Abänderung des Gesetzes, betreffend die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen, zugegangen. — Der Abgeordnete Metzner hat heute mit Unterstützung der ZmtrumSfraktion nachstehenden Antrag auf Heranziehung der Konsumvereine zur Gewerbesteuer tm Abgeordnetenhause eingebracht: „Das Haus brr Abgeordneten wolle beschließen, nachstehender Ergänzung deS Gewerbesteuer- Gesetzes vom 30. Mai 1820 die verfassungsmäßige Zustimmung zu erteilen: § 3. Die Gewerbesteuerpflicht trifft jede« Groß- oder Einzel-, Handels-, KommWonS-, Spc« ditionS-, Wechselbank-, Leih-, Assekuranz-, Fabrik- und Rhedereigefchäst. Auch die bei der Kaufmannschaft ange- stellten Makler und Handelsagenten find der Steuer unterworfen, desgleichen Konsumvereine, auch wenn deren Geschäftsbetrieb nur den Bedarf der Mitglieder an Lebensmitteln und anderen Waren zu beschaffen bezweckt." — Der Reichstag wird morgen in die Ferien gehen. DaS Abgeordnetenhaus wird noch bis Freitag Sitzungen abhallen.
Wilhelmshaven, 21. März. Im Zusammenhang mit unserer kürzlichen Roliz über die Verhaftung eineS Hoteliers wegen Landesverrats tragen wir nach, daß letzter Taxe bei einem jungen Techniker, der in einer martnefiskalischen Stellung sich befindet, Haussuchungen vorgenommen worden stnd. Derselbe harte den Verdacht auf stch gezogen,
sekret zu haltende Marine-Angelegenheiten in jöffentlichen Blättern verbreitet zu haben.
München. 23. März. Die „Allgemeines Zeitung" meldet: Aus Befehl des Königs begiebt stch Minister von Lutz Ende dieses Monats nach Berlin, um an der Beglückwünschung des Reichskanzlers durch den Bundesrat teil zu nehmen. Er dürfte hierbei namens des Bundesrats das Wort führen.
Änllmtbe
Bern, 23. März. Der Bundesrat lehnte die Anregung der Regierung von Thurgau ab, eine internationale Vereinbarung über die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Tierseuchen anzubahnen.
Rom, 23. März. Unter der Teilnahme des Königs und der Königin, der anwesenden Mitglieder der König!. Familie, der Minister und der Mitglieder des diplomatischen Korps fand gestern nachmittag die feierliche Legung des Grundsteins zu dem National - Denkmale für Viktor Emanuel auf dem Kapitol statt. Die Festrede hielt Minister DeprctiS. Den Grundstein legte der König.
Paris» 23. März. In der Kammer brachte der Finanzminister Tirad das Buget für 1886 ein. Minister Peyrcu forderte für Madagaskar einen Kredit von zwölf Mill. FrcS. — Gestern fand in Saint-DeniS (Saal Mcyrat) eine Versammlung italienischer, deutscher, belgischer und russischer Sozialisten statt. Ein italienischer Arbeiter, Ortolt, führte den Vorsitz. Er bezeichnete als den Zweck der Versammlung, die Brüderlichkeit aller Völker Herzust llen, und pries die Fortschritte, welche der Sozialismus überall mache, namentlich in Deutschland und Belgien. Die Macht des Sozialismus sei heute so groß, daß alle Könige aus ihren Thronen zitterten und daß der Polizei- Präfekt Cametcasse genötigt sei, für die Königin von England, die nächstens nach Frankreich käme, eine aus feinen feinsten Spürnasen bestehende Leibwache zu bilven l Schließlich schlägt Redner vor) Liebknecht und dem belgischen Rechtsanwalt Robert, einem Führer der belgischen Sozialisten, der augenblicklich in Paris sei, wo er gestern den belgischen Buchhändler KieSmackerS verteidigt habe, Beglückwünschungen zu widmen. Der zweite Redner, ein französischer Arbeiter namenS Durand, suchte darzuthun, daß daS sozialistische Frankreich auf keinen grünen Zweig komme, weil eS nicht einig genug sei und allzuviele Streber eine Rolle spielen wollten. Nach ihm dankte ein deutscher Arbeiter, Vogt, sür die den deutschen Sozialisten bewiesene Teilnahme und versprach, dieselben würden den Kampf gegen Bismarck fortsetzen, und auch gegen Ferry, welcher die Befehle des Kanzlers als echter Lakai demütigst au8« führe. Nachdem eine Geldsammlung für die politischen Sträflinge gemacht worden war, bornierten noch zwei französische Sozialisten gegen das Kapital und die Regierung, worauf eine Tagesordnung angenommen wurde, welche den
Intime Feinde.
Eine Kaisergeburtstagsgeschichte von Engen Rahden.
(Forti etzirng.)
Während aber in den anbeten CoupeeS die Rivalität der Vereine nicht auf daS tägliche Leien ausgedehnt wuroe uns man nur „unt r der Fahne" den Gegner in dem Marne sah, mit dem man während der Fahrt gemütlich plauderte und mehr ober minder gute resp. schlechte W tze riß, war daS Verhältnis zwischen Herrn Valentin u >0 Spiller ein anderes. Stumm saß jeder In seiner Ecke und jeder vermied, den anderen anzaseheu, wie das bei »Ultimen Feinden" auch ganz natürlich.
Herr Zenker e, der gute O >kel, bildete eine Art HauS- invevtar der Bateniinschen F imilie, und da Herr Balmtin, wenn auch nicht gerade ein reicher, so doch wohlhabender M>nn bei seiner Büchienmacheret geworden war, lebte der Onkel nun schon la ge Jahre ein vergnügliches Stillleben in dem Hause seiner N ffen. Nun galt eS aber für s lbst- verständlich, daß der gut: Onkel überall dort dabei sein wußte, wo „etwas los" war, und fo durfte er natürlich auch nicht auf dem großen Kriegerfeste fehlen, obschon er kaum einen Ulanen von einem Kürassier zu unterscheiden wußte. Herr Spiller, der in Belau einen einträglichen Zigarrenhandel b« trieb, hatte kaum vernommen, daß H rr Valentin eie erste vorberateme Sitzung in Sachen b'« Kriegerfestes anberaumt habe, als er sofort ble Genossen berief und kurz und büuoig einstimmig beschlossen wurde, Ui corpore das Kriegerfest zu besuchen. So rollten denn beide Bereine wohlgemut der Residenz zu.
Während Herr Valentin fich die Zett der Fahrt mit
der Lektüre des Festprogramms verkürzte, übte stch Herr Spiller in der Kunst des „Ringel-Blase S", die er seiner Zigarre entlockte. Der gute O kel aber war bald sanft evtschlumm rt und da er mit Herrn Spiller „gut Freund" war, wie stch überhaupt die intime Feindschaft nur auf die Oberhäupter der beiden Familien erstreckte, und er eS weder mit seinem Neffen noch mit Herrn Spiller verderben wollte, ruhte sein müdcS Haupt abwechselnd auf der Schulter deS einen oder der des anderen „Hauptmannes."
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Der Bahnhof der Restdevz war besäet von Menschen.
AuS der einen geöffneten Thür des Wartesaales trat eiligen Schrittes ein junges, hübsches Mädchen, zierlich und nett, eine jener lieblichen Erscheinungen, von denen eS bekanntlich im Liede heißt:
Ja in Berlin,
Wo die hübschen Mädchen blühn.
Wie sie so eilig den Perron entlang schritt, prallte sie fast an einen jung n, hübschen Manu an, der ebenso wie sie selbst auf der Suche begriffen zu sein schien. Der junge Mann mochte etwa 22 Jrhre alt fein und das Mädchen 18 Jahre. Auf den ersten Blick aber konnte Jeder in dem junzea Manne die verjüngte Ausgabe des Herrn Spiller und nicht minder Je >er in dem jungen Mädchen die unverkennbare Aehnlichkeit mit Herrn Valentin bemerken.
„Olga, was machst Du den hier?" rief Herr Spiller jun. überrascht aus.
»Hugo, Du hier? Ich hole den Papa ah," klang eS von oen Lippen der Frl. Valentin zurück.
»Das ist ja prächtig, ich befinde mich zu demselben
edlen Zweck hier. Ach, das wird einmal ein schöner Tag werden. Meinst Du nicht, Olga? Wir bleiben doch «ährend des Festes beisammen?"
»Ich weiß wirklich nicht, Hugo. Der Papa ist manchmal recht sonderbar."
»Na, wir wollm eS abwarten. Jedenfalls bleiben wir jetzt hier und erwarten sie zusammen," betretierte Hugo. Damit ergriff er Olgas Arm unb legte ihn in ben feinen. Sie ließ eS gern geschehen unb der Blick, ben die Beiden austauschten, ließ keinen Zweifel mehrMrig, daß es zwischen den Beiden „richtig" »ar.
Sie hatten nicht lange zu warten. Nach wenigen Minuten rollte der Zug in den Bahnhof ein, und schon von Weitem konnte man des guten Onkels von Hitze und Freude strahlendes Gesicht aus dem Koups leuchten sehen. Hinter ihm stand Herr Valentin. Ein finsterer Schatten übci flog des Mannes Antlitz, als er feine Tochter am Arme des Herrn Spiller jun. erblickte. In der nächsten Minute hielt et fein Töchterchen in feinen Armen und Herr Spiller wurde von feinem Sohne bewillkommt. Der gute Onkel aber hielt eine Hand dem junget Spiller, die andere Olga hin, unb fo kam es, da» sich bie feindlichen Vorsteher auf einen Augenblick gegenübetstavden.
„Da ist auch Herr Spiller," sagte Olga und der junge Mann lüstete höflich seinen Hut, um Herm Valentin zu begrüßen.
„Guten Tag, Herr Spiller," war die ganze Auiwott des Herrn Valentin, dann setzte er stch mit dem guten Ookel und Olga nach recht» in Bewegung, währmd die beiden Herten Spiller sich nach link- wandten.
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