JRarGurg, Dienstag, 24. März 1885.
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" Deutscher Reich.
Berlin, 21. März. Der König von Sachsen und der Prinz Georg von Sachsen find um 1 Uhr 20 Minuten aus Dresden hier eingetroffeu und auf dem Bahnhose vom Kronprinzen empfangen worden. Dieselben statteten alsbald dem Kaiser und der Kaiserin einen Besuch ab. Um 4 Uhr fand im kaiserlichen Palais ein Diner von 200 Grdecken statt, wozu die Mitglieder des königlichen Hauses und sämtliche hier anwesenven fürstlichen Gäste mit ihrem Gefolge und die Gesandten teilnahmen. — Wie nach der „Schles. Ztg." verlautet, hat der Kaiser deu Direktor der Akademie der Künste, Anton von Werner, beauftragt, sein Kolosial- gemälde, die Kaiserproklamation in Versailles darstellend, in etwas kleinerem Maßstabe zu kopieren. Der Kaiser hat die Absicht, diese Kopie dem Fürsten Bismarck auS Anlaß des 70. Geburtsfestes desselben zum Geschenk zu machen. — Wie man der „Polst. Corr." unter« 19. d. M. aus Rom meldet, ist Feldmarschall Graf Moltke in strengem Inkognito in San Remo eingetroffen. — Die Nachtragsbestimmung zur Gewerbe-Ordnung (Ackermannscher Antrag), durch welche der Polizeiverwaltung die Befugnis gegeben wird, Nichtinuungsmttgliedern daö Hasten von Lehrlingen zu verbieten, ist jetzt hier wirksam geworden, und zwar gegen die Barbiere, wie auS folgender Bekanntmachung des Polizeipräsidenten hervorgeht: Ich bestimme hierdurch auf Grund d?S § 100 e Ziffer 3 der Reichs-Gewerbe Orsnung für den Bezirk der Barbier- und Fristm-Jnnung zu Berlin, daß diejenigen Arbeitgeber, welche ein in dieser Innung vertretenes Gewerbe betreiben und selbst zur Auf-iahme In die Innung fähig sein würden, gleichwohl aber der Innung nicht angkhörcn, vom 1. Inst 1885 an Lehrlinge nicht mehr annehmen dürfen. — DS hiesige Hilfskomitee für die in Spanien durch die Erverschüttei ungen Verunglückteu und Beschädigten hielt heute seine Schlußsitzung. Der Schatzmeister berichtete, in Deutschland sei nahezu eine halbe Millon Mark aufgebracht woroen. Der spanische Botschaft- fekietär Dupuyaelane sprach dem Komitee den Dank deS Königs von Spanien und der spanischen Nation aus. Der Präsident des Komitees erwid rte, Deutschland habe gern
den Anlaß wahrgenommen, um Spanien seine Sympathie zu bezeugen.
Berlin, 22. März. Die Geburtstagsfeier de- Kaisers wurde heute morgen mit einer Reveille von der Schloß- kapelle eingeleitet. Die Stadt ist in allen Teilen reich mit Fahnen geschmückt, namentlich im Zentrum. Eine dichtgedrängte VostSmeuge wogt von früh ab vor dem kaiserlichen Palais auf und ab. Daö Denkmal Friedrich deS Großen vor dem kaiserlichen Palais ist auf da- prachtvollste geschmückt. Um 98/t Uhr begann die Ausfahrt der Mitglieder des königl. HauieS und der hier anwesenden fürstlichen Gäste. Um 10 Uhr fand der Gottesdienst im Dom statt, welchem die Kallerin, die Mitglieder des königl. HaufeS und die fürstlichen Gäste beiwohnten. In den Hvf- logen und den Diplomatenlogen waren alle Plätze dicht besetzt. Der Kaiser wohnte dem Gottesdienste nicht bei. (Telegraphische Berichte über die Geburtstagsfeier des Kaisers liegen ziemlich gleichlautend vor aus Braunschweig, Weimar, Schwerin, Aachen, Osnabrück, Leipzig, Dresden u. a. O.) Der Kaiser empfing heute wegen einer leichten Erkältung nur die Gratulation der königl. Familie und der fremden Fürstlichkeiten. — Nach dem Gottesdienst im Dome empfing der Kaiser die Mitglieder des königlichen Hauses, sowie dir Hofstaaten, später auch den Fürsten Bismarck, dem die in den Straßen versammelte Menge sowohl bei der Hin« wie der Rückfahrt- stürmische Ovationen darbrachte. Die Generalität, die Minister, Botschafter, BundeSratS-Bevollmächtigten, dir Präsidien des Reichstags und des Landtags fuhren vor dem Palais vor und trugen ihre Namen in das aufliezende Buch ein. An dem Familien Diner, welches in dem kron- prinzlichen Palais stattfand, nahmen alle Fürstlichkeiten teil. Abends ist eine Soirör im Weißen Saale des Schlöffe-, wozu 900 Personen geladen sind. Dir Stadt wird abends glänzend illuminiert werden.
Stendal, 19. März. Wie dem „Mm. Jut.-Bl." auS Schönhausen berichtet wird, ist da« Gärtnersche Rittergut, das ehemalige große Bismarckjche Gut, daselbst vorgestern verkauft worden, jedoch unter dem Vorbehalt, daß der Käufer bis zum 26. April zurücktreteu darf. DaS genannte Blatt meint: „ES scheint, daß also doch jene- Gut die Ehrengabe ist, welche dem Fürsten BiSmarck «u seinem 70. Geburtstage überreicht werden soll."
Darmstadt, 21. März. Die Prinzessin Karl, Mutter de- GroßhnzogS von Heffeu, ist gestorben._______________
An-Land.
Wie«, 21 März. Das Abgeordnetenhaus begann mit der Beratung der Nordbahn-Vsrlage. Der Berichterstatter der Kommission, BiblinSki, erklärte, die Verstaatlichung-Idee sei nicht realisierbar. Herbst trat in einer längeren Rede für das Prinzip der Eisenbahnverstaatlichung ein. — Im ZollauSichuff- erklärte der Handelsminister, eS fei notwendig, daß die Zollnovelle noch in dieser Session, eventuell nach
Ostern zu stände komme. Der Ausschuß beschloß, sofort in die Spezlaldebatte rivzutreten.
Temesvar, 21. März. Auf dem hiesigen Postamte ixplodierten 6 von Mannheim eingegangene Säckchen. Tin Postbeamter wurde schwer verletzt. In den Posträumlich- keilen wurde ein nicht unerheblicher Schaden angerichtet.
Rom, 21. März. Im Senate begründ« Caffacciolo und VUeleSchi ihre Jnterpellattoneu über die Polittk deS Kabinetts der Auswärtigen Politik. Maneini erklärt, er werde am Montag antworten. Der Senat drückte |ben Soldaten in Afrika seine Sympathie aus.
Paris, 21. März. Dem Journal .Paris" zufolge erhielt das Geschwader im Stillen Ozean Befehl, zum Schutze der französisch« Staatsangehörigen nach A-pinwall (Panama) sich zu begeben.
Madrid, 21. März. I« Senate erklärte heute der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Spanien fei trotz des großen Interesses am Suezkanal zur Teilnahme an der Pariser Suezkaualkonferenz noch nicht eingeladen. Sollte eine Einladung erfolg«, so werde e- Vertreter mit einem Programm der Verständigung de- Friedens entsend«.
London, 21. März. Da- „Reutersche Büreau" meldet aus Wellington, 21. März: Die Legislatur von Samoa nahm ein Gesetz zum Zwecke der Annexion der Samoa- Inseln durch Neuseeland an. Dir Regierung von Nm- seeland erhielt eine Abschrift diese- Gesetzes. — (Unterhaus.) Lord Hartington verliest ein Telegramm des Generals Graham au den General Wolfeley vom 20. März, wonach das Resultat der gestrigen Operationen der Engländer vor Suaklng die Errichtung einer starken Stellung ist, welche da- HaSheen-Thal beherrscht und die rechte Flanke der Engländer, sowie die Verbindungslinie bei den bevorstehenden Operationen gegen Tamai schützt. — Ein Telegramm de- Generals Graham au- HaSheen, 20. März, meldet: Nachdem die Truppen morgen- um 6 Uhr da- Lager bei Suaking verlassen hatten, besetzten sie die Spitzen mehrerer Hügel. Als sich der Feind vor der Front entfaltete, befahl General Graham eine bedeutendere, vom Feinde besetzte, isoliert stehende Anhöhe zu uehmen, wa- vollkommen gelang. Der Feind, 4000 Mann stark, zog sich In der Richtung nach Tamai zurück; er wurde durch Lanzenreiter beschossen. Außerdem haben einige andere Scharmützel stattgesunden. Inzwischen errichtet« die Trupp« bei Zareba Verschanzungen; 1 Bataillon mit 6 Kanonen bleibt in Zareba; die übrigen Truppen sind särnttich nach HaSheen zurückgekehrt und geh« nach Suaking ab. Die Verluste der Engländer sind 9 Tote und 38 Verwundete. Der Verlust des Feiudrö ist unbekannt, aber beträchtlich.
Brüffel, 21. März. Beim Empfange deS Brüsseler GemeinderateS, welcher eine Adresse bezüglich des Kongo- staateS überbrachte, sprach der König dir Hoffnung auS, Brüffel werde der Hauptsttz für alles den neuen Staat angehende bleiben, welcher von Belgien keine neuen Opfer
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[Nachdruck verboten.) Intime Feinde.
Eine Kaisergeburtstagsgeschichte von Eugen Rahden.
ES war am 21. März 188. Der kleine Bahnhof de» kleinen Städtchen» Belau war überfüllt. DaS passierte aber nur sehr selten und in ganz außerordentlichen Fällen; dieser Fall wurde klar und deutlich dargestellt durch zwei Fahnen, von denen die eine an dem einen Ende de» Bahnhofsgebäudes, die andere au dem anderen Ende desselben Posto gefaßt hatte. Und um die Fahnen gruppierte sich je ein Häuflein festlich gekleideter, uniformierter, mit Schärpen geschmückter Herren, während der Raum zwischen den beben Gruppen von dem Publikum, großem und Meinem, altem und jungem, männlichem und weiblichem —letzteres natür- l'ch in größerer Anzahl vertreten — ausgefüllt wurde. Schier herausfordernd aoer standen sich die beiden Fahnen gegenüber und nicht minder herausfordernd blickte der eine Fahnenträger zu dem anderen hinüber und auch die um die Fahne gescharten Herr« sahen nicht besonders freun» UH auf ihre Fahnen vis-ärvis. Auf der Hülle der einen Fahne aber stand in großen Lettern: Krieger-Verein Belau, auf der anderen: Krieger-Lund Belau. Den ,Ätleger SBerein" repräsentierte als würdevoller Hauptmann Herr Valentin, den .Krieger-Buns" Herr Spiller.
Das Städtchen Belau hatte allerdings nut 2903 Einwohner, aber es hatte e» doch zu zwei Kcleget-Veretnigun- gungen gebracht und das will schon etwa» bedeuten, wenn man bedenkt, daß manche größere und große Staat nur einen Kriegerveretn und manche gar keinen besitzt. Daß aber das Städtchen Belau zwei Krieger-Bereinigung« befaß,
hatte feinen guten Grund und dieser Grund verkörperte sich in den beiden Vorsitzenden der Vereine, d« Herren Valentin und Spiller.
Au dem heutigen Tage hatt« sich beide Kriegervereine auf dem Bahnhof eingefunden. Galt es doch teilzunehmen an dem schöben, großen Kriegerfeste, daS morgen, am Geburtstage Sr. Majestät deS deu scher» Kaiser- von allen Kriegervereine der Provinz in der Restdenz gefeiert werden sollte, dem Feste daS einmal olle die treuen Kriegerherzen auf einem Boden vereinen sollte, verein« in der Liebe zum Vaterlande und zu dem angestammten Fürstenhause. Wer wollte da zn Hause bleiben und welche- Mitglied beider Bereiue hätte wohl dem anderen Vereine den Vorrang gegönnt? Keiner wollte die Schuld auf sich laden, durch fein Fernbleib n Veranlassung zu der Stichelrede zu geb«: Wir sind doch vollzähliger auf dem Platze gewesen. So kam eS denn, daß beide Vereine ihre Mitglieder vollzählig um diejBereinSfahne versammelt hatten uub man nun sehnsüchtig beS Zuges wartete, der eben durch ein langgezogenes Pletfeu fein Herannahen ankünvete. I tzt brauste er heran, und nun entwickelte sich ein BUd, so buntfarbig und malerisch, wie e« eben nur auf dem Bahnhofe einer kleinen Station entstehen kann, wo der Zug die bekannte und oft fo entsetzliche „eine Minute" Aufenthalt hat. Händebrücken und AbschiedSgrüße, eine letzte Umarmung der liebenden Gattin, die .lebet" das Krieg rfest nicht mit besuchen kann, dann ein Stürmen, Drängen, Stoßen, Schieben durch die geöffneten Koapschür«, bann ein brausende- „Hurrah" der zurückbleibenden Begleiter und dahin saust da- fchnau- benbe Dampfroß der Residenz zu.
„Komm« Sie, Onkel, rasch, sonst bleiben Sie prrück,"
hatte Herr Valentin dem korpulenten Herrn zurückgemfen, der zwar glücklich da- Trittbrett des Wagens erklomm« hatte, nun aber vergeblich sich bemühte, fein« stattlich« Leibesumfang durch die Koupöthür zu zwängen. Schon fetzte sich der Zug in Bewegung und Herr Zenketle, der gute Onkel, wäre unfehlbar zurückgefallen, wenn ihn nicht mit starkem Griffe Herr Spiller erfaßt und in da- Koupö hinein bugsiert hätte.
„Ich danke, Herr Spiller," sagte Herr Valentin und wendete sein Haupt brat Fenster zu, so daß er den Rettet in der Not nicht anzusehen brauchte, „ich hätte den Onkel ober auch allein hinein bekommen."
.Ich bitte, Herr Valentin," erwiderte Herr Spiller und fein Ange wandte sich dem andern Fenster zu, „ich habe eS auch nur de- Onkels wegen gethan."
Herr Zenketle aber, froh, die erste Gefahr überstanden zu haben, wischte sich die Schweißtropfen von oer Stirn mit feinem großbebttimten Taschentnche und sagte gar nichts.
Es wat allerdings ein merkwürdiger Zufall, daß die beiden „intimstm Feinde" wie sie in Belau genannt wurden, gerade in dasselbe Kvupö komm« mußt«, aber e» wat nun einmal nicht anders möglich gewesen. Bei dem Kampfe um ein Platz, der sich in bet „ein« Minute Aufenthalt" auf dem Bahnhöfe in Belau abgespiett hatte, konnte Keiner auf den Andern »art« und Jeder froh sein, wenn er überhaupt mitkam. So war« denn die beiden feindlichen Vereine bunt durcheinander gewürfelt in die Konpö« gekommen und die beiden Borfitzend«, Herr Valentin vorn „Krieger- Verein" und Herr Spiller vom „Krieger-Bund", hatte der Zufall und die Hast in da» gleiche Koupö geführt.
(Fortsetzung folgt.)