Kr. 66
Marburg, Donnerstag, 19 März 1885.
XX. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg n. Kirchhain. — Zllustriertcs SonntagSblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhessischeu Zeitung
und deren wöchtlichen Beilagen
Amtlicher Anzeiger
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Deutsche» Reich.
»erlitt, 17. März. Die .Nordd. Allg. Zig.« sagt, indem ste auf die römischen Meldungen polnischer Blätter über Einwendungen gegen die Emennung deS Dompropstes Wanjura zum Erzbischöfe von Posea hinweist, dieselben würfen ein charakteristisches Licht auf die Erwägungen deS Vatikan bei der Besetzung des Posener Erzbistums. Wanjura werde als ungeeignet bezeichnet, weil er bürgerlich fei. Nur ein Mitglied des polnischen AoelS solle Erzbischof werden können. Demnach werde zweifellos die Besetzung deS Posener Erzbistums von dem Vatikan nicht mit Rücksicht auf die moralischen und religiösen Bedürfnisse der Erzdiözese, sondern als politische Angelegenheit behandelt. Die polnische Propaganda solle wieder einen adeligen Führer haben. — Der Worllaut deS § 1 der Dampfervorlage, wie er gestern im Reichstage angenommen wurde, ist folgender: Der Reichskanzler wird ermächtigt, die Einrichtung und Unterhaltung von regelmäßigen Postsampfschiffoerbin« düngen zwischen Deutschland einerseits und Ostafien, sowie Australien andererseits auf eine Dauer bis zu fünfzehn Jahren an geeignete deutsche Unternehmer auf dem Wege engerer Submission einzeln oder zusammen zu übertragen und in den hierüber abzuschließenden Verträgen Beihilfen bis zum Höchstbetrage von jährlich 4000000 Mk. aus ReichSmitt- ln zu bewillige». § la : „Der Reichskanzler wird ferner ermächtigt, zum Anschluß an die Hauptltnte (§ 1) die Einrichtung und Unterhaltung einer Zweiglinie von Triest über Brindisi nach Alexandrien auf eine Dauer bis zu fünfzehn Jahren an geeignete deutsche Unternehmer auf dem Wege der engeren Submission zu übertragen und in den hierüber abzuschließenden Verträgen eine Beihilfe bi» zum Höchstbetrage von jährlich einhunoerttausend Mark auS Retchsmiltcln zu bewilligen.' —Der „Magdb. Ztg." schreibt man von hier: Der vorläufige Überschlag über die Höhe der BtSmarckspende berechtigt zu der Annahme, daß die Summe von einer Million Mark erreicht, wenn nicht gar werde überschritten werden. Hiernach ist raS Resultat der Sammlungen ein außergewöhnlich günstiges zu nennen,
und wie uns von einem hervorragenden Mitgliede des Komitees angedeutet wird, dürfte die Verwendung deS an- sehnlichen Kapitals eine ebenfalls überraschend glückliche werden. Um dieser Verwendung willen interessiert sich auch der Kanzler selbst schon jetzt für die ihm in Aussicht stehende Auszeichnung und so wett bis heute Fühlungen zwischen dem Fürsten v. Bismarck und dem Komitee stattgefunden haben, ist als selbstverständlich anzunehmen, daß der Kanzler bei seiner Entscheidung über Zweck und Ausgabe der BiSmarck- spende in striktem Einvernehmen mit den Vertretern der Geber bleiben wird. In Vorschlag dürfte Zweierlei gebracht werden: entweder direkt die BiSmmckspende als ein Kapital zur Gewährung von Darlehm gegen ganz geriugm Zinssatz, oder es wird aus der Spende rin Institut zur Unterbringung wir Versorgung invalide gewordener Arbeiter errichtet. DaS Geld wird sofort zinsbar angelegt und von der Höhe der Sammlung bleibt es abhängig, ob mehr das eine oder das andere Projckt realisiert werden wird. In jedem Falle ist die Hebung eines sozialen Notstandes ins Auge gefaßt und deshalb, wie sich ganz von selbst versteht, jede Verwendung ausgeschlossen, welche auch nur entfernt der Familie deS Kanzlers zu gute kommen könnte. Derlei Angaben haben, soweit sie in die Ocffentlichkeit getreten sind, bet allen Beteiligten nur ein Lächeln bewirken können. Uebersehm lasten sich bis heute nur die durch kleinere Gaben zusammengebrachten Summen; im Rückstände mit ihren Zeichnungen stad noch viele große Firmen, deren Beträge die BtSmarckspende möglichenfalls auf eine ganz unerwartete Höhe bringen; von einer solchen würde die Rede sein können, wenn etwa noch einmal so viel zusammen käme, als im Augenblicke angenommen werdm darf. Da ein großartiger humanitärer Zweck, und nur ein solcher von den Gebern in- Auge gefaßt wird, so kann schon um deswillen nicht lebhaft genug gewünscht werden, die BiSmarck- spende möge ein in jedem Betrage -xzellentcs Schicksal haben.
Oldenburg, 16. März. Amtliches Resultat der im ersten Oldenvurger Wahlkreise am 12. d. MtS. vorge- nommencn ReichStagSwahl. ES wurden im Ganzen 14 809 Stimmen abgegeben, davon erhielt Bankdtrektor Propptng hier (Fortschr.) 7668 Fortmann (natllib.) 6301, Schwartz (Soz.) 593 und Wtnsthorst (klerik) 241 Stimmen. Ersterer ist mithin gewählt.
»remett, 16. März. 341/2 Millionen Mark, wovon nach Abzug des reichsseitigen Zuschusses noch 22V2 Mill, für bremische Rechnung verbleiben, sind vorgestern abend von unserer Bürgerschaft in einer einzigen Sitzung erledigt worden. Um das Gewicht der Summe richtig zu ermesten, muß man sie einmal auf Reichsverhältnists übertragen. Nach M «ßgabe der Einwohnerzahl käme die Summe einer reichsseitigen Aufwendung von 6500 Millionen gleich. Ob die Bürgerschaft und der Senat recht gehandelt haben, als ste diese Last auf sich und auf die Taschen der Steuer
zahler nahmen, muß die Zukunft lehren; rS gehört ein starker Glaube an die Zukunft Bremens dazu, um 22i/z Millionen für den durch den Zollanschluß notwendig werdenden Hasen auSzugeben, aber dieser Glaube war allseitig vorhanden. Nur vereinzelte Stimmen erhoben sich, um zu befürworten, daß man über das Doppelte de» Reichsbeitrags, also über 24 Mill, nicht hinauSgehen solle. Aber diese konnten schon deshalb kein Gehör finden, weil dann kein dem Reichskanzler genehmer Generalplan zu Stande gekommen wäre. ES herrschte auch auf allen Seiten Einverständnis darüber, daß der Hafen in dieser Größe uns mit diesen Kosten nur dann einen Sinn habe, wenn man fest überzeugt fei, daß die Korrektion der Unter- weser zu Stande kommen werde und zwar in ganz nchher Zeit. Der anwesende. Senatskommistar konnte Mitteilen, daß daran kein Zweifel mehr möglich sei, nachdem man sich an maßgebender Stelle in Berlin so günstig darüber geäußert. Auch Oldenburg habe sein Einverständnis erklärt. Allerdings würden wir nicht mehr erreichen, al» die Berechtigung, von allen die Korrektion benutzenden Schiffen, also von den Schiffen mit einem Tiefgänge zwischen 3V2 und 5 Meter, eine Abgabe zur Tilgung und Verzinsung der ungeheuren Kosten (30 Millionen) zu erheben. Aber es ist allgemeine Meinung, daß wir auch unter diesen Umständen die Korrektion machen müssen. Wir gehen also einer vollständigen Umwälzung nnsere- ganzen Handels, unserer Schiffahrt»-, unserer ganzen Er- werböoerhältniffe entgegen, und zwar unter einer öffentlichen Meinung von seltener Einmütigkeit.
Branuschwetg, 16. März. Die Erklärung de« Staats- minifterS Graf Görtz - WriSberg im Landtage, über den Stand der braunschweigischen Erbfolgefrage, hat wenig befriedigt. Die LanctagS-Abgeordneten sind der Ansicht, daß der Landtag nicht auseinandergehen dürfe ohne eine Kundgebung in der Erbfolgefrage. Die staatsrechtliche Kommission des Landtages ist bereits mit Beratung der Frage beschäftigt, in welcher Weise die Kundgebung erfolgen soll. Man wünscht hier vor allen Dingen baldmöglichst eine dauernde Regelung der Angelegenheit, namentlich ist man wenig von dem Provisorium erbaut, welche« nach dem 18. Oktober, dem RegeutschaftSgesetze entsprechend, durch die Wahl eines Regenten eintreten würde.
ÄWilttMÖ.
Parts, 16. März. Bereits spricht man hier von neuen Truppensendungen, wobei man gewohntermaßen in starke Uebeltreibunzen verfällt. Immerhin scheint aber fest- zustehen, daß die in nächster Zeit «^gehenden TranSport- dampfer Wieser ein kleines „Paket" laden und sei e» nach Tongkinz, sei es nach Cochinchina überführen werden; Vielleicht um dem schlechten Einsruck der chochinchinestschen Nachrichten entgegenzuwirken, läßt man jetzt wieder einmal
Irrwege.
Novelle von Egon Velten.
(Fortsetzung)
OloffS schöne braune Augen betrachteten mit Entzücken die beweglichen Bilder vor sich und riffen sich endlich schwer von ihnen loS, als r gezwungen war, heimwärts zu gehen, wo der kranke Pfarrherr gewiß sehnsüchtig auf feinen freundlichen Vorleser wartete. Bald sollte er diese» Amt In andere Hände legen wie er hörte, nämlich in die der heimgckehrten Tochter. Wie di.se wohl zu ihm paffen «ürve? — Bei HauSgenoflen ist die Erledigung dieser Frage so wichtig.
Eilig schritt er durch den Park zurück und betrachtete nun von da aus die hübsche Fernsicht über daS Dorf hinweg nach den Bergen drüben und dann das Pfarrhaus, da» seitwärts am Thale lag; die Thüren desselben waren schon seit gestern mit einem Laubschmuck umgeben, den die liebende Mutter für den hetmkehrenden Liebling besorgt halte.
Doch, das war nicht daS Licht der untergehenden Sonne, welches die Fensterreihe erleuchtete, säubern oaS Kerzenlicht im Saalzimmer, welches brennen sollte, wenn die Ersehnte heimgekommen und die Frau Baronin und ihre Gesellschafterin zur Begrüßung herübergekommen war. Die Küsterfrau stand sogar in der HauSthüre und winkte, dabei rufend: „Herr Magister, jetzt ist ste da, unsere Eoeline! Herr Gott, welche Freude daS für uns ist! Kommen Ste doch eilen18 her!"
Ganz richtig, die Rückkehr einer Tochter ins Elternhuri ist stets eine Freude unter solchen Verhältnisse», doch warum sein Herz vor Bewegung pochte, war ihm ein Rätsel, da er doch nur—Telluahme frei« Glücke Anderer empfinden konnte.
Mit freundlichem Aben-grüße ging er an der Küsterfrau vorüber, legte in seiner Stube dir Mappe ab und trat dann in daS Krankenzimmer, um dem Pfarrer seine Dienste anzubieten. Aber er störte nur eine Szene deS Miet ersehens zwischen Vater und Tochter, weshalb er fich eilig zurückzog, ehe man noch viel Notiz von ihm nahm.
Beim Nichtmahle konnte er die Damen vom Schlöffe begrüßen und Eoeline kennen lernen — um diese» holde Frauenbtlo nie wieder zu vergessen.
VI.
Wie bald lebt man sich in eine Häuslichkeit ein, in die von außenher nichts störend eingreift um die tägliche Ordnung zu verändern und so finden wir nach wenigen Wochen schon cie Familie in behaglichem, freundlichem Zu- sammrnlebea. Die Genesung de» Pfarrer» schreitet sichtlich vorwärts — und unter den flinken Händen de« Töchterchen« erhält das Hurs wesen neuen Glanz, denn nur die Jugend vermag neue LebenS'rtsche, um sich zu verbreiten. Die Mutier EvelinenS hat jetzt auch wiener mehr Mußestunden, die ste in ihrer Laube verträumen kann.
EvelinenS Aussehen wird wieder blühend und schon oft tönt ihr heiteres Lachen oder ein Lieschen durch das HauS, als Beweis, daß ihr schwer geprüftes Herz wieder etwas Ruhe gefunden hat, nun ste daheim ist. Jetzt nehmen ihre Eltern ihre ganze Liebe und Fürsorge allein in Anspruch. Rosa, da» Freisräutein, die Freundin ia Glück und Leid, entbehrt sie zwar sehr, doch wußte ste ja schon lange, daß da» künftige Jahr ste für immer trennen sollte, da dieselbe einem vornehmen Offizier als Gattin nach Preußen« Hauptstadt folgen würde.
Nur der Gedanke an die Einsamkeit des guten Onkel» tu Wien machte ihr Herzeleid und deshalb schrieb ste gerne und ost einen lange - Brief an ihn und die treue alte Sxima. Auch hatte der Profeffor schon geantwortet und zwar ganz heiter, — ordentlich mit dem berühmten Wiener Humor in feiner Rede, auch hatte er versprochen im künftigen Jahre nach Dünenholm zu kommen, um mit seinem Bruder zn verabreden, wo sich die Geschwister an ihrem Lebensabend noch vereint niederlassen wollten. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch mitgeteilt, daß er nicht versäumt habe, den schönen Flügel an seine Nichte abzusenden.
Der Herbst hatte sich dem Uebergange zum Winter genähert, die Abende waren schon lang und kühl, weShäb man ste bereits gerne in der Häuslichkeit zubrachte. Die Baronin erfreute sich stets an einem Besuche ihrer jungen Freundin, die durch die Reise und durch den Aufenthalt in der Kaiserstadt manche Erfahrungen und Äenntniffe erworben hatte. Außerdem hatte sich bei Evelinen durch ihr Alleinsein in des Oheims Hause eine große Neigung für geistige Beschäftigung gebildet und darum studierte und la« ste in freien Stunden mit großer Aufmerksamkeit Werke bedeutender Schriftsteller.
Im Elternhause gab e« verschiedene Funktionen für sie zu erfüllen, im Schlöffe nur zerstreuende Unterhaltung; also hielt sie e« für einen großen Genuß, wenn sie noch an ewigen tiartn Herbstnachmittagen — gut eingehüllt — mit einem Buche versehen, eiligen Schritte» nach der Möven- klippe gehen konnte, um im Schutze eine» starken Baumstammes zu sitzen und zu träumen oder vielmehr mit thrä- nenben Augen in die letzte Vergangenheit zmück zu schauen.
(Fortsetzung folgt.)