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Nr. 63
Akartzurg, Sonntag, 15 März 1885.
XX. Jahrgmg.
Srscheintltäglich außer an Mrktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*A Mk, bei ben Postämter Ä Mk. 50 Psg. (eycl. Bestellgeld). Fnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, s owied-Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMosse in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln; L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt. _____________________________Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutscher Reich,
Berlin, 13. März. Der Kaiser konferierte heute mit dem Fürsten Bismarck. — Der BundeSrat hielt am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Sta tSminlsterS, Staatssekretärs des Innern v. Bötticher eine Plenarsitzung ab. Der Vorsitzende legte ein Mitteilungsschreiben des Prästrenten reS Reichstages über Beschlüsse deS Reichstages zu mehreren Gesetzentwürfen vor. ES wurde beschlossen, dem Entwurf eines Gesetzes wegen des Beitrags des Reichs zu den Kosten des Anschlusses Bremens an das deutsche Zollgebiet, dem Entwurf eine« Gesetze« wegen Abänderung deS RetchS-MilirärgesetzeS vom 2. Mai 1874, dem Entwurf eines Gesetzes wegen Feststellung des Reichs- Haushalts-Etats für 1885/86 und dem Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke dec Verwaltungen deS ReichShecrrs, der Marine und der ReichScisenbahnen die Zustimmung zu erteilen. Ueber den Gesetz, ntwurf wegen Abänderung deS Gesetzes über die Erhebung der Tabaksteuer wird in einer der nächsten Sitzungen Beschluß gefaßt werden. Die Vorlagen, betn die Beschlüsse deS Landesausschusses von Elsaß-Lothringen, zu dem Entwurf eines Gesetz'« über die Feststellung de« LanecShauShaltS-Etat« von Elsaß Lothringen für 1885/86, den Entwurf eine« Gesetze« über die Steuervergütung für Zucker, Anträge wegen der Bildung von BerufSgenossen- schasten aus Grund des UnsallversicherungSgesetzeS, den Entwurf eine« Gesetze« wegen Abänoemng und Ergänzung de« Gerichtsverfassung« G.setzeS und der Strafprozeßordnung, endlich den Entwurf einer allgemeinen Literarkonventton, eines Zusatzartikels und eines Schlußprotokolls, wurden den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Den Antrag Preußens, betreffens die Ergänzung rc. von Bestimmungen des Gesetze« üver die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen genehmigte die Versammlung und erklärte sich mit dem Abschluß eine« AbkommeS zwischen den Einzelstaaten Mer den Erlaß polizeilicher Strafvorschriflm zur Verhütung der Gefähroung militärischer Pulvertransporte einverstanden. Von den auf den Eisenbahnen Deutschland« noch vorhandenen Abweichungen vom Norma profil des lichten Räume« wurde Kenntnis genommen und beschlossen, dem in der Vorlage, betreffens die Zulassung al« Schiffer aus kleiner Fahrt mit Hochseefischerei-Fahrzeugen gest llten Anträge, sowie dem Anträ ge Bayerns, betet ff .nb die Anrechnung der auf bayerischen Lyceen zugebrachten Studienzeit, für ärztliche Vorprüfung zuzustimmen. Hierauf gelangte der vom Reichs-Eis»nbahnamt gestellte Antrag, betr. die Aenderung der Bestimmung oe-Eisenbahnbetriebsregle- ments bezüglich der Angabe deS Beförderungsweges für Güler in den Frachtbriefen zur Annahme. Die Entwürfe eines internationalen Uebercinkommen« über den Eisenbahn- Frachtverkehr und eines Reglements über die Errichtung eines Zentralamts wurden genehmigt; und die Zuständig
keit deS ReichS-VerstcherungsamtS zum Erlaß von Requisitionen auf Grund dk» § 15 de« Unfallversicherungs-Gesetze- anerkannt. Dem Entwurf eines Gesetzes zum Schutz des Papiers der Reich« - Kassenscheine gegen Nachahmung wurde die Zustimmung erteilt. Nachdem noch über die Besetzung von zwei Ratstelleu bei dem Reichsgericht Beschluß gefaßt und die Ernennung von Kommissarien zur Beratung von Vorlagen im Reichstag erfolgt war, wurde die Sitzung mit der Mitteilung über eingcgangene auf Grund früherer Beschlüsse den beteiligten Ausschüssen überwiesene Eingaben und der Vorlegung von Eingaben verschiedenen Inhalt« geschlossen. — Die Börsensteuerkommisston beendetejdie erste Lesung. Der Antrag, wonach für Warengeschäfte, wenn sie Börsengeschä'te, der Schlußnotenzwang, wenn sie anderer Art, der Fakturenzwang eingeführt werden soll, wurde formeller Schwierigkeiten halber vorläufig zurückgezogen. Zweite Lesung in der Kommission beginnt Dienstag. Die Zolltarifkommisstou hat heute die Zollerhöhung für Seicenspitzen einstimmig abgelehnt und den Zoll auf Ultramarin mit 15 Mk. angenommen.— Aus dem Kultusministerium scheiden in den nächsten Tage zwei seiner Vortragenden Räte, der Geheime Ober - Regte, ungSrat Lüders, um zugleich mit dem ihm übertragenen Referate in das Ministerium für Handel und Gewerbe einzutreten, und der Geheime Ober-Regterung«rat Dr. Gandtner, der an deS verstorbenen BeselerS Stelle zum Kurator der Universttät Bonn berufen ist. Dies war der Anlaß, welcher am gestrigen Abend den Chef und die Räte des Kultusministeriums zu einem Festmahle in den Räumen des KaiserhofeS vereinigte. Die Ehre dks ersten Trink- fprucheS, des Kaisertoastes, war dem neuen UniverstlätS- kurator überlassen; der natürliche Ausdruck patriotischer Gesinnung fand begeisterten Widerhall in der Festoersammlung. Hierauf richtete der Herr Minister den AbschiedS- gruß an die au« seinem Ministerium scheidenden Räte, mit der durchstchtigen Klarheit und dem edlen Maße, welche seine ParlameolSreden charakterisiert, verband sich in diesem Falle die Wärme herzlicher Anerkennung; gewissenhafte Arbeit wird der Anerkennung sicher sein dürfen bei einem Manne, der an die eigene Arbeit die höchsten Ansprüch- stellt. Die dankende Erwiderung von LüderS auf die Wo-te des Ministe-s und die dann sich weiter anschließenden Tisch reden machten den Ein ruck, daß in dem Ministerium, dessen Räte au« ben verschiedensten Studien- und Lebens kreisen hereorgchen — vielleicht etwa durch diese einander ergänzende Mannigfaltigkeit — ein kollegialer Zusammenhang besteht, welcher über die Gemeinsamkeit der amtlichen Arbeiten hinauSretcht. — Bet der Konkurrenz für Errichtung deS ReichsgertchtSgebäudeS in Leipzig erhielten den ersten Preis Architekt Ludwig Hoffmann in Darmstadt uns Peter Tybwad in Berlin, die beiden zweiten Preise der Entwurf von Lende (Straßburg) und der Entwurf der Architekten Etsentohr uns Witzle (Stuttgart), die beiden
dritten Preise der Entwurf der Architekten E. Vischer und Tüter (Basel) und der Entwurf der Architekten E. Giese und P. Weidner (Dresden). — Professor von Ranke wird anläßlich seine« am 31. März stattfindenden Jubiläum« zum Ehrenbürger von Berlin ernannt werdm. Professor v. Frerich«, der gestern einen Schlaganfall gehabt hat, befindet fich wieder besser.
— Der § 1 des Gesetzes, betreffend die Feststellung des ReichShauShaltS - Etats für das EtatSjahr 1885/86 lautet nach der vom Reichstag angenommenen Fassung, welche gestern die Zustimmung des BundeSrat« erhalten hat, folgendermaßen: .Der diesem Gesetz als Anlage bei- gtfügte ReichShauShaltS * Etat für da« Etatsjahr 1885/86 wird wie folgt festgestellt: in Ausgabe auf 611930672 M. (im EtatSentwurf auf 621196051 Mark), nämlich auf 554195 673 Mark (gegen 556314286 Mark) an fort- dauernden, und auf 57734999 M. (gegen 64881765 M.) an einmaligen Ausgaben, und in Einnahme auf 611930572 Mark. Im ganzen betragen die vom Reichstage vorge- nommeuen Abstriche somit 9265379 Mark. Aus den nachfolgenden Zahlen gehm die bei den einzelnen Ressorts vorgenvmmenen Abstriche an den fortdauernden Ausgaben hervor: Auswärtiges Amt 7143075 M. (7207075 M.), Verwaltung des ReichSheereS 340672513 M. (340955543 M.), Martneverwaltung 33080594 M. (34851177 M>), RetchSjustizverwaliung 1850428 Mk. (1853428 Mk.). Bei .Reichstag- wurde die Pofiiion 407670 Mark auf 409 670 M. erhöht. Bei den einmaligen Ausgaben stellen sich die Abstriche folgendermaßen: Post- und Telegraphen- Verwaltung 4520372 M. (5820122 M.); Verwaltung des Reichsheeres 32143358 M. (40008374 M.). Bei d« letzteren Position sind im orventlichen Etat die eiu- malieen Ausgaben für Preußen von 11622762 M. auf 9977762 Mark, für Sachsen von 946160 Mark auf 661160 Mark, für Württemberg von 711201 auf 651201 Mark, für Bayern von 569892 auf 518876 Mark, in Summa also die einmaligen Ausgaben de« ordentlichen Etats von 13850015 auf 11808999 Mark herabgesetzt worden. Im außerordentlichen Etat derselben Position stellen fich die Abstriche folgendermaßen: Garnison« bauten in Elsaß-Lothringen 1231000 M. (1680000 M.); Festun Sanlagen und Einebnungsanlagen 1500000 Mk. (3000000 Mark); Erweiterung der Artillerieschießplätze 1225 415 M. (2 855 415 M.); Kaserneubauten 11022 265 M. (13194265 M.); Erstattungen auf an« Lanvesmittrlu aufgewendete Kasernenbau- rc. Kosten 525000 Mark (628000 Mark), mithin in Summa 20334359 Mark (26158 359 Mark.) Erhöht wurden bei den einmaligen Ausgaben die Positionen: Auswärtiges Amt von 137950 M. auf 385950 M., Reichsamt des Innern von 1335600 M. auf 1485600 M.; Marineverwaltung von 7639400 M. auf 9259400 M. Bei den Einnahmen wurde derUeber-
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Irrwege.
Novelle von Egon Belten.
(Forchtzung)
~ Keine Ahnung eine« Mißverständnisses kam ihm in den Sinn, denn auch der Zeitraum der geplanten Abreise paßte, da Graf Maximilian eine große Reise unternehmen wollte, während seine Gemahlin einmal einen längeren Aufenthalt in chrer Heimat bet ihren Verwandten zu nehmen wünschte.
Der alte Graf beherrschte endlich mühsam seine Aufregung, um nach dem Gartensaal zu gehen, in der ihn seine Familie um diese Stunde erwartete. Bei seinem Eintritt ereignete sich gerade eine Szene, die ihm vor Empörung da« Blut in die Wangen trieb. Er sah die junge Gräfin in ihrem Sessel zurückgelehnt sitzen und mit den garten Fingern in den Seidenhaaren ihres Lieblingshundes spielen, welcher auf ihrem Schoge lag — währens ihr Gemahl sich über die Lehne beugend, sie mit leuchtenden Blicken betrachtete; seine Worte mußten ihr Ohr angenehm berühren, denn sie erwiderte dieselbe mit dem glückseligsten und zärtlichsten Lächeln.
Ist eS möglich? dachte der Staatsrat — daß dein Sohn Trug und List bi« zu diesem Grade auszuübeu vermag? und er wendete sich tm ersten Augenblick seitwärts, um feiner Bewegung Herr zu werden. Dann näherte er sich geräuschvoll um sich bemerkbar zu machen, welchen Zweck er auch erreichte, aber noch sah, wie Graf Maximilian seine Gattm zärtlich auf die Stirne küßte — und bann erst dem verehrten Vater zur Begrüßung entgegeneilte.
Es gehörte die große Selbstbeherrschung eines hochgr- blldeten Manne« dazu, um, wie Graf Rosseck e« ihat, mit liebenswürdiger Art die Schwiegertochter zu begrüßen, ohne
durch einen Blick zu verraten, wie sehr er sie bemitteidete, Doch war der Druck seiner Hand viel flüchtiger als sonst, wenn er st- dem Sohne reichte, und er vermied geflissentlich, denselben jetzt anzusehen oder anzuspcechen. Hätte er doch ahnen können, wie viele unnütze Qualen er eines Mißver- stäsdnisseS w-gen duldete und welche große Ursache er eigentlich zu Freude hatte, denn die schon allmältg angebahnte Annäherung zwischen btn beiden Gatten hatte sich in dem vorhergegangenen Moment wirklich vollzogen, wobei Graf Maximilian deutlich fühlte, daß seine schöne Gemahlin ihm doch teurer war, als er sich selbst gestehen wollte.
Natürlich ging diese Zusammenkunft zwisch-n Vater und Kindern in peinvoller Weise vorüber, da Niemand seine Gedanken auszusprechen wagte, weil der jetzige Zeitraum nicht passend schien. DaS junge Paar vermutete eine Verstimmung d.« alten StaatSratS in seinem Berufe und nicht des sonst so gütigen HauSherm und war beccnt genug, ihn nicht nach dem Grunde zu fragen. Als man sich getrennt halte, benachrichtigte der Staatsrat durch einen vertrauten Diener die alte Axima, daß er st- zu sprechen wünsche und zwar so bald als möglich. Mit altgewohnter Unterwürfigkeit eilte dieselbe noch abend« nach dem Palais, wo sie sofort in da« Kabinet des Grafen geführt wurde.
Derselbe ersparte ihr keine Vorwürfe über ihre Handlungsweise, die sie a!S wohlverdient demütig hinnahm. Aber leiser auch hier handelte es sich wieder um den thörichten Sohn uns nicht um seinen Namen, da der Graf nur nötig fand die frühere Dienerin zu schelten, daß sie die Hand zu frevelhaftem Spiel geboten hatte. Derselbe wünschte auch da- junge Mischen zu sehen und zu sprechen und da« Erstere war eher zu etmöglichrn, al« da« Letztere, denn vor einem
Zusammentreffen suchte Axima ihren Liebling zu schützen, da sie die große Heftigkeit und die stolze Ueberlegenheit de« StaatSrateS kannte, der damit ein so zarte« Wesen wie Ev sine zu schwer verletzen würde.
Sie teilte also zu des Grafen Trost demselben mit, daß ihr liebe« Fräulein wohl bald Wien verlassen würde, da die dauernde Kränklichkeit ihre« Vatter« zu den äußersten Besorgnissen Veranlassung gebe, weshalb die Mutter sie zur großen Betrübnis des Professors zurückberufen habe, nachdem sie nicht einmal ein volle« Jahr hier gewesen sei. Diese Mitteilung erleichterte schon da« sorgenvolle Herz de« Grafen, aber eine örtliche Entfernung war noch keine wirkliche Trennung der Liebenden und so wollte er wenigsten« einen Brief an daS junge Mädchen richten, worin er sie über die Gefahren des Umgänge« mit seinem Sohne ausklärte und ihr hauptsächlich mit teilte, daß derselbe bereit« eine recht- mäßige Gemahlin besitze. Nachdem dieser Entschluß gefaßt war, wurde er ruhiger und entließ die noch wartende Axima ziemlich gelassen. (Fortsetzung folgt.)
— August WUhelmi in Wiesbaden hat dieser Tage, wie den .Hamb. Nachr.' geschrieben wird, einen Geigenbogen zum Geschenke erhalten, welcher einen Wert von 2000 Mark repräsentiert, derselbe stammt au« dem Atelier de« berühmten Luthiers James TubbS in London und dürste wohl der feinste und kostbarste Violinbogen feto, welcher existiert. Die reichen Goldverziernngen mit künstlerisch gravierter Dedikation rc. sind es weniger, welche den enormen Wert bestimmen, als die bis jetzt noch von keinem Bogen- wacher erreichte, geradezu fabelhafte Leistungsfähigkeit dieses TubbS scheu Meisterstücke«.