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Marburg, Sonnabend, 14. März 1885.

XX. Jahrgang

ErscheintltSglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quart*' Abonnements-Preis bei Expedition 2*/4 Mk.,7 den Postämter 2 «k. I Pfg. (erd. Bestellgel Jnsertionsgebühr für gespaltene Zeile 10 P Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d> Blatte-, f owied.Annoncen» Bureaux von Haasenstein undVogler inFrankurt.a. M., Kaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Adln: G. L. Daube und Eo. m Frankfurt a. Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen:

Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsche- Reich.

»erlitt, 12. März. Zum Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers und Königs werden, wie aus Dresden gemeldet wird, der König von Sachsen und der Prinz Georg von Sachsen sich nach Berlin begeben. Wie ferner gemeldet wird, dürften der Großhrrzog und die Großherzogin von Badkn bereits am 16. d. M. vormittags au« Karlsruhe hier eintnffen und für die Dauer ihres Aufenthaltes im königlichen Palais Wohnung nehmen. Einige Tage später, etwa am 20. d. M., dürften auch der Kronprinz und die Kronprinzessin von Schweden au« Stockholm hier zu er« warten sein. Wie eS heißt, werden dieselben jedoch nicht von ihren beiden Kindern begleitet sein. Der Fürst Reuß wird voraussichtlich am 19. März hier eintreffen und im Hrtel Rcyal absteigen. Außerdem werden auch der Groß« Herzog von Oldenburg, Großherzog und Großherzogin und Erbg'vßherzogin von Sachsen-Wetmar, ferner Fürst Waldeck- Pyrmont, Fürst und Erbprinz zu Schaumburg Lippe und andere Fürstlichkeiten noch hier erwartet. — Der Bundes­rat überwies die Gesetzentwürfe über die Steuervergütung für Zucker und wegen Abänderung und Ergänzung des GerichtSverfasiungSgksetzeS und der Stra^prozeßordnung an die zuständigen AuSschÜfle. — Ueber die Verwendung der BiSmarck'pende hatte dieser Tage di- .National - Zeitung- folgende Andeu'ung gemacht: .Wie wir vernehmen, liegt Innerhalb des Komitee« die Absicht vor, eine BerwendungS- art vorzufchlazen, welche an die Familient adittonen des Bismarck - Schönhausenschen Stammes anknüpft, und mit der man dem Lieblingswunsch de« Reichskanzlers entgegen­zukommen gedenkt." AuSwä'tlge katholische Blätter belichten nun, es fei beabsichtigt, die Bismarckspende zum Ankäufe eines früher zum Bismarckschen Gutsbesttze gehörigen, jetzt im Besitze eine« Herrn Gärtner in Stendal befindlichen Gutes zu verwenden. In HesekielS.Buch vom Grasen BiSmarck", Seite 24, ist folgendes zu lesen: Neben den sechsundzwanzig Bauerngütern und einigen dreißig Kofiäthen befindet sich zu Schönhausen ein Rittergut, welches einst auch den Bismarckschru gehörte, aber in schwerer Zeit ver­äußert werden mußte. ES gehört zur Zeit dem Deich- Hauptmann Gärtner. Mau erzählt sich, daß der Minister­präsident eS habe zurückkaufen wollen; der Detchhauptmann Gärtner aber, dem sein Gut nicht feil war, forderte 150000 Thaler über den Wert, darauf soll Graf BiSmarck erklärt haben: „50000 Thaler über den Wert hätte ich gegeben, mehr kann ich aber nicht verantworten." Es ist da- eine Bauernanekdote, für welche wir keine Bürgschaft über­nehmen. Die katholische Presse hat sich bisher in wenig freundlicher Weise mit der BiSmarckspende beschäftigt, eS würde sich deshalb geziemen, daß sie auch in bezug auf die Verwendung der Spende sich nicht die Köpfe anderer Leute zerbricht. Von Anfang an ist die Spende als Fonds auf­gefaßt worden, der am 1. April in die Hände des Reichs­

kanzlers gelegt werden soll, damit ihm dadurch Gelegenheit gegeben werde, das Gedächtnis seines NamenS in einer Stiftung zu einem gemeinnützigen Zvecke zu verewigen. Von dieser allgemeinen Sitte, die immer bei solchen Jllbi- läumSspenden, in denen sich die Dankbarkeit der Spender mit der dankbaren Freude des Jubilars an seinem Festtage zu einem Werke dankbarer Liede verbindet, als selbstver­ständlich angesehen und gehandhabt wird, wird sicherlich auch unser Reichskanzler nicht abgeheu, obgleich das Gedächtnis seines Namen« ohnehin durch seine politischen Großkhaten für ewige Zeiten fistgestellt ist. — Die Gemeindebehörden von Bad Ktjstngen haben den Fürsten Bismarck zum Ehren­bürger ernannt. In RegenSburg beschloß da« Kollegium der Gemetndebevollmächtigten in seiner letzten Sitzung, den „Oberen Jakobsplatz" vom 1. April ab „BiSmarck Platz" zu nennen. —Der „Reichs-Anzeiger" schreibt: Die deutsche und die englische Regierung sind mit einander überein- gekommen, durch eine zu Kapstadt zusammentretende Kom­mission die Ansprüche auf Privateigentum und Nutzungs­rechte prüfen zu lasien, welche englische Unter thanen in dem unter deutschem Schutze stehenden Gebiete zwischen der Mün­dung des OranjcflusscS und dem Kap Frio (ausschließlich der Walfischbai) und welche deutsche Unterlhanen in der Wal­fischbai, sowie auf den Inseln bei Angra pcquena erworben zu haben behaupten. AlS deutsches Mitglied der Kommission ist Generalkonsul Bieber ernannt. — Die Meldung der Blätter von dem Ucbertritte des Prinzen Hans Heinrich von Pleß zur katholischen Kirche wiro in der „Kreuzig." von durch­aus kompetenter Seite als vollständig grundlos bezeichnet. — Die Arbeiter-Schutz-Kommisston des Reichstags hat gestern die Beratung de« ersten Teiles de« Antrages der Abgg. vr. Freiherr v. Hertltng, v. Schorlemer-Alst und Dr. Lieber, „die verbündeten Regierungen aufzufordern, wo­möglich noch in dieser Session dem Reichstage einen Gesetz­entwurf, betreffend die wettere Ausbildung der Arbeiter­schutzgesetzgebung, vorzulegen, in welchem die Arbeit an Sonn- und Feiertagen, vorbehaltlich einzelner genau zu be­stimmender Ausnahmen, verboten wird" — beendet. ES wurde der fünfte Absatz de« § 105a, wie er in der Fassung des Abg. Dr. Lieber vorgeschlagen wurde, mit Majorität angenommen, jedoch beschlossen, zwischen dem zweiten uns dritten Satz diese« Absätze« die Bestimmung etnzuschalten, daß die Erlaubnis zu außerordentlicher Sonntagsarbeit auch nachträglich erteilt werden kann, falls die Ortspolizei- behöroe vorgängig nicht zu erreichen war. Ein Antrag deS Ab?. Ackermann: zu beschließen, daß landeSrechtliche Be­stimmungen, welche diesem Gesetze nicht widersprechen, durch dasselbe nicht berührt werden, wurde mit Stimmengleich­heit abgelehnt. Die Schlußabstimmung konnte jedoch nicht vorgenommen werden, weil die Kommission inzwischen be­schlußunfähig geworden war und die Plenarsitzung ihren Anfang nahm. — Das „Militär-Wochenblatt" gtebt in

seiner neuesten Nummer eine auf der Rangliste basierende Zusammenstellung der in der preußischen Armee vorhan­denen Offiziere. Hiernach zählte di« Armee Ende vorigen Jahres: 13 212 akiive Offiziere, 6453 Reserve-Offiziere, 5622 Landwehr-Offiziere, 64 Gendarmerie- und 53 In« validen-Offiziere. Außerdem führt die Rangliste außer verschiedenen regierenden Fürsten rc., die in der Armee keinen besonderen Rang bekleiden, noch 252 Offiziere zur Disposition und 6 außer Dienst, sowie 922 aktive Sani- tätS-Osfiziere, 848 Sauitätr-Osfiziere der Reserve und 933 desgleichen der Landwehr auf. — Die Sitzungen des Staatsrates über die Börsensteuerfrage haben heute msttag im Finanzministerium begonnen; der Kronprinz nahm au der Sitzung Teil, den Vorsitz führt Finanzminister v. Scholz. Derselbe hielt einen einleitenden Vortrag, in welchem er auf die Wichtigkeit der Materie hinwieS, die auch bei den letzten Wahlen eine Rolle gespielt habe. Es rechtfertigte sich daher die Berufung deS Staatsrates, um sein Gutachten über die prinzipiellen Fragen zur Aufstellung eines Börsensteuer­gesetzes zu hören. Sodann erstattete Oberbürgermeister Miquel ein Referat, in welchem er sich im wesenllicheu auf den Standpunkt des sogenannten Oechelhäuserschen Antrages stellte. Der Korreferent Freiherr von Mtnnigerode vertrat die Tendenz des Wedell-Malchow'schen Anträge«, namentlich die prozentuale Steuer. Kommerzienrat Baare empfiehlt die Einsetzung einer Enquete-Kommission für die Börseu- steuerfrage. ES wurde aber darüber noch kein Beschluß gefaßt.

— Die Verhandlungen über den Antrag der Abgg. Grillenberger-Bebel (Arbeiterschutzgesetz) boten den Sozial­demokraten am 11. 6. MtS. reiche Gelegenheit, ihre Be­fähigung zu positiv-gesetzgeberischer Wirksamkeit darzuthun. Der Abg. Grillenberger versuchte denn auch dieser Aufgabe thunlichst gerecht zu werden, indem er sich tm Großen und Ganzen maßvoll und ruhig aussprach. Jedenfalls aber zeigte er sich dem Abg. Bebel überlegen, der in seinem Schlußworte nur tönende Phrasen häufle; von denen seine Reden immer überfließen, wenn er sich nicht gerade über speziell gewerbliche Fragen äußert. Der einzige Gegen­redner war der konservative Abgeordnete Dr. Hartmann, der die Berechtigung der sozialdemokratischen Forderungen zum Teil anerkannte, zum Teil, und zwar gerade in dem Kern- und Angelpunkte der Sache für völlig unausführ­bar erklärte. Es betraf dies die Organisationsfrage, d. h. vor allem die Arbeiterkammern und den aus diesen her­vorgehenden Arbetterkammerntag, der bekanntlich über den Minimallohn zu entscheiden haben soll. Mit dem Scharf­sinn des erfahrenen Richters wies Dr. Hartmann nach, daß diese angeblich praktische Organisation alle BeteUigten in der kürzesten Zeit in eine Sackgasse der schlimmsten Art führen und Konflikte schaffen würde, deren friedliche Lösung ganz unmöglich scheint. Der sehr vorgerückten Stunde wegen — eS war 4’/* Uhr — wurde hierauf

Irrwege.

Novelle von Egon Belten.

(Fortsetzung)

Noch lebte die schöne Eveline in voller Unkenntnis von dem herannahenden Unglück — war heiter uns glücklich — schrieb zufriedene Briefe an Eltern und liebe Freunde daheim, erzählte ihnen darin von den Herrlichkeiten der Kaiserstadt, die sie öfters al« sie erwartet, zu sehen bekommen hatte.

Da kam die Stunde, welche für ihr LebenSglück ent­schied, nämlich die Erklärung dr« jungen Grafen, daß er sie grenzenlos liebe, sie zur Gattin haben müsse, kotz Allem — doch nur durch eine heimliche Vermählung, da er nicht der einfache Muflklehrer Wernhoff, sondern Graf Stephan v. Rosseck, der Attachö bei der kaiserlichen Gesandtschaft zu Petersburg sei.

Wir klangen anfang- die beseligenden Worte so süß in ihrem Ohre — wie beglückend die Bitte um ihre Hand, al« seine Gattin, weshalb sie auch kein Wort der Versagung nötig fand, sondern voll und ganz dem geliebten Manne entgegenbrachte — doch wie der Tod so hart und kalt alle Freude dahinrafft, so erstarrend wirkte die Mitteilung der gewissenlosen Täuschung und der Vorschlag der heimlichen Vermählung aus sie. Kein Wort kam jetzt über ihre Lippen, Thränen traten tu ihre schönen Augen und ihr Herz preßte sich krampfhaft zusammen bet dem über sie hereinvrechenoeu Wehe.

Zu wie vielen Täuschungen hatte auch fie sich unbewußt verleiten lassen? Und wie war es ihr möglich, jemals wieder glücklich und vertrauensvoll zu werden?

Alle diese auf sie eiustürmeuden Gefühle vermochte der Graf nicht sobald zu bekämpf«, sondern groß« Sorg« um

sie zog in sein treues Herz. Nur Onkel Professor ahnte noch immer nicht«, sah weder, daß daS liebe Gesichtchen EvelinenS sehr bleich und traurig aussah, noch daß der Musiklehrer jetzt viel seltener kam, sondern eine vollständige Unregelmäßigkeit den Unterricht allmählich aufhören ließ.

Graf Stephan war teil« mit seiner Abreise beschäftigt, t' US sehr bemüht, Pater AloyS für seinen Plan zu gewin­nen, immer noch auf der Geliebten Nachgiebigkeit hoffend, hauptsächlich aber damit, brieflich und persönlich ihre Ver­gebung und ihr Vertrauen wtederzugewinnen. Ohne sie, dachte er sich kein fernere» LebenSglück.

in.

Wir müssen on« nun nach dem Palais des alten Grafen Rrss.ck begeben, wo wir in einem reich dekorierten Zimmer der ersten Etage den Herrn des Hause« in aufregendem Gespräche mit seinem Beichtvater Aloys finden.

Der Staatsrat durchschreitet in großer Gemütsbewegung da« Gemach, währmd der Geistliche seinen Bericht mit den Worten beendet: „Exzellenz wollen Ihrem treuesten Diener vergeben, daß de selbe genötigt war, Ihnen diesen Kummer zu bereiten, aber ich würde es mir nie verzeihen können, böte ich zu solchem UnheU meine Hand oder bewahrte vor dem Vater daS Geheimnis eine« leichtfertigen Sohne« dcr die ganze Familie durch diese Handlung entehren würde.

Der Graf reichte ihm die Hand und entließ ihn mit ein paar kühlen Worten; leider war aus dem verworrenen Bericht be» Paters ein Mißverständnis entstanden, wa« ein unheilvolle« hätte werden können, da der Name de« Sohne« nicht genannt war und daher der Graf, als er allein war, tiefgebeugt in feinen Sessel sank und auSrief: „Und da« wollt« «ns «kB mein sonst so ehrenwerter Sohn, mein

Maximilian anthun? Diesen Fluch der Doppelehe auf sein Haupt laden ? — da» ist der Fluch der erzwungenen Heirat, daß sich daS Gebundene löset ohne Bedauern, ohne Rechts- gefühl und ohne Furcht vor der göttlichen Vergeltung. Diese Vereinigung war daS Werk meiner Gemahlin, well dadurch ihr Lieblingswunsch erfüllt wurde. Sie beachtete aber nicht, daß sie dadurch das schönste Gefühl in dem Herzen unsere» Sohne» zerstörte I — Lange hoffte auch ich vergeben«, daß die schöne Berenice von Hohenfels Maxi- mllian anziehen, ja sogar fesseln würde, aber wie trügerisch diese Hoffnung war, habe ich leider schon erkannt.

Doch daß er mir diese« anthun konnte, ist unbegreiflich und verwundet mich auf» Tiefste! Aus dem verworrenen Bericht de« Pater» habe ich nur da» Eine klar ersehm, daß sie den diese» berückend schöne Wesen au« achtbarer Familie stammt und darauf setze ich meine ganze Hoffnung, ob ich jetzt gleich mit ihm spreche? — nein, in meiner jetzigen Stimmung könnte Unheilbares daran» entstehen, vielleicht thäte ich besser da» junge Mädchen zu sprechen, ihr gerade­aus zu sagen, daß sie den Gatten einer anderen liebt, sie so vor einer noch unwürdigern Handlung zu warum; vielleicht ist sie arm und e« ließe sich ihre freiwillige Entsagung mit Geld erkaufen? — Jedmfall« werde ich die alte Wärterin Stephan« kommen lassen, die In dem Hause de« Professor» lebt und jedenfalls etwa» von der Sache weiß. Nach diesem Selbstgespräch erhob sich hastig der Graf, trat an den Schreibtisch, über dem dir Portrait» der Gattin und beider Söhne hingm, die sein ttüber Blick jetzt streifte. Vorwurf«, voll blieb derselbe auf dem feine« Lieblings haften, und die klagenden Worte: O, Maximilian, warum konntest grade Du so unedel handeln? drängt« sich über sein« Lippen.

(Fortsetzung folgt.)