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JHarßurg, Mittwoch, U. März 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t 8RL, bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt'a. M.,.Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ o. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. m Frankfurt a. M., Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug Koch

Vom FInanzmivister Ist unter dem 8. d. M. folgende Btkanntmachung erlassen:

Bekanntmachung, betreffend die Umwandlung der Schuldver­schreibungen der 4t/2prozentlgen konsolidierten Staatsanleihe in solche der4prozenttgen kon­solidierten Staatsanleihe.

Das Gesetz vom 4. März 1885 (Ges.-S. S. 55), be­treffend b'e Künai, ung und Umwandlung der 4'/rproz. konsolidierten Staatsanleihe, giebt dem Finanzminister die Befugnis, die Schuldverschreibungen per 4V,proz. konsoli­dierten Staatsanleihe vom 1. April 1885 ab zur Einlösung gegen Barzahlung des Kapitalbetrages binnen einer Frist von drei Monaten zu kündigen.

Bevor diese Kündigung erfolgt, soll den Inhabern jener Schult Verschreibungen durch öffmtliche Bekanntmachung des Finanzministers die Umwanslung der 4>/>proz. Schuldver­schreibungen in solche der 4proz. konsolidierten Staatsanleihe angeboten werden. Dieses Angebot gilt gesetzlich ohne wei­teres für angenommen, wenn nicht binnen einer auf min­destens einen Monat vom Tage der Bekanntmachung ab zu bemessenden Frist unter Einreichung der Staatsschuld- verschreibungm die Barzahlung des K-pitalS beantragt wird. Außerdem haben die Inhaber der 4Vsproz. Schuldver- schreibuagen das Recht, den Betrag ihrer Schuldverschrei- bungen kostenfrei in das Staatsschuldbuch eintragen

Indem das eben erwähnte Angebot der Umwandlung hierdurch erfolgt, wird die vorgesehene Frist zur Forderung des Barbctras.es derart festgesetzt, daß dieselbe mit dem 10. April 1885 abläuft. Von denjenigen Inhabern von Schuldverschreibungen der 4V» Prozentigen konsoli -irrten Staatsanleihe, welche die Barzahlung des KapitalbetrageS zum Nennwert nicht spätestens am 10. April 1885 bei der Kontrolle der Staatspapiere in Berlin (Oranienstr. 92/93) oder bei einer der königlichen RegterungS- oder BeztrkS- Hauptkafsen unter Einreichung der Schuldverschreibungen schriftlich beantragen, wird gemäß der Bestimmung im 8 2 des gedachten Gesetzes ohne weiteren Antrag angenommen, daß sie mit der Umwandlung dieser Schuldverschreibungen in solche der 4prozentigen konsolidierten Staatsanleihe ein­verstanden sind. Wegen des Umtausches werden die entsprechenden Bekanntmachungen später erfolgen.

Den etwaigen Anträgen auf Barzahlung des Kapital­betrages ist außer den Schuldverschreibungen ein Verzeichnis, welchcs Litteca, Nummer und Nennwert der Verschreibungen enthält, in doppelter Ausfertigung beizufügen; da« eine Exemplar wird mit einer Empfangsbescheinigung versehen dem Einreichenden sofort zurückgegeben und ist von dem­selben bei Rückgabe der abgestempelten Schuldverschreibungen wieder abzullefern.

Dicjen'gen Inhaber 4'/2proz. Schuldverschreibungen der

konsolidierten Staatsanleihe, welche die kostenfreie Eintragung eines dem Nennwert der Schuldverschreibungen gleichen, dem 1. Oktober 1885 ab zu 4 Prozent verzinslichen Betrages in da« Staatsschuldbuch wünschen, haben die deöfallsigen Anträge unter Anschluß der St ratSschuldverschreibungen sowie des letzten (am 1. April 1886 fälligen) Zinsscheins und der Zinsscheinanweisuig (Talon) in der Zeit vom 1. April d. I. bis einschließlich den 31. März 1886 an die Hauptverwaltung der «Staatsschulden (StaatSschuldbuch- Büreau) in Berlin, Oranienstraße 94 oder bei einer der königlichen Regierung-- oder Bezirks Hauptkassen einzureichen, welche letztere sie an daS Staatsschuldbuch - Büreau be­fördert. — Hierbei wird insbesondere darauf ausmerksam gemacht, daß Privat - AußerkurSsetzungsvermerke auf den einzureichenden Schuldverschreibungen zum Zwecke der Ein­tragung in das Staatsschuldbuch nicht aufgehoben zu werden brauchen.

Schließlich wird bemerkt, daß eine Abstempelung der umzuwandelnden Schuldverschreibungen nicht beabsichtigt wird, diese, soweit eine Eintragung in das Staatsschuldbuch nicht beantragt wird, vielmehr gegen neu auSzu- fertigende Schuldverschreibungen der 4proz. konsolidierten Staatsanleihe werden umge­tauscht werden.

Die weiteren Anordnungen werden von der Hauptver­waltung der Staatsschulden, soweit sie die Eintragung in daS Staatsschuldbuch betreffen, im Laufe des Monats März 3/ soweit sie den Umtausch gegen neu auszufertigende Schuldverschreibungen betreffen, im Laufe deö Monats September d. I. zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden.

Der Finanz - Minister.

__v. Scholz._______

Deutscher Reich.

Berlin, 9. März. Die Kommission des Abgeord­netenhauses zur Vorberatung des Entwurfs einer Kreis- ordnung für die Provinz Heffen - Naffau, sowie des Ent, Wurfs eines Gesetzes über die Einführung der Provinzial­ordnung vom 28. Juni 1875 in der Provinz H-flen- Naffau, besteht aus folgenden Abgeordneten: Dr. Grimm, Schreiber (Marburg), Knobel, v. Heyden-Cadow,Hahn, Althaus, Dr. Lieber (Montabaur), Rübsam, Gößmann, Spahn, Baron v. Monschaw, Wißmann, Dr. Gneist, Dr. Ennccceru«, Dr. LotichiuS, von Wurmb, Barth, Pfannstiel, Wirth, Nickel, Flinsch. — Von sehr gut unter­richteter Seite hören wir, daß dec Rücktritt des Unter­staatssekretärs Dr. Busch im Auswärtigen Amt und seine Ersetzung durch den Grafen Herbert v. BiSmarck be­schloßene S-che ist. Herr Dr. Busch dürfte höchstwahr­scheinlich einen besonders wichtigen Gesandtschastsposten er­halten. Ferner steht die Ernennung des Geh. Legations­rats Hellwig zum Direktor der neuen kolontalpolitischen Abt-ilung im Auswärtigen Amt bevor. — Unter Reserve

geben wir die unS zugehende Mitteilung wieder, daß Graf Münster von seinem Londoner Botschafterposten zurückzu- tccten beabsichtige und Graf Hatzfeld zu seinem Nachfolger auSersehen sei, — In mehreren ausländischen Blättern, die zuweilen als leidlich informiert gelten, wird das Gerücht kolportiert, daß zwischen Sr. Majestät dem Kaiser und dem Herm Reichskanzler konkrete MeimmgSverschiedenhetten betreffs der englischen Politik bestanden hätten. ES wird sogar behauptet, Kaiser Wilhelm hätte durch Vermittlung der Frau Kronprinzessin ein Handschreiben der Königin Viktoria erhalten, mit der vertraulichen Bitte, den Fürsten BiSmarck zu einer freundlicheren Haltung England gegen­über zu bewegen. Ferner wird damit die Mission deS Grafen Herbert v. Bismarck in Verbindung gebracht und dar­aus deduziert, daß Graf Münster seinen Platz in London zu seinen Gunsten räumen solle. Endlich aber wird ver­sichert, daß Kaiser Wilhelm aus direkte« Ersuchen der Königin Viktoria an den Zar ein Schreiben gerichtet habe, um einem etwaigen Handstreiche auf Herat auf diesem Wege vorzubeugen. Wir können dem gegenüber erklären, daß an diesem Onodltbet von Sensationsnachrichten auch nicht ein wahres Wort ist. Dieselben beweisen nur, welch naiven Anschauungen gewiffe Preßorgane zugängtg sind. — Bon dem gegenwärtig in Liffabon tagenden Weltpostkongreß ist als weiteres erfreuliches Ergebnis der Beitritt einer größeren Anzahl von Ländern zu den bestehenden inter­nationalen Uebereinkommen wegen des Austausches von Postanweisungen, Briefen mit Wertangabe und Postpaketen zu melden. In der Gesamtsttzung vom 4. März haben sich Bulgarien, Japan, Argentinien, Brasilien, Chile, Gua­temala, Honduras und Uruguay dem PostanweisungSüber- etnkommen angeschlossen; Venezuela ist dem Uebereinkommen wegen des Austausches von Wertbriefen und Griechenland dem Postpaketüberetnkommen beigetretrn. Man erwartet bet dem erfolgreichen Gange der Verhandlungen, daß der Kongreß schon in zwei bis drei Wochen feine Aufgabe gelöst haben wird; infolge besten wird der Staatssekretär Dr. Stephan, der sein Erscheinen in Aussicht gestellt hatte, schwerlich noch nach Liffabon reisen können, da seine Gegen­wart im deutschen Reichstage durch die bevorstehenden Be­ratungen über die Postdampfervorlage und da« Poftspar- kaflengesetz bedingt wird, Beratungen, die schwerlich vor zwei bis drei Wochen zu Ende geführt werden.

ÄMilOMb.

Paris, 9. März. Aus Tongking wird gemeldet: Die französische Besatzung von Tuyen-quan haste während der Belagerung 52 Tote, darunter 2 Offiziere, und 23 Ver­wundete, darunter 1 Offizier. Die französischen Succur«- truppen verloren in den Gefechten am 2. und 3. März 60 Tote, darunter 6 Offiziere, und 133 Verwundete, darunter 9 Offiziere. Der KricgSminister beglückwünschte den General Stiere telegraphisch und ernannte den Oberst­

Irrwege.

Novelle von Egon Velten.

(Fortsetzung.)

Der Pfarrer war jedoch am ehesten bereit die Sache zu erörtern und so sah er liebevoll seine Gattin an, als er ihre Hand ergreifend, sprach: „So überrascht ich auch durch diese Bitte wurde, so fühle ich für meinen alten Bruder doch tiefes Mittet >, da ich seine Einsamkeit und sein gutes Herz kenne. Du wirst mir darauf erwise.n, liebe Anna, daß sein einsame« Geschick durch seinen eigenen Willen ge­staltet wurve — doch laß uns das nicht weiter erörtern, denn Du weißt ja, daß wirklich gelehrte Leute keine Alltags­menschen find und vieles thun, was Unsere nicht begreifen können. Ich bin der Meinung — da wir seine Bitte er­füllen können — so handelt es sich ja bloS um unser Wollen und darum überlaste ich Dir alS Mutter die Ent« schetvung."

Die gute Pfarrfrau kämpfte sichtlich einen schweren Kamps und ihre Augen füllten sich mit Thränen, als sie sagte: „Ich erfreute mich so sehr an dem Zusammenleben mit einer erwachsenen Tocht.r, teuerer Manu, und Du kannst nicht ermeffen, wie schwer mir eine Trennung von ihr wird, doch nneatbkhrlich ist sie mir freilich nicht, deshalb würde ich vielleicht sclbstfüchlig handeln, entzöge ich dem lieben Kinde eine sorgenlose Zukunst und für jetzt ein zweitwrttigeS Leben in der schönen Katstrstadt, einer Stätte der Wissenschaft und Künste. Also bin auch ich bereit, die Einwilligung zu gebrn, aber nur wenn Evrliue sich freiwillig von un« trennen uns sich zum alten Oheim begeben will."

MS sich am späten Abend Fräulein Rosa verabschiedete, war der allgemeine Entschluß gefaßt, daß Evelinr nach Wien

übersiedeln sollte, worüber dieselbe am meisten entzückt war und immer aufs neue die treue Freundin in die Arme schließend, rief: „Freue Dich doch mit mir, Rosa, und sage doch etwa« dazu, Teuerste, ich gehe ja nach Wie«, dem herrlichen Wien und zum Onkel Professor I" —

II.

Der gute alte Herr Professor empfing die Zusage seiner Geschwister und seiner Nichte zwar mit freudigen, aber doch auch mit wehmütigen Gefühlen. Die große Freude, seinen Wunsch erfüllt zu sehen, wechselte mit der Besorgnis, ob er als alter Mann doch im Stande sein würde, einem so jungen warmherzigen Mädchen eine erträgliche oder gar angenehme Existenz zu bieten. Doch hoffte er schließlich, daß so be­scheidene Ansprüche, wie sie einer LandpfarrerStochter aner« zagen sein müssen, wohl zu befriedigen wären, ja daß man ihrxcigeutltch viel mehr bieten würde, al« sie erwarten konnte. Auch war ja di« gute alt- Axima da, die bereits einund­zwanzig Jahre in v-s Professors Hause aiS Wirtschafterin waltete und ihre Jugendzeit in einer vornehmen Familie verlebt hatte, die würde schon das Richtige herauSstnden und für alles Rat schaffen. 1

Ss kam der Taz, an dem der Professor die schöne Nichte in seinem Hause empfing, sie warm begrüßte und von ihr liebevoll und innig wieder begrüßt wurde, — denn ihr Herz mäht- keinen Unterschied zwischen Vater und Onkel.

Die R-iseeindrück- waren noch so frisch und ihr Köpf­chen so voll davon, daß Eocline erst alle« auSplaudern mußte, ehe sie der freundlichen Haushälterin nach dem für ste bestimmten Stübchen folgte.

Zwar war dasselbe sehr verschieden von de« zwar ein­

fachen und doch so anmutigen Asyl daheim mit der schönen Aussicht nach Wals und Meer — und e« bedrückte ihr junges Herz etwas, als ste durch das dreiflügelige hohe Fenster quer über einen Hofplatz wider eine Reihe Fenster in einem alten Hinterhause sah, doch schaute ste sich schnell im Innern um und — da fehlte durch die Sorgfalt ihre« OhrimS nichts, was in ein anständiges Frauengemach gehörte.

Frau Axima half auspacken und ordnen, plauderte von dem lieben alten Herrn, dec oft wunderlich sei und von der Schönheit der Kaiserstadt, die Evelinc bald zu sehen bekommen soll e — wenn nämlich Frau Axima einmal Zeit hätte, sie ihr zu zeigen und dergleichen angenehme Dinge mehr.

„Nun gute Nacht in der neuen Heimat, mein herzige« Fräul-in und daß Sie nur ja kein Heimweh bekommen!" schloß sie ihre Rede und ging hinaus. Letztere« war aber leichter gesagt al« auSgesührt, denn jetzt überkam da« junge Mädchen wirklich ein so unbekanntes trostloses Gefühl des Alleinsein« und der Sehnsucht, daß ste weinend in eine Sophaecke sank und erst sehr spät ihrer Müdigkeit und dem Wunsche nach wirklichem AuSruhen folgte.

Am andern Morgen durch hell- Sonnenstrahlen und den freundlichen Gruß der alten Haushälterin geweckt, be­eilte sie ihre einfache aber kleidsame Toilette, um recht bald den lieben Onk-l aufzusuchen. Der saß aber schon lange in seinem Studirzimmer, fast vergraben in einer Menge von Büchern und Schriften. L-ise trat ste in da« seltsame alter­tümliche G-mach, in welche« eine Treppe hinuntrrführte, denn e« lag im Erdgeschoß am Garten, wohin auch die bi« zur Erde reichenden Fenster führte«. Dicht am Eingänge vom Hausflur war e« zur Bibliothek eingerichtet und am Ende de« Gemache«, wo man bei hellerer Beleuchtung durch