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Marburg, Dienstag, 10. März 1885.
XX. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- «bonnements-Preis bei der grpcbition 2‘A Mk., bei den Postämter L Mk. 50 «ffl. (excl. Bestellgeld), -insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen sür die Zeile 25 Pfg.
ObttMlhk 3 fitinig
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: G. L. Daube und Co. tn Frankfurt a- M., Berlin,Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Koch.
Ein Bersöhunngs - Akkord.
Lord G auville hat im Oberhause Erklärungen abgegeben, aus denen nicht nur der ausiichtige Wunsch, mit Deutschland und dem Fürsten Bismarck zu einer Verständigung zu gelangen und den begründeten Beschwerden des letzteren in loyaler Weise gerecht zu werden, entgegenleuch'et, sondern die auch den Eindruck Hervorrufen, daß die Misston deö Grafen Herbert Bismarck bereits zu einem Resultate geführt und daß eine neue Aera besterer Beziehungen zwischen Deutschland und England im Anbrechen begriffen ist. Wir begrüßen diese Wendung der Dinge natürlich mit herzlicher Freude, und diese unsere Genugthuung ist um so aufrichtiger, als wir tn einer dauernden Entfremdung zwischen unö und einem Lande, mit dem uns auf dynastischem, politischem, sozialem und religiösem Gebiet so viele Baude der festesten Art verknüpfen, unter allen Umständen eine schwere und vielleicht verhängnisvolle Kalamität hätten erblicken müssen.
Lord Granville erklärte mit bezug auf die Rede de- Fürsten Bismarck vom 2 d. M>, er wolle die Bemerkungen deS Reichskanzlers betreffs der Anzahl der Depeschen und betreffs derjenigen Depeschen, die überhaupt nicht hätten veröffentlicht werden sollen, nicht berühren, er hoffe aber, dem Fürsten Reichskanzler auf dem regelmäßigen Wege Erklärungen zu übermitteln, welche demselben zeigen würden, daß dem Vorgehen der englischen Regierung eine sehr verschiedene Deutung gegeben werden könne. WaS aber die Rede angehe, fuhr Granville fort, die er im Oberhause unter dem Drucke eine« heftigen parlamentarischen Angriffes gehalten habe und die zu seinem aufrichtigen Bedauern Fürst Bismarck auS, wie er glaube, einem Mißverständnisse ihrer Tragweite Verdruß bereitet habe, so hätte es sich dabet im wesentlichen darum g< Handelk, den Angriff Richmonds zucück- zuweisen, daß unsere Politik so schlecht sei, daß sie ein großer auswärtiger Staatsmann verurteilt habe; statt von einem Rate des Fürsten Bismarck hätte er vielleicht von einer Ansicht desselben sprechen sollen. Wenn er hinzugesügt habe, daß Richmond nicht erwarten solle, daß England alle AktionS- freiheit in fremden und kolonialen Fragen aufgebeu solle, jo s i dies gegen Richmond und keineswegs gegen den Fürsten Bismarck gerichtet gewesen. „Zu meinem großen Bedauern, fuhr Lord Granville fort, gtebt jedoch Fürst Bismarck dieser Erklärung eine Deutung, die ich ihr postltv nicht zu geben beabsichtigte. Fürst BiSmarck hat sich auch beklagt, daß ich inkorrekt einen Rat oder v elmehr Ansichten erwähnt habe, die, selbst wenn sie wahr, ich nicht das Recht hatte, zu erwähnen, weil ste höchst vertrauliche waren." Was die Worte „nehmet Egypten" angeht, so Hütte ich wahrscheinlich einen befferen Ausdruck gebrauchen können, wenn ich meine Rede vorher schriftlich aufgesetzt hätte, obwohl jene Worte sicherlich entweder auf Annexion oder Prot ktorat oder selbst zu- küastige Okkupation anwendbar waren. Was den Vertrauen?« bruch betrifft, so würde ich aufs tiefste eine solche Handlung bedauern, die bei weitem peinlicher und nachteiliger sür mich selbst, alS sür irgend einen anderen wäre. Es wurde angenommen, daß das von mir hinsichtlich deS Rates oder der Ansicht Gejagte sich auf sehr vertrauliche und sehr freundschaftliche Mitteilungen stützte, die im Jahre 1882 erfolgten. Ich wies aber nicht auf die vertraulichen, freundschaftlichen Mitteilungen hin, die Fürst Bismarck im Reichstage erwähnte, sondern auf spätere nicht vertrauliche Erklärungen, die mir auszudrücken schienen, daß eS vor zwei Jahren der Wunsch und die Hoffaung der deutschen Regierung war, daß England die Vertretung der Interessen Europas in Egypten in Zukunft auf sich nehmen solle. Ich muß hinzufügen, daß ich nicht anzudeuten wünsche, daß eine solche Hoffnung in einer Weise auSgedrückt worden ist, die mit den bestehenden Verträgen unverträglich wäre. Ich mache diese Erklärung nicht zum Zwecke der Selbstverteidigung, sondern um Mttzverständntsse zu beseitigen, welche unvermeidlich sind, wenn wichtige Aeußerungen über auswärtige Angelegenheiten nach dem Auslande telegraphiert werden. Ich kann mir keinen größeren Verstoß gegen die Selbstachtung oder gegen die Achtung vor dem großen Minister eines auswärtigen und befreundete« Staates denken, als ohne Anlaß irgend einen Angriff in diesem Hause gegen eine solche Persönlichkeit zu richten. Da- Oberhaus wird mit Befriedigung die Schlußworte des Fürsten BiSmarck über die zukünftigen Beziehungen der beiden Nationen zu einander bemerkt haben, die um so eindrucksvoller sind, als ste in einem Augenblick des Verdrusses gesprochen wurden. ES scheint tn Deutschland der Argwohn zu herrschen, daß wir nicht die volle Er« keuntniS von der jetzigen Stellung jener großen Nation
haben. Ich glaube im Gegenteil, daß es kein Land giebt, in welchem nicht nur die Politiker, sondern alle Klaffen der Bevölkerung mehr und mit größerer Freude die überaus wichtige Stellung würdigen, welche Deutschland mit seiner Einigung tn Europa einnimmt. Ich glaube, daß eS im Interesse Europas ist, daß die Beziehungen Deutschlands zu England gute sein sollten und daß ste eS nicht minder mit Frankreich und seinen anderen Nachbarn sein sollten. Ich bin überzeugt, daß es mehr als je im Jn- tereffe Deutschlands und Englands liegt, daß unsere Beziehungen gute sein sollten, zu einer Zeit, wo wir im Begriffe stehen, uns fast tn jedem Weltteile einander zu begegnen. Während jeder von uns seine Rechte wahren wird, kann ich nicht bezweifeln, daß wir in einem großen und gemeinsamen Werk« deS Handelns und der Zivilisation im Geiste herzlicher Kooperation vorwärts gehen sollten." Lord Granwille schloß seine Rede; „Ich erkläre mit voller Aufrichtigkeit, daß alle meine Bestrebungen dahin gerichtet sein werben, fortzufahren, so weit eS in meiner Macht liegt, die versöhnliche Politik, die vom Reichskanzler Fürsten BiSmarck skizziert worden ist, auszuführen." (Lang anhaltender lauter Beifall.)
Deutscher Reich.
Berlin, 7. März. Die Budgetkommisston deS Abgeordnetenhauses setzte die Beratung deS Nachtragsetats fort. Die aus dem Erwerbe der Eisenbahnen Halle-Sorau-Guben, Münster-Enschede, sowie aus der Uebernchme deS Betriebes der braunschweigischen Bahn sich ergebenden Veranschlagungen fanden keinen Widerspruch. Die für Frankfurt am Main vorgeschlagene Vermehrung der Poltzeikräfte wurde als dringendes Bedürfnis anerkannt und die geforderten 20970 Mark wurden genehmigt. Zum Ankäufe des Anteils des Grafen Henckel von DonnnerSmarck an der Steinkohlengrube „Guido", einschließlich der ihm gehörenden zwei Freikuxe, wurden die auSgeworfenen 476000 Mark bewilligt. — Die Börsensteuer - Kommisston des Reichstags nahm die 88 6 bis 9, betreffend die AuS- führungöbestimmungen deö Stempelgesetzes für Kauf-, Verkauf-, Rückkauf-, Tausch-, LieferungS- und sonstige Anschaffungs-Geschäfte unverändert nach den Vorschlägen der Subkommtjston an. In 8 6a wurde, entgegen dem Vorschläge der Subkommisston, bestimmt, daß die Prolongation von Kostgeschäften (Rpvrt und Deport) nicht abgabepflichtig ist. — Die Zolltarif - Kommission des Reichstags genehmigte die Position „Spitzen und alle Stickereien" mit 13 gegen 5 Stimmen nach der Regierungs-Vorlage; ste nahm mit 13 gegen 4 Stimmen den vorgeschlagenen Zoll für Schmirgeltuch von 6 Mark per 100 Kilogramm an. Dir Position „Taschenuhren" wurde nach dem Anträge de« Abg. Letoch > in folgender Faffung angenommen: Taschenuhren in goldenem Gehäuse 3 Mk., Taschenuhren in silbernem Gehäuse, auch in vergoldetem Gehäuse oder mit vergoldeten oder plattierten Rändern, Bügeln, Knöpfen, Werke ohne Gehäuse Mk. 1,50, „Taschenuhren tn Gehäusen auS anderen Metallen Mk. 0.50, goldene Gehäuse ohne Werke M. 1,50, andere Gehäuse ohne Werke M. 0,50." — Dem Abgeordnetenhaus ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Versorgung der Hinterbliebenen des Polizet- ratS Rumpff nunmehr zugegangen. Der einzige Artikel derselben lautet: „Um den Hinterbliebenen beiden Kindern des im Januar d. IS. in Frankfurt a. M. ermordeten Polizeirats Rumpf eine angemeffene Versorgung zu sichern, wird jedem derselben eine jährliche Rente von 2745 Mk. auf Lebenszeit auS Staatsmitteln hierdurch ausgesetzt. Diese Renten sind vom 1. Mat d. Js. ab zahlbar zu machen." — Ein Berliner Komitee, welches sich als „Konservative« Central-Komitee* (C. C. C.) bezeichnet, erläßt einen Aufruf zur Bil ung eines Konservativen Wahlvereins, der feine Thättgkeit n'cht nur auf Berlin, sondern auch auf das ganze Reich erstrecken soll. Ganz abgesehen da von, daß dieses Komitee keineswegs eine Vertretung sämtlicher Konservativen in Berlin darstellt — wir erinnern nur daran, daß die Hauptserlreter der Berliner Bewegung, Hofpreriger Stöcker, Prof. Wagner und Abg. Cremer, demselben nicht angehören — ist die Bildung eines neuen, weil auf da« Reich berechneten konservativen WahlveretnS, ganz dazu anaethan, Verwirrung zu stiften und Verwechse lungert herbeizusühren, welche dem längst bestehenden Wahl- Verein der deutschen Konservativen zum Schaden gereichen könnte und voraussichtlich auch würde. Ohne im übrigen in eine sachliche Polemik gegen das Berliner Unternehmen einzutreten, halten wir es aus den genannten Gründen für notwendig, darauf hinzuweijm, daß der Berliner Konservative Wahlverein mit dem Wahlverein der Deutschen
Konservativen in keiner Verbindung steht und mit dem selben nichts gemein hat.
— 8. März. Die „Nordd. Allg. Ztg," bestreitet die Meldung der Blätter, daß die Reise Herbert BiSmarckS einen Ausgleich zwischen England und Rußland in der afghanischen Frage bezwecke und versichert, daß die Reise mit dieser Frage nicht zusammenhänge. Die zwischen Rußland und England schwebenden Differenzen seien keine-- weg- so zugespitzt, daß für eine dritte Macht Veranlaffung vorltegr, ihre guten Dienste anzubieten. — Fürst BiSmarck leidet der „Nat.-Ztg." zufolge an rheumatischen Schmerzen, die ihn an- Zimmer feffeln. Graf Herbert BiSmarck kehrt heute oder morgen hierher zurück.
Braunschweig, 7. März. Den „Braunschweigischen Anzeigen" zufolge erfolgte die Auflösung des KreiSlandwehr- veretnS Braunschweig wegen der durch die TageSpreffe bekannt gewordenen Vorgänge in den letzte« Vorstandssttzun- gen und Generalversammlungen des Vereins, außerdem weil es nach dem Ergebnis amtlicher Ermittelungen sozialdemokratischen Elementen gelungen war, durch Verbindung mit dem Verein Einfluß in demselben zu gewinnen, auch in den Verlauf der letzten Vorgänge handelnd einzugreifen. Daß das Bestehen eines solchen Einflusses in einem Vereine, der nach den Statuten unter anderen Angehörige des Beurlaubtenstandes und der Reserve und Landwehr aufzu« nehm n bestimmt ist, ernste Gefahren mit sich bringen könne, liege auf der Hand.
Leipzig, 7. März. I« dem LandeSverratSprozeffe gi'g n JanffenS und Knipper wurde Janffen wegen Landesverrats und Verleitung von deutschen Unteroffizieren zur Verletzung des DtenstgeheimniffeS zu achtjährigem Zuchthaus verurteil^, Knipper wurde freigesprochen — Die öffentlich verkündeten UrtetlSgründe ergeben: Janffens lebte vom Jahre 1878 bis 1882 in der Rheinprovinz, hauptsächlich in Köln, als Generalagent deS französischen KriegSmlni- steriums, um militärische Geheimniffe auSzukandschaften; er hatte eine Anzahl Unteragenten, darunter zwei Söhne, die in Wesel, Köln, Koblenz und München wohnten. Von Unteroffizier Mester beim Bezirkskommando in Deutz verschaffte er sich Abschrift der MobllmachungS-Justruktio« des achten Armeekorps für etwa achtzig Mark, den Sergeanten Schneider in Düsseldorf bestimmte er gegen ein Geschenk von fünfhundert Mark, die Beilagm der Mvbil- machungsinstruktion des stebrnten Armeekorps zu liefern. Dieselben wurden während der Abwesenheit des DivistonS- gneralS mittelst uachgemachter Schlüssel, die Janssens lieferte, aus Schränken entwendet. Andere Agenten waren beauftragt, Abzeichnungen, FestungSpläne, sowie Mobil- machungSpläne des fünften und elften Armeekorps und des brymschen Heeres zu beschaffen. Der Agent van Esse teilte feine Kenntnis von den Umtrieben JanffenS dem Berliner Polizeipräsidium mit. Als Janssens hinter den Verkehr van EsseS mit der Berliner Polizei kam, offerierte er Letzterem dir Namen der von ihm Verführten, die falschen Schlüffe! und andere Beweismittel zum festen Preise von 1200 Franks. Bezüglich des Angeklagten Knipper ist der Beweis nicht erbracht, daß er von der beabsichtigten und der erfolgten Bestechung der Soldaten gewußt.
Darmstadt, 7. März. Die Königin Viktoria und dir Prinzessin Beatrice werden am 1. April hier eintreffeu. — Die zweite Kammer wurde bis zum 17. März vertagt.
ÄXilOMb.
Wien, 7. März. Das Subkomitö de« Gebühren« ausschuffes legte eine neue Gebühren-Novklle vor. Die Bestimmungen über die Börsensteuer bleiben unverändert. Kaufmännische Korrespondenzen bleibe« gebührenfrei. — Offizieller Meldung zufolge beträgt die Zahl der veruu« glückte« Bergarbeiter In Kamin 123, welche größtenteils erstickt, teilweise auch verbrannt sind. Bis gestern äberrd wurden 47 Leichen geborgen. Nach einer anderweitigen Meldung sind fünf Menschen gerettet. Die Verunglückten find meist Familienväter. Die Bergung der Toten ist infolge der herabgestürzten Gestetnmaffen äußerst schwierig uni dürfte 14 Tage beanspruchen. Die Explosion fand in einer Tiefe von 160 Metern statt und ist vielleicht durch Unvorsichtigkeit herbeigesührt worden, da entgegen dem Verbote an einer mit GaS geschwängerten Stelle ein Sprengschuß abgefeuert wurde.
Pest, 7. März. Der Finanzausschuß de« Unterhauselehnte bei der Beratung der Vorlage, bktreffind die Vermehrung der Kupferscheidemünze, dm Antrag Hegedue- auf Einführung de- Franks- oder de- MarkfysternS ab. Der Finanzmiutster versprach, die Frage zu prüfen.